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Geleitwort

Georg Friedrich Knapp begeht am 7. März 1922 als Senior der deutschen Nationalökonomen den achtzigsten Geburtstag. Es würde seinem Sinn nicht gemäß sein, ihn mit superlativischen Lobreden zu feiern; vielleicht wird es ihm nicht einmal angemessen scheinen, seine Person und sein Werk zu einer Angelegenheit der breiten Öffentlichkeit zu machen. In jener Generation bedeutender Forscher, die das Gesicht der deutschen Nationalökonomie geschaffen haben, ist er der Einzige, der mit keinem Wort in die Politik des Tages eingegriffen hat — aber auch der Einzige, der keinen Kompromiß geschlossen hat, weder als Lehrer, noch als Forscher, noch als Schriftsteller. Sein Wille war nicht auf weite Wirkung, sondern auf gesetzmäßige Formung gerichtet: Gestaltung sprödesten Geschichtsstoffes, Gestaltung vielartiger Schülergenerationen, Gestaltung endlich seiner eigenen Person aus widerstreitenden Anlagen zum unbeirrbaren Charakter von fast antikischer Einfachheit. In dieser strengen Selbstbegrenzung liegt das Geheimnis seiner erzieherischen Wirkung und seiner geistigen Autorität, die auch der Gegner ehrt, wenn er nicht für die Maße des Menschen den Sinn verloren hat.

In der deutschen Öffentlichkeit ist Knapp mehr durch die Fehden bekannt, die sich an sein letztes Werk geknüpft haben, als durch seine Person und durch die Reihe seiner Werke selber. Das literarische Portrait, das wir hier vorlegen, ist dazu bestimmt, jene nebelhaften und trügerischen Vorstellungen aufzulösen — nicht durch Raisonnement und Polemik, sondern durch Schilderungen und Betrachtungen von Freunden und Schülern, die aus eigener Anschauung reden und deren Zeugnis um so größeres Gewicht haben wird, als wohl selten eine so einmütige Übereinstimmung so verschieden gearteter und gerichteter Menschen bemerkt werden kann. Wir müssen nur bedauern, daß es nicht möglich gewesen ist, mehr Freunde und Schüler zum Wort kommen zu lassen. Sie sind in allen Parteien zu finden. Was sie mit Knapp verbindet, sind nicht Meinungen und Programme: sie haben durch ihn und an ihm am reinsten erfahren, nicht nur was deutsche Wirtschaftswissenschaft sein kann, sondern die Würde und den Geist des Forschertums selber, das dem Leben dient, aber als Herrscher in seinem Reiche, nicht als Höriger.

„Der Gelehrte bedeutet, nach seiner Stellung im Staate, freilich nicht viel, da er nur über weniges zu befehlen hat. Doch er fühle sich in seinem Wirkungskreis deshalb nicht untergeordnet; er halte sich von den Empfindungen des Dieners fern. Wer Geschichte schreibt, ist selber eine Art von Herrscher; zwar nicht im Gegenwärtigen, aber im Vergangenen; zwar nicht im Reiche der Taten, aber im Reiche der Anschauungen; er herrscht über Könige, wenn sie dahin gegangen sind, woher sie nicht wiederkehren; also geziemt ihm eine königliche Sprache, die Sprache, die hier im Hause der Wissenschaft allgemein geredet und allgemein verstanden wird.“

Diese Worte sind am 27. Januar 1891 in der Aula der Universität Straßburg gesprochen worden. In ihnen hat Knapp selber Gestalt und Bestimmung des Forschers und Lehrers in eben dieser königlichen Sprache umrissen, ernst und hell, streng und beherrscht, in anmutiger Würde. Wer wird nicht wünschen, hier rede die Sprache aller künftigen deutschen Wissenschaft?

Hamburg, im März 1922.

K. S.

Ein Brief
von Lujo Brentano

Prien, im Februar 1922.

Lieber Knapp!

Am 7. März werden Sie achtzig Jahre alt. Davon haben wir über fünfzig Jahre in naher Freundschaft gelebt. Vom 13. Nov. 1870 datiert der erste Brief, den ich von Ihnen erhalten habe. Veranlassung war der erste Band meiner „Arbeitergilden der Gegenwart“. Er lag im Manuskript fertig. Da frug ich unsern gemeinsamen Lehrer, den Direktor des preußischen statistischen Bureaus, Ernst Engel, nach einem Verleger. Er forderte mich auf, Ihnen zu schreiben. Sie waren damals Direktor des statistischen Amts der Stadt Leipzig. Dort haben Sie das innige Freundschaftsverhältnis mit Carl Geibel geknüpft, das bis zu dessen Tode gedauert hat. Er hatte eben die Firma Duncker & Humblot erworben. Engel schrieb Ihnen, Sie möchten vermitteln, daß Geibel den Verlag meines Buches übernehme. Das haben Sie getan; es wurde der Ausgangspunkt unserer Freundschaft und des sozialpolitischen Verlags der Firma Duncker & Humblot und von deren Beziehungen zum späteren Verein für Sozialpolitik.

Mir ist es ein Bedürfnis, Ihnen am heutigen Tage zu sagen, daß ich es für eine der glücklichsten Fügungen meines Schicksals halte, daß es mich mit Ihnen zusammengeführt hat. Sie haben auf meine wissenschaftliche Entwicklung, so verschieden sie von der Ihren geblieben ist, einen nachhaltigen Einfluß geübt. Als ich neulich die Briefe durchsah, die Sie mir während mehr als 50 Jahren geschrieben haben, stieß ich in einem Brief vom 27. März 1871 auf folgenden Satz: „Die Fachgenossenschaft, die Landsmannschaft, die Gleichheit des Studiengangs und die Begegnung in Liebhabereien haben es möglich gemacht, daß ich trotz der Kürze unseres Zusammenseins die Empfindung hatte, als trennte ich mich von einem alten Bekannten, als welcher ein neuer Freund doch sonst nicht so oft erscheint.“

Und doch waren wir so verschieden wie nur möglich. Aber eines hatte uns zunächst wissenschaftlich zusammengebracht. Wir standen beide dem, was wir nationalökonomisch auf der Universität gelernt hatten, voll Skepsis gegenüber. Sie hatten in Hermann den sehr scharfsinnigen Lehrer bewundert, aber seine Nationalökonomie erschien Ihnen als eine Darstellung des Wirtschaftslebens im luftleeren Raum. Demgegenüber ging Ihr Bedürfnis nach dem Aufbau einer Wirtschaftswissenschaft, die dem wirklichen Leben entspräche. Da haben Sie, wenn ich richtig unterrichtet bin, ein paar vorzügliche Aufsätze von Hermanns Schüler Helferich über Württembergische Agrarverhältnisse nach Göttingen geführt; diese hatten in Ihnen die Hoffnung erweckt, bei ihm das zu finden, was Ihnen als Ideal vorschwebte. Sie fanden aber dort nur eine Wiedergabe der Hermannschen Lehren in anmutigerer Form und wandten sich zunächst ganz zur Statistik und wurden Mitglied des von Engel geleiteten Statistischen Seminars in Berlin. Mich hatten meine Studien über die englischen Gewerkvereine auf den Widerspruch zwischen dem von der klassischen Nationalökonomie über das Arbeitsverhältnis Gelehrten und der Wirklichkeit aufmerksam gemacht, und historische Studien, wie solche über die tatsächlichen Arbeiterverhältnisse der Gegenwart hatten in mir das gleiche Bedürfnis wie in Ihnen geweckt. Wir haben damals manche Briefe darüber gewechselt, und wenn ich auch nicht so weit gegangen bin wie Sie, als Sie mir am 28. Oktober 1873 schrieben: „Die Lehrstoffe der sogenannten theoretischen Wirtschaftslehre und alle Dogmatik und Scholastik, die daran hängt, gibt es für mich nicht,“ so war ich doch wie Sie bemüht, eine von der herkömmlichen professorenhaften Behandlung abweichende, realistische Wirtschaftslehre aufzubauen.

Sie sind in der Durchführung dieses Gedankens weit mehr begünstigt gewesen wie ich. Ihre akademische Stellung ist nie eine solche gewesen, daß Sie über Dinge lesen mußten, die Sie nicht auf Grund eigenen Studiums, sondern nur auf Grund von Vorlesungen und Lehrbüchern von Professoren kannten. Auch ich hatte das erstrebt und aus eben diesem Grund, als ich 1872 als Prof. ord, nach Breslau berufen wurde, nur meine Bereitwilligkeit als Extraordinarius dorthin zu gehen erklärt, weil ich davon eine größere Freiheit in der Gestaltung meiner Lehrtätigkeit erhoffte. Das war ein Irrtum gewesen; denn ich mußte den im Herrenhaus abwesenden Ordinarius in allem vertreten. Sie dagegen wurden zunächst Extraordinarius an der Universität Leipzig mit völliger Freiheit zu lesen, was Sie wollten. Zunächst haben Sie sich der Statistik zugewandt, und auch da mußten Sie damit beginnen, unwissenschaftliche Methoden auszumerzen. Das geschah zum Schrecken gewisser Statistiker, die darüber klagten, daß Sie darauf ausgingen, einfache Dinge unverständlich zu machen. Durch Ihre Leipziger Antrittsrede „Über die neueren Ansichten über Moralstatistik“ sind Sie auch in Gegensatz zu Adolph Wagners oberflächlichem Buch „Über die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen Handlungen vom Standpunkt der Statistik“ getreten, Ihrer einzigen Polemik, deren ich mich erinnere. Wagner hat gegen Ihre Kritik nicht aufkommen können.

Dann haben Sie, angeregt durch die damals hochgehende soziale Bewegung, sozialpolitische Vorlesungen gehalten, dann kam Ihre Übersiedelung nach Straßburg und Sie lasen, außer über Statistik, auch praktische Nationalökonomie, während Sie nie genötigt gewesen sind, entgegen Ihrem Programm über theoretische Wirtschaftslehre Vorlesungen zu halten. Und auch in Ihren Vorlesungen über praktische Nationalökonomie haben Sie immer nur die Partien behandelt, die Sie auf Grundlage umfassender, eigener Studien vollständig beherrschten. In dieser Weise verfolgten Sie Ihr Ziel eines Neubaus der Nationalökonomie auf realistischer Grundlage. Ihre Vorlesungen waren rein historisch, aber sie waren weit verschieden von den Arbeiten jener, welche Auszüge aus archivalischen Akten als wissenschaftliche Abhandlungen ansahen. Ihre Arbeiten waren stets von dem Streben nach Erfassung der Kausalzusammenhänge beherrscht, und so entstand Ihr großes Werk über die Bauernbefreiung und den Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens. Und dann wandten Sie sich der Geschichte der Kolonialpolitik zu; wir verdanken dem köstliche Abhandlungen über die Entstehung der Sklaverei in Amerika, bis schließlich die Geldlehre Ihr Interesse erweckte. Ihre staatliche Theorie des Geldes unterscheidet sich von allen übrigen Geldlehren dadurch, daß sie von der Funktion des Geldes als gesetzlichem Zahlungsmittel ausgeht und zum ersten Male die rechtsgeschichtlichen Grundlagen des Geldes verarbeitet.

Aber was soll ich von Ihren literarischen Werken reden, die ein Ruhm der deutschen Wissenschaft geworden sind! Jedem Fachgenossen im In- und Ausland sind sie bekannt. Etwas ganz anderes ist es mit Ihren Erfolgen als Lehrer. Und da muß ich zuerst wieder mit mir anfangen. Ich kann nicht sagen, wie viel ich aus den Briefen gelernt habe, die Sie mir während der zehn Jahre, die ich an den Universitäten Berlin und Breslau tätig war, geschrieben haben. Aber noch weit mehr haben Sie auf mich gewirkt, als wir an der Universität Straßburg nebeneinander gearbeitet haben. In Breslau war ich noch viel zu sehr mit sozialpolitischen Fragen und mit dem Streben, mir eine Kenntnis des gesamten Wirtschaftsgebiets anzueignen, beschäftigt, und die Universität hatte mich zu außerordentlicher Lehrtätigkeit wenig angeregt. Anders in Straßburg. Die ganze Universität war davon durchdrungen, daß ein jedes Mitglied des Lehrkörpers sein Äußerstes zu tun habe, um auf dem exponierten Posten, auf den wir gestellt waren, unserer Aufgabe gerecht zu werden. Wie hat da Ihr Beispiel aneifernd auf mich gewirkt! Sie gingen ganz in wissenschaftlicher Arbeit und im Lehrberuf auf. Und wenn es mir auch nicht beschieden war, Ihr Zuhörer zu sein, so weiß ich doch, mit welcher Begeisterung die Jugend an Ihrem Munde hing und, noch weit mehr, ich habe in unserer gemeinsamen Seminartätigkeit von Ihnen gelernt, wie der Lehrer durch Hingabe an die Individualität des einzelnen Schülers nicht nur aus den Begabten hervorragende Leistungen, sondern auch aus unfruchtbarem Gestein Brauchbares herauszulocken vermag. Mit außerordentlichem pädagogischen Talent haben Sie auch da, wo eine Arbeit minderwertig war, niemals den Schüler durch eine Kritik, wie sie seine Arbeit verdient hätte, entmutigt, sobald nur ein ernstes Streben zu erkennen war. Und ebenso haben Sie die Schriften von Kollegen aufgenommen. Wo Ihnen allerdings nur marktschreierische Eitelkeit gegenüberstand und sachlich leere Scholastik, wie in einem gewissen Lehrbuch, das Sie einmal treffend als „nur ein begeistertes Inhaltsverzeichnis“ bezeichneten, waren Sie unerbittlich. Da äußerten Sie sogar Unzufriedenheit, wenn man gegen die betreffenden Verfasser polemisierte, weil das nur Wasser auf die Mühle solcher durch jede neue Strömung bestimmbaren Spektakelmenschen sei. Dagegen haben Sie gegenüber allem sachlichen Streben nach Wahrheit die so vielen deutschen Gelehrten fehlende Gabe der Anerkennung anderer in bewundernswertem Maße betätigt. Sie sind der liebenswürdigste Leser gewesen. Nicht als ob Sie mit der Aussprache zurückgehalten hätten, wo Sie anderer Meinung gewesen sind. Aber selbst da waren Sie anerkennend, wenn die Auffassung, von der Sie abwichen, der Natur des Verfassers entsprach, also subjektiv wahr war, und wie dankbar haben Sie stets hervorgehoben, wo Sie von dem einen oder anderen Neues gelernt haben. Als ich vor kurzem in Ihren Briefen an mich las, hatte ich nur die eine Empfindung: So beurteilt möchte die Erinnerung an mich auf die Nachwelt übergehen.

