Wenn es im neunzehnten Jahrhundert als kennzeichnend für Stoff und Methode der Gesellschaftswissenschaften gelten konnte, daß ihnen der Weg des Experiments verschlossen blieb, so haben Krieg und Revolution hierin eine neue Lage geschaffen. Stand im abgelaufenen Zeitalter die Zähigkeit und Trägheit des Bestehenden und der Glaube an seinen stetigen, selbsttätigen Fortschritt überall dem Willen zu neuernden Änderungen in großem Maßstab entgegen, bei denen allein das Bekannte unter neuen Bedingungen gezeigt, das Verschlungene in seine Bestandteile aufgelöst, das Berührungslose verschmolzen werden konnte, so hat nunmehr die Fatalität der Dinge selbst jene Widerstände hinweggeräumt, und was dem Geist an planender Kühnheit gebrach, ward durch die Wucht der stürzenden Stoffmassen übermächtig ersetzt. Deutschland, und das heißt Europa selbst, dessen Schicksal immer in dem seines schicksalvollsten Landes beschlossen war, ist heute ebensosehr Versuchs- wie Trümmerfeld. Von gestern auf heut sind die Bedingungen verändert, unter denen es als unter unverbrüchlich dauernden zu leben gewöhnt war; ist seine Führung Männern anvertraut, die nach lang gehegtem, rationalen Plan Staat und Wirtschaft umzumodeln übernehmen müssen, wollen sie ihren Glauben und ihr Werden nicht verleugnen. Sechs Monate sind verflossen, seitdem die während des Krieges latente Krisis zur offenkundigen geworden und die Herrschaft in die Hände der zur Realisierung ihrer Utopie Gedrängten gelegt worden ist. Es ist Zeit zu fragen, wie Plan und Tat, Versprechen und Erfüllung, Hoffen und Wirklichkeit sich nach den Erfahrungen dieses Zeitraums darstellen, der den Nachlebenden eine kurze Spanne dünken mag, den Zeitgenossen aber trotz dem reißenden Fluß der Tage sich oft zur Endlosigkeit zu dehnen schien.
Im Jahre 1902 hat Karl Kautsky, der heute mehr als je nicht nur als der wichtigste, sondern als der schlechthin repräsentative Vertreter des Sozialismus im strengen Sinn, das heißt: marxischer Prägung, erscheint, in einem Vortrag über die „Soziale Revolution“ dargelegt, wie der Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Wirtschaftsordnung denkbar ist, wenn dem Proletariat eines Tages die gesamte politische Macht ohne Einschränkung in die Hände fallen sollte. Er selbst hielt diesen Fall für unwahrscheinlich. Schon die Aufgabe, die Zustände „am Tag nach der sozialen Revolution“ zu behandeln, scheint ihm anfechtbar, wenn man sie als Programm für einen als konkret gedachten Fall, statt als methodologisch nützliche „Denkübung“ auffaßt. Er hält es für falsch, „der Partei schon jetzt einen Weg vorzuschreiben, für ein Ereignis, das wir uns garnicht vorstellen, von dem wir nur eine dunkle Ahnung haben können und das uns mit sehr viel Unerwartetem überraschen wird.“ In jedem Fall erscheint ihm die Revolution als ein Prozeß, der sich unter schweren Kämpfen jahrelang hinziehen wird, bis das Proletariat die unumschränkte politische Macht gewonnen haben wird. Nur aus methodischen Gründen geht er von dem einfachsten und durchsichtigsten Fall aus, daß der politische Sieg des Proletariats sofort vollständig ist und daß ferner das Proletariat sich bei der Ausübung seiner Macht „einzig von seinem Klasseninteresse leiten und sie aufs zweckmäßigste anwenden wird.“ Er beruft sich dabei auf das Vorgehen der Physiker, die die Fallgesetze im luftleeren Raum, statt in bewegter Luft studieren; näher liegt die Analogie der bürgerlichen englischen Ökonomisten, die den Gang der Wirtschaft unter methodisch-verwandten Bedingungen, nämlich der Herrschaft des allein von wirtschaftlichen Interessen gelenkten Individuums untersucht haben. Daß der ökonomische Rationalismus hier des Einzelnen, dort einer Klasse als Dominante des gesamten Geschehens betrachtet wird, begründet logisch nur einen formalen Unterschied.
