Der Verlauf der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahre wird äußerlich durch folgende Zahlen gekennzeichnet:
Tabelle 1
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Anfang 1922 |
Ende 1922 |
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|---|---|---|
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Dollarkurs (M) |
186 | 7 350 |
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Papiergeldumlauf (Milliarden) |
122 | 1 150 |
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Roheisenpreis (M) |
3 371 | 153 618 |
Innerhalb dieses sich steil auftürmenden Zahlengebäudes zeigen sich aber im Bereiche der Güterproduktion keine einschneidenden Veränderungen. Die Kohlenförderung im Ruhrgebiet bewegte sich im Januar um 8,1, im November betrug sie rund 8,6 Mill. t.
Die Roheisenerzeugung, die in Deutschland zahlenmäßig nicht ausgewiesen wird, dürfte allerdings infolge Herabsetzung des Hüttenzechenkontingents eine gewisse Einschränkung erfahren haben. Der Ausfall an Ruhrkohle wurde jedoch teilweise mittels Einfuhr englischer Kohle ausgeglichen.
Die Beschäftigung der Walzwerke war durchwegs gut. In den meisten Walzerzeugnissen konnte das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten, bloß in Grobblechen zeigte sich gelegentlich ein stärkeres Angebot. Infolge der Roheisenknappheit im Inlande mußten die Werke nach dem Zeugnis der Einfuhrstatistik in steigendem Maße auf fremdes Material zurückgreifen.
Die Baumwollindustrie, namentlich die Weberei, wies in den ersten neun Monaten des Jahres eine wahre Hochkonjunktur auf. Hier erfolgte im letzten Quartal eine Abschwächung, an Stelle der Doppelschichten traten vielfach Kurzarbeit und Betriebseinschränkungen.
Die Statistik des Arbeitsmarktes zeigt gleichfalls, daß in der Produktionssphäre Verschiebungen grundlegender Natur nicht stattfanden. Die Arbeitslosigkeit bei den Gewerkschaften betrug im September 1,4 %, im Oktober 2,4 % und zog seither wohl noch leise weiter an. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit in den Herbstmonaten ist aber der Hauptsache nach eine Saisonerscheinung. Zum Vergleiche sei nur erwähnt, daß die korrespondierenden Verhältniszahlen für die Monate September-Dezember 1921, einer typischen Hausse- und Valutakonjunkturperiode, 1,4, 1,2, 1,4 bzw. 1,6 % betrugen.
Für den ganzen, hier näher betrachteten Zeitabschnitt ist die Tatsache charakteristisch, daß der Innenmarkt Träger der Konjunkturbewegung war. Das war bekanntlich nicht immer so. Gerade die oben berührte, in der zweiten Hälfte des Jahres 1921 einsetzende Hausse war durch massenhafte Kaufaufträge aus dem Auslande stark mitunterstützt. Nach den Erfahrungen des letztvergangenen Jahres ist die exportfördernde und einfuhrhemmende Wirkung des Valutasturzes weniger in Erscheinung getreten. Schnellere Angleichung der deutschen an die Weltmarktpreise hat dies zum Teil bewirkt, noch mehr aber die Maßnahmen gegen Schleuderausfuhr innerhalb, gegen Dumping außerhalb der Reichsgrenzen, soweit die Ausfuhr in Frage kam. Was die Einfuhr betrifft, so bewirkte vielfach die Devisenhausse eine Häufung statt Einschränkung der Warenbezüge, weil die Angst vor weiterer Verteuerung der fremden Zahlmittel vorherrschte.
Dies führt uns unmittelbar zu dem Problem, das im Mittelpunkte der Erörterungen über die Wirtschaftsbewegung in Deutschland stand, ob denn bei Weitergreifen von Inflation und Teuerung die Kaufkraft der Bevölkerung die Produktion auch nur im bisherigen Rahmen tragen könne. Unter der deprimierenden Einwirkung der weite Schichten ins Elend stürzenden Teuerungserscheinungen, prophezeite man in der Handelspresse immer wieder den nahen Zusammenbruch der Konjunktur ohne eine entsprechende Analyse der Gesamtbewegung. In offiziösen Veröffentlichungen fand diese Auffassung Widerhall und so wurde bereits die geringste Steigerung der Arbeitslosenziffer als ein Symptom des Konjunkturrückschlages gedeutet. Im Auslande stieß diese Auffassung vielfach auf Widerstand und es fehlte nicht an ironischen Bemerkungen, daß hier der Inflation wie der Deflation dieselben Wirkungen zugeschrieben werden.
