Wenige Dinge fallen dem Laien schwerer als das Auseinanderhalten der verschiedenen Bedeutungen, die mit dem Worte „Geld“ verbunden sind. Bald wird er an die Elemente seines Einkommens erinnert, bald an das Maß seines Kapitalbesitzes, bald scheint von der Ordnung des Zahlungswesens die Rede zu sein, bald von dem Staatshaushalt, bald von den Märkten des Kredits. Alle diese Erscheinungen sind durch Wirkung und Gegenwirkung auf das Engste und Dichteste miteinander verknüpft, und doch ist ihre reinliche Sonderung nötig, wenn ihre Eigenart und die Art ihres Zusammenhangs erkannt werden soll.
Die Währungsfrage verdankt den Ruf besonderer Unzugänglichkeit im Grunde nur dieser Verknäuelung der Probleme, den auch die Forschung nur allmählich entwirren lernte. Noch heute besteht bei einigen Männern der Wissenschaft und der Praxis die Neigung, die Sache in diesem ungeklärten Anfangszustand ruhen zu lassen; die Fragen der Währung, der Wirtschaftsgestaltung und des Staatshaushalts werden nicht scharf und klar gesondert; man schreibt der Natur des Papiergelds zu, was das Mißverhältnis staatlicher Einnahmen und Ausgaben verschuldet hat, und versucht mit valutarischen Mitteln Krankheiten zu heilen, deren Herd tiefer im Organismus der Volkswirtschaft zu suchen ist.
Die bedeutende Wirkung, die von dem Vortrag Max Warburgs auf dem V. Allgemeinen Deutschen Bankiertag in Berlin am 26. Oktober 1920 ausgegangen ist, beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Vermeidung dieses Fehlers und in der strengen, fast wissenschaftlichen Methodik in der Stellung des Problems. In den Besprechungen ist bisher der Nachdruck auf die Teile des Vortrags gelegt worden, in denen die allgemeineren Fragen der deutschen Wirtschaftspolitik berührt wurden; verständlich genug, denn es waren im Verlauf dieser Tagung die einzigen Sätze, in denen ein lebendigeres Verständnis für die konstruktiven Erfordernisse der deutschen Wirtschaft aufzuglimmen schien; es wird davon noch bei Gelegenheit zu reden sein. Nicht weniger wichtig aber scheinen uns die Darlegungen über die Aufgaben und Bedingungen der deutschen Währungspolitik zu sein. Diese Darlegungen zeigen, daß auch hier ein neues Kapitel beginnt; von dem Gegensatz, der früher hier und dort zwischen den Anschauungen der Vertreter der neueren Forschung und den führenden Vertretern der Praxis zu bestehen schien, ist nicht mehr die leiseste Spur zu finden, nicht nur nicht in der Rede Warburgs, sondern wie es scheint, auch nicht in dem versammelten Gremium, aus dem kein Widerspruch laut wurde.
Warburg geht durchweg von der Erkenntnis aus, daß es kein Währungsproblem an sich gibt. Nicht die Form der Währung entscheidet, sondern die Art der staatlichen und privaten Wirtschaftsführung; nicht auf Gold-, Silber- oder Papierwährung kommt es zunächst an, sondern darauf, ob sich einerseits Staatseinnahmen und -ausgaben, andererseits Einfuhr und Ausfuhr und die übrigen Posten des zwischenstaatlichen Zahlungsverkehrs im Gleichgewicht halten lassen. Gilt diese Voraussetzung nicht, so sind die schönsten Währungssysteme von nur geringem Wert. Wenn der Staat mehr verbraucht, als er aus Steuern und echten Anleihen einnimmt, so schafft er sich neue Kaufkraft durch Druck von Noten und durch künstliche Vermehrung der Giralguthaben bei der Notenbank: dieser Zustand, seit dem nordamerikanischen Sezessionskrieg Inflation genannt, ist also nicht eine Folge des Währungssystems, sondern der staatlichen Finanzlage. Erfordern andererseits die Zahlungen, die die Volkswirtschaft ans Ausland zu leisten hat, dauernd höhere Beträge als aus inländischen Forderungen an ausländische Schuldner zur Verfügung stehen, so wird der Valutakurs — der ja nichts anderes ist als der Preis für ausländische Werteinheiten, ausgedrückt in inländischen oder umgekehrt — ins Sinken geraten müssen, nachdem die letzten Währungsreserven aufgezehrt sind — gleichgültig wie die Währungsform beschaffen war. Die Währung selbst kann also nur geordnet werden, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, die überhaupt erst eine Ordnung der Wirtschaftsführung möglich machen. Alle währungstechnischen Mittel müssen versagen, wenn diese Vorbedingungen nicht gegeben sind.