„Nehmen wir also an, der schöne Tag sei angebrochen, der dem Proletariat mit einem Mal alle Gewalt in den Schoß wirft. Was wird es damit anfangen? Nicht anfangen wollen, auf Grund dieser oder jener Theorie oder Stimmung, sondern anfangen müssen, getrieben durch seine Klasseninteressen und den Zwang der ökonomischen Notwendigkeit.“
Das Klasseninteresse des Arbeiters heischt zunächst Verwirklichung der Demokratie, Beseitigung aller Reste des Feudalismus, Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu allen Körperschaften, Verleihung voller Preß- und Vereinsfreiheit, Emanzipation des Staates von der Kirche, Aufhebung aller erblichen Vorrechte, Entwicklung der Gemeinden zu voller Selbstverwaltung, Vernichtung des Militarismus durch Einführung der Volksbewaffnung und durch Abrüstung, Reform des Steuerwesens, Abschaffung der indirekten Steuern, Ausbildung progressiver Einkommens- und Vermögenssteuern, Brechung des Schulmonopols der besitzenden Klassen durch Erteilung unentgeltlichen Unterrichts und durch Angleichung der Lebensbedingungen der Schüler untereinander. Alle diese Forderungen sind schon vom bürgerlichen Radikalismus aufgestellt, aber niemals zum Gegenstand eines ernsthaften Kampfes gemacht worden „weil dazu eine Kraft und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Kapital gehört, deren keine bürgerliche Klasse fähig ist“. Dennoch können diese Reformen nicht als die eigentliche Aufgabe der sozialen Revolution angesehen werden. Diese liegt allein in der Befreiung des Arbeiters von der Kapitalhörigkeit, deren härtester und demütigendster Ausdruck das Eintreten und die Folgen der Arbeitslosigkeit sind.
Es kennzeichnet den Proletarier, daß er auf den „Verkauf“ seiner Arbeitskraft angewiesen ist, wenn er nicht Hungers sterben soll. Ob er einen Käufer findet, ist ungewiß; in allen Kämpfen wird er wirtschaftlich unterlegen sein, solange sie sich auf dem Boden der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung abspielen. Die Vertreter dieser Ordnung können denn auch nicht den Willen haben, die Not der Arbeitslosigkeit prinzipiell zu beheben: sie bildet schlechthin die wichtigste Machtposition und Gewinnquelle des Kapitals. Indem aber das Proletariat die Macht erhält und sie dazu benutzt, die Probleme der Arbeitslosigkeit durch ausreichende Unterstützung sämtlicher Arbeitslosen zu lösen, hat es zugleich den Hebel gefunden, durch den die kapitalistische Wirtschaft aus den Angeln gehoben werden kann. „Eine wirklich ausreichende Unterstützung aller Arbeitslosen muß nämlich völlig das Kraftverhältnis zwischen Proletarier und Bourgeoisie, zwischen Proletariat und Kapital verschieben; sie macht das Proletariat zum Herrn in der Fabrik . . . . Hat der Arbeiter die Sicherheit der Existenz, auch wenn er nicht in Arbeit ist, so ist nichts leichter für ihn, als das Kapital matt zu setzen. Er braucht dann nicht mehr den Kapitalisten, während dieser ohne ihn seinen Betrieb nicht fortsetzen kann. Ist es so weit, dann wird der Unternehmer bei jedem Konflikt mit seinen Arbeitern den Kürzeren ziehen und gezwungen sein, nachzugeben. Die Kapitalisten können da wohl fortfahren, Leiter der Fabriken zu sein, aber sie werden nicht fortfahren, ihre Herren und Ausbeuter zu sein. Erkennen aber die Kapitalisten, daß sie nur noch das Risiko und die Lasten des kapitalistischen Betriebes zu tragen haben, dann werden diese Herren die ersten sein, welche auf die Fortführung der kapitalistischen Produktion verzichten und darauf drängen, daß man ihnen ihre Unternehmungen abkaufe, die sie ja doch nicht mehr mit Vorteil betreiben können.“ Als Käufer kommen in erster Reihe Staat und Kommune als besonders „zahlungsfähig“ und „sicher“ in Betracht, daneben werden auch Konsumgenossenschaften und Genossenschaften der in einem Betrieb arbeitenden Proletarier genannt.