Dabei hat ein großer Unterschied zwischen Ihnen und sowohl Schmoller als auch mir und den meisten andern deutschen Nationalökonomen bestanden: Ihnen ist die Welt immer nur ein Gegenstand gewesen, um Abhandlungen darüber zu schreiben, ohne sich in ihre Händel zu mischen. Uns andere hat unser Temperament dazu geführt, die Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Arbeit auch in den praktischen Fragen der Gegenwart zur Geltung bringen zu wollen. Daher unsere publizistische Tätigkeit, während Sie eine solche stets abgelehnt haben. Ihre Arbeiten haben sich stets mit der Darlegung des Werdeganges der Dinge begnügt und es vermieden, selbst die Schlüsse zu ziehen, die sich für die Gegenwart daraus ergaben. Selbst wenn Sie zur Teilnahme an Kommissionen, die über praktische Fragen zu beraten hatten, aufgefordert wurden, haben Sie sich auf die Darlegung des Tatsächlichen beschränkt. So z. B. haben Sie seinerzeit in der Berliner Kommission über Anerbenrecht erzählt, wie es früher gewesen ist und wie man, bei der Bauernbefreiung, den Wegfall des Anerbenrechts als selbstverständlich ansah, aber mit keinem Worte haben Sie gesagt, ob man es wieder einführen solle oder nicht. Ich weiß, daß Sie von der Wiedereinführung nichts hielten. Aber Sie überließen es der natürlichen Entwicklung, die das Wiedereingeführte beseitigen werde. Und selbst bei der letzten Inkarnation Ihres wissenschaftlichen Geistes, Ihrer Geldlehre, ist wohl zu beachten, daß Sie zwar Nichtmetallist aber keineswegs Gegner metallischer Währung sind. Dieses Ablehnen jeglicher Einmischung in die Händel der Welt erklärt auch Ihre Stellung im Verein für Sozialpolitik. Sie haben seinerzeit den Kämpfen, die zu seiner Entstehung führten, und dieser selbst das lebhafteste Interesse entgegengebracht. Aber ich erinnere mich noch gut, daß wir es nur mit Mühe fertig brachten, Sie zum Eintritt in den Ausschuß zu bewegen; dann haben Sie trotzdem dem Verein in kritischen Augenblicken durch Ihren Rat sehr wertvolle Dienste geleistet, und die glänzenden Referate, die Sie hie und da erstattet haben, haben sich immer auf die Darstellung des Tatsächlichen beschränkt, dagegen stets von praktischen Nutzanwendungen zurückgehalten.

Und vielleicht darf ich noch einer anderen Verschiedenheit zwischen Ihnen und mir Erwähnung tun, weil sie mir dafür wichtig scheint, daß auch andere Sie verstehen. Ich stamme aus einer konservativen Familie und bin in durchaus konservativen Anschauungen groß geworden; in der Antwort auf die mir an meinem siebzigsten Geburtstag gewordenen Ansprachen habe ich erzählt, was mich zum Liberalismus geführt hat. Ihr politischer Entwicklungsgang ist der umgekehrte gewesen. Sie sind in liberalen Anschauungen aufgewachsen. Als Sie sich dem nationalökonomischen Studium zuwandten, hat sich Ihnen die Vorstellung von Liberalismus mit der Vorstellung von englischer nationalökonomischer Dogmatik verbunden, von der Ihr realistischer Sinn sich abkehrte. Auch hat Ihnen, als Sie sich Ihren Agrarstudien zuwandten, die Auffassung mißfallen, die Sie bei vielen Liberalen über Mittelalter und Hörigkeit vorfanden. Daher bei Ihnen mancherlei Spitzen gegen den Liberalismus, Spitzen gegen Ihre Jugendanschauung, die mit Ihrer wissenschaftlichen Methode auf nationalökonomischem Gebiete zusammenhängen.

Aber auch in der Beurteilung politischer Stellungnahme haben Sie sich durch große Unparteilichkeit ausgezeichnet. Sie haben meine der Ihren entgegengesetzte politische Entwicklung nicht nur stets begriffen, sondern auch, wenn nötig, verteidigt. Desgleichen haben Sie stets eine große Bewunderung gezeigt für alle Politiker, die als Erzieher des deutschen Volkes politisch, sittlich und ästhetisch gewirkt haben. Ich denke an die große Bewunderung, die Sie Naumann entgegenbrachten, als Sie ihn nach seiner Bekehrung zum Liberalismus kennenlernten. Sie freuten sich über den Zuwachs, der dem Liberalismus dadurch geworden, Sie freuten sich über ihn als Lehrer und Erzieher des Volks, und niemand der ihm eine begeistertere Huldigung dargebracht hätte als Sie in einer Tischrede auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik in München.

So können Sie mit Genugtuung auf eine im Dienst der Wissenschaft und damit Ihrer Mitmenschen verbrachtes Leben zurücksehen. Dabei weiß ich aber nicht, ob Sie sich nicht gleich mir manchmal Gedanken machen, ob die historisch-realistische Schule in ihrer Opposition gegen die englische nationalökonomische Dogmatik nicht mitunter zu weit gegangen ist. Sie hat bei allen ihren Mängeln doch einen großen Vorzug gehabt; sie hat das gesamte Wirtschaftsleben als einen zusammenhängenden Organismus aufzufassen gelehrt, an dem es nicht möglich ist, an einem Teile zu ändern ohne auf alle übrigen Teile zurückzuwirken; sie hat dadurch ihre Jünger zu kausalem Denken erzogen und wenn auch ihre Methode wegen Fehlens der von ihr gesetzten Voraussetzungen auf agrarischem und industriellem Gebiete zu Ergebnissen führte, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten, so blieb doch die Erkenntnis, daß die einzelnen Wirtschaftserscheinungen nicht willkürliche sind, die durch Eingreifen der verschiedensten Art beliebig gestaltet werden können, ohne Rückwirkungen auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens zu äußern. Diese Erkenntnis ist manchen Jüngern der historisch-realistischen Schule abhanden gekommen, daher sie glauben, daß es bloß notwendig ist, energisch zu wollen und zu handeln, um jedwede erwünschte Wirkung hervorbringen zu können. Das gilt ganz besonders auf dem Gebiet der Handelspolitik, auf dem die Voraussetzungen, von denen die klassische Nationalökonomie ausgegangen ist, im Leben so ziemlich zutreffen. Daher die beklagenswerte Erscheinung, daß so viele Jüngere teils unbewußt, teils sogar bewußt, einseitiger Interessenpolitik verfallen sind, was auf unser öffentliches Leben sehr ungünstig zurückgewirkt hat. Es ist aber der Grund nur, daß die historisch-realistische Forschung, wie auch Sie oft beklagt haben, mitunter recht stumpfsinnig betrieben worden ist. — —

Ich würde in dem, was ich über Ihr Wirken zu sagen habe, ein wesentliches vergessen, wenn ich nicht Eines erwähnte, den Zauber Ihrer Rede und Ihrer schriftstellerischen Darstellung. Sie haben mir vor vielen Jahrzehnten einmal geschrieben: „Bis zum Ende meines 33. Lebensjahres habe ich neben meinen wissenschaftlichen Liebhabereien fast ausschließlich von der Kunst gelebt — allerdings weniger von der bildenden, als von der redenden. Fast schien mir der Mensch erst anzugehen mit dem Studium der Künste. Kein Tag, an dem ich nicht in irgendeinem bedeutenden Dichter gelesen hätte. Auf einmal bemerkte ich zu meiner eigenen Überraschung, daß dies aufgehört hatte, ohne jeden Entschluß, völlig von selbst, und ich besann mich, woher diese Änderung stamme. Sie trat ein mit dem Augenblick, als meine Vorlesungen auf sozialpolitischem Gebiete eine Wendung zur Schilderung von Zuständen und zur Erzählung von Begebenheiten nahm: teils wegen des Stoffs, der allgemein menschlich ist, teils weil Schilderung und Erzählung selber ein wenig künstlerisch von Natur sind. Seitdem fühle ich mich bedeutend wohler, harmonischer, weniger zur Bewunderung vor dem und Ekel vor jenem hin und her wechselnd und ungemein befriedigt von meinem Beruf, vielleicht gerade deshalb weil ich mir die größte Mühe gebe, ihn mit allen Kräften zu erfüllen, nicht bloß mit der einen oder anderen Kraft.“ Mit anderen Worten: Sie sind aus einem künstlerischen Feinschmecker, was Sie bis dahin nur gewesen, ein gleich geschmackvoller ausübender Künstler geworden, und daher der Bann, in dem Sie alle Ihre Zuhörer und Leser halten.

Ihr Vater ist über 90 Jahre alt geworden. Möge Ihnen und uns beschieden sein, daß Sie gleich ihm noch viele, viele Jahre mit Ihrer heutigen Frische und Anmut des Geistes wirken.

In alter Freundschaft
Ihr
Lujo Brentano.

G. F. Knapp
Der Mensch und das Werk
von Eberhard Gothein

Gelehrte, deren Lebensarbeit in der Ermittlung von Tatsachen und ihren Zusammenhängen besteht, sind selten interessante Menschen, während umgekehrt meistens diejenigen, welche durch ihre Persönlichkeit interessieren, durch die Kompliziertheit ihres Charakters selber an bedeutende Leistungen verhindert werden. Es ist immer nur ein Zeichen der Bedeutendsten, wenn in ihnen der Mensch und das Werk untrennbar sind und einander wechselweise erläutern. Das ist die Empfindung, mit der wir heute G. Fr. Knapp, dem Achtzigjährigen, gegenübertreten. „Le style c'est l'homme“ sagen wir mit Recht; und die ursprüngliche von Buffon geprägte Form des Wortes „le style c'est l'homme même“ gibt uns hierzu den Schlüssel. Die Formgebung ist des Menschen Eigenstes, und deshalb prägt sich in ihr der Mensch aus. Am vollkommensten tut er es aber dann, wenn er sich nicht als solcher aufdrängt, wenn er nur durch die Art, wie er um ihrer selbst willen die Sache gestaltet und vor uns hinstellt, hindurchleuchtet. Das eben ist die Kunst des Knappschen Stiles und es ist auch das Wesen seiner Lebenskunst. Mit einem jetzt fast verschollenen Philologenwort, das in der Zeit, als man noch auf die feineren Stilunterschiede Wert legte, gebräuchlich war, könnte man Knapps Stil „concinn“ nennen. Das bedeutet harmonische Klarheit, Biegsamkeit bei Schlichtheit, vor allem unbedingte Sachlichkeit. Man wird bei ihm immer das treffende Wort in knapper Form, nie ein schmückendes Prädikat finden, ebensowenig die Zuspitzung zu geistreicher Pointe. Knapps Stil funkelt und glänzt nie, aber er gibt die Sache in vollendeter Anschaulichkeit. Wir erhalten das Ergebnis anstrengender Gedankenarbeit und wohl auch einmal in einer Vorrede das Bekenntnis, wie schwer sie ihm gewesen, aber es würde ihm gegen den Geschmack gehen, uns zu Zeugen dieser Anstrengung zu machen. Der Gelehrte kann nicht bloß gestaltender Künstler sein; er muß auch Kärrner- und Steinmetzenarbeit vollziehen, aber es ist zugleich eine Unbescheidenheit und eine Formlosigkeit, wenn er das vor unsern Augen tut. Mit der üblen deutschen Gelehrtengewohnheit, Stoffmitteilung, kritische Untersuchung und Darstellung ineinander zu mengen, hat Knapp gründlich aufgeräumt. Für jede dieser drei Aufgaben ist seine „Bauernbefreiung“ ein Vorbild. Hier übt sogar noch die in einen eigenen Band verlegte Stoffsammlung durch die Art, wie aus dem weitschichtigsten Material eine Auslese getroffen, das Wesentliche jedes Aktenstückes herausgehoben wird, ohne zum dürren Regesten zu werden, einen ästhetischen Reiz aus.

Knapps Stoffe und seine eigene Neigung brachten es mit sich, daß er sich in schwierigen und scharfen Begriffen fast mit Vorliebe bewegt, aber er handhabt sie stets mit vollendeter Leichtigkeit. Man spricht in den exakten Wissenschaften von einer „mathematischen Eleganz“; Knapp, der von der Mathematik ausgegangen, hat sie in der Art seiner Begriffsentwicklung immer bewahrt. Seine Bildnerkunst aber leuchtet am anziehendsten aus seinen kleinen Aufsätzen, zumal seinen biographischen Skizzen hervor. Über ihnen liegt, auch wo sie nur wissenschaftliche Verdienste würdigen wollen, ein heiterer Glanz, besonders da, wo er aus scheinbar bedeutungslosen kleinen Zügen ein treffendes Licht auf die Persönlichkeit fallen läßt. Man wird sie überall treffen: Liebig mit den Pfirsichen am Gartentor, Schmoller in den Ferien Kritiken schreibend u. s. f. In dem großen darstellenden Werke hingegen verzichtet er auf jede Einzelillustration, wozu sich doch Gelegenheit genug geboten hätte; denn hier kam alles darauf an, den Gang der Ereignisse in seiner folgerichtigen Entwicklung, mit seinen sachlichen und persönlichen Hemmungen darzustellen.