Als solche Vorbedingungen bezeichnet Warburg: im Innern Herstellung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit, Ersatz des Söldnerheers durch ein — wenn auch relativ kleines — Volksheer; Gleichgewicht des Staatshaushalts, Verringerung des Beamtenapparats, äußerste Einschränkung aller unproduktiven Ausgaben; Ersatz der Arbeitslosenunterstützung durch Arbeitslosenversicherung, Aufhören der Zuschüsse zur Verbilligung der Lebensmittel, hohe aber nicht überspannte Steuern, Entbürokratisierung der Staatsbetriebe; Revision der Kapitalfluchtbestimmungen, Wiedereinführung des Bankgeheimnisses, strenge Handhabung des Einfuhrverbots für alle entbehrlichen Waren, Umgestaltung der Außenhandels- und Preisprüfungsstellen; Förderung der Ausfuhr von Halb- und Fertigfabrikaten, insbesondere durch bevorzugte Belieferung der Exportindustrie mit Kohle, durch Erleichterung des ausländischen Rohstoffbezuges und der inländischen Kreditgewährung für solche Industrien, durch Ausgestaltung der Veredelungskredite, durch Veröffentlichung von übersichtlichen Ein- und Ausfuhrzahlen und Produktionsstatistiken; Förderung des Zeithandels in Devisen an allen größeren deutschen Börsenplätzen, klare Trennung im Reichsbankausweis zwischen Reichsschatzwechseln, inländischen und ausländischen Privatwechseln, inländischen und ausländischen (man darf wohl hinzufügen: staatlichen und privaten) Guthaben, Fortbestehen der Aufhebung der Goldeinlösungs- und der Dritteldeckungspflicht, Aufhören der Einrechnung der im Besitz der Reichsbank befindlichen Darlehnskassenscheine in den Barbestand, allmählicher Abbau der Reichsdarlehnskassen, Einziehung der Reichskassenscheine, Beseitigung des Notstandsgeldes; stärkere Vertretung des Bankgewerbes im Reichswirtschaftsrat, regionaler Unterbau des endgültigen Reichswirtschaftsrats, Heranziehung der Wirtschaftsräte zur gemeinsamen Lösung der Wirtschaftsfragen.
Alle diese Vorbedingungen — unter denen man die Förderung von Maßnahmen zur Hebung der Produktivität der industriellen Arbeit vermißt — reichen aber auch nach Warburg nicht aus, wenn nicht die folgenden außenpolitischen Voraussetzungen erfüllt sind: schnellste Festsetzung der endgültigen Höhe der deutschen Kriegsentschädigungspflicht, Neuordnung der Leistungsverpflichtungen, insbesondere Anrechnung dieser Leistungen zum Weltmarktpreis, Sicherung der für die Exportindustrie nötigen Kohle; erhebliche Einschränkung der Okkupation in Rheinland, Saargebiet und Oberschlesien, Erhaltung Oberschlesiens beim Reich; Verzicht auf die Repressalienklausel (inzwischen durch England geschehen), Ersatz der einseitigen durch die gegenseitige Meistbegünstigung, Verzicht des Auslands auf die Erträge der Zwangsliquidationen, Verzicht des Auslands auf weitere Liquidationen und Enteignungen, Änderung des Abrechnungsverfahrens für die Vorkriegsschulden, Befreiung Deutschlands von finanziellen Verpflichtungen gegen seine früheren Bundesgenossen; Gewährung von Vorschüssen für die Einfuhr notwendiger Lebensmittel auf Grund von § 235 des Friedensvertrages: mit einem Wort die „Wiederkehr der Vernunft bei der Entente“.
„Die Verträge von Versailles und St. Germain sind die mechanische Addition aller Wünsche aller Feinde ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit des besiegten Volkes. Ich halte es für falsch, zu sagen, daß wir den Friedensvertrag so lange erfüllen wollen, bis sich in jedem einzelnen Punkte die Unmöglichkeit zeigt. Müssen wir uns denn in jedem einzelnen Falle erst die Köpfe blutig rennen, damit man die falsche Rechnung erkennt? Dann wird, bis alle Unmöglichkeiten erkannt sind, der Wirtschaftskörper verblutet am Boden liegen.
Ist Frankreich — gleichviel unter welchen Vorwänden — entschlossen, das Ruhrgebiet zu besetzen, will Frankreich durch Agitation und politische wie wirtschaftliche Maßnahmen das einige Deutsche Reich auflösen, dann ist jedes Nachdenken über die notwendigen Voraussetzungen zur Gesundung der deutschen Währung heute überflüssig. Frage ist jetzt, ob die Pendelbewegung der Katastrophen ihren Fortschritt nehmen soll, oder ob die menschliche Vernunft einsetzen wird. Bleibt die Okkupation mit ihren wahnsinnigen Kosten, wird die stillschweigende Förderung der polnischen Bewegung in Oberschlesien fortgesetzt, bleiben die Bestimmungen mit Bezug auf weitere Liquidationen und Sequestrationen, werden uns unerfüllbare finanzielle Opfer auferlegt, so stehen wir vor einem wirtschaftlichen Abgrund. Denn all die eingegangenen und drohenden Verpflichtungen sind die Erreger der unabsehbaren jetzigen und zukünftigen Inflation, und werden sie nicht beseitigt, so gehen wir den Weg der Verzweiflung, den wir jetzt in Rußland vor uns sehen.“
In diesen Sätzen liegt der Schwerpunkt des Warburgschen Referats. Ehe nicht ein neues Staats- und Wirtschaftsgefüge aufgerichtet ist, das die Gewähr des Bestandes in sich trägt, sind alle Versuche, die deutsche Währung zu sichern oder gar zu heben, zum Scheitern verurteilt. Sie haften am Symptom und gehen von der Peripherie aus, statt von der Krankheit und ihrem wirklichen Sitz. Zu solchen — mindestens im Augenblick — untauglichen Mitteln gehören Währungsanleihen, Devaluationen, Bindung der im Ausland befindlichen Marknoten und verwandte Maßnahmen. Sie haben erst dann einen Sinn, wenn die Zerrüttung des Staatshaushalts und der Zahlungsbilanz so weit aufgehalten ist, daß ein bestimmtes neues Niveau des Markkurses eingehalten werden kann. Bis dahin kann für die Währung nichts anderes getan werden als die Verbreitung höherer Klarheit über den Stand und die Ursachen der Inflation. Warum die von Warburg erhobene, an dieser Stelle seit langem vertretene Forderung einer gründlichen Reform des Reichsbankausweises nicht schon längst erfüllt ist, ist schwer zu verstehen. Sie ist heute mehr denn je ein Gebot der Reinlichkeit und Selbstzucht.
