In Friedrich Bendixen verliert die Währungspolitik ihren gedankenreichsten und leidenschaftlichsten Streiter, Hamburg den letzten großgearteten Wortführer hanseatischer Handelsfreiheit, die Schar seiner Freunde den treusten und besonnensten Berater und Schützer, Warner und Ansporner. Deutschland aber hat den Verlust eines jener wenigen Schriftsteller zu beklagen, die beanspruchen können, nicht nur mit dem Gehalt ihrer Gedanken und mit den Mitteln ihrer Kunst zu wirken, sondern mit der Autorität ihrer Person selber, die nicht gleich der Summe ihrer Erkenntnisse ist, sondern diesen Erkenntnissen erst wahre Gültigkeit, Bedeutung und Gewicht verleiht.
Es gibt in der Gegenwart keinen Staat, der dem Wirken eines solchen Mannes weniger Raum und Luft darböte als Deutschland. Wenn in Ländern mit kräftiger strömendem, einheitlicher sich bildendem Gesamtleben noch heute der Schriftsteller und seine Arbeit ein lebendiges Glied der Nation ist, die sich in seiner Sprache und in seiner Geste, seinem Angriff und seiner Verteidigung, seinem Feuer und seiner Weisheit gespiegelt und gesteigert wiederfindet, bleibt er in Deutschland stets im grunde fragwürdig, unbeglaubigt, unerwünscht und zum Abseitsstehen verurteilt. Gültig scheint hier nur, wer nicht kraft eignen Rechts, sondern im Auftrag einer anerkannten Macht redet: als Vertreter eines Unternehmens, einer Interessengemeinschaft, eines Verlages, einer Partei oder einer Behörde. Er muß durch Amt oder Titel, staatlichen Rang oder geschäftlichen Erfolg autorisiert sein. Ist diese Bedingung erfüllt, so darf er jede Plattheit wagen: man wird ihn hören; ist sie nicht erfüllt, so ist die Öffentlichkeit von vornherein gegen den Sprechenden eingenommen: er hat die ungeschriebene Konvention verletzt und muß es sich gefallen lassen, so lange als Dilettant und Eigenbrödler verschrieen zu werden bis die Autoritäten des Tages es für ratsam halten, sich den besten Teil der ketzerischen Erkenntnisse zu eigen zu machen. Auch Friedrich Bendixen hat dieses Schicksal erfahren.
Als im Jahre 1908 der damals schon Vierundvierzigjährige seine erste Schrift („Das Wesen des Geldes; zugleich ein Beitrag zur Reform der Reichsbankgesetzgebung“) erscheinen ließ, schien es fast niemanden zu geben, der nicht urteilte, es sei nicht der Mühe wert, das dünne Heft zu lesen. Hier spräche ein Jurist, Hypothekenbankdirektor und volkswirtschaftlicher Laie, der sich, anscheinend verführt durch eine gewisse bizarre staatliche Theorie des Geldes, an die schwersten Probleme der Währungspolitik heranwage, ohne sich über die Schwierigkeiten des Unternehmens Rechenschaft zu geben. Die umfangreiche Litteratur über diesen Gegenstand sei ihm wohl unbekannt: Kein Buch sei zitiert, auf keinen andern Autor als Knapp werde bezug genommen. Die empfohlenen Maßnahmen seien gefährlich und töricht, das Gute daran nicht neu und das Neue nicht gut.
Das Urteil wandelte sich erst langsam, als in den nächsten Jahren Aufsatz nach Aufsatz erschien und zu neuen Büchern zusammengefügt wurde. („Geld und Kapital“ zuerst 1912, „Geldtheorie und Währungspolitik im Lichte des Weltkrieges“ zuerst 1916). Mit jedem dieser Jahre wurden die Gedanken des Autors runder und sicherer dargestellt und fundamentiert. Er blieb keinem Angreifer die Antwort schuldig, auch so wirren und flachen Köpfen nicht, daß die Freunde sich oft fragen mußten, ob denn der Gegner auch der Erwiderung wert sei. Bendixen aber ließ sich durch solche Zweifel nicht beirren. Mit einem über alle Begriffe zähen Eifer versuchte er auch den widerstrebendsten Geist zu widerlegen, zu überzeugen, zu gewinnen, unberührt durch Enttäuschungen, die jeden anderen längst entmutigt hätten. Wenn die Staatliche Theorie des Geldes heute von der öffentlichen Meinung nicht mehr ganz so unverständig wie bei ihrem Erscheinen beurteilt zu werden pflegt, so hat niemand darum ein größeres Verdienst als dieser Virtuose der Polemik.
