50 Mill. Goldmark soll Deutschland monatlich als Reparation an seine Gegner zahlen. Es ist nicht imstande, diese Summe aufzubringen, und hat sich deshalb um Zahlungsaufschub an seine Gläubiger von Versailles gewendet. In England, Italien und Amerika sieht man mehr und mehr ein, daß der deutsche Standpunkt berechtigt ist, in Frankreich will man es, wider besseres Wissen, nicht einsehen.
Man muß diese Reparationsziffer und ihre Bedeutung kennen, um beurteilen zu können, in welchem Maße Deutschland durch seine Kohleneinfuhr heute belastet ist. Allein aus England wurden im Juni dieses Jahres für 35 Mill. Goldmark Kohle nach Deutschland importiert, nur für 15 Mill. Goldmark weniger als jener Geldtribut, unter dem wir zusammenzubrechen drohen! Dazu kommen aber noch Kohlenmengen, die wir aus Holland und von der Saar beziehen und die von Monat zu Monat in ständigem Wachsen begriffen sind.
Die deutsche Regierung sah sich gezwungen, die ausländische Kohle von der Steuer zu befreien, die ihren Zutritt bisher erschwerte. Ursprünglich war diese Befreiung nur für die vier Monate Mai bis August 1922 vorgesehen; sie mußte aber unter dem Druck der Verhältnisse auf eine weitere Frist, bis zum 31. März 1923, ausgedehnt werden. Die Einfuhr von Kohle wurde nicht nur auf dem Wasserwege, sondern gemäß einer Bekanntmachung vom 31. Juli in begrenztem Umfange auch auf dem Landwege zugelassen, während gleichzeitig die Ausfuhr deutscher Kohle weitgehend verboten wurde.
Was dies für uns bedeutet, davon kann man sich einen Begriff machen, wenn man weiß, welche Rolle der Kohlenexport vor dem Kriege in der deutschen Wirtschaft spielte. Deutschlands damaliger Wohlstand ist nicht zum geringsten darauf zurückzuführen, daß es jeden Monat rund 4 Mill. t Kohlen ausführte (45,422 Mill. t Steinkohlen und 2,543 Mill. t Braunkohlen 1913). Es hatte damals im ganzen einen Monatsausfuhrüberschuß von rund 3 Mill. t Kohlen, während im ganzen Jahr 1921 die freie Kohlenausfuhr (d. h. Kohlenausfuhr ausschließlich Reparationslieferungen in Höhe von 17,131 Mill. t Steinkohlen, Braunkohlen und Briketts, und ohne die Zwangslieferungen an Deutsch-Österreich, Polen, Ungarn, Danzig usw.) nur 2,5 Mill. t betrug, eine Menge, die nun ganz in Fortfall kommt.
Es ist noch nicht lange her, daß in Deutschland selbst von hervorragenden Industriellen das Gespenst eines Kohlenüberflusses an die Wand gemalt wurde. Man glaubte, eine furchtbare Arbeitslosigkeit kommen zu sehen, hervorgerufen durch das Stocken des Absatzes der deutschen Kohle an das Ausland. Dies stellte man sich so vor, daß die Entente, insbesondere Frankreich, auf die deutsche Reparationskohle bald keinen Wert mehr legen würde, weil sie selbst in Kohle ersticke. An eine freie Ausfuhr aber sei dann erst recht nicht zu denken, schon weil der deutsche Kohlenpreis sich dem ausländischen zu sehr angeglichen habe. Inzwischen ist der Auslandskurs der Mark so tief gesunken, daß trotz andauernden Steigens der Bergarbeiterlöhne und der Kohlenpreise im deutschen Inlande die deutsche Kohle im vollen Umfange auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig wäre. Es fehlt nur an der Kohle, die exportiert werden könnte.
Für England hat sich die ganze Situation, in der Frage des Kohlentributs seit einiger Zeit wesentlich geändert. England litt lange darunter, daß sein Kohlenabsatz nach Frankreich und Belgien zurückging, weil sich diese Staaten aus Deutschland mit Reparationskohle weit billiger versorgen konnten. Nun haben sich die Dinge aber so entwickelt, daß Deutschland, um die Reparationslieferungen ausführen zu können, die englische Kohle braucht. Ja, Deutschland hat den bis jetzt noch nicht entschiedenen Antrag gestellt, unmittelbar in England Kokskohle zu kaufen, um sie von da auf dem direkten Wege als Tribut nach Frankreich zu liefern. Es kann England im Grunde genommen gleichgültig sein, ob es seine Kohle an Deutschland oder an Frankreich verkauft, wenn es sie nur los wird. In dem Maße, wie die oben gekennzeichnete Entwicklung fortgeschritten ist, hat sich Englands Interesse an einer Revision der Deutschland auferlegten Kohlenlieferungen verringert. Es ist auch zu bedenken, daß die ganze deutsche Industrie die Kohle als Rohstoff braucht und in ihrer Konkurrenzfähigkeit gegenüber England beeinträchtigt wird, je mehr sie der Kohlentribut in Mitleidenschaft zieht.
