New York, den 5. Juli 1922.
Streiks und Aussperrungen stellen nur die sensationellere Seite der wirtschaftlichen Lage eines Landes dar. Sie lenken wohl das Interesse der Öffentlichkeit auf sich und lösen bisweilen Maßnahmen aus, die aber nur in recht seltenen Fällen an die Wurzeln der Ursachen und an die Grundbedingungen selbst rühren, von denen die Streiks lediglich Symptome bedeuten.
Die in den letzten fünf Jahren in den Vereinigten Staaten vorgefallenen Streiks und Aussperrungen ergeben zusammen gesehen ein recht lehrreiches Bild von den gründlich unstabilen Verhältnissen in der amerikanischen Industrie. Man hätte erwarten können, daß die von ihnen in Mitleidenschaft gezogenen Millionen von Arbeitern, die Verluste an Zeit und Ersparnissen, der Entgang an Verdienst usw. auf die weitere Öffentlichkeit und ihre Stellungnahme Streiks gegenüber einen nachhaltigeren Eindruck ausgeübt hätten, als sich neuerdings bei Anlaß des Bergarbeiterstreiks hat feststellen lassen. Die Kohlenförderung des Landes ist so gut wie ganz eingestellt worden infolge der Auseinandersetzungen zwischen einer halben Million Bergarbeitern und rund einem Tausend Zechenbesitzern; aber es bedurfte der blutigen Vorgänge in der Zechenstadt Herrin, um der amerikanischen Öffentlichkeit darzutun, daß irgend etwas sehr bedenklich stehe, und um die Regierung zu einer Art Vorgehen zu bestimmen. Die Kohlenknappheit würde für den Hausbrandkonsumenten erst gegen Herbst peinlich geworden sein, und die Regierung hatte sich von jedem Eingreifen so lange als möglich ferngehalten, weil sie es mit den Unternehmern nicht verderben wollte, auf deren Weigerung, mit den Gewerkschaften zu verhandeln, ein mindestens so großer Schuldanteil am Streik zurückzuführen ist, wie auf das Verhalten der Gewerkschaften.
Bei Absendung dieses Berichts droht der gegenwärtige Streik einiger 400 000 Eisenbahnwerkstättenarbeiter (Maschinisten, Schmiede, Kesselmacher usw.) sich zu einem nationalen Streik der gesamten Eisenbahner auszudehnen. Ob dies nun vermieden werden wird oder nicht — die wirklichen grundlegenden Probleme werden darum nicht besser verstanden oder in einem mehr konstruktiven Sinne gelöst werden als bei früheren Anlässen; jeder betroffene Teil wird sich still verhalten bis zum nächsten Sturm, aber die Wirkung auf die Moral der Arbeiter und deren Beziehungen zu ihren Arbeitgebern bedenkt niemand.
In den Textilfabriken der Neuenglandstaaten ferner streiken seit nunmehr fünfzehn Wochen 100 000 Arbeiter wegen Lohnherabsetzungen, von denen sie behaupten, daß durch sie ihre Löhne unter das Lebensnotwendige herabgedrückt würden, und wegen einer von den Unternehmern verlangten Verlängerung der Arbeitszeiten, die alle während des Krieges gemachten Errungenschaften der Arbeiter hinsichtlich der Verbesserung ihrer Lage zunichte machen würden. Seitens der Einwohnerschaft der Textilzentren und der Gewerkschaften erfahren die Streikenden bis jetzt noch immer so weitgehende, auch materielle Unterstützung, daß sie durchaus Aussicht haben, ihren Streik zu gewinnen; die Arbeitgeber scheinen denn auch zu weitgehenden Konzessionen bereit angesichts der wahrscheinlich ziemlich lebhaften Nachfrage nach Baumwolltextilien im Herbst. — Aber auch hier zeigt sich die öffentliche Meinung (und zwar nicht etwa nur die Presse als Ausdruck dieser) nicht weiter betroffen und die Frage, ob in der Textilindustrie Löhne bezahlt werden, die dem Arbeiter eine Lebensmöglichkeit gestatten oder nicht, interessiert kaum, bis nicht Gewaltausbrüche die Aufmerksamkeit auf diesen nun schon monatelang währenden Streik lenken werden.
Diese geschilderten Umstände können erklären, weshalb seit 1916 über 20 000 Streiks und Aussperrungen in den Vereinigten Staaten stattgefunden haben, von denen alljährlich zwischen eine und vier Millionen Arbeiter in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Auf die einzelnen Jahre verteilen sich die Streiks wie folgt: 1916: 3789; 1917: 4450; 1918: 3353; 1919: 3577; 1920: 3254 und 1921: 2267. In der geringen Zahl des letzten Jahres spiegelt sich die Periode der industriellen Depression deutlich wider, während im Jahre 1919, wenn auch die Anzahl der Streiks nicht so groß war wie etwa 1917, die Zahl der Streikteilnehmer sich auf die Riesenmenge von vier Millionen belief. Mehr als die Hälfte aller dieser Streiks in den genannten Jahren entfällt auf die Industriezentren der östlichen Staaten; an der Spitze steht der Staat New York, es folgen Pennsylvania und Massachusets; an der Spitze der Städte steht wiederum New York, an zweiter Stelle folgt Chicago.
Während des Jahres 1921 kommen die meisten Streiks auf das Baugewerbe (568), es folgen Buchdruck- und Verlagswesen, Tuchwebereien und Metallindustrie. In früheren Jahren waren stets in der Metallindustrie die meisten Streiks vorgefallen; das hat sich aber verschoben, seitdem im Jahre 1916 die Metallarbeiterorganisation einen argen Machtverlust erfahren hatte und die Unternehmer sich noch stärker organisierten als zuvor. Dafür sind die Arbeiterorganisationen im Baugewerbe und in der Textilindustrie in den letzten fünf Jahren stärker geworden und die Zahl der Streiks in diesen Industrien ist — man möchte sagen: entsprechend — gewachsen.
Der Gesamtverlust an Arbeitstagen infolge von Streiks usw. während des Jahres 1921 belief sich auf rund 60 000 Tage gegen 50 000 Tage im Jahre 1916 und 63 000 im Jahre 1919. Bei einer durchschnittlichen Teilnahme von 750 Arbeitern je Streik und einem Durchschnittstagelohn von 2 $ je Arbeiter ist der jährliche Lohnentgang infolge von Streiks mit etwa 125 Mill. $ anzusehen.
Am besten wird die ganze Lage in der amerikanischen Industrie durch die Tatsache erhellt, daß in den Jahren 1916 bis 1921 die Zahl der zum Vorteil der Arbeitnehmer oder mit einem Kompromiß abgeschlossenen Streiks zurückgegangen ist, während (mit alleiniger Ausnahme des Jahres 1916) die Zahl der zugunsten der Arbeitgeber entschiedenen Streiks ständig gestiegen ist. So endigten z. B. von den Streiks des Jahres 1917 23% zugunsten der Arbeitgeber, 36% zugunsten der Arbeitnehmer und 41% mit einem Kompromiß, während 1921 37% siegreich für die Arbeitgeber, 19% siegreich für die Arbeitnehmer und 24% mit einem Kompromiß ausgingen. Zu bemerken bleibt allerdings, daß ein Teil der Berichtsjahre in die Kriegszeit fällt, während welcher sich die Arbeitgeber zu weitergehenden Konzessionen genötigt sahen als sonst; daher hat denn auch gerade 1919 der Umschwung zu ungunsten der Arbeitnehmer eingesetzt, für deren Organisationsmacht sich die Friedensjahre nicht als vorteilhaft erwiesen haben.
Virgil Jordan