Kautsky verwahrt sich dagegen, in seiner Schrift „Rezepte für die Garküche der Zukunft“ gegeben zu haben. Die zitierte Stelle kann indessen mit Fug den Anspruch erheben, die programmatische Theorie der Aktionen abzugeben, die unsere Industriewirtschaft in diesen Revolutionsmonaten in einen Zustand heilloser Zerrüttung geworfen haben. Die deutsche Industriewirtschaft ist durch die empfohlene Politik aus den Angeln gehoben, und wenn die erwarteten Verkäufe der Werke an Staat und Gemeinden nicht erfolgt sind, so ist das zum größten Teil darauf zurückzuführen, daß die Übernahme industrieller Unternehmungen in staatliches Eigentum auch von radikalen Sozialisten längst nicht mehr als allgemein taugliches Mittel zur Heraufführung einer gemeinwirtschaftlichen Ordnung betrachtet wird.
Nun aber fragt Kautsky nach den Motiven, die den Arbeiter veranlassen könnten, zur Arbeit zurückzukehren. Den Gedanken, den Arbeitsunwilligen die Arbeitslosenunterstützung zu entziehen, weist er weit von sich. Weder das Mittel der „Hungerpeitsche“, noch weniger aber das Mittel des physischen Zwangs seien im sozialistischen Staat anwendbar. Es bleiben: die Macht der Gewöhnung an die Arbeit, die gewerkschaftliche Disziplin, die „anziehendere“ Gestaltung der Arbeit und die Erhöhung des Lohnes, die durch die Steigerung der Produktion ermöglicht werden muß, da „zur Erhöhung der Löhne von dem jetzigen Einkommen der Kapitalisten nicht allzuviel übrig bleibt, selbst wenn wir das Kapital mit einem Schlag konfiszieren.“
Es mag zugegeben werden, daß der Krieg und seine Folgen diesen Faktoren erhebliche Einbußen zugefügt hat. Die Massen sind vielfach der Arbeit entwöhnt; die Autorität der Gewerkschaften ist erschüttert; die Höhe der Löhne wird durch die steigende Höhe der Warenpreise ausgeglichen; die Arbeitsfähigkeit ist durch Unterernährung gemindert. Dagegen müßte der über alle Erwartung vollständige Sieg des Proletariats und die mit jedem Tag härter fühlbare Not des Landes die Antriebe zur Arbeit bei jedem denkenden Arbeiter aufs äußerste verstärken, wenn die von Kautsky in seiner Analyse der psychologischen Bedingungen des sozialistischen Gemeinwesens angeführten Eigenschaften: Intelligenz, Disziplin und Organisationstalent in der erforderlichen Stärke vorhanden wären – und wenn diese Eigenschaften der Masse überhaupt hinreichten, um den Staat über den toten Punkt hinwegzuführen, wo die alte Wirtschaft nicht mehr und die neue noch nicht möglich ist.
Kautsky nimmt an, daß die Notwendigkeiten der kapitalistischen Wirtschaft von selbst jene Eigenschaften des Proletariats entwickeln müßten und jedenfalls in hinreichendem Maße entwickelt haben würden, wenn die soziale Revolution gelingt. Ohne dieses Maß würde es nicht imstande sein, seinen mächtigen Gegner niederzuwerfen. „Wir dürfen erwarten, daß ihm dies erst dann gelingen wird, wenn es jene Eigenschaften in höchstem Grade entwickelt hat, daß also die Herrschaft des Proletariats und damit die soziale Revolution nicht früher eintreten wird, als bis nicht bloß die ökonomischen, sondern auch die psychologischen Vorbedingungen einer sozialistischen Gesellschaft in ausreichendem Maße gegeben sind. Da es dazu nicht erforderlich ist, daß die Menschen Engel werden, werden wir auf diese Reife nicht allzu lange warten müssen.“
Der Gang der Dinge hat ein anderes Gesicht gezeigt. Der Umsturz der alten Ordnung wird nicht dem stetigen Kämpfen und Bohren der Arbeiterorganisationen, sondern dem Überrennen der morschen politischen Einrichtungen durch den Aufstand der Soldaten und Matrosen verdankt. Es geht also heute nicht an, Schlüsse aus dem Ereignis auf die Qualitäten derer zu ziehen, die den Umsturz nicht ermöglicht, sondern nur durchgeführt haben. Immerhin wird man trotz der unsinnigsten Streiks und der leichten Verführung durch Schwätzer und Vergifter auch heut der Masse der deutschen Arbeiter ein hohes Maß von Intelligenz, Disziplin und Willen zur Unterordnung (das meist zu Unrecht als Organisationstalent ausgegeben wird) zusprechen müssen.