Deutschland führt heute rund 62% englischer Kohle mehr als im Frieden ein. Die im Juli aus England zu uns hereingekommene Kohle wird auf etwa 1,5 Mill. t geschätzt. Diese Monatseinfuhr nur aus England ist so groß, wie die Einfuhr des ganzen Jahres 1921 nicht nur aus England, sondern aus dem gesamten Ausland. Man muß sich diese Zahlen einprägen; sie sind bezeichnend für den Niedergang der deutschen Wirtschaft. Im März 1922 importierten wir aus England bereits rund 270000 t; im Mai, nach Befreiung der fremden Kohle von der Kohlensteuer, stieg diese Menge auf rund 720 000 t und im Juni in gewaltigem Sprunge auf 1,3 Mill. t. Die Zahlen, die von englischer Seite für die Kohlenausfuhr Englands angegeben werden, weichen von den deutschen vielfach ab, wie auch die deutschen Unterhändler in Paris auf Schwierigkeiten stießen, weil die ihnen vorgelegte Statistik nach anderen Methoden aufgestellt war als die deutsche und deshalb zu anderen Resultaten führte. Es muß den Fachleuten der beteiligten Länder überlassen bleiben, diese Unstimmigkeiten zu beseitigen. Die englische Kohlenfachzeitung „South Wales Journal of Commerce“ macht über die Entwicklung der englischen Kohlenausfuhr nach Deutschland folgende Mitteilungen: Im Jahre 1913 betrug die Ausfuhr Großbritanniens nach Deutschland und den holländischen Häfen nahezu 11 Mill. t, von denen 2 Mill. nach den Niederlanden gingen. Während des Krieges war die Kohlenausfuhr nach Deutschland unterbrochen und selbst im Jahre 1920 betrug sie erst 13 457 long tons. Auch der englische Kohlenhandel mit Holland litt sehr. Im Jahre 1918 wurden nach dort 88 000, 1919 402 000, 1920 dagegen wieder nur 239 000 long tons ausgeführt. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor Ausbruch des Krieges betrug die Ausfuhr nach den Niederlanden über 2 Mill. long tons. Die Ausfuhr, sowohl nach Deutschland, als auch nach Holland besserte sich im Jahre 1921 trotz des Bergarbeiterstreiks. Der Export nach Holland stellte sich 1921 auf 1787 678 long tons und hatte sich damit dem Vorkriegsdurchschnitt ziemlich genähert, während nach Deutschland nur 817 877 long tons ausgeführt wurden; das ist weniger als ein Zehntel des Vorkriegsdurchschnitts. Während des laufenden Jahres haben die nach Deutschland ausgeführten Mengen sehr stark zugenommen.
Der Umfang des deutschen Bedarfs an englischer Kohle ergibt sich am deutlichsten aus einer Gegenüberstellung der Einfuhr Deutschlands aus Großbritannien während des ersten Halbjahrs 1922 und 1920. Das Jahr 1921 kommt wegen des englischen Bergarbeiterstreiks nicht in Frage. Es ist bei dieser Gegenüberstellung schwierig festzustellen, wieviel von der nach den holländischen Häfen ausgeführten englischen Kohle ihren Weg nach Deutschland nimmt. Die Gegenüberstellung wird daher richtiger, wenn man die Verschiffungen englischer Kohle sowohl nach Deutschland als auch nach Holland anführt. Diese stellen sich wie folgt:
Tabelle 1
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Nach Deutschland |
Nach Holland long tons |
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| 1. Halbjahr 1920 | 479 | 125 996 |
| 1. Halbjahr 1922 | 2822 655 | 2533 511 |
Bei diesen Ländern ist die große Zunahme in die Augen springend. Ihre Hauptbedeutung erhalten obige Zahlen jedoch erst, wenn man sie mit den Vorkriegszahlen und den Monatszahlen des laufenden Jahres vergleicht. Die Verschiffungen nach den Niederlanden sind allein im ersten Halbjahr 1922 bereits größer als die gesamte Kohlenausfuhr Großbritanniens nach Holland im Jahr 1913, wo insgesamt 2018 511 long tons nach den Niederlanden ausgeführt wurden. Die Ausfuhr nach Deutschland ist im ersten Halbjahr 1922 noch 1653 000 long tons niedriger als die durchschnittliche Halbjahresausfuhr 1913. Erst in den letzten drei Monaten hat die Ausfuhr nach Deutschland einen gewaltigen Umfang angenommen. Es wurden nach Deutschland und den Niederlanden ausgeführt:
Tabelle 2
| 1922 | Nach Deutschland long tons |
Nach den Niederlanden long tons |
| Januar | 247 313 | 294 538 |
| Februar | 359 889 | 336 725 |
| März | 467 718 | 597 248 |
| April | 256 618 | 303 267 |
| Mai | 601 473 | 433 652 |
| Juni | 889 644 | 568 081 |
| 1. Halbjahr Gesamt | 2 822 655 | 2 533 511 |
Im Jahre 1913 wurden im Monatsdurchschnitt 746 000 long tons unmittelbar nach Deutschland und 168 200 long tons nach den Niederlanden ausgeführt. Aus obigen Zahlen ergibt sich, daß die Ausfuhr nach den Niederlanden in jedem einzelnen der ersten sechs Monate des laufenden Jahres ganz erheblich größer war, als im Monatsdurchschnitt 1913 und daß im Juni die Ausfuhr nach Holland dreieinhalb mal so groß war als 1913. Die monatliche Durchschnittsausfuhr nach Deutschland von 746 000 long tons im Jahre 1913 ist im Juni 1922 um 143 000 long tons überschritten worden. Unter Zugrundelegung dieser Ausfuhr von Juni 1922 ergibt sich eine Jahresausfuhr nach Deutschland von 10,5 Mill. long tons.