Mit diesem starken künstlerischen Zuge, der weder Formlosigkeit noch falschen Schmuck duldet, vereinigt sich und tritt zunächst noch stärker hervor die kritische Schärfe. Sie hat bei Knapp nie etwas Verletzendes, sogar nie etwas Kämpferisches besessen; selbst die verschleiernde Phrase, die ihm wohl unter allem das Unausstehlichste war, wird nur kühl beiseite geschoben, das Unzulängliche höchstens als Beispiel naiver Empirie gekennzeichnet. Der Mann, der mehr als jeder andere Doktrinen und unter ihnen solche, die den Lebensnerv großer sozialer Gruppen und Parteien berührten, zu Staub gerieben hat, hat doch nie eine Polemik gehabt. Er hat denen, die er bekämpft, den Knies und Soetbeer, gern im voraus seinen Dank für die Förderung, die ihr Scharfsinn ihm gewährt, abgestattet; er hat seine Entwicklungsreihen und seine Theorien als Gelehrter hingestellt mit dem vollen Bewußtsein ihrer Bedeutung, aber er hat die praktischen Konsequenzen aus ihnen zu ziehen anderen überlassen, und so hat denn auch er bei den Gegnern seiner Theorien, denen er recht oft erst zu ihren guten Gedanken verholfen, immer volle Anerkennung gefunden. Er konnte — etwas spöttisch — bemerken, daß in der „Bauernbefreiung“ für die Sozialisten Goldfelder, die ihnen unbekannt geblieben, vorliegen, aber er ist demungeachtet das Orakel konservativer Agrarier geblieben; der Widerspruch gegen seine Geldtheorie ist bei allen, die sich durch sie unliebsam in ihrem dogmatischen Schlummer gestört sahen, sehr lebhaft, aber mit unverhohlenem Respekt vor dieser Gedankenleistung verbunden. Knapp hat immer nur ein Volkswirtschaftsgelehrter, nie ein Wirtschaftspolitiker sein wollen, hierin das genaue Gegenteil seines Freundes Brentano, mit dem er sich als Lehrer in der glänzendsten Epoche deutscher Wirtschaftswissenschaft so ausgezeichnet ergänzt hat. Selbst in den Debatten des Vereins für Sozialpolitik, dessen Mitbegründer und eine Säule er ist, hat er nie das Wort ergriffen. Knapp hätte aber auch nie ein Politiker sein können; dazu ist er viel zu skeptisch veranlagt und hat viel zu viel Künstlerfreude an den Gegnern selbst und geheime Sympathie mit ihnen. In seiner Jugendschrift über die „Ermittlung der Sterblichkeit“, die ihn doch mit einem Schlage an die Spitze der statistischen Methodiker stellt, tut er mit vollendeter Eleganz die Vorgänger ab, um alsdann mit höflicher Verbeugung das Florett niederzulegen und die Skepsis gegen sich selbst zu kehren: „Vielleicht nach so viel verfehlten Versuchen nur ein weiterer!“

Aber Knapps Zweifelsucht ist weder mäkelnd noch bloß zersetzend; der letzte Grundzug seines Wesens ist fruchtbare Skepsis. Und sie ist bei ihm nicht nur eine intellektuelle, sondern eine Charaktereigenschaft. Ein tiefgewurzeltes Mißtrauen gegen alle dogmatische Zuversichtlichkeit, ein ästhetisches Unbehagen gegen die Plumpheit, die nur Bösewichter oder Tugendhelden sieht, das Forscherbedürfnis, auch im Irrtum den Gran bedingter Wahrheit zu finden, verbinden sich mit dem Gerechtigkeitsgefühl, sich auch der gescholtenen Sache anzunehmen. Er tat es nie mit der Wärme des Apologeten, die ihm wohl eher lächerlich erscheinen dürfte, sondern mit der Kälte des Forschers, der die Logik der Tatsachen feststellt und die von ihr vorwärts Geschobenen entlastet, aber auch mit einer stillen Freude an allem, was folgerichtig ist, und vor allem an jeder Willensstärke. Wie ein erfrischender, aber auch wie ein eisiger Hauch weht uns diese Gesinnung aus seiner Sammlung „Der Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit“ besonders aus dem Meisterstück über die Sklaverei an.

Jetzt spricht sich dieser Charakterzug in der milden Weisheit des Alters aus, das, ohne sich Illusionen über die Natur der Menschen und der Gesellschaft hinzugeben, das Spiel der Leidenschaft und des Irrtums gelassen und, sofern es selber davon betroffen wird, ohne Bitterkeit resigniert betrachtet; in der Jugend aber muß er sich wohl bisweilen als kampfbereite Freude an der Paradoxie geäußert haben. Wenigstens hat mir W. Windelband einst scherzend erzählt, wie sie am lustigen Privatdozententisch in Leipzig immer im voraus gewettet haben, welche Meinung Knapp an diesem Mittag verfechten würde, indem sie ihn zum Widerspruche reizten. Das war fröhliches Turnier; aber noch heute macht bei so manchem das scharfe Hervorkehren der bisher vernachlässigten oder verkannten Seite eines Problems, wie es Knapp liebt, den Eindruck der Paradoxie, besonders wenn man sie mit der kühlen Behandlung der opinio communis, auch wo diese gebilligt wird, vergleicht. Natürlich will aber Knapp kein Gesamturteil über die Epoche geben, wenn er z. B. die Befreiung der preußischen Domänenbauern in der sonst stockenden, übelberufenen Zeit vor 1860 als das bestgelungene Stück der ganzen Befreiungsaktion kennzeichnet, oder wenn er das Hardenbergsche Regulationswerk und seinen Urheber, den von ihm erst recht gewürdigten Scharnweber, entschieden über Steins Regulationsedikt stellt. Am meisten richtet sich diese irrige Auslegung, die über das „Wenn“ bei Knapp, über den hypothetisch-heuristischen Charakter seiner Theorie hinwegliest, gegen seine Geldlehre. Weil Knapp dem herrschenden Metallismus den wissenschaftlichen Boden entzogen hat und weil er die Amphibolie der Wertsteigerung, wenn jedermann Schuldner und Gläubiger zugleich ist, betont hat, halten ihn viele für einen Anhänger einer Papiergeldwirtschaft, als ob nicht das ganze Werk darauf hinausliefe, die Störungen durch die Doppelseitigkeit alles Geldes, gesetzliches Zahlungsmittel und Ware zugleich zu sein, zu erklären und gerade die richtige, jetzt für Deutschland freilich verpaßte Benutzung eines Goldschatzes zwar nicht zur Fundierung, wohl aber zur Regulierung einer Währung an Beispielen nachzuweisen!

Fruchtbare Skepsis ist das Wesen der Sokratischen Dialektik. In der Tat mag man die Methode Knapps mit dieser vergleichen. Wenn es nicht selber eine Paradoxie wäre, von einem 26jährigen Sokrates zu sprechen, so könnte man gerade an der bahnbrechenden Jugendschrift diese Züge vorweisen, die sich dann später immer wiederholen. Sie erscheint in den einleitenden Abschnitten wie im Dialog mit dem Gegner zur Zerstörung falschen Wissens durch den Nachweis der Ungründlichkeit, die sich hinter dem Schein der Gründlichkeit verbirgt, als ein allmähliches Herausarbeiten bestimmter Begriffe. Auch die Ironie gegen die so gewichtig auftretenden Nichtwisser, die nur immer rechnen, ohne sich klar zu machen: „was, wie, wozu?“ fehlt nicht, und wie wir sehen, auch nicht die Skepsis gegen das eigene Wissen. Das, worauf Knapp hier aber eigentlich hinaus will, ist die Einführung einer mathematischen Methode zur Abkürzung des begrifflichen Prozesses, der in Worten gegeben unerträglich breit sein würde, der jedoch im Beginn bei der Formulierung des Problems und am Schluß beim Ziehen des Resultats wieder in sein Recht tritt. Von einer Überschätzung der mathematischen Methode ist Knapp weit entfernt. Gleich in seiner Dissertation hat er an einem der Größten, an Thünen, ihre Grenzen und Fehler gezeigt; er hat sie später als das abkürzende Verfahren selber auf ihren einfachsten Ausdruck zu bringen gesucht, namentlich aber vor einem vorschnellen Operieren mit ihr ohne ausreichende Grundlage gewarnt.

Fruchtbar wird eine dialektische Methode nur dann, wenn sie auf festen Begriffen beruht und zu ihnen hinführt. Knapp hat immer an der exakten Begriffsbelebung eine Lust bezeigt, die sich, sogar schon in jener Erstlingsschrift, in der Prägung neuer Bezeichnungen ausdrückt. In seiner staatlichen Theorie des Geldes ist er hierin, wie bekannt, bis an die Grenzen des Möglichen gegangen und muß jetzt schon die Erfahrung machen, die keinem Meister und Meisterer der Sprache erspart bleibt, daß diese in ihrer Eigenwilligkeit wohl manches aufnimmt, an-deres aber beiseite läßt. Ihm selber dürfte das wohl nur als eine Steigerung der Verwirrung, die er beseitigen wollte, erscheinen. Dem Inhalt nach bedeutet jeder seiner neuen Begriffe entweder eine Zusammenfassung bisher vernachlässigter Erscheinungen, wie in der Statistik der der „Generation einer Zeitstrecke“ oder eine genauere Zergliederung einer Gesamttatsache. Für seine Geldtheorie besonders ist diese zweite, mit Virtuosität gehandhabte Technik charakteristisch. Von Knapp gilt recht eigentlich das Juristenwort: „Wer gut einteilt, hat halb begriffen.“

Am folgenreichsten wurde diese Verbindung von begrifflicher mit anschaulich darstellender Methode gerade da, wo sie am wenigsten zu passen schien: gegenüber dem Ablauf geschichtlicher Entwicklung. Für jene selbstherrliche Dialektik freilich, mit der K. Marx den ganzen Geschichtsprozeß in das Zwangsjoch einer autonomen Begriffsentwicklung einspannt, dürfte Knapp eher seine Skepsis in Bereitschaft halten; um so mehr dringt er auf die begriffliche Bestimmtheit der Einzelerscheinungen, die er darzustellen hat. In der „Bauernbefreiung“ ist das um so wichtiger, als es sich um juristisch festgelegte Tatsachen und um weitere Akte der Gesetzgebung handelt. Alles würde in Verwirrung geraten, wenn hier nicht von vornherein die genaue Sonderung erfolgte. Im übrigen mag man der Ansicht sein, daß Knapp die selbständige Rolle des Rechts in der geschichtlichen Entwicklung unterschätzt hat, da es ihm fast nur als das Ergebnis wirtschaftlicher Voraussetzungen erscheint — von Sohm, mit dem ihm freundschaftlichste kollegialische Wirksamkeit verband, meinte er wohl scherzend: er komme ihm vor wie ein Geist aus idealen Höhen — aber hier handelt es sich nicht um die Wertung der geschichtlichen Faktoren, sondern um ihre klare Bestimmung. Hierdurch hat Knapp der geschichtlichen Methode in der Nationalökonomie eine neue Wendung gegeben; er hat sie von dem nicht zu Unrecht erhobenen Vorwurf befreit, daß sie im breiten Fluß wechselnder Erscheinungen, in der liebevollen Versenkung in alle durcheinandergehende Kultureinflüsse, in der mangelhaften Scheidung der dauernden sachlichen und der vorübergehenden persönlichen Momente alle begriffliche Bestimmtheit aus den Augen verliere und deshalb für die Geschichte mehr als für die Nationalökonomie Frucht trage. Knapps „Bauernbefreiung“ hat gezeigt, daß plastische Darstellung und begriffliche Durchsichtigkeit sich nicht ausschließen. Deshalb konnte ja auch aus diesem Werk geradezu ein Schema abgeleitet werden, das seine Schüler ihren fortführenden und weiter ausbauenden Untersuchungen zugrunde legten.

So hat Knapp in den drei einander folgenden Epochen seines wissenschaftlichen Lebens, die er mit systematischer Sauberkeit voneinander getrennt hat, den drei großen Methoden unserer Wissenschaft, der statistischen, der geschichtlichen, der deduktiv-begrifflichen jedesmal eine entscheidende Wendung gegeben. Ohne je eine Neigung zu eigenen methodologischen Untersuchungen, wie sie etwa bei Max Weber die Darstellungen begleiten, zu zeigen, hat er es getan, indem er selber Muster der Gattung hinstellte. Denn darauf kommt es doch schließlich an, was man mit einer Methode erreicht. Die Statistik hat Knapp dazu gedient, das Bevölkerungsproblem an seinem wichtigsten Punkt neu anzugreifen. Seit Süßmilch war die Absterbeordnung ein bedeutendes Ziel, an dem sich die besten Köpfe vergeblich abgemüht hatten, zuletzt in einer Art von Verzweiflung an der Lage des Materials nur noch mit den unzureichenden der Lebensversicherung. Ich kann nicht beurteilen, ob Knapp das Rätsel völlig gelöst hat, aber er hat jedenfalls gezeigt, wie es zu lösen ist durch die richtige Materialbehandlung, und er hat selbst ein Beispiel an der Bevölkerung einer Großstadt gegeben.

In dem großen Werk über die Bauernbefreiung, der reifen Frucht seines Mannesalters, hat er zunächst die agrargeschichtlichen Grundlagen nicht nur für die Geschichte des preußischen Staates, sondern überhaupt für die der Neuzeit gelegt, wo er dann in seinen kleineren Aufsätzen „Der Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit“ von hier aus Licht nach allen Seiten fallen läßt. Alle Historiker, die der Wirtschaftsgeschichte noch mißtrauisch gegenüberstehen, weil sie von ihr eine Verschiebung zuungunsten der Wertung der politischen Staatsentwicklung und der Wirksamkeit der Personen befürchten, mögen an diesem Werke sehen, wie überflüssig ihre Sorge ist. Nur muß man sich immer vor Augen halten, daß Knapp nicht die Gesamtgeschichte und die vollen Persönlichkeiten erschöpfen und das Gesamturteil über sie bestimmen will. Für die Nationalökonomie aber ist es von höchster Bedeutung, daß hier das charakteristische Stück der kapitalistischen Entwicklung in seinen Vorstufen, Zwischenstufen, seiner endgültigen Ausgestaltung erstmals vollständig erfaßt worden ist, während zugleich die Gegenwirkungen, die wir sozialpolitisch im engeren Sinne nennen, ebenso in ihrer bedingten Entwicklung, in ihren Wirkungen auch öfters in ihrem selbstverschuldeten Scheitern verfolgt werden. Hier war Neuland; denn immer nur hatte man sich seit Marx an der industriellen Entwicklung orientiert, während doch gerade an der agrarischen die einzelnen Phasen beider Strömungen, der kapitalistischen und der sozialpolitischen, noch klarer hervortreten. Wir verdanken es Knapp, daß wenigstens diese eine Seite des modernen Wirtschaftsprozesses völlig klargelegt ist, nachdem unter seiner Leitung der Ausbau und die Anwendung des hier gewonnenen Ergebnisses unter den verschiedenen historischen und lokalen Bedingungen vollzogen worden ist. Hiermit ist auch für die Fortentwicklung der agrarischen sozialen Verhältnisse, — eine der wichtigsten praktischen Aufgaben der Gegenwart — der sichere wissenschaftliche Grund gelegt worden.