Die Kaufkraft eines Wirtschaftsgebietes beruht auf der eigenen Produktion und gegebenenfalls auf den Krediten des Auslandes. Der Umfang der Produktion entscheidet aber bekanntlich an sich noch nicht über das Maß der neuen Nachfrage. Erst, wenn der Absatz glatt gelingt, schließt sich der Wirtschaftskreislauf und folgt die Nachfrage regelmäßig der vollzogenen Produktion auf den Spuren. Die allgemeinen Absatzbedingungen hängen wesentlich von zwei Umständen ab. Erstens: ob die Produktion der Bedarfsrichtung entspricht; zweitens: ob die Preisstellung dem bestehenden Einkommensystem irgendwie angepaßt ist.
Für die erste der beiden Fragen fällt die Antwort leicht, weil es hier kaum Meinungsverschiedenheiten gibt. Wir leben in einer Mangelwirtschaft, in der es zu einer stoßweisen, den Bedarf überholenden Erweiterung des Angebotes nach Art der Hochkonjunkturperioden der Friedenswirtschaft nicht kommen kann. Für die letzteren war die überstürzte Anlagetätigkeit in der Montan-, Maschinen- und Elektrizitätsindustrie charakteristisch, welche selbst die damalige Fülle der Wirtschaftskräfte bald überstieg und zu einem Rückschlag und allgemeiner Absatzstockung führte. Gegen eine derartig einseitige Entfaltung der Produktionskräfte gibt es im heutigen Deutschland eine unerwünschte Sicherung. Die schmale Kohlenbasis und die dadurch bedingte Eisen- und sonstige Materialknappheit gewähren einem überschäumenden Unternehmungsgeist keinen Spielraum.
Die Eisen- und Stahlerzeugung erreicht etwa 33—45 % der Friedensproduktion. Für diese stark verringerten Quantitäten zeigt sich aber die deutsche Wirtschaft aufnahmefähig. Eine erhebliche Quote derselben dient zur bloßen Erhaltung der maschinellen Anlagen und des Transportsystems. Darüber hinaus werden naturgemäß andere Neuinvestierungen durchgeführt. Neue Schächte werden niedergeteuft, Hüttenwerke und Fabriken ausgestaltet und modernisiert, Kraftzentralen erbaut, an der Schaffung einer neuen Handelsflotte wird emsig gearbeitet. Es ist ja auch zu beachten, daß das Zusammenschrumpfen der Wohnungsbauten einen weit größeren Teil der verfügbaren Eisenbestände für Produktionszwecke frei läßt, als dies vor dem Kriege der Fall war.
Die Mittel zu dieser Anlagetätigkeit lieferten die in Inflationsperioden relativ reichlicher quellenden Unternehmergewinne, auch öffentliche Zuwendungen (Reedereiabfindung), weiter Erlöse, die rheinisch-westfälischen Großindustriellen aus der Abtretung ihrer lothringischen Werke zufielen und schließlich in nicht geringem Grade Beteiligungen von valutastarken Geldgebern zur Finanzierung von Betriebserweiterungen (Krupp, Wolff-Konzern, Böhler-Werke).
Es bleibt nun noch die viel kritischere zweite Frage zu beantworten, inwiefern Kaufkraft zur Aufnahme der Bedarfsartikel, der Gegenstände des Massenkonsums hinreicht, beziehungsweise der fortschreitenden Teuerung gemäß gesteigert werden kann. In diesem Punkte hat man die Natur der Inflationswirtschaft mannigfach verkannt. Man gewinnt beinahe den Eindruck, daß die Handelspresse über die unausgesetzt stürmischen Preissteigerungen den Kopf verlor, schneller jedenfalls als die Unternehmerwelt. Diese hat sich der Umwertung aller Werte als Dauerzustand mehr und mehr angepaßt und der Konsum zahlte — aller Voraussagen zum Trotz — die immer wieder vervielfachten Preise, weil die Inflation die nominelle Kaufkraftsteigerung, zumindest der an der Produktion unmittelbar beteiligten Schichten ermöglichte. So erzