Jahrzehntelang prägten große internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank oder die Welthandelsorganisation (WTO) die Entwicklung einer wachsenden Weltwirtschaft (Maggi, 1999; Rose, 2005). Sie finanzierten Entwicklungsprojekte, retteten Staaten vor dem Bankrott und schufen ein regelbasiertes Handelssystem, das eine beispiellose Ära der Globalisierung einleitete. Doch die Vielzahl neuer Krisen, globale Machtverschiebungen und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts haben ihre Autorität geschwächt. In einer zunehmend fragmentierten und multipolaren Welt verlieren ihre klassischen Instrumente an Wirksamkeit (Davis, 2023). Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick verstärkt auf nicht-staatliche Initiativen wie das Weltwirtschaftsforum (WEF, engl. World Economic Forum), das den Austausch zwischen privaten und staatlichen Akteuren in den Mittelpunkt stellt.
Das Weltwirtschaftsforum wurde 1971 als gemeinnützige Organisation gegründet und bezeichnet sich selbst als „die internationale Organisation für öffentlich-private Zusammenarbeit”. Die wichtigste Veranstaltung der Organisation ist die Jahrestagung in Davos-Klosters in der Schweiz, zu der regelmäßig rund 3.000 Teilnehmer:innen aus aller Welt in den Alpen zusammenkommen (Abbildung 1). Während des Gipfels treffen Führungskräfte globaler Unternehmen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, Medien sowie andere Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Sport exklusiv wie sonst selten aufeinander. Die Teilnahme ist für Unternehmen allerdings sehr kostspielig: Pro Delegierten werden etwa 20.000 bis 70.000 US-$ veranschlagt (Ross, 2011; Armstrong & Kottasova, 2014). Diese hohen Kosten wären gerechtfertigt, wenn die Teilnahme am Forum einen erheblichen Mehrwert für die Unternehmen generieren würde. So könnte die Teilnahme am WEF beispielsweise dazu beitragen, Geschäftsnetzwerke zu stärken, Handelsdeals abzuschließen und potenzielle Talente zu gewinnen, von denen die Unternehmen profitieren könnten.
Abbildung 1
Teilnehmerzahlen der Jahrestagungen des Weltwirtschaftsforums in Davos, 2009 bis 2018

Die Karte zeigt die Gesamtzahl der WEF-Teilnehmer:innen nach Ländern zwischen 2009 und 2018. Die Gesamtzahl der jährlichen Teilnehmenden stieg von 2.282 im Jahr 2009 auf 2.957 im Jahr 2018. Insgesamt sind Teilnehmende aus 155 Ländern vertreten. Die meisten kommen aus den Vereinigten Staaten (7.261), gefolgt vom Vereinigten Königreich (2.847) und der Schweiz (2.073). Während die Zahl der Teilnehmenden aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen von 454 im Jahr 2009 auf 712 im Jahr 2018 gestiegen ist, wird der Gipfel nach wie vor von Ländern mit hohem Einkommen dominiert.
Quelle: Fuchs et al. (2025), eigene Datenerhebung und Visualisierung.
In unserer aktuellen Studie (Fuchs et al., 2025) analysieren wir, ob die Teilnahme am WEF in Davos für Unternehmen tatsächlich ökonomische Vorteile birgt. Wir untersuchen die Teilnahme von Unternehmensvertreter:innen im Zeitraum zwischen 2009 und 2018 und deren Einfluss auf Aktienkurse sowie Kreditratings der entsendenden Unternehmen. Das Ergebnis: Weder für die Börsenbewertung noch für die Bonität lassen sich signifikant positive Effekte feststellen.
Gleichzeitig versteht sich das WEF nicht nur als wirtschaftliches, sondern auch als gesellschaftliches Forum. Es betont die Bedeutung unternehmerischer Verantwortung und fördert Corporate Social Responsibility (CSR) als zentrales Element unternehmerischen Handelns (Schwab, 2008). Dies wirft die Frage auf, ob Unternehmen, die Delegierte nach Davos entsenden, bessere Werte in Bezug auf CSR erzielen als Unternehmen, die nicht teilnehmen.
Obwohl es schwierig ist, allgemeine Wohlfahrtsgewinne einzelnen Unternehmen zuzuschreiben, bietet der Environmental, Social and Governance (ESG)-Score eine etablierte Messgröße für CSR-Maßnahmen (Aouadi & Marsat, 2018; Schanzenbach & Sitkoff, 2020). Tatsächlich zeigt unsere Analyse (Fuchs et al., 2025), dass die Teilnahme am WEF einen positiven Effekt auf ESG-Bewertungen hat. Besonders deutlich ist dieser Effekt beim Social-Sub-Score, der das Unternehmensengagement in den Bereichen Umwelt, Soziales und Personalpolitik erfasst (LSEG, 2024). Während sich vor der Teilnahme keine Unterschiede zu nicht-teilnehmenden Unternehmen feststellen lassen, steigt nach der Teilnahme am WEF die CSR-Performance signifikant an (Abbildung 2). Unternehmen können so indirekte Vorteile erzielen, indem sie sich an den Erwartungen der Stakeholder ausrichten und zu globalen öffentlichen Gütern beitragen. Dass die Teilnahme in Davos mit höheren ESG-Ratings verbunden ist – insbesondere in der sozialen Dimension –, ist vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von ESG-Kriterien für Investor:innen besonders relevant: Große Vermögensverwalter orientieren ihre Kapitalallokationen zunehmend an der sozialen und ökologischen Performance von Unternehmen.