Hierüber besteht kein Zweifel: die Stellung der „Bauernbefreiung“ ist unbestritten. Dagegen steht die „Staatliche Theorie des Geldes“ mitten in der lebhaftesten Debatte; und die Zeitumstände, die im Augenblick ihrer Abfassung nicht im geringsten vorauszusehen waren, haben es mit sich gebracht, daß diese Debatte die wichtigste, den Lebensnerv unseres Volkes berührende geworden ist. Es ist hier nicht der Ort, das Für und Wider abzuwägen. Nur die Stellung des vielumstrittenen Buches in der Entwicklung der nationalökonomischen Wissenschaft sei hier kurz gekennzeichnet. Es haben sich von jeher viele scharfsinnige Köpfe um die Theorie des Geldes und mehr noch um die Bewegungen des „Geldmarktes“ — eines seltsamen, aber in seiner Wirksamkeit höchst fühlbaren Begriffs — bemüht; was aber bei den Darlegungen gerade der besten — ich nenne etwa Nasse — auffällt, ist der Mangel an Einheitlichkeit. Allerlei einzelne Eigenschaften, die das Geld als solches erst brauchbar machen sollen, sowie die einzelnen Funktionen, die es ausübt, die aber keineswegs immer zusammenstimmen, werden beschrieben. Auf eine von diesen, insgemein die Tauschmittelfunktion, wird dann der Begriff des Geldes gebaut, was so wenig ausreicht, daß man sich zu recht kümmerlichen Not- und Hilfsbegriffen, wie den des „Geldsurrogats“, gedrängt fühlt. Immer hat man dabei nur das Wirtschaftliche im Auge und läßt den Juristen für ihren Gebrauch ihren eigenen Geldbegriff. In diese Doktrinen, deren Zerfahrenheit einleuchtet, trat Knapp mit einer neuen vereinfachten Fragestellung. Er ließ zunächst die wirtschaftlichen Wirkungen, bei denen immer das Werturteil: „was ist gutes, was schlechtes Geld?“ mit unterläuft, beiseite, indem er den Charakter des Geldes überhaupt als eines Geschöpfes der Rechtsordnung bestimmt — das wahre Ei des Kolumbus! Daraus ergibt sich konsequent die innerstaatliche Natur des Geldes und die nur sekundäre Rolle, die der Geldstoff hierfür hat. Daraus aber ebenso der Warencharakter, den das Geld sofort in allen außerstaatlichen Beziehungen annimmt und der sich, zwar nicht schlechthin notwendig aber doch tatsächlich auf die innerstaatlichen überträgt. Wie dann die hieraus sich ergebenden Reibungen und Konflikte begrifflich abgeleitet und an der Hand der geschichtlichen Erfahrung erläutert werden, wie eben hieran auch die Möglichkeit, sie zu mildern oder zu beseitigen aufgewiesen wird, darin besteht nicht zuletzt auch der praktische Wert dieses kunstvollen, aber wahrlich nicht zerbrechlichen Gebäudes. Knapp selber hat in den erneuten Auflagen die Theorie auf der Höhe der sich überstürzenden Zeitereignisse gehalten; es ist nicht hier der Ort zu untersuchen, wie weit es einen Leitfaden in dem allgemeinen Wirrsal gegenwärtiger Währungsverhältnisse gewährt. Die Hauptergebnisse, wie hier einige angedeutet werden, gehören schon jetzt dem Dauerbestande der Wissenschaft an; zu betonen aber ist, daß Knapp nie eine vollständige Lehre von Gelde hat geben wollen. Er selber hat betont, daß eine Betrachtungsweise wie die Simmels ihren vollen Wert neben der seinen behält; die maßgebende Rolle, die das Geld als Repräsentant wirtschaftlicher Macht im kapitalistischen Produktionsprozeß spielt, brauchte seine Theorie überhaupt nicht zu berühren.

Wie in der Agrarpolitik, so haben auch in der Behandlung des Geldwesens Schüler und Anhänger den weiteren Fortbau, großenteils im Einverständnis und unter der Leitung des Meisters in die Hand genommen. Wie kommt es, daß man trotzdem nie von einer Knappschen Schule, sondern höchstens scherzhaft von „Knapp und der Knappenschar“ redet, wo doch das Zusammenarbeiten so eng ist, daß man die agrarhistorischen Untersuchungen, die aus seinem Seminar hervorgegangen sind, als ein Gesamtwerk ansehen kann? Der Grund liegt nahe: dieser unvergleichliche Lehrer hat zwar immer den strengsten Maßstab der Kritik an die Arbeitsweise seiner Schüler gelegt, aber ihre Individualität nicht nur geachtet, sondern auf alle Weise herauszuheben gewußt. Es ist dasselbe im Verkehr mit Kollegen oder mit denen, die ihm schon im reiferen Alter nahe treten durften: Man geht nie aus einem Gespräch mit Knapp weg, ohne auch sich selber klarer geworden zu sein. Und so kehrt nun unsere Betrachtung vom Werke doch wieder zum Menschen zurück. Ich habe nie einen Lehrer gekannt, der bei strenger Kritik und unbestechlicher Gerechtigkeit seine Schüler so liebt, dem aber deshalb auch so viel Liebe entgegengebracht wird, wie Knapp. Mit seinem Rat und mit immer hilfreicher Tat begleitet er auch ihren weiteren Lebensweg. Selbst auf ihr körperliches Wohl erstreckt sich seine Wachsamkeit. Er steht mir z. B. immer vor Augen, wie er den jugendlichen, damals sehr kränklichen Helfferich mit mütterlicher Sorgfalt behütete und förmlich einwickelte. Ihnen allen, so verschieden ihre Lebens- und Gedankenwege geworden sind, ist der Gedanke an den stillen Seminarraum in der Straßburger Universität wie eine Heimatserinnerung geworden. In diesem engen, mit Zeitschriften und Papieren gefüllten Direktionszimmer spielte sich der größte Teil dieses Gelehrtenlebens ab. Knapp schien unzertrennlich von ihm. Er ist dieser stolzen Pflegestätte deutscher Wissenschaft fast von ihrer Neugründung unwandelbar treu geblieben bis zu dem Augenblick, da diese reiche Blüte roh zertreten wurde; und er ist einer der Wenigen, mit denen sich auch die Elsässer ganz als einem der Ihrigen verwachsen fühlten. Wie manchen andern Gewittersturm, der über seinem Leben hing, hat Knapp auch dieses Leid der brutalen Austreibung, wenn auch schwer, doch bewältigt und sich jene ruhige Harmonie des Wesens gewahrt, die das köstlichste Gut des Alters ist. Wo Knapp auch weile, er ist ein lebendiges Stück Straßburg! Aber das Wirken eines Lehrers ist nicht an einen Ort gebunden. Es lebt fort im Herzen seiner Schüler und Freunde. Und hier hat sich Knapp ein Denkmal gesetzt, so wertvoll wie jenes andere, dauernde in der Geschichte der Wissenschaft.

Lehrer und Schüler
von Staatsminister Dr. Helfferich, M. d. R.

Ich will keine Abhandlung über das Thema „Knapp als Lehrer“ schreiben, so reizvoll dieses Thema ist. Denn ich maße mir nicht an, aus meinem persönlichen Verhältnis zu Knapp heraus dieses Thema so zu behandeln, daß der Lehrer dabei nicht zu kurz kommt. Die zwei Straßburger Semester, in denen ich als Hörer zu Knapps Füßen saß und eifriges Mitglied seines Staatswissenschaftlichen Seminars war, auch die späteren Jahre, in denen ich in enger persönlicher und schriftlicher Verbindung mit ihm blieb, reichen zu einer Würdigung der in ihrer Vielseitigkeit einzigartigen Persönlichkeit Knapps nicht im entferntesten aus. Alles was ich geben kann, sind rein persönliche Wahrnehmungen und Erinnerungen aus Zeiten, die nun um ein Vierteljahrhundert und länger zurückliegen.

Der Straßburger Professor G. F. Knapp war mir nur ein etwas nebelhafter Begriff, als ich im Herbst 1893 zum erstenmal mit ihm in Berührung kam. Ich hatte nicht einmal sein damals schon berühmtes Buch über die Bauernbefreiung — in Inhalt und Form ein klassisches Werk deutscher Forschung und Geschichtsschreibung — gelesen. Sechs Semester lagen hinter mir, von denen das dritte und vierte durch die Einjährigenzeit, das sechste durch militärische Übungen belastet waren. Das juristische und nationalökonomische Studium hatte dadurch nicht gerade gewonnen. Der Name Knapp war in den nationalökonomischen Vorlesungen in München und Berlin aufgetaucht, von Wagner scharf abgelehnt, von anderen in verschiedenen Wärmegraden anerkannt und gerühmt. Dem jungen Studenten erschien Knapp als agrarhistorischer Spezialist und mathematischer Statistiker ohne Beziehung zu den übrigen Gebieten des volkswirtschaftlichen Wissens. Weder die Agrargeschichte, noch die mathematische Statistik hatten für mich eine besondere Anziehungskraft. Mein Interesse gehörte, vielleicht weil ich als Sohn eines Industriellen zwischen Garnkisten und Webstühlen aufgewachsen war, den aktuellen Problemen der sich gewaltig entfaltenden deutschen Wirtschaft. Aus diesem Interesse heraus hatte ich mich vom juristischen mehr und mehr dem nationalökonomischen Studium zugewandt, ohne aber zur Klarheit über meine Ziele zu kommen. Die akademische Laufbahn schien mir den Vorzug zu verdienen vor dem mich gar nicht lockenden juristischen Vorbereitungsdienst. Mit meinem bisherigen Studium und seinen Ergebnissen war ich nichts weniger als zufrieden. Aber ich war entschlossen, nach München zurückzukehren, dort endlich tüchtig zu arbeiten und möglichst bald durch das Doktorexamen zu einem vorläufigen Abschluß zu kommen.

Ein Zufall führte einige Tage vor meiner geplanten Abreise eine alte Freundin Knapps in mein elterliches Haus. Sie erfaßte mit einer durch große Welterfahrung geschärften Menschenkenntnis meine Geistesverfassung und sagte mir gerade heraus: „Du gehörst zu keinem anderen als zu Knapp. Besuche ihn in Straßburg, bestelle ihm einen Gruß von mir, laß Dich von ihm ein wenig ausfragen, höre seinen Rat und bleibe bei ihm!“

Sie wußte es so eindringlich zu machen, daß ich mich nach anfänglichem Sträuben fügte. Von meiner pfälzischen Heimat nach Straßburg war ja nur eine kurze Bahnfahrt. Knapp empfing mich in seinem kleinen Zimmerchen im Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität, sah mich mit seinen ruhigen, dunklen, klugen und durchdringenden Augen an und hörte mein Anliegen, das ich, da ich selbst nicht recht wußte, was ich eigentlich wollte, mit einiger Befangenheit vorbrachte. Dann schlug er mir vor, ihn am Abend abzuholen; er habe einen Gang nach der Stadt zu machen, da könnten wir weiter reden.

Bei diesem Gang durch das abendlich-dunkle Straßburg ließ er sich eingehend über mein bisheriges Studium berichten, stellte hin und wieder eine kurze Zwischenfrage und schien mir sehr erstaunt, als ich nach der aufrichtigen Schilderung meiner bisherigen Zersplitterung mit der Absicht herausrückte, am Ende des zweiten Semesters in das Doktorexamen zu steigen, um mich dann für die Habilitation als Privatdozent vorzubereiten. Das Resumé war ungefähr, daß ich eigentlich erst anzufangen hätte, methodisch zu arbeiten, wobei mir ein Zweifel mitzuklingen schien, ob ich dazu überhaupt Neigung habe. Kein Wort der Ermutigung, nur auf meine Frage die etwas trockene Erklärung der Bereitwilligkeit, mich, wenn ich arbeiten wolle, in sein Seminar aufzunehmen. Ich sollte mir aber gründlich überlegen, ob dies das Rechte für mich sei, mit einem Unterton, aus dem ich heraushörte: „Wenn Du rasch und leicht zum Doktor kommen willst, gehst Du besser vor eine andere Schmiede“.

Trotz guter Empfehlung und bei aller Höflichkeit ein kühler, fast ablehnender Empfang. Ein Empfang, den ich in meinem jugendlichen, durch nichts berechtigten Stolz geradezu als kränkend empfand. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Ich hörte — sehr viel später — von einem Kommilitonen, der damals schon alteingesessenes Mitglied des Knappschen Seminars war, daß Knapp nach meinem Besuch gesagt habe: „Was will der junge Mann hier bei mir? — Er hat ja bisher eigentlich nur den Säbel geschwungen!“

Vielleicht gab damals das Gefühl der Kränkung in mir den Ausschlag: ich wollte dem Mann, der mich so kühl auf die großen Anforderungen der Straßburger rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät hingewiesen hatte, zeigen, daß ich mich nicht fürchtete und ernst zu arbeiten entschlossen war.

Beim Beginn des Semesters meldete ich mich bei Knapp, der über meinen Entschluß leise erstaunt schien. Er fragte mich nach meinem Studienplan und gab mir in freundlicher Weise seinen Rat, wobei er mich vor dem Übereifer warnte, mit dem ich nun das bisher Versäumte einzuholen suchte. Dann führte er mich in seinem Seminar ein, orientierte mich über die Seminarbibliothek und machte mich mit einigen gerade anwesenden Mitgliedern des Seminars bekannt.

Seine Vorlesungen erschlossen mir eine neue Welt. Ich hatte mir aus meinen bisherigen Erfahrungen die Ansicht zurechtgelegt, was man in Vorlesungen höre, könne man mit einigem Verstand ebensogut oder besser aus Büchern lernen. Auch die berühmtesten der von mir bisher gehörten Universitätslehrer hatten mich in dieser Überheblichkeit nicht beirrt. Erst Knapp hat mir die Überlegenheit des lebendigen Wortes über den toten Buchstaben deutlich gemacht — von der ersten Vorlesung an. Alles war darauf abgestellt, aus bekannten Erscheinungen und Tatsachen heraus Probleme zu gestalten, den Hörer zum Mitdenken anzuregen und ihn eine Freude an der oft überraschenden, aber immer einfachen, klaren und überzeugenden Lösung empfinden zu lassen, wie wenn er sie selbst gefunden hätte. Man hatte nicht das Gefühl, daß man einen Stoff vorgesetzt bekam, den man seinem Gedächtnis einzuprägen hatte, sondern daß man das wissenschaftliche Denken und Forschen lernte.