Mit dem Kampf um das großartige Gedankengebäude seines greisen Freundes aber sollte nur der Boden bereitet werden für die eigentliche Leistung Bendixens. Er war nicht Schüler Georg Friedrich Knapps gewesen. Seine Anschauungen hatten sich in der Stille vieler einsamer Jahre gebildet, Jahre einer legendarischen Muße, die er sich trotz seiner hohen Sorgfalt in der Führung der Hypothekenbank in Hamburg und seines regen Anteils an der Entwicklung des hamburgischen Südseehandels zu sichern wußte und die er mit dem leidenschaftlich eindringenden Studium der großen Geschichtsschreiber und Staatsmänner zu füllen liebte. Als die Staatliche Theorie erschien, war es als ob in ihm eine gesättigte Lösung durch Anstoß zum Kristallisieren gebracht worden wäre. Hier war die Bestätigung von Gedanken, die er seit langem im Gegensatz zur herrschenden Meinung erwogen hatte, ohne die endgültige Formulierung so ketzerischer Meinungen zu wagen, und mehr als die Bestätigung: er fand hier ein in sich geschlossenes, in seinen wohlgezogenen Grenzen unantastbares Lehrgebäude, er sah die Intuition durch Methode gerechtfertigt und geklärt und konnte an seine eigene Arbeit gehen. Diese führte ihn über die Ziele hinaus, die Knapp sich in weiser Meisterschaft gesteckt hatte, und schien die Einführung neuer Methoden zu fordern. Immer aber ist er sich bewußt geblieben, daß ohne die staatliche Theorie des Geldes sein eigenes Werk der sicheren Grundlage und der Rückendeckung entbehren würde.
Sein eigenes Werk glaubte er freilich nicht auf dem Boden der Knappschen Theorie, sondern neben ihr aufführen zu sollen. Hatte diese sich auf die Analyse der bestehenden Geldverfassungen beschränkt, so war Bendixens Wille darauf gerichtet, der künftigen Währungspolitik Wege und Maße neu zu weisen. War es Knapps wichtigste Aufgabe gewesen, zunächst die Arten der Zahlungsmittel in ihrem systematischen Zusammenhang zu beschreiben, so war es Bendixen um die Auffindung von Regeln zu tun, an die der Staat die Schaffung von Zahlungsmitteln binden solle. Um ein Prinzip für die Aufstellung solcher Regeln zu finden, glaubte er sich genötigt, die staatliche Theorie durch eine wirtschaftliche Theorie des Geldes zu ergänzen, aus deren Ergebnissen jenes Prinzip mit Hilfe einer Deduktion aus dem von ihm aufgestellten „wirtschaftlichen Begriff“ des Geldes gefolgert werden könne.
Es ist hier weder der Ort noch heut die Zeit, um diesen Begriff darzustellen und die Gültigkeit jener Ableitung zu prüfen. Sie stellt eine der elegantesten Verbindungen juristisch-konstruktiven und sozialökonomisch-analytischen Denkens dar. Aber gerade in dieser Synthese, die für den Geist Bendixens auch sonst kennzeichnend war, liegen methodische Schwierigkeiten, die sich bemerkbar machen mußten, sobald sein Gedanke aus der lockeren Form des Aperçus in die strengere des Systems übergeführt werden sollte — die aber an der Fruchtbarkeit seiner Problemstellung und an der Wichtigkeit seiner Ergebnisse kaum etwas zu ändern vermögen. Vielmehr will es uns scheinen, daß die Bedeutung seiner Leistung erst dann klar hervortritt, wenn man sie aus den Hüllen ihrer bestechenden Darstellung löst und sie in den Bau der staatlichen Theorie selber mit deren eigenen Methoden einfügt. Denn was sie dieser hinzugefügt hat, ist in Wirklichkeit die Behandlung eines von Knapp nicht untersuchten, aber von ihm selbst als wichtigen Gegenstand künftiger Forschung bezeichneten Zweiges der staatlichen Geldverwaltung, und es begründet die Größe des Währungspolitikers Bendixen, daß er diese Politik, auch dort, wo er über die Analyse der Tatsachen zur Aufstellung von Forderungen fortschreitet, nicht an irgendwelchen erdachten und willkürlichen Maximen, sondern an den Normen selber ausgerichtet hat, die in den vorliegenden Geldverfassungen schon organisch entwickelt waren und nur des eindringenden Blickes warteten, der sie in den vielfältigen Maßnahmen als schon gegeben schaute und ihre Gültigkeit begründete. Die Politik, die er empfahl, war ebenso konservativ wie sie kühn war.