Auf welchem Stande aber einmal die Mark ihre neue Befestigung erfahren soll, ist nach Warburg eine Frage zweiten Ranges, erheblich nur für die Zeit des Übergangs. Für den Außenhandel eines Landes kommt es nicht darauf an, auf welchem Niveau, sondern ob überhaupt die Währung stabilisiert werden kann. Die Wahl der Parität wird nach den Umständen des Zeitpunkts der Reform und nach dem Urteil über die künftige Entwicklung der Produktivkräfte getroffen werden, nicht nach Erwägungen des Prestiges oder nach Erinnerungen an den früheren Stand der Mark. Während ein so angesehener Forscher auf dem Gebiet der Staatsfinanzen wie der Münchener Professor Lotz die Hebung des Markkurses auf den Friedensstand nicht nur für erwünscht, sondern auch für möglich hält, leugnet Warburg sowohl Erwünschtheit wie Möglichkeit. Die Friedensparität der Mark entsprach einem bestimmten Stande staatlich-wirtschaftlicher Macht: so lange diese Macht nicht wiederhergestellt werden kann, ist jedes Streben nach der Friedensparität trockene Schwärmerei und phantasielose Romantik — ohne Blick für die wirklichen Gegebenheiten der Stunde.
Sowenig wie der künftige Stand der Mark kann die endgültige Gestalt der deutschen Währung schon heute erörtert werden. Nur über einen Punkt kann schon heute Klarheit bestehen: eine Rückkehr zur Goldwährung in der Vorkriegsform ist Deutschland für absehbare Zeit versperrt . . . . und nicht Deutschland allein.
„Zur reinen Goldwährung, zur Goldumlaufswährung, indem sich die Notenbank verpflichtet, die Noten immer in Gold einzulösen, wird Deutschland in absehbarer Zeit nicht kommen können, aber auch die Verpflichtung, immer Gold auszuprägen, eine Verpflichtung, die zur Goldwährung gehört, wird in der unbedingten Form weder von Deutschland, noch von vielen Goldwährungsländern wieder aufgenommen werden können. Deutschland wird im besten Falle anstatt der Goldumlaufswährung eine Goldkernwährung haben können, d. h. die Reichsbank wird nicht verpflichtet sein, die Noten immer in Gold einzulösen, aber doch immer einen Goldbestand halten, um durch ihn, solange die übrigen Länder am Golde festhalten, Zahlungsausgleiche vornehmen zu können.“
Der strenge Zusammenhang zwischen Geld und Gold soll also gelöst werden; es müssen neue Normen gesucht werden, um die Menge der zu schaffenden Zahlungsmittel zu regeln. Solche Normen gesetzlich festzustellen, ist heut noch nicht an der Zeit: für die Gegenwart muß die Erkenntnis genügen, daß nur eine solche Geldvermehrung gerechtfertigt ist, der eine ebenso große Vermehrung der verkaufsreifen und verkaufsfähigen Erzeugung entspricht — nicht aber eine Geldvermehrung zur Diskontierung von Wechseln des Reichs und der Staaten und Kommunen oder zur Beleihung von unverkäuflichen Waren und Wertpapieren durch die Darlehnskassen. Mit diesen Anschauungen und Forderungen stellt sich Warburg in die Reihe der Anhänger der neueren Lehren über Geldverfassung und Währungspolitik, die sich an die Namen Knapp und Bendixen knüpfen und die der Verfasser dieses Aufsatzes in einem gleichzeitig mit dem Bankiertag erschienenen Buch: „Das Geld als Zeichen“ (Gustav Fischer, Jena, 204 S.) nach Sinn, Voraussetzungen und Folgerungen kritisch dargestellt hat. Daß ein Praktiker von der Bedeutung Warburgs sich diese noch unlängst als ketzerisch verschrienen Anschauungen zu eigen macht, bezeichnet einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte der deutschen Währungspolitik.