Dieses Gefühl des Hörers wurde gesteigert durch eine Vortragskunst, die dem Hörer stets ein ästhetischer Genuß war und die an Unmittelbarkeit der Wirkung kaum übertroffen werden kann: der Hörer stand unter dem Eindruck, als ob der Vortragende die geistige Arbeit, deren Ergebnisse er ihm vortrug, nicht vorher in der Studierstube verrichtet habe, sondern als ob diese Arbeit sich unmittelbar vor seinen Augen und Ohren vollziehe, ja als ob er selber aktiv an der Geistesarbeit des Lehrers teilnehme. Am stärksten empfand ich diesen Eindruck bei der Vorlesung, die Knapp einmal in der Woche über das Geldwesen hielt, über eine Materie, die damals — 1893/94 — für Knapp selbst ein gerade erst in Angriff genommenes Neuland war. In der Vorrede zu seinem etwa 12 Jahre später ausgegebenen Buch über die „Staatliche Theorie des Geldes“ sagt Knapp, der Schriftsteller, dem er wesentlich zu Dank verpflichtet sei, sei G. Th. Fechner, ein Mann, der niemals über Geld auch nur das geringste geschrieben habe; aber bei ihm, z. B. aus seinem Büchlein über die Seelenfrage könne man lernen, wie das Wesentliche vom Zufälligen unterschieden wird, „..und wenn man finden sollte, daß hier der Versuch unternommen wird, die Seele des Geldes zu entdecken, so hätte ich nichts dagegen einzuwenden.“ Seine Vorlesung über das Geld wirkte auf die Hörer in der Tat als ein solcher Versuch, und der Hörer fühlte sich an diesem Entdeckungsversuche beteiligt und aufs höchste interessiert.

Aber der Schwerpunkt der Knappschen Lehrtätigkeit lag nicht im Hörsaal, sondern in seinem Staatswissenschaftlichen Seminar. Dort verbrachte Knapp in seinem kleinen Arbeitszimmer den Tag von früh bis spät. Die einzigen Unterbrechungen waren seine Vorlesungen und ein kurzer Nachmittagsspaziergang. Im großen hellen Seminarraum mit den Bücherregalen rings an den Wänden, arbeiteten seine Schüler, deren Zahl Knapp nur ungern über 15 oder 16 erweiterte. Knapp stand ihnen jederzeit zur Verfügung. Aber die Achtung, fast möchte ich sagen: Ehrfurcht vor ihm war so groß, daß keiner gewagt hätte, ihn ohne triftigen Grund zu stören. Einmal in der Woche versammelte man sich am Abend zu einem Vortrag, den einer der Schüler über ein mit Knapp vereinbartes Thema hielt und der dann zur Diskussion gestellt wurde. Der Höhepunkt war stets das von Knapp gesprochene Schlußwort. Dann vereinigte man sich zur „Seminarkneipe“ in einem für diesen Zweck reservierten Zimmer der benachbarten „Germania“. Oft fanden sich hier auch frühere Knappschüler ein, jest wohlbestallte Privatdozenten oder Syndici oder gar Professoren. Die zwanglose Unterhaltung brachte die Schüler, alte und junge, unter sich und Lehrer und Schüler untereinander näher. Knapp leitete unmerklich das Gespräch und gab ihm mit seinem universellen Wissen und seinem feinen Humor die Würze.

Aber auch diese Seminarabende, so anregend und fruchtbar sie für uns waren, bedeuteten noch keineswegs den Kern der Knappschen Lehrtätigkeit. Knapp hat diese Abende mir gegenüber mehr als einmal scherzhaft als „Stiefelparaden“ bezeichnet. Knapps Bedeutung als Lehrer lag vielmehr in dem ganz persönlichen Verhältnis, das er zu allen denjenigen herzustellen wußte, die sich wirklich als seine Schüler bezeichnen konnten. Er hat an jedem einzelnen seiner Schüler gearbeitet, wie ein Bildhauer an seinem Werk; er hat jedem einzelnen so selbstverständlich und selbstlos sein Bestes gegeben, wie eine Mutter ihrem Kind. Dabei hat er nie versucht, eine Individualität zu unterdrücken; seine größte Freude war vielmehr, unter seiner Pflege unabhängige Persönlichkeiten heranwachsen und auf seinen eigenen Schaffensgebieten zu selbständigen Mitarbeitern werden zu sehen; so Grünberg und Wittich auf dem von Knapp der Wirtschaftsgeschichte erschlossenen Felde der Bauernbefreiung, so der weite Kreis der Bearbeiter des Geldwesens, von Philipp Kalkmann und mir bis zu Alfred Schmidt und Kurt Singer.

Die bis zum freundschaftlichen Vertrauensverhältnisse gesteigerte Hingabe, mit der sich Knapp seinen Schülern widmete, hatte die sorgfältigste Auswahl zur natürlichen Voraussetzung. Ich hatte an mir selbst zu empfinden, daß es nicht leicht war, sein Vertrauen zu gewinnen. Ich war von Anfang an der eifrigste Besucher seiner Vorlesungen und hatte das Gefühl, daß er dies wohlgefällig bemerkte. Ich arbeitete fleißig im Seminar und erstattete schon nach wenigen Wochen ein Referat über ein Thema aus der preußischen Münzgeschichte, das mir seine lobende Anerkennung eintrug. Aber es blieb auf seiner Seite bei einer beobachtenden Zurückhaltung. Der Entschluß wurde mir nicht leicht, nach Ablauf der ersten Hälfte des Semesters zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, daß ich mich mit ihm gerne über ein Thema für eine Doktorarbeit verständigen möchte. Ich hatte an den Problemen des Geldwesens einen so entschiedenen Gefallen gefunden, daß ich ein Thema aus diesem Gebiet vorschlagen wollte. Knapp schüttelte den Kopf; er bezweifelte, daß ich weit genug fortgeschritten sei, um bereits eine Examensarbeit in Angriff zu nehmen. Mein Drängen schien ihm zu mißfallen. Aber als ich auf meiner Absicht bestand, ließ er sich schließlich auf eine Unterhaltung über das zu wählende Thema ein. Ich weiß heute nicht mehr, wer von uns beiden, ob er oder ich, zuerst von dem österreichischen Vereinstaler gesprochen hat, jener Anomalie, daß ein Münzstück österreichischen Gepräges in Deutschland gesetzlich und tatsächlich Geld war, während es in seinem Ursprungslande aus dem Umlauf vollkommen verschwunden war. Knapp fand, es ließe sich aus dieser Erscheinung manches Wertvolle für die Geldtheorie ableiten, aber das Thema erfordere große Sorgfalt und Genauigkeit in der Bearbeitung des Tatsächlichen und eine gute Schulung des Denkens. Es sei ein Thema, das er eigentlich nur ungern aus der Hand gebe. Aber ich möge mich einmal daran versuchen.

Mit wahrem Feuereifer ging ich an die Arbeit, und ehe noch das Semester zu Ende war, konnte ich Knapp das fertige Manuskript überreichen. In der Zwischenzeit war zwischen Knapp und mir kein Wort mehr über die Angelegenheit gesprochen worden. Knapp nahm die Arbeit mit der erstaunten Frage: „Schon fertig?“ entgegen und verschloß sie in dem Schubfach seines Schreibtisches. Bis zu meiner Abreise in die Osterferien sagte er mir zu meiner großen Enttäuschung kein Wort. Dann aber erhielt ich einen Brief, der mich aus allen Zweifeln erlöste: Er habe die Arbeit erst jetzt lesen können. „Aber nun bin ich durch und möchte Ihnen schnell mitteilen, daß die Arbeit recht gut ist; für die kurze Frist von fünf Wochen, die Sie darauf verwendet haben, sogar sehr gut. Die Hauptsachen sind alle in Ordnung, und die ganze Frage ist gründlich und übersichtlich behandelt. Ich muß gestehen, daß Sie in diesem Semester sehr viel gelernt haben. Ich glaube, daß Sie in diesen Geldsachen noch etwas recht Gutes zustande bringen.“

Nun war das Eis gebrochen. Bei der nächsten Gelegenheit sprach Knapp die Arbeit auf das Genaueste mit mir durch, und von Stund an hatte ich mit ihm die anregendsten Gespräche über die ihn immer mehr beschäftigenden Fragen des Geldwesens. Ich habe diesen Anregungen unendlich viel zu verdanken; sie sind entscheidend gewesen für mein ganzes wissenschaftliches Arbeiten, auch wenn die Wege, die ich ging, bei der Verschiedenheit von Temperament und Neigungen sich von denjenigen Knapps so sehr trennten, daß er sich mir gegenüber in einem seiner Briefe als „Huhn, das eine Ente ausgebrütet hat“ bezeichnete.

In dem Anhang zu der 3. Auflage seiner „Staatlichen Theorie des Geldes“ sagt Knapp bei der Erwähnung meiner „Geschichte der deutschen Geldreform“ und meines Buches „Das Geld“: „Helfferich war als Anfänger mein Schüler in Straßburg. Er hat von meiner größeren Erfahrung vielleicht einen Vorteil gehabt, ich aber habe durch ihn vieles aus der Praxis gelernt. Seine und Kalkmanns Studien haben mich zur „Staatlichen Theorie“ geführt.“

Nie hat ein Lehrer mit größerer und mit weniger berechtigter Bescheidenheit über sein Verhältnis zu seinen Schülern gesprochen. Aber diese Bescheidenheit ist nur der äußere Ausdruck der geradezu unerhörten Selbstlosigkeit, die Knapp — sehr im Gegensatz zu manchem anderen akademischen Lehrer — stets gegenüber seinen Schülern betätigt hat. Als ich einige Jahre nach dem Abschluß meiner Studien Knapp wieder einmal in Straßburg besuchte und wir in seinem Zimmerchen im Staatswissenschaftlichen Seminar über vergangene Zeiten plauderten, da kam die Rede auch auf meine Doktordissertation über die österreichischen Taler, die Knapp unter dem Titel „Die Folgen des deutsch-österreichischen Münzvereins von 1857“ in der Sammlung der von ihm herausgegebenen „Abhandlungen aus dem Staatswissenschaftlichen Seminar zu Straßburg“ aufgenommen hatte. Knapp stand auf, öffnete ein Schrankfach und nahm ein Manuskript heraus: „Das habe ich einmal über die österreichischen Taler geschrieben — vor Ihnen.“

G. F. Knapp als Statistiker
von L. v. Bortkiewicz

Unter den Erscheinungen des menschlichen Lebens, die Gegenstand statistischer Forschung sind, nimmt die Sterblichkeit eine Vorzugsstellung ein. Wird doch als Geburtsdatum der modernen Statistik der Tag angesehen (5. 2. 1662), an dem John Graunt seine „Natürlichen und politischen Beobachtungen über die Sterbelisten der Stadt London“ der englischen Akademie der Wissenschaften (Royal Society of London) vorlegte; und in der Folge ist kein anderes Problem der Statistik auch nur entfernt so oft und so eingehend erörtert worden, wie das der menschlichen Sterblichkeit. Es war also lange kein Neuland mehr, sondern ein bereits vor zwei Jahrhunderten in Kultur genommenes und von unzähligen Vertretern aller zivilisierten Nationen und der verschiedensten Wissenszweige, unter denen die erlesensten Geister nicht fehlten, intensiv beackertes Gebiet, das G. F. Knapp um die Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts betrat, als er daran ging, die Methoden der Sterblichkeitsstatistik einer Prüfung zu unterziehen. Und doch schuf der Sechsundzwanzigjährige mit seiner 1868 erschienenen Schrift „Über die Ermittlung der Sterblichkeit aus den Aufzeichnungen der Bevölkerungsstatistik“ etwas prinzipiell neues: nämlich die erste streng systematisch gehaltene theoretische Grundlegung der „Sterblichkeitsmessung“. Harald Westergaard, der als Kenner der Geschichte der Sterblichkeitsstatistik keine Rivalen hat, bezeichnet denn auch die genannte und die beiden sich ihr anschließenden späteren Schriften Knapps: „Die Sterblichkeit in Sachsen, nach amtlichen Quellen dargestellt“ (1869) und „Theorie des Bevölkerungswechsels“ (1874) als „bahnbrechend“ in methodologischer Beziehung (Die Lehre von der Mortalität und Morbilität, 2. Auflage, S. 102). Ganz ähnlich beurteilt diese Werke der eminent sachkundige Emanuel Czuber, indem er von ihnen sagt, daß sie „eine Wendung auf dem Gebiete der Sterblichkeitsmessung bedeuten“ (Die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie und ihrer Anwendungen, S. 229).

Knapp hat als erster namentlich eine Theorie der verschiedenen „Gesamtheiten von Lebenden und Verstorbenen“ gegeben. Unter „Gesamtheiten“ sind Gruppen von Individuen zu verstehen, welche in bezug auf die Grenzen der Geburtszeit, das Lebensalter oder die Grenzen desselben, sowie in bezug auf den Beobachtungszeitpunkt oder die Grenzen der Beobachtungszeit näher determiniert sind. Da gilt es zunächst die in Frage kommenden Arten von Gesamtheiten auseinanderzuhalten, sodann aber auch die mathematischen Beziehungen zwischen den verschieden gearteten Gesamtheiten aufzudecken. Knapp hat sich hierzu in dem ersten der drei genannten Werke des Mittels der Infinitesimalrechnung bedient, somit die Erneuerung der Bevölkerung durch Geburten und Todesfälle als stetigen Vorgang betrachtet, im zweiten „jede sichtbare Anwendung der Mathematik“, wie er es nennt, gänzlich vermieden und im dritten wiederum eine mathematische, jedoch nicht mehr auf der Stetigkeitsvorstellung beruhende Behandlung dem Gegenstand zuteil werden lassen. So tritt uns ein Ringen mit dem Problem entgegen, wenn wir diese drei Darstellungen miteinander vergleichen, ohne aber daß hierdurch deren Klarheit und Folgerichtigkeit irgendwie beeinträchtigt würden. Jede dieser drei Darstellungen bietet vielmehr für sich genommen etwas in seiner Art abgeschlossenes und vollendetes. Wie kaum ein anderer Gelehrter, hat sich Knapp stets ängstlich davor gehütet, mit einem wissenschaftlichen Halbfabrikat vor die Öffentlichkeit zu treten.