Diese Kräfte aber sind in der abgelaufenen Zeitspanne unfruchtbar und ungenützt geblieben, weil kein Täter und Rufer aufstand, der es vermochte, das Auseinanderstrebende zu binden, das Schwanke zu befestigen, das Lahme zu beleben und aus den ungeheuren Möglichkeiten einer chaotischen Gegenwart die Ordnungen des künftigen Staatsbaus zu heben. Die Sozialdemokratie hat geglaubt, eines solchen Führers entraten zu können. Auch ihr schien der Sieg ihrer Sache mit ebenso unheiliger Gewißheit sicher, wie ihren nationalistischen Widersachern der Sieg der ihren. Weg und Ziel, Sinn und Recht schienen durch die Marxsche Lehre „wissenschaftlich“ vorgezeichnet und verbürgt. Jetzt, wo das tausendjährige Reich verwirklicht werden soll, erweist sich, daß schlechthin alles noch zu tun ist. Die Marxsche Doktrin hat hingereicht, den Arbeiter zu einer Klasse zu machen, das heißt: zu einer Gruppe von Menschen mit gleichgerichteten wirtschaftlichen Interessen, die sie in politischen Gegensatz zu einer ähnlich aufgebauten zweiten Gruppe bringen. Die Doktrin reicht aber nicht hin, aus dem Zerspaltenen ein neues Ganzes zu machen und auf dem Trümmerfeld der kapitalistischen Wirtschaft eine neue Ordnung aufzubauen. So kann die Sozialdemokratie ohne Marxismus nicht leben, denn es ist das Zeichen, in dem sie die Proletariermassen gesammelt und zu einer Kampforganisation formiert hat, und kann doch ebensowenig mit ihm leben, sobald der politische Kampf gewonnen ist. Verzichtet sie auf den Klassenkampfgedanken, so ruft sie den Teil des Proletariats gegen sich auf, der das kommunistische Manifest beim Buchstaben nimmt. Versucht sie aber, den dogmatischen Marxismus zu verwirklichen, so wird die Brüchigkeit der Lehre offenbar werden und die Revolution diskreditieren. Die Krisis der sozialen Revolution ist darin gegeben, daß kein Mann sichtbar ist, der sie aus diesem verhängnisvollen Zirkel herausführen könnte.
„Hortus deliciarum“, „Wonnegarten“, nannte die Nonne Roswitha von Gandersheim das Elsaß, „quel beau jardin!“ rief Ludwig der XIV. aus, als er zum ersten Male das von ihm geraubte deutsche Land erblickte. Und vom Turm des Straßburger Münsters genoß Goethe, wie er in Dichtung und Wahrheit erzählt, den Anblick der fruchtbaren Ebene und der mit Wald und Reben gesegneten Berge.
In dem halben Jahrhundert der Zugehörigkeit zum Reich hat sich Elsaß-Lothringen nun allerdings wie das gesamte Deutschland vom Agrikultur- zum überwiegenden Industrie- und Handelsstaat entwickelt. Während 1871 die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung sich mit der in Industrie und Handel beschäftigten ziffernmäßig noch ziemlich das Gleichgewicht hielt, arbeiten heute in der Landwirtschaft nur etwas über 30 %. Nach der Zählung von 1907 waren von einer Gesamtbevölkerung von 1 820 249 Personen tätig in:
| Landwirtschaft und Gärtnerei | 551 658 | oder 30,3 v. H. |
| Forstwirtschaft und Fischerei | 16 499 | „ 0,9 „ „ |
| Bergbau und Industrie | 730 952 | „ 40,2 „ „ |
| Handel und Verkehr | 221 393 | „ 12,2 „ „ |
Immerhin übertrifft Elsaß-Lothringen mit seiner landwirtschaftlichen Bevölkerung den Durchschnitt des gesamten Reichs, von dessen Bevölkerung 1907 nur 28,6 v. H. in der Land- und Forstwirtschaft tätig war. Von der gesamten in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigten Bevölkerung des Reiches entfielen auf Elsaß-Lothringen 3,2 v. H. Die landwirtschaftliche Bevölkerung des Reichslandes gliederte sich in 116 015 Selbständige und 217 311 Angestellte und Arbeiter.
