Die handelspolitischen Referentenbesprechungen, die zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland Mitte Januar wieder aufgenommen werden sollten, sind, einer Meldung aus guter Quelle zufolge, aufgeschoben worden. Man will die Verhandlungen erst dann weiterführen, wenn die Konferenzen in Brest-Litowsk den Stand der östlichen Probleme geklärt und zu einem Ergebnis geführt haben, auf dessen Grundlage die dauernden Beziehungen auch der verbündeten Reiche neu geregelt werden können.
Ein solcher Aufschub kann zwei Motiven entstammen. Er kann in der Erkenntnis begründet sein, daß die Dringlichkeit und die Stärke des deutschen Bündnisses mit Österreich-Ungarn sehr wesentlich von dem Aggregat-Zustand abhängen muß, in dem sich Rußland nach dem Kriege befinden wird: Zerfällt Rußland dauernd in einen Komplex mittelgroßer Staaten mit instabilen inneren Verhältnissen, so wird Inhalt und Umfang des Bündnisses der Mittelmächte dieser Veränderung Rechnung tragen müssen. Von diesem Standpunkt aus würde es verständlich sein, daß man die handelspolitischen Abmachungen der Mittelmächte erst dann fixieren will, bis sich die Richtung der innerrussischen Entwicklung deutlicher erkennen läßt. Im andern Fall müßte angenommen werden, daß die leitenden Männer der verbündeten Reiche die Entscheidung im Sinne des Mitteleuropa-Gedankens bereits getroffen haben und mit dem formellen Abschluß nur solange warten wollen, bis die Lösung der polnischen Frage dem neuen System den sichernden Schlußstein einzufügen gestattet.
Gegen die zweite Annahme sprechen die bisher erfolgten Veröffentlichungen über den Gang der ministeriellen Verhandlungen und die Äußerungen so kompetenter Persönlichkeiten, wie die des ungarischen Ministerpräsidenten, der noch jüngst betonte, daß die handelspolitische Annäherung der Reiche sich erst in einem „primitiven Stadium“ befinde. Immerhin ist das Gewicht dieser Einwände nicht stark genug, um jene zweite Annahme durchaus zu entkräften: es spricht für sie vor allem die Erwägung, daß bei den beteiligten Persönlichkeiten die relative Auffassung des Bündnisses der Mittelmächte nicht vorausgesetzt werden kann, die jene Politik sonst allein verständlich machen würde. Auch scheint die Richtung, die man den politischen Verhandlungen mit den östlichen Völkern zu geben sucht, darauf hinzudeuten, daß den verbündeten Staatsmännern ein ziemlich deutliches Bild von der zukünftigen Struktur Mitteleuropas gegenwärtig ist, dessen Realisierung allerdings erheblich erleichtert würde, wenn ein politisches fait geschaffen wird, das jene Realisierung zwangsläufig nach sich zieht.
Nun ist zwar die Meldung, die polnische Frage würde im Sinne der „austro-polnischen Lösung“ beantwortet werden, in einer bestimmten, wenn auch nicht eigentlich kategorischen Weise dementiert worden. Wer aber die österreichisch-ungarische Publizistik verfolgt und in den offiziellen Kundgebungen der Wiener Politik zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird keine Zweifel daran hegen können, daß jene austro-polnische Lösung — um es ganz behutsam zu sagen — unter allen Möglichkeiten heute bei weitem die meisten Chancen der Verwirklichung hat. Die Gründe dieser Tatsache sind in Deutschland selten diskutiert worden. Sie liegen vor allem in dem Umstand, daß kein anderes der bereitliegenden Projekte den von Rußland losgelösten Polen mit einem hohen Maß staatlicher Autonomie zugleich die Vereinigung mit einem anderen wesentlichen Teile der polnischen Nation zusichert. Die Verbindung von Krakau und Warschau unter einem König, der durch Personalunion zugleich Kaiser von Österreich und König von Ungarn ist, scheint ihnen selbst verlockender als die Errichtung eines selbständigen Königreichs unter einem unabhängigen Herrscher.