Auf dem Boden der formalen Bevölkerungstheorie, d. h. eben der Lehre von den Gesamtheiten der Lebenden und Verstorbenen gelangen bei Knapp die verschiedenen Verfahrungsweisen, nach denen aus einem gegebenen statistischen Material die Absterbeordnung oder anders: die Sterbetafel hergeleitet werden kann, zur Darstellung und Würdigung. Das geschieht mit einer vorbildlichen Sicherheit und Schärfe. Knapp beschränkt sich hierbei nicht darauf, die bis dahin üblich gewesenen Methoden, sei es tiefer zu begründen, sei es richtigzustellen und auszugestalten, sondern regt auch neue Methoden an, die er alsdann zum Teil selbst — für das Königreich Sachsen — in die Praxis umsetzt. Hier sehen wir ihn als forschenden Statistiker am Werke: unübertroffen, was Genauigkeit der Ausführung und Klarheit der Erkenntnisziele anlangt. In diesem Zusammenhang erörtert Knapp unter anderem die Frage, ob es Gesetze der Sterblichkeit gebe, und kommt da für den Fall, daß man hierbei das Wort „Gesetz“ in dem sonst in der Wissenschaft üblichen Sinne auffaßt, zu einem strikt negativen Ergebnis — einem Ergebnis, das sich mutatis mutandis ohne weiteres auf andere Gebiete der Statistik übertragen läßt, wie denn überhaupt das von Knapp für das besondere Gebiet der Sterblichkeit Gebotene nach mancher Richtung hin eine „extensive Interpretation“ gestattet, ja zu einer solchen hindrängt.

Ex professo hat sich Knapp mit allgemeineren und den allgemeinsten Fragen der statistischen Wissenschaft in seinem akademischen Vortrag „Die neueren Ansichten über Moralstatistik“ (Jahrbücher f. Nat.-Ök. u. Stat., XVI, 1871) und in der Abhandlung „Quetelet als Theoretiker“ (ebendaselbst, XVIII, 1872), die seinerzeit viel bemerkt und seitdem von verschiedener Seite ausgiebig benutzt worden sind, beschäftigt. Die Lehren Quetelets und seiner Anhänger, insonderheit ihre Auffassungen von der Willensfreiheit, werden hier einer eindringlichen Betrachtung unterzogen. Dabei liegt Knapp nichts ferner als, wie er sagt, an das „leicht rührbare“ um den „Verlust kostbarster Güter“ besorgte Gemüt zu appellieren. Er nimmt vielmehr eine „sehr verstandesmäßige Prüfung“ der in Frage stehenden Gedankengänge vor und weist überzeugend nach, wie wenig stichhaltig jener von einigen der Adepten Quetelets noch einseitiger und krasser als von ihm selbst vertretene Standpunkt sei, demzufolge der einzelne in seinem Tun und Lassen von statistischen „Gesetzen“ wie von blinden Mächten beherrscht würde. In den Schriften Quetelets, die Knapp mit nicht zu überbietender Gründlichkeit studiert hat, deckt er unpräzise Begriffsbildungen, schiefe Analogien, innere Widersprüche, absonderliche Vorstellungen in Hülle und Fülle auf. Trotz alledem rühmt Knapp an Quetelet als „unvergängliches Verdienst“ den „kühnen Versuch, den Sozialwissenschaften eine Bereicherung zu verschaffen durch Veredlung der Statistik“, in der Quetelet mit Recht „ein realistisches Hilfsmittel, um die Gesellschaft als ein langsam sich entwickelndes, von den verschiedensten Einflüssen berührtes Wesen von eigentümlichem Bau zu erkennen“, erblickt hätte. Mit solch einer Anerkennung der Leistungen eines ganz anders wie er selbst orientierten Gelehrten hat Knapp ein beredtes Zeugnis abgelegt für seine Fähigkeit und Bereitwilligkeit, auch fremder Wesensart vollauf gerecht zu werden. Gleiches gilt von seinem Verhältnis zu Malthus, dessen Betrachtungsweise ihm in vielfacher Hinsicht zuwider ist. Findet sich doch in Knapps Vortrag „Darwin und die Sozialwissenschaften“ (Jahrbücher f. Nat.-Ök. u. Stat., XVIII, 1872), wo die Beziehungen zwischen Deszendenztheorie und Bevölkerungslehre mit Meisterhand dargelegt werden, der schöne und gelungene Ausspruch: „Süßmilch schuf den Leib der Bevölkerungslehre, Halley ihre Seele, Malthus ihren Geist“.

Um das Bild von Knapps Wirksamkeit auf statistischem Gebiet zu vervollständigen, muß auch noch seiner Tätigkeit als Direktor des statistischen Bureaus der Stadt Leipzig gedacht werden. In dieser Eigenschaft hat er acht Hefte der „Mitteilungen“ dieser Behörde mit wertvollen Beiträgen zur Bevölkerungs-, Sozial- und Finanzstatistik herausgegeben. Die Berufung nach Straßburg (Oktober 1874) setzte dieser Betätigung Knapps im Dienste der statistischen Praxis ein Ende, und auch zur theoretischen Beschäftigung mit Statistik boten ihm Anlaß von jenem Zeitpunkt an nur noch seine akademischen Vorlesungen über „Theorie und Praxis der Statistik“, gelegentlich auch über mathematische Statistik, die er übrigens zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einstellte, sowie seine staatswissenschaftlichen Übungen, bei denen statistische Themata nicht ausgeschlossen waren. So bemißt sich denn die statistische Periode in der wissenschaftlichen Laufbahn Knapps, wenn man sie von seinem Eintritt in das Engelsche Seminar in Berlin her datiert (1. 11. 1865), auf kaum neun Jahre. Sie ist mithin erheblich kürzer gewesen als jede der beiden ihr nachfolgenden Perioden: die agrarhistorische und die geldtheoretische, aber darum nicht weniger erfolgreich und fruchtbar.

Seit langem ein „alter Herr“ der Statistik, wirkt Knapp durch seine Schriften aus diesem Gebiete, die gegen das Veralten gefeit sind, mit ungeschwächter Kraft weiter fort und spornt seine Bewunderer an, ihm nachzustreben auf der Bahn, die er ihnen gewiesen.

G. F. Knapp als Agrarhistoriker
von Carl Johannes Fuchs

„Sollte wirklich die Wirtschaftsgeschichte nur Material und keine Gedanken liefern?“
G. F. Knapp

Drei Schaffensperioden heben sich in dem wissenschaftlichen Lebenswerk Georg Friedrich Knapps deutlich von einander ab: die statistische, die agrarhistorische und die geldtheoretische — drei so weit auseinander liegende, untereinander scheinbar beziehungslose Gebiete, daß ihre Vereinigung in einer Gelehrtenpersönlichkeit zunächst etwas Verblüffendes hat. Und doch entdeckt man bei genauerem Zusehen, daß sie durch einen feinen und festen Faden miteinander verbunden sind: die den Arbeiten auf den drei Gebieten gemeinsame wissenschaftliche Methode. Es ist die nüchterne, streng objektive, gänzlich unvoreingenommene Tatsachenbetrachtung und -darstellung des theoretischen Statistikers, die wir bei dem Agrarhistoriker Knapp ebenso wiederfinden wie bei dem Geldtheoretiker. Daneben hat allerdings bei dem agrarhistorischen Schaffen Knapps auch noch sein erster nationalökonomischer Lehrer, Georg Hanssen, Pate gestanden, bei dem er in Berlin zwei Semester gehört hat, wenn auch ohne ihm damals als bei ihm promovierender Doktorand näher zu treten. Was ihn an diesem Gelehrten anzog, war aber offenbar gerade seine nüchterne, im besten Sinne statistische Tatsachendarstellung. Ist Hanssen doch neben Bernhardi der erste, der in unserer Wissenschaft die realistisch-historische Methode angewandt hat, und zwar in seiner berühmten Monographie über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Schleswig und Holstein vom Jahre 1861, der preisgekrönten Lösung einer Preisaufgabe der Petersburger Akademie.

Hanssen hat aber zugleich in dieser Schrift auch als erster in der deutschen Wirtschaftsgeschichte die „erste große Regel sozialer Geschichtsforschung“ — wie Knapp sagt — angewendet: „das Objekt wird vollständig nach allen Seiten beschrieben, und für die Beschreibung wird ein Zeitpunkt ausgewählt, für den die Quellen überreichlich fließen. Dieser Zeitpunkt ist die Mitte des 18. Jahrhunderts.“ „Dieses Ausgehen — heißt es weiter bei Knapp (Grundherrschaft und Rittergut S. 82) — von einer ganz bekannten, wenn auch neueren Zeit, ehe man der lückenhaften, älteren Überlieferung nahe tritt, ist unser wichtigster Kunstgriff. Sollte je eine Anleitung zum sozialhistorischen Forschen geschrieben werden, so sollte dieser Wink vor allem darin enthalten sein. Aber ich hoffe, daß niemand eine solche Anleitung schreibt; denn wer solche Künste aus Anleitungen lernen muß, lernt sie nie; gebt uns vielmehr glückliche Vorbilder; an denen kann das werdende Talent sein Licht am besten anzünden!“

Hiernach hat er selbst gehandelt und ein solches „glückliches Vorbild“ in seinem großen zweibändigen Werk „Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens“ gegeben, das im Jahre 1887 erschien. — Knapp hat in diesem Werk auf Grund genauester Einzelkenntnisse und -schilderungen nicht nur eine „Ecke von Holstein“, sondern ein so großes Gebiet wie das ganze alte Preußen und ein so bedeutendes Reformwerk wie die berühmte preußische Bauernbefreiung zum erstenmal nach ihrer sozialen Seite hin ganz unvoreingenommen und objektiv dargestellt — also ohne die bisher weit verbreitete kritiklose „liberale“ Bewunderung der Stein-Hardenbergschen Gesetzgebung und mit scharfer Hervorhebung ihrer großen sozialen Mängel und Schäden, insbesondere der Deklaration von 1816, welche durch Ausnahme der kleinen, nicht spannfähigen Bauern von der Regulierung diese geopfert und damit die neue Landarbeiterklasse im Nordosten geschaffen hat, — mit vollkommener Meisterung des gewaltigen aktenmäßigen Stoffes und mit vollendeter Kunst der Darstellung. Er hat einmal (Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit S. 38 ff.) selbst, wohl mit Bezug auf dieses Werk, drei „Mängel der gelehrten Forschung“ genannt, zu denen er sich darin offenbar bewußt in Gegensatz gesetzt hat: die zu große Befangenheit im „Liberalismus“, die „alles in möglichst düsteren Tönen malt, was die ältere Agrarverfassung betrifft“, und es köstlich findet, „daß man hier zugleich das Junkertum brandmarken und die Verdienste der preußischen Könige grell beleuchten kann, die ja dem Junkertum entgegentraten“; ferner den Fehler, daß unsere Rechtsgeschichte „zu antiquarisch“ ist, „unabhängig neben der Wirtschaftsgeschichte herläuft“ und so „oft nicht danach fragt, was ein Rechtsinstitut für das Leben bedeutet, sondern kurzweg die gleichbenannten Dinge für Dinge gleicher Beschaffenheit nimmt“ (wie die alte und die neue „Leibeigenschaft“); und drittens, daß die Forschung viel zu „biographisch“ ist und daher in stetiger Versuchung, wesentlich die Persönlichkeit ihres Helden leuchten zu lassen“: „die Geschichte der sozialen Entwicklung — sagt er — ist etwas durchaus anderes, als die Aufsuchung biographisch verwertbarer Züge“.

Und nur einem Künstler der Sprache konnte ein solches Werk gelingen, wie ihn neben jenem vor allem auch die beiden Vortrags- und Aufsatzsammlungen „Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit“ (1891) und „Grundherrschaft und Rittergut“ (1897) zeigen: wahre Perlen der deutschen Prosa, Muster streng wissenschaftlicher und doch leicht verständlicher und schöner, vor allem aber anschaulicher Darstellung — zugleich (namentlich die Vorträge „Die Landarbeiter und die innere Kolonisation“ und „Die Erbuntertänigkeit und die kapitalistische Wirtschaft“) ein Beweis, daß Knapp auch systematisieren kann, was Hanssen, wie er von ihm sagt, nicht konnte. Knapp erklärt selbst an einer Stelle (Die Landarbeiter S. 91) es sei hier eine „philosophische Zusammenfassung der sozialpolitischen Gedanken über die Landarbeit auf unseren großen Gütern“ versucht. So gleicht seine Darstellungskunst der der ostasiatischen Malerei, deren Eigenart stilisierter Realismus ist: vollkommene Beherrschung und realistische Wiedergabe der Einzelheiten, aber in stilisierter Gruppierung und Komposition — wodurch sie eben Kunst ist, nicht Photographie! Damit hat er selbst erfüllt, was er (Grundherrschaft und Rittergut S. 82) verlangt: „... alle Geschichtsschreibung ist, soweit sie über Materialsammlung und -sichtung hinausgeht, durchaus Kunst. Ein neuer Zweig der Geschichtsschreibung, zum Beispiel Entwicklung sozialer Verhältnisse, wird immer neben den älteren Zweigen nur dann und nur soweit zur Geltung und Anerkennung gelangen, als es gelingt, die entsprechende Kunstform zu finden. Gebt der sogenannten Wirtschaftsgeschichte den ihr angemessenen Stil, dann wird man ihr ein bescheidenes Plätzlein gönnen.“ Solange sie aber als Magd in den Festsaal will mit der ordnungslosen Bürde bloßen Materials, rufe man ihr entgegen: „... Du hast kein hochzeitlich Gewand an.“

Und mit dem Hauptwerk über die Bauernbefreiung hat Knapp in seinem zweiten Band auch noch eine neue spezielle Kunstform geschaffen für die Publikation von Akten: statt unverbundenen, philologisch getreuen wörtlichen Abdrucks eine gekürzte Wiedergabe in frei verbundener fortlaufender Form, unter Weglassung aller Formalien, wodurch sich eine sehr gut lesbare zweite Darstellung der im ersten Band in einem „Überblick“ geschilderten Entwicklung in der Sprache der Zeit und der Akten, also mit einem kräftigen Erd- und Zeitgeruch ergibt — der reine historische Roman, aber von wissenschaftlicher Treue und Wahrheit. Leider hat diese, wie mich dünkt, klassische Darstellungsform, abgesehen von Knapps Schülern, noch keine Nachahmung und Einbürgerung erfahren.