Das englische Fachblatt drückt seine Befriedigung über die Befreiung der englischen Kohle von der Steuer in Deutschland aus und meint, durch ähnliches Entgegenkommen aller beteiligten Staaten dürften noch am ehesten die die wirtschaftliche Erholung Europas immer noch verzögernden Schwierigkeiten überwunden werden. Das ist doch eine etwas einseitige Auffassung. Die durch die Steuerbefreiung notgedrungen gesteigerte englische Kohleneinfuhr nach Deutschland macht die deutsche Not nur noch größer. Helfen könnte Deutschland und der Welt nur eine Änderung der Reparationsverpflichtungen von Grund aus und zwar der in Geld ebenso wie der in Sachleistungen zu bewerkstelligenden Reparationen. Es ist widersinnig, wenn in einem Augenblick, wo die Geldzahlungen herabgesetzt oder wenigstens gestundet werden müssen, das Gewicht der Sachforderungen derartig zunimmt, daß diese Erleichterung wieder wettgemacht, wenn nicht in das Gegenteil verkehrt wird. Das ist aber der Fall infolge der im Zusammenhang mit dem Kohlentribut ungeheuer anwachsenden Kohleneinfuhr nach Deutschland. Es ist widersinnig, daß Deutschland ausländische Kohle beziehen muß, um seine eigene als Reparation ans Ausland abzuführen. Das stellt alle Gesetze der Ökonomie auf den Kopf!
Dasselbe gilt von der Art wie die Kohle infolge dieser Zustände hin und her transportiert wird. Französische Eisenbahnen, Pariser Gas- und Elektrizitätswerke arbeiten mit deutscher Kohle, die rheinabwärts gefahren wird; aber dieselben Fahrzeuge bringen englische Kohlen rheinaufwärts, sei es für die Eisenbahnen in Süddeutschland, sei es selbst für Elektrizitätswerke im Herzen des Ruhrreviers. Koksfeinkohle von der Ruhr geht ebenfalls rheinabwärts nach Belgien und Frankreich, und die Hütten des Ruhrbezirks fahren mit den Kähnen wieder englische Koksfeinkohle in das Ruhrrevier zurück. Darüber wurde im Reichskohlenrat bewegliche Klage geführt.
Der Reparationsausschuß hat die deutschen Kohlenlieferungen von 1,916 Mill. t auf 1,725 Mill. t monatlich herabgesetzt. Diese geringfügige Kürzung trägt der Erschwerung der deutschen Kohlenlage, wie sie namentlich durch den Verlust des industriell wichtigsten Teiles Oberschlesiens entstanden ist, keine Rechnung, geschweige denn dem in den letzten Monaten eingetretenen Rückgang der deutschen Förderleistung. Durch die Teilung Oberschlesiens entgehen der deutschen Kohlenwirtschaft in Zukunft rund 20% unserer bisherigen Gesamtförderung an Steinkohlen. Bisher hat Deutschland aus dem am 18. Juni den Polen übergebenen Teile Oberschlesiens ca. 900 000 t bezogen. Es ist fraglich, ob es auch in Zukunft, bei dem gespannten Verhältnis zwischen Deutschland und Polen, auf regelmäßigen Eingang einer solchen Kohlenmenge aus Oberschlesien rechnen kann. Vom 19. bis 30. Juni hat es infolge der Übergangswirtschaft nur 150 000 t erhalten.
Aber selbst wenn diese Bezüge gesichert wären, bliebe die Tatsache bestehen, daß es sich hierbei von jetzt an um ausländische Kohle handelt, die unserer schon ohnehin gewaltigen Einfuhr zuwächst.
Auf der einen Seite möchten die Reparationsgläubiger Deutschlands die Mark gern stabilisieren, um sich vor dem sogenannten deutschen Dumping zu schützen, und möglichst große Summen Geldes für sich aus der deutschen Wirtschaft herausholen, auf der anderen Seite aber bepacken sie Deutschland derartig mit ausländischer Kohle, die in Auslandsvaluta zu zahlen ist, daß die Mark nur immer tiefer in den Abgrund stürzt. Es steht nicht einmal fest, daß dieser Unsinn Methode hat.
Dr. Alfred Schmidt - Essen