Von österreichischer Seite wird die Verschmelzung Kongreßpolens mit Galizien zu einem polnischen Königreich unter habsburgischem Herrscher und die Umwandlung der dualistischen in eine trialistische Monarchie mit der Begründung befürwortet, daß bei der Errichtung Kongreßpolens als eines unabhängigen Staates die polnische Irredenta Galiziens so mächtig werden würde, daß der Zusammenhalt der Monarchie nicht mehr gesichert sei. Auch wird darauf hingewiesen, daß nach dem Ausscheiden Galiziens aus dem österreichischen Teil des Reichs dort die Deutschen (falls die Sozialdemokratie sich zum Zusammengehen mit den bürgerlichen Parteien entschließt) eine Mehrheit darstellen würden, die stark genug sei, um die Stetigkeit der politischen Willensbildung in hohem Grade zu verbürgen, aber nicht so groß, daß die Gefahr einer gewaltsamen Behandlung der anderen Nationalitäten bestünde. Diese selbst erachten jedoch den Trialismus als durchaus unannehmbar. Die Tschechen fürchten Vergewaltigung in Österreich, die Ruthenen Ostgaliziens im neuen Polen, die Südslawen sehen die Verwirklichung ihrer nationalen Aspirationen weiter hinausgeschoben, die Ungarn wehren sich dagegen, daß ihr Einfluß im Habsburgerreich im Verhältnis von 3:2 herabgesetzt werden soll.
Daß eine galizisch-polnische Beantwortung der polnischen Frage auch für Deutschland nicht ohne weiteres annehmbar ist, sehen auch die österreichischen Verfechter jener Politik ein. Verweist man sie auf die polnische Irredenta des deutschen Reichs, so entgegnen sie, daß Deutschlands Bestand kraft seiner festeren Struktur durch eine solche Irredenta nicht so leicht aus den Fugen zu bringen sei wie das in ganz ungesichertem Gleichgewicht lebende Österreich. Überdies sei Deutschland nicht in der Lage, bei einer Angliederung Kongreßpolens an Preußen der polnischen Bevölkerung so viel Autonomie zu gewähren wie eine trialistische Habsburger-Monarchie. Aber man erkennt an und spricht es offen aus, daß Deutschland eine Ausdehnung der verbündeten Monarchie im Norden sowohl aus politischen wie aus wirtschaftlichen Gründen nicht dulden könne, wenn nicht Deutschlands Einfluß auf die staatlichen und ökonomischen Geschicke des neuen Polens unbedingt und für alle absehbare Zeit sichergestellt sei. Diese Bedingung aber könne nur erfüllt werden, wenn sich Deutschland und die Habsburger-Monarchie entschlössen, in Zukunft mitteleuropäische Politik und Wirtschaft zu treiben.
Diese Beweisführung ist durchaus schlüssig. Gliedert sich Polen der Donaumonarchie an, so umschließt diese Monarchie einen Staat, der kraft seiner Geschichte, seiner Lage und seiner Wirtschaft die Herstellung eines neuen Verhältnisses zwischen der Monarchie und dem deutschen Reiche fordert. Das Reich erhält an seiner Ostgrenze an Rußlands Stelle die Habsburger Monarchie zum Nachbarn, die durch die Aufnahme Kongreßpolens ihre militärische Position sehr verstärkt, ihre finanziellen Sorgen aber mindestens im gleichen Maße vermehrt. Beides kann dem Reiche nicht gleichgültig sein. Es wäre denkbar, daß man einen Ausweg aus dieser Situation darin suchte, daß das austro-polnische Königreich wirtschaftlich dem Reiche angegliedert würde: nimmt man es in die deutschen Zollgrenzen auf, stellt den Anschluß seines Bahnnetzes an das deutsche sicher und führt die Reichsmarkwährung in Polen ein, so wäre Österreich ein Teil der wirtschaftlichen, Deutschland ein Teil der politischen Sorgen genommen. Es wäre damit auch der Grundtatsache Rechnung getragen, daß das polnische Wirtschaftsgebiet ersichtlich nicht nach der Adria, sondern nach der Ostsee gravitiert. Fürchtet man dagegen, daß diese Lösung in neuem Gewand die schleswig-holsteinischen Verwicklungen der Jahre 1864-66 nach sich ziehen würde, so bleibt in der Tat kein anderer Weg als die Herstellung einer deutsch-österreichisch-ungarisch-polnischen Wirtschafts- und Zollunion.
Wir machen diese Feststellung, ohne diesen oder jenen Zustand als empfehlenswert zu bezeichnen. Wir haben an dieser Stelle nur die Verkettung der Dinge darzulegen und den Umfang der Verantwortung derjenigen Männer aufzuweisen, in deren Händen die Entscheidung über diese Dinge liegt.