Wie sehr sich aber Knapp, obwohl so weit über den Lehrer hinausgewachsen, Hanssen für diese ganze agrarhistorische Schaffensperiode verpflichtet fühlt, geht aus folgenden Worten (Grundherrschaft und Rittergut S. 158) hervor: „Wenn ein Dozent viele Wochen lang das vorträgt, was bei Hanssen steht, und wenn dabei die Zuhörer bis auf den letzten Mann zusammen bleiben und mit nie nachlassender Spannung bis in die entlegensten Gebiete folgen, dann weiß man, was die Quelle wert ist, und dieser Beweis wird Jahr für Jahr geführt — nur darf ich leider nicht verraten, an welcher Universität es geschieht.“ Wir dürfen es verraten: es geschah an der Straßburger Universität durch Knapp selbst. Aus dieser seiner Straßburger Lehrtätigkeit ist nun der Kreis von Schülern hervorgegangen, die durch eine Reihe von Jahren hindurch in seinem Seminar unter seiner Leitung sein Werk fortgesetzt und zu einer Geschichte des deutschen Bauernstandes oder richtiger der deutschen Agrarverfassung erweitert haben. So sind nach- und nebeneinander Schwedisch-Pommern, die österreichischen Kronländer, Livland, das Königreich Sachsen, Bayern, Baden, Lothringen und Savoyen behandelt und damit die Unterschiede zwischen dem deutschen Nordosten, Nordwesten, Südwesten und Südosten immer klarer herausgearbeitet worden.

Dabei wurde im Anhang zu seinem Buch über die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland von Knapps Neffen und Schüler Wittich auch in der deutschen agrarhistorischen Forschung (wie schon früher in der englischen und französischen) die berühmte „grundherrliche Theorie“ aufgestellt bzw. wieder belebt, wonach die alten Germanen nicht Bauern, sondern kleine Grundherren waren, „deren angesiedelte Knechte die Bauern waren, die für ihren Herrn dem Boden die Nahrung abgewinnen mußten“, und Knapp selbst hat sich in seinem Vortrag auf dem Innsbrucker Historikertag 1896 (Grundherrschaft und Rittergut S. 76 ff.) mit den Worten zu ihr bekannt:

„Blondlockige Müßiggänger, Bärenhäuter im wahren Sinne des Wortes, die nur selten was tun, außer trinken, jagen, kämpfen, — diese urgesunden Tugendspiegel taciteischer Sittenpredigten, sollen Bauern gewesen sein? Sie sind es sicher nicht gewesen. Es waren vielmehr kleine Grundherren, eine Art sozialen Adels, die im Gericht und in der Volksversammlung mitredeten, die aber — wenn auch ihre Frauen den Haushalt führten — niemals die Hand an den knechtischen Pflug legten.“

(Diese viel bekämpfte und auch von Dopsch nur sehr eingeschränkt zugegebene Theorie hat jüngst eine überraschende und keineswegs gewollte Unterstützung erfahren durch die Arbeiten von Ernst über den niederen Adel und das „Herrschaftsdorf“ in Württemberg, denen Leonhard in dem Aufsatz „Urgemeinde und Urieudalität“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 44, eine große soziologische Fundamentierung und Verallgemeinerung gegeben hat.)

Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß Knapp selbst seiner dritten Schaffensperiode, der geldtheoretischen, in der er ähnlich wie in der agrarhistorischen durch eine Anzahl von Schülern die Geldverfassung der verschiedenen Staaten historisch-realistisch erforschen und aufklären ließ, die größte Bedeutung beimißt: man hat den Eindruck, daß diese Arbeiten seinem Herzen heute noch näherstehen als die agrarischen. Er wird es aber dem ersten, der aus dem Kreis seiner agrarischen Schüler an sein Werk anknüpfen durfte, das er ihm noch in den Korrekturbogen zugänglich machte, gewiß verzeihen, wenn er anderer Meinung ist und doch die agrarhistorische Periode des Meisters für die erfolgreichste und wichtigste, für sein eigentliches Lebenswerk hält. Der trotz steigendem Einfluß noch immer vorhandenen Umstrittenheit der Geldtheorie steht die fast ausnahmslose Anerkennung und Durchsetzung der Ergebnisse der agrarhistorischen Forschung gegenüber, die nur in unwesentlichen Punkten — bezüglich des Umfangs des Vorkommens eigener Arbeitskräfte auf den großen Gütern vor der Bauernbefreiung und der wirklichen Durchführung des Bauernschutzes — durch neuere Arbeiten eine quantitative, nicht qualitative Korrektur bzw. Ergänzung erfahren haben. Neben ihrer großen methodologischen Bedeutung für die junge Wissenschaft der Wirtschaftsgeschichte aber erhebt sich die in keiner Weise gewollte, doch eben darum um so wirksamere für die deutsche Wirtschaftspolitik. Sie hat uns das Verständnis für die deutsche Agrarverfassung und ihre eigenartige Gliederung erschlossen. Diese aber ist noch heute wie immer die Grundlage der deutschen Volkswirtschaft und damit aller Wirtschaftspolitik und auch des Wiederaufbaus in Deutschland.

Mit berechtigtem Stolz konnte so Knapp schon 1896 sagen: „Nun liegt der Westen“ (und seitdem auch der Süden) „offen, wie der Osten offen liegt. Das war es, was wir mit harter Arbeit erreichen wollten, manchem zu Nutz und Frommen, keinem zu Trutz oder Leid.“

Tübingen, 15. Februar 1922.

G. F. Knapp als Geldtheoretiker
von Alfred Schmidt-Essen

Die Stellung Knapps in der Geschichte der Geldtheorie zu umreißen ist vor allem deshalb nicht leicht, weil keine klare Entwicklungslinie zu beobachten ist, die durch die ältere Literatur zu Knapp führt. Zwar hat es auch schon vor Knapp Schriftsteller gegeben, die man als „Nominalisten“ oder „Chartalisten“ zu charakterisieren versucht ist, zum mindesten, wenn man das eine oder andere aus ihren Arbeiten herausgreift. Bei meinen Studien über die Geschichte des englischen Geldwesens bin ich häufig auf solche Schriftsteller gestoßen. Knapp selbst sagt von sich, daß er sich Otto Heyn verwandt fühle. Dem Nominalismus stehen auch die Veröffentlichungen Hammers nahe, dem Knapp vor kurzem im „Österreichischen Volkswirt“ ein Denkmal gesetzt hat.

Als eigentliche Vorläufer Knapps kann man sie alle aber kaum betrachten; denn keiner von ihnen war zur Klarheit darüber gelangt, daß hinter ihren von der herrschenden Lehre abweichenden Einfällen und Ansichten unbewußt eine große neue Grundanschauung stand. Von einem richtigen Instinkt geleitet, fühlten sie dunkel, was zu erkennen ihnen noch versagt blieb. Es war nur ein Tasten und Suchen. Leuchtete die richtige Erkenntnis da und dort, in Teilfragen, einmal auf, so wurde sie schnell wieder ausgelöscht durch Anwendung der altgewohnten metallistischen Anschauungsweise. Es wurde gar nicht bemerkt, daß sich die nominalistische Betrachtung mancher Einzelheiten durchaus nicht vertrug mit der metallistischen Grundlehre. Der Nominalismus als solcher, als klar ausgesprochene wissenschaftliche Theorie, war noch nicht aufgefunden.

Diese Tat blieb Knapp vorbehalten. Er hat nachgewiesen, daß die metallistische Theorie der inneren Geschlossenheit und Folgerichtigkeit entbehrt, weil in ihr einander widersprechende Elemente zusammengebunden sind. Entweder nominalistische oder metallistische Betrachtung des Geldes, anders geht es nicht: erst Knapp sprach es aus! Die Scheidung der Geister war damit vollzogen, ein gewaltiger Fortschritt!

Die Theorie Knapps läßt aber auch erkennen, wie der Zwiespalt überwunden und eine einheitliche Lehre vom Gelde auf inzwischen erreichter höherer Stufe wissenschaftlicher Entwicklung wiederhergestellt werden kann. So notwendig der durch Knapp vorgenommene Schnitt auch war, auf die Dauer wirkt der Streit über eines der wichtigsten Gebiete der Nationalökonomie verheerend. Der Laie weiß nicht, in welches Lager er sich schlagen soll. Es fehlt die allgemein anerkannte Grundlage für den Unterricht. Der Praktiker aber scheut sich, von dem theoretischen Handwerkszeug Gebrauch zu machen, solange die Wissenschaft nicht mit sich selbst einigermaßen im Reinen ist.

Die Brücke zwischen Nominalismus und Metallismus müßte da geschlagen werden, wo Knapp in seiner Staatlichen Theorie des Geldes die Funktionen des Edelmetalls auseinandersetzt. Die Rolle, die das Edelmetall im Geldwesen spielt, hat Knapp gründlicher und klarer dargestellt, als irgendein anderer. Das kann nicht genug betont werden. Denn erst wenn man begreift, daß Knapp die Bedeutung des Goldes in der Geschichte und heute durchaus anerkennt, wird man auch einsehen, daß es nicht die Sympathie für irgendeinen Geldstoff sein kann, die trennend wirkt, sondern daß das Problem tiefer liegt, im Geistigen.

Es ist ein Unglück, daß so mancher, der sich berufen glaubt, ein Urteil über das Buch Knapps abzugeben, es selbst gar nicht gelesen hat. Wenn man immer wieder hört, Knapp sei Gegner der Goldwährung, aber Freund der Papierwährung, wenn nicht gar der Papierwirtschaft, so ist dies überhaupt nur so zu verstehen. Denn für jeden, der die Fähigkeit besitzt, den Sinn klar geschriebener Sätze zu begreifen, ergibt sich aus der Lektüre der Staatlichen Theorie, daß Knapp die Beibehaltung der Goldwährung als das Gegebene für die deutschen Verhältnisse vor dem Kriege ansah. Soweit er überhaupt aus seiner Reserve als Theoretiker herausging, und ein Wort über Währungspolitik sagte, bekannte er sich also als Anhänger der Goldwährung. In den nach dem Kriege herausgekommenen weiteren Auflagen des Werkes hat er diese Ansicht keineswegs widerrufen. Zahllose Angriffe, die Knapp jahraus, jahrein unerschütterlich über sich ergehen ließ, rühren von diesem seltsamen Mißverständnis her, daß Knapp die Goldwährung bekämpfe. Es ist ein Ritt gegen Windmühlen, den man nicht ohne Bitterkeit beobachtet, weil er bei einem geringeren Maß von Leichtfertigkeit und bei wirklicher Beschäftigung mit dem, wie zugegeben werden muß, nicht leichten Buch hätte vermieden werden können.

Zu berücksichtigen ist allerdings auch noch, daß die ältere Lehre vom Gelde einen Schriftsteller gar nicht anders zu klassifizieren und zu beurteilen wußte, als danach, wie er sich zur Währungspolitik stellte. Die ältere Geldtheorie blieb in der Politik stecken; sie erschöpfte sich in Verteidigung oder Ablehnung bestimmter Währungssysteme. Ihren Vertretern kam dies natürlich gar nicht zum Bewußtsein. Geht man die ältere Geldliteratur durch, so findet man Schriften, die sich für die Silberwährung einsetzen; andere wieder erklären die Goldwährung für die beste Währungsform. Dann gibt es Schriftsteller, die das Nebeneinander von Gold und Silber empfehlen. Und alle diese gelehrten Währungspolitiker sind zumeist einig in der Abneigung gegen das Papiergeld.

In Deutschland zumal wurden nach Gründung des Reichs die heftigsten Fehden um Gold, Silber oder Bimetallismus geführt. Der Nachhall dieser Kämpfe war noch deutlich zu spüren, als die Staatliche Theorie des Geldes erschien (1905). Kann man sich da wundern, daß auch an dieses Werk die gewohnten Maßstäbe gelegt wurden? Man konnte sich Geldtheorie überhaupt nur als Währungspolitik vorstellen. Und so wurde Knapp als Gegner der Goldwährung abgestempelt, mochte er wollen oder nicht.

Die neue Einstellung zu den Problemen des Geldwesens, durch die das Buch sich von der bisherigen Literatur unterscheidet wie Tag und Nacht, verstand man einfach nicht. Die Staatliche Theorie des Geldes fußt auf der Erkenntnis, daß Währungspolitik und Geldtheorie grundverschiedene Dinge sind. Die ältere Theorie des Geldes war keine Theorie im eigentlichen Sinne des Wortes, d. h. eine ruhige Betrachtung, die allen Erscheinungen mit der gleichen Liebe des Forschers gegenübersteht. Erst Knapp ist es gelungen, den Standpunkt des sich über die Politik des Tages erhebenden kühlen Beobachters einzunehmen. Ihn interessierte das Papiergeld als Tatsache der Währungspraxis nicht minder als das Metallgeld. Überlieferte Sympathien oder Antipathien schaltete er bewußt aus, ehe er an die Untersuchung ging, um nicht von vornherein durch eine Brille zu sehen. „Wenn das Papiergeld schlechtes Geld ist, wie man allgemein annimmt, dann muß es doch zum mindesten Geld sein,“ so ungefähr argumentierte er und beobachtete das Papiergeld nur umso sorgfältiger. So schuf Knapp die Theorie, die alle im Laufe der Geschichte aufgetretenen Geld- und Währungsformen aus einheitlichen Gesichtspunkten erklärt, also nicht nur die Goldwährung oder nur die Silberwährung unter Ablehnung alles übrigen als „anormal“. Aber welche Währungsform sich für ein bestimmtes Land unter bestimmten konkreten Verhältnissen am besten eignet, das muß von Fall zu Fall entschieden werden. Das ist Sache des Politikers, des Praktikers. Es gibt kein allgemein, für alle Zeiten und Länder, gültiges Währungsideal. Diese Einsicht bildet eine der größten Errungenschaften, die wir Knapp verdanken.

Die ältere Geldtheorie hatte geglaubt, die Erscheinungen des modernen Geldwesens nur aus einer rückschauenden Betrachtung der Tauschwirtschaft und des allgemeinen Tauschmittels primitiver Wirtschaftsstufen verstehen zu können. Das verführte sie dazu, die moderne Geldwirtschaft mit dieser Tauschwirtschaft zu verwechseln. Durch falsche Anwendung der historischen Methode irregeleitet, sah sie nicht im Fluß der Ereignisse den Eintritt des Neuen. Knapp hat aus einer eigenartigen Begabung heraus, in der sich historischer Blick mit dogmatischer Schärfe paart, diesen Fehler aufgedeckt und ihn zu beseitigen unternommen. Die Staatliche Theorie des Geldes beschäftigt sich nur mit dem modernen Geldwesen und verzichtet bewußt auf die Herleitung aus ursprünglichen Wirtschaftsstufen. Unser heutiges Geldwesen kann nicht aus Grundsätzen verstanden werden, wie sie dem Wirtschaftsleben primitiver Völker innewohnen. Diese Auffassung Knapps widerspricht allem bisher Gelehrten.