Von insgesamt 244 948 Haupt- und Nebenbetrieben mit 881 569 ha Flächeninhalt waren nur 352 Großbetriebe (d. h. Betriebe über 100 ha) mit zusammen 64 284 ha, davon nur 3 über 500 ha mit insgesamt 3379 ha. Namentlich das Elsaß ist das typische Land des Klein- und Mittelbesitzes, ohne unter allzu großen Extremen zu leiden. Die geringe Rolle, die der Großbetrieb dort spielt, wird noch deutlicher, wenn man die entsprechenden Angaben für das ganze Reich heranzieht. Von 5 736 082 Betrieben mit 31 834 874 ha Flächeninhalt waren 23 566 Betriebe von 100 ha und darüber mit einem Flächeninhalt von 7 055 018 ha. Von 100 ha der landwirtschaftlich benutzten Flächen entfielen in diesem Jahr auf die Größenklasse von:
- |
unter 2 ha |
2–5 ha |
5–20 ha |
20–100 ha |
100 ha u. dar. |
|---|---|---|---|---|---|
| im Reich insges. | 5,4 | 10,4 | 32,7 | 29,3 | 22,2 |
| Elsaß-Lothringen | 11,8 | 23,1 | 39,4 | 19,2 | 6,5 |
Die Unterschiede zwischen den Prozentzahlen des Reichs und Elsaß-Lothringens sind in allen Größenklassen ganz erheblich, am größten in der Klasse über 100 ha.
Trotz der Entwicklung in Richtung zum Industriestaat ist die landwirtschaftliche Produktion in Elsaß-Lothringen in den letzten Dezennien nicht vernachlässigt worden. Die Leistungen der Landwirtschaft haben vielmehr unter der deutschen Verwaltung einen ungeahnten Aufschwung genommen. So hat sich die mit Hackfrüchten und Gemüsen bestellte Fläche um 24,4 v. H. vermehrt, das gartenmäßig angebaute Land ist um über 370 % angewachsen, die Zahl der Rinder um 30 %, die der Schweine sogar um 88 %. Die Intensität ist in allen Wirtschaftszweigen gesteigert worden und hat allein in der Waldwirtschaft von 1871—1914 eine Zunahme des Gesamterlöses für Holz von rund 72 v. H. zur Folge gehabt. Die elsässische Landwirtschaft ist dabei stärker intensiviert als die lothringische.
1912 entfielen vom Gesamtflächeninhalt des Reichslandes auf:
- |
- |
Auf je 100 ha der Gesamtfläche |
|---|---|---|
| Acker- und Gartenland | 673 602 ha | 46,4 ha |
| Weinberge | 30 194 „ | 2,1 „ |
| Wiesen | 190 089 „ | 13,1 „ |
| Weiden und Hutungen | 33 983 „ | 2,3 „ |
| Forsten und Holzungen | 439 832 „ | 30,3 „ |
| Haus-, Hofräume, Öd-, Unland, Wege Gewässer usw. | 84 482 „ | 5,8 „ |
Vom Acker- und Gartenland wurden benutzt für:
| Getreide und Hülsenfrüchte | 384 500 ha | 57,1 ha |
| Hackfrüchte und Gemüse | 145 561 „ | 21,6 „ |
| Handelsgewächse | 7 110 „ | 1,1 „ |
| Futterpflanzen | 72 983 „ | 10,8 „ |
| Ackerweiden und Brachen | 41 430 „ | 6,1 „ |
| Haus- und Obstgärten | 22 038 „ | 3,3 „ |
Die Anbauflächen der wichtigsten Fruchtarten betrugen im Jahre 1912:
- |
- |
% der Gesamtanbaufläche Deutschlands |
|---|---|---|
| Weizen | 137 078 ha | 7,1 |
| Roggen | 55 556 „ | 0,9 |
| Gerste | 48 976 „ | 3,1 |
| Hafer | 115 864 „ | 2,6 |
| Kartoffeln | 93 266 „ | 2,8 |
| Wiesen | 190 089 „ | 3,2 |
| Runkelrüben | 45 387 „ | — |
| Klee, Luzerne | 61 533 „ | — |
| Weiden und Hutungen | 33 983 „ | — |
| Weinberge (im Ertrag stehend) | 27 908 „ | 25,6 |
Im Durchschnitt der Jahre 1908—1912 wurden folgende Ernteerträge in Elsaß-Lothringen erzielt:
- |
in 1000 t |
Durchschnittsertrag pro ha in t |
% der Gesamternte Deutschlands |
|---|---|---|---|
| Weizen | 211 | 1,50 | 5,3 |
| Roggen | 86 | 1,50 | 0,8 |
| Gerste | 95 | 1,92 | 2,9 |
| Hafer | 183 | 1,60 | 2,2 |
| Kartoffeln | 998 | 10,55 | 2,3 |
| Wiesenheu | 943 | 4,97 | 3,8 |
| Klee | 210 | 5,06 | — |
| Luzerne | 157 | 5,78 | — |