Abbildung 2
Auswirkungen der Teilnahme an der WEF-Jahrestagung auf das ESG-Social-Score Rating

Die abhängige Variable ist der ESG-Social-Score, wie von LSEG (2024) definiert. Die Punkte bezeichnen die Punktschätzungen des durchschnittlichen Behandlungseffekts auf die Behandelten (ATT, average treatment effect on the treated). Die Balken zeigen das Konfidenzintervall auf dem 95 %-Niveau (durchgezogene Farbe) und auf dem 90 %-Niveau (hellere Farbe). Die Zeit ist die relative Zeit seit der ersten Teilnahme in Davos. Modell 1 (lila) zeigt die Ergebnisse für den Standard-TWFE-Schätzer (Two-Way Fixed Effects). Modell 2 (blau) kontrolliert für dynamische Behandlungseffekte und berücksichtigt nur die noch nicht behandelten Unternehmen als Kontrollgruppe, wodurch die nie behandelten Unternehmen ausgeschlossen werden (Sun & Abraham, 2021). Modell 3 (grau) implementiert die von Callaway und Sant’Anna (2021) vorgeschlagene Methode, die ebenfalls für dynamische Behandlungseffekte kontrolliert, jedoch nur die nie behandelten Unternehmen als Kontrollgruppe verwendet. Modell 4 (grün) folgt de Chaisemartin und D’Haultfœuille (2023) sowie de Chaisemartin und D’Haultfoeuille (2024), die einen Schätzer vorschlagen, der die Verzerrung einer nicht absorbierenden Behandlung korrigiert.
Quelle: Fuchs et al. (2025).
Unsere neue Studie ist ein erster Schritt zum Verständnis der Auswirkungen eines der weltweit prestigeträchtigsten Gipfeltreffen. Neben den Auswirkungen auf Unternehmensebene wäre es beispielsweise interessant zu untersuchen, ob die Medienberichterstattung über das Forum die öffentliche Meinung in Ländern mit starker unternehmerischer oder politischer Vertretung beim Gipfel beeinflusst. Eine solche Analyse würde helfen zu bewerten, ob das Davoser Gipfeltreffen tatsächlich zu einem globalen öffentlichen Gut beiträgt, wie unsere Befunde zu Stakeholder-Effekten nahelegen.
Literatur
Aouadi, A. & Marsat, S. (2018). Do ESG Controversies Matter for Firm Value? Evidence from International Data. Journal of Business Ethics, 151, 1027–1047.
Armstrong, P. & Kottasova, I. (2014, 20. Januar). Davos: All You Need to Know to Be a Delegate. CNN.
Callaway, B. & Sant’Anna, P. H. (2021). Difference-in-Differences with Multiple Time Periods. Journal of Econometrics, 225(2), 200–230. Themed Issue: Treatment Effect 1.
Davis, C. L. (2023). Discriminatory Clubs: The Geopolitics of International Organizations. Princeton University Press.
de Chaisemartin, C. & D’Haultfœuille, X. (2023). Two-Way Fixed Effects and Differences-in-Differences Estimators with Several Treatments. Journal of Econometrics, 236(2), 1054–1080.
de Chaisemartin, C. & D’Haultfoeuille, X. (2024). Difference-in-Differences Estimators of Intertemporal Treatment Effects. Review of Economics and Statistics, forthcoming.
Fuchs, A., Leue, S. & Rose, A. (2025). Is Davos More Than a Boondoggle? CEPR Discussion Paper, No. 20186. CEPR Press.
LSEG – London Stock Exchange Goup. (2024, Oktober). Environmental, Social and Governance (ESG) Scores from LSEG. ESG Scoring Methodology.
Maggi, G. (1999). The Role of Multilateral Institutions in International Trade Cooperation. American Economic Review, 89(1), 190–214.
Rose, A. K. (2005). Which International Institutions Promote International Trade? Review of International Economics, 13(4), 682–698.
Ross, A. S. (2011, 24. Januar). A Hefty Price for Entry to Davos. New York Times.
Schanzenbach, M. M. & Sitkoff, R. H. (2020). ESG Investing: Theory, Evidence, and Fiduciary Principles. Journal of Financial Planning, 33(10), 42–50.
Schwab, K. (2008). Global Corporate Citizenship: Working with Governments and Civil Society. Foreign Affairs, 87(1), 107–118.
Sun, L. & Abraham, S. (2021). Estimating Dynamic Treatment Effects in Event Studies with Heterogeneous Treatment Effects. Journal of Econometrics, 225(2), 175–199.