Weil sie Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft durcheinanderwarf, hat die ältere Geldtheorie es auch versäumt, die Bedeutung des Staates für das Geldwesen hinreichend zu untersuchen. Die neuen Gesichtspunkte, mit denen Knapp an die Erforschung des Geldwesens ging, führten ihn mit Notwendigkeit zur Entdeckung dieser Lücke; er füllte sie aus. Weit davon entfernt, dem Staate eine Art Allmacht über das Geldwesen zuzuschreiben, hat er die mannigfaltigen Beziehungen, die Staat und Geldwesen verbinden, ins Licht gerückt, so daß sie jest jeder sieht.

Als Systematiker hat er schon hierbei eine gewaltige Leistung vollbracht. Er hat darüber hinaus alle Erscheinungen des Geldwesens in ein großes System geordnet. Er hat neue Begriffe geschaffen für Vorgänge und Dinge, die in ihrer Eigenart und Besonderheit bisher nicht erkannt worden waren. Eine mühsame Kleinarbeit mußte zuvor verrichtet werden. Durch Voreingenommenheit verursachte Beobachtungsfehler waren richtig zu stellen; es war zu sichten und zu prüfen, ehe an eine Formulierung der neugewonnenen Vorstellungen herangegangen werden konnte. Als Knapp soweit war, sah er, daß nur durch sprachliche Neuschöpfung Reinheit der Begriffe künftig zu gewährleisten war, da die in Übung befindlichen vieldeutig und nicht genügend entwickelt waren. Dieser neuen Ausdrücke wegen ist Knapp angegriffen worden; nichtsdestoweniger haben sie sich in großer Anzahl allgemein eingebürgert und sind z. T. für Wissenschaft und Publizistik unentbehrlich geworden.

Aus der Literatur hat Knapp niemals geschöpft, sondern unmittelbar aus dem Leben, d. h. aus den Erfahrungstatsachen der Geldgeschichte. Er ist an die Erforschung des Geldwesens so unbekümmert herangegangen, als habe noch niemand vor ihm eine Theorie über Geld und Währung geschrieben. Dadurch bewahrte er sich die Frische des Blicks und die Ungetrübtheit des Urteils. Insbesondere hat er niemals den Versuch gemacht, sich mit den englischen Klassikern auseinanderzusetzen. Er schrieb nicht über Geschriebenes, sondern formte seine Theorie aus der lebendigen Anschauung. Gelegentlich führt er in seinem Werk zwar einen Schriftsteller an, z. B. Lord Liverpool; niemals aber, um auf dessen Theorie einzugehen, sondern nur, um ihn als geldgeschichtliche Quelle zu benutzen. Seine Schüler hat er bei ihren historischen Untersuchungen zu der gleichen Arbeitsmethode angehalten.

Diese Entstehung der Staatlichen Theorie nicht aus der Literatur, sondern aus dem Leben selbst, macht allein die Fülle des in dem Werk enthaltenen Neuen und die von ihm ausgegangene umwälzende Wirkung erklärlich. Es ist heute noch „herrlich wie am ersten Tag“.

Über G. F. Knapps Verhältnis zum Staat
von Franz Gutmann

Die inneren Beziehungen, in denen Knapp zum Staate steht, sind von jeher stark gewesen. Er hat einen besonderen Sinn fürs Staatliche. Wenn er in jungen Jahren in Darmstadt oder München die Residenz, den Hof, Beamtentum und kleinstaatliche Diplomatie erlebt, so nimmt er es auf, um später hinter den äußeren Erscheinungen Bedingungen staatlichen Geschehens zu erkennen und herauszufühlen. Das feste souveräne Selbstbewußtsein auf der einen Seite, die wirtschaftliche Unausgeglichenheit der Länder auf der andern — wie klar lagen die Vorgeschichte des Zollvereins und der Kampf um die deutsche Vorherrschaft vor ihm! Ein weiterer Machtfaktor, Militär und Gewalt, beschäftigte ihn stets lebhaft. Militärische Bilder verwendet er häufig. Als ihn von München aus eine Ferienreise nach Tirol führte, begegnete er österreichischen Regimentern, die aus der Lombardei zurückkamen. Die Truppen mit den weißen Mänteln hinterlassen in ihm einen bleibenden Eindruck. Die Monarchie hatte dauernd sein Interesse; nicht bloß wegen ihrer verwickelten Geldverfassung oder agrarhistorischen Merkwürdigkeiten zu Liebe, sondern als staatliches Gebilde an sich, als kunstvoller, empfindlicher Bau, an dem Formen und Einrichtungen so viel bedeuteten und besagten. Und er lernte diese Monarchie verstehen wie kein Zweiter. Weil die Dynastie das Reich zusammenhielt, fesselten ihn auch die Persönlichkeiten der Habsburger. Es war ein Vergnügen, wenn er etwa Friedjung zuhörte oder mit ihm plauderte. Da wetteiferte er mit ihm im Erzählen charakteristischer, aufs effektvollste zugespitzter Geschichten. Wer aber gar das Glück gehabt hat, einmal neben Knapp durch die inneren Straßen von Wien oder nach Schönbrunn hinaus zu gehen, der wird es nie vergessen. Denn unter seiner Führung erschloß sich ihm dabei ein Stück staatlichen Wesens. Ganz anders bot sich der Staat im Elsaß dar. Die politische Vergangenheit des Landes, die gegenwärtige Wirksamkeit des Reiches, die Ausstrahlungen preußischer Staatsauffassung führte zu anderen Gedanken hin. Hier empfindet Knapp, selbst mithelfend am Ruhm der Universität, immer bereit zu beobachten und Erfahrungen zu sammeln, mit innerer Bewegtheit den Aufschwung, den der durch Bismarck geeinte Staat nimmt. Er braucht nur von den Manteuffel, Hohenlohe, Puttkammer, Koeller zu erzählen und die Verhältnisse werden mit schärfster Helligkeit beleuchtet. Im Typischen der Persönlichkeiten werden staatliche Methoden deutlich.

Knapp erfaßt den Staat mit höchst lebendiger Anschauungskraft aus der Wirklichkeit heraus als eine gegebene Realität. Er hat für ihn nichts Geheimnisvolles, nichts Dämonisches, wenn er auch sein Schicksal hat. Bei so natürlichem Verhalten bedarf es keiner Auseinandersetzung, ob und warum der Staat gerechtfertigt ist. Wohl aber gilt es die wechselnden Formen seiner Wirksamkeit und die Elemente seiner Entwicklung zu begreifen und zu zeigen, was der Staat tut und was er kann. Vielleicht wird dann die praktische Politik daraus Nutzen ziehen, indem sie sieht, was man dem Staat zutrauen darf und über welche Mittel er verfügen muß, um neben anderen Staaten das Höchste zu leisten.

In seiner „Bauernbefreiung“ behandelt Knapp einen bestimmten Staat. Die Gesamtnatur des preußischen Staates wird dadurch aufgedeckt, daß die Kräfte dargestellt werden, auf denen in den östlichen agrarischen Provinzen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Schwergewicht liegt. Die Gutsherrschaft, die als kapitalistische Organisation landwirtschaftlicher Produktion in der Arbeitsverfassung wurzelte, die die alten ständischen Verhältnisse zugelassen hatten, wird in einen Staat mit neuen geistigen und seelischen Bedingungen übernommen. Dabei werden die rechtlichen und sozialen Beziehungen verändert, die bisher zwischen Adel und Bauerntum geherrscht hatten. Die Arbeitsverfassung der Gutsherrschaft wird verschoben. Der Junker aber behauptet sich. In diesem ganzen Wandlungsprozeß äußert sich ein fortwährendes Spiel persönlicher und gesellschaftlicher Mächte im Staat, das absolute Königtum setzt sich mit ernstem Willen für die sozialpolitische Tat des Bauernschutzes ein. Es begegnet dem Widerstand des Beamtentums und Adels. Das strenge Pflichtgefühl, das der aufgeklärte Monarch gegenüber seinen eigenen Bauern hat, schwächt sich ab, sobald an seiner Stelle die unmittelbare Leitung im Staat eine zwar ideenreiche, aber weniger rücksichtslos zugreifende Beamtenregierung führt. Diese vermag der Gewalt der Junker nicht Herr zu werden. Aber muß deshalb der gutsherrliche Adel, der für Heer und Verwaltung so viel bedeutet und in seinen Gutsbezirken selbst staatliche Aufgaben übernimmt, in Bausch und Bogen verurteilt werden? Und können die sozialpolitischen Mängel, die aus der Wahrung gutsherrlicher Interessen entspringen, die Vorzüge eines staatspolitischen Systems übertönen, in dem die neue Ordnung der Dinge zwar allzu langsam, aber gleichmäßig und stetig hingestellt wird, ohne Umsturz und ohne daß die tragenden Pferde der sozialen Gliederung beseitigt werden? Hier fehlen die hochfliegenden Pläne, aber auch das Strohfeuer, in dem diese, wie in Österreich, aufgehen. Gerade durch diese Beharrlichkeit des Verlaufes gelang der Abschluß, der Preußen den Anspruch auf seine Führerschaft in Deutschland verliehen hat.

All dies wird bei Knapp mit leidenschaftsloser Kühle gesagt. Er ist frei von Sentimentalität. Das Pathos Schmollers ist ihm fremd. Er verherrlicht den Staat nicht, sondern läßt seine Taten für ihn sprechen. Und während er mit größter Ruhe berichtet und schildert und die Erwägungen der handelnden Personen nachdenkt, mit unübertrefflich zurückhaltender Sachlichkeit Licht und Schatten verteilt — denn: „zu liberal zu sein — politisch liberal ist natürlich hier gemeint — ist auf dem Gebiete der Wirtschaftsgeschichte wirklich ein Fehler, und zwar ein gerade so großer, als wenn man zu reaktionär im Sinne des Junkertums oder zu radikal im Sinne der Sozialdemokratie wäre“ — verspürt man doch die Flamme, die in ihm für diesen Staat brennt.

In seinem zweiten großen Werk erscheint der Name „Staat“ im Titel selbst. In die „Staatliche Theorie des Geldes“ treten die konkreten Staatsindividuen, obgleich er in seiner Forschung von ihnen ausgegangen ist, nur in der zusammenfassenden Übersicht nach „Staaten“ auf. Sonst ist die Rede vom abstrakten Staat, von dem, was an staatlichen Äußerungen allen einzelnen gemeinsam ist. Der Staat regelt im Geldwesen das wichtigste Zahlungsmittel, das die in den staatlichen Grenzen tätigen arbeitsteiligen Wirtschafter innerhalb dieser großen Zahlgemeinschaft miteinander in Verkehr treten läßt. Nicht als ob der Staat das Zahlungsmittel erfunden hätte! Aber in einem bestimmten Augenblick fordern die Bedürfnisse der sich entwickelnden Zahlgemeinschaft, daß die ordnende Gewalt von der „Gesellschaft“ auf ihn übergeht, und nun macht sich nicht nur durch die formale Gesetzgebung, sondern durch sein ganzes tätiges Verhalten der gestaltende und schöpferische Einfluß des Staates geltend. Not und Wollen des Staates, Machtverhältnisse und wirtschaftliche Überlegungen wirken auf die Entstehung von Geld und die Wahl der Geldarten ein. Es gibt starke und schwache, energische und zaghafte, einsichtige und kurzsichtige Staaten. Hier tastet sich ein Staat empirisch vorwärts, dort entscheidet sich ein anderer in währungspolitisch bewußtem Verhalten. Die rechtliche Geltung, die der Staat seinem Geld beilegt, macht an seinen Grenzen halt. Darüber hinaus trifft er Anstalten, damit für die handelspolitischen Beziehungen von Land zu Land sichere Grundlagen gegeben sind. Der feste interstatutarische Kurs gegenüber den auswärtigen Werteinheiten ist das höchste Ziel staatlicher Geldordnung; keine internationale Verabredung, sondern der Gegenstand freien Entschlusses des einzelnen Staates und in seinem Gelingen abhängig von merkantilen, finanzkapitalistischen und kreditpolitischen Vorgängen. Der Staat ist auch hier auf seine eigene Machtstellung im Kreis der übrigen angewiesen.

Knapps Haltung dem Staat gegenüber ist dabei betont unpublizistisch. Er verlangt nichts von ihm, er klagt ihn nicht an und verteidigt ihn nicht. Er weist nur darauf hin, wie die Zusammenhänge liegen und macht durch begriffliche Schärfe klar und durchsichtig, was verschwommen und verwickelt gewesen ist.

Hinter aller gelehrten Arbeit verbirgt sich aber noch ein Zug, wie ihn der Staatsmann selber braucht. Trotz der virtuosen Beherrschung des Formalen ist für Knapp am Wirken des Staates die Form nur Nebensache. Was im Staate geschieht und daß das Notwendige im rechten Augenblick geschieht, also der Erfolg ist ihm für die Beurteilung staatlicher Dinge das Entscheidende. „Wer Geschichte schreibt, ist selber eine Art von Herrscher.“ Staatsmännisch ist die Erkenntnis, daß die wirtschaftlichen Maßnahmen im Staat ihre eminent politische Seite haben, staatsmännisch die Art, wie er die Bedeutung der Menschen für den Staat einschätzt. Dem schwärmerischen, sich überhastenden Doktrinär stellt er den willensstarken Reformator gegenüber. Die geistigen und sittlichen Kräfte sind es am Ende, deren Vorhandensein für das staatliche Dasein den Ausschlag gibt: „Keine Herrschaft wird so leicht ertragen, ja so dankbar empfunden, wie die Herrschaft hochsinniger und hochgebildeter Beamten. Der deutsche Staat ist ein Beamtenstaat — hoffen wir, daß er in diesem Sinne ein Beamtenstaat bleibe!“ An die Heranziehung solchen Nachwuchses denkt wohl Knapp, wenn er an einer anderen Stelle sagt: „Es muß Gelehrte geben, die den Leitern unseres Staates den geschichtlichen Zusammenhang der Dinge nachweisen, damit sie, die praktischen Politiker, die Beamten, nicht von den landläufigen Meinungen fortgerissen, damit sie nicht vom einseitigen Klasseninteresse überwältigt werden. Wie der König über dem sozialen Klassenkampf steht, so sollte das Beamtentum herausgehoben sein über das geistige Triebleben wirtschaftlicher Parteien.“

Vor mehr als 30 Jahren hat Knapp so zu den Studenten in Straßburg gesprochen. Heute bekommen diese Worte neue Bedeutung. Ihre Lebenskraft ist ungemindert und es ist so, wie wenn sich der Meister, den wir grüßen, vorbildlich jugendfrisch, wie er sich uns erhalten hat, an die Stunde der Gegenwart wenden würde.

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