Sie war kühn, denn sie setzte sich souverän über die herrschende Meinung und über viele Vorurteile der Zeitgenossen hinweg. Sie war konservativ, denn sie wollte den Dingen nicht eigenwillig einen neuen Weg vorschreiben, sondern nur den Gang, den sie selber eingeschlagen hatten, künftig mit größerer Sicherheit und Klarheit zu nehmen zwingen. Es ist verständlich, daß die Kritiker nur die Abweichung von den traditionellen Vorstellungen, nicht aber die organische Bindung von Werdendem und Gewordenem sehen wollten. Denn es war ja gerade ihre Befangenheit in den überlieferten Meinungen, die sie daran hinderte, mit Bendixen zu erkennen, daß die Wirklichkeit selber schon über den Bezirk jener Meinungen weit fortgeschritten war. So fuhren sie fort, die Bendixenschen Gedanken als ketzerisch und abenteuerlich abzuweisen (die doch durch die Erfahrungen jedes Kriegsjahres deutlicher bestätigt wurden) und ihn in einem Atem mit allerhand Wirrköpfen zu nennen, die mit großem bilderstürmerischen Eifer und geringer wissenschaftlicher Zucht die Währung auf Grund von einigen halbdurchdachten Gedanken auf überraschende Weise neu zu ordnen empfahlen. Daß diese Gewohnheit unausrottbar scheint, dient uns als ein neuer Beweis dafür, daß das Gefühl für Unterscheidungen bei uns im Absterben begriffen ist. Schon die hohe Kultur des Ausdrucks und der Gedankenentwicklung, die für Bendixen nur ein Ausdruck der Verantwortung gegen die eigene Sprache war, hätte dem Leser zeigen müssen, wer hier zu ihm redete und mit wem man ihn nicht verwechseln dürfe. Es ist nichts verräterischer, als die Distanz zwischen Hohem und Niederem nicht einmal zu bemerken.
Das dichte Nebeneinander von souveräner Kühnheit und kontemplativer Besonnenheit ist auch für die „Politischen Briefe“ (1919) bezeichnend, in denen Bendixen seine Kritik der deutschen Staatsführung vor und in dem Kriege niedergelegt hat. Sie bilden sein Testament, so wenig sie auch von Ahnungen des frühen Endes umschattet sind.
Um so düsterer ist das Bild der deutschen Schicksale. Vielleicht hat niemand außer seinem politischen Antipoden Ballin die ganze Tragweite und die weitangelegte Notwendigkeit der politischen Katastrophe schon in den ersten Augusttagen 1914 wie er übersehen. Die üblichen Denkgewohnheiten der Parteien und Publizisten hatten über ihn keine Macht. Konservativ der Gesinnung, wenn auch nicht der Parteischablone nach, in dem Gedanken des Machtstaats und des Imperialismus aufgewachsen und immer mehr bestärkt, hat er Europa doch stets als eine Einheit gesehen; das aber bedeutete für ihn nicht eine schematische Kontinentalpolitik, sondern vor allem die Notwendigkeit, den Weg zur Verständigung mit England, das für ihn die europäische Vormacht auf den Meeren der Welt war und blieb, nicht durch Flottenbau und Türkei-Interessen zu versperren. Was Außenpolitik bedeutet, was Außenpolitik hätte bedeuten können, kann aus diesen Briefen gelernt werden, die den ganzen Kriegsverlauf mit leidenschaftlichen Hoffnungen und Fürchten, mit immer neuen Kombinationen und mit immer grimmigerem Haß gegen die falschen Führer begleiten.
Freilich scheint es, als ob in den letzten dieser zwölf Jahre, in denen sich die ganze schöpferische Kraft dieses seltenen Lebens zusammendrängen mußte, die Gedanken starrer und auch gegen gültige Einwände unzugänglicher zu werden drohten. War es das Fehlen eines Gegners von gleichem Wuchs, war es das Anzeichen seiner geheim fortschreitenden Krankheit, was seinem Denken einen Teil der früheren Biegsamkeit nahm und ihn gegen Widerspruch empfindlicher und heftiger machte? Vielleicht liegt mehr als in allem diesem der Grund in den Schatten der Einsamkeit, die sich trotz allen Gewinns an Freunden und Anhängern immer hoffnungsloser um ihn zu breiten schien. Seine Schriften wurden gelesen und konnten in neuen Auflagen erscheinen; seine Gedanken fingen an, auf den Universitäten Eingang zu finden; es wurde Nachwuchs sichtbar, der seine Arbeit fortzusetzen fähig war, von ihm selbst gebildet und ihm in enger Kampfgenossenschaft ergeben. Doch mußte er das bindende und lösende Bewußtsein entbehren, von seiner Nation in der geistigen Autorität anerkannt zu sein, auf die er Anspruch erheben durfte. Es trennte ihn auch von seinen Zeitgenossen ein zu tiefer Spalt als daß er noch auf eine große Wirkung ins Gesamtleben hätte hoffen dürfen: er war durchaus ein Mann aus dem Zeitalter Bismarcks, mit allen Tugenden und allen Grenzen dieses Zeitalters. Und vielleicht ist dies das Höchste was von ihm und von dem Werk dieser kostbaren zwölf Jahre gesagt werden kann: daß niemand wie er mit so unantastbarem Recht unter den Zeitgenossen im Namen des tragischen Reichsgründers zu urteilen befugt und befähigt war: er allein nicht Epigone, sondern Geist von seinem Geist, und wohl der Letzte dieses Stammes, trotzig und zart, umdüstert und weise.
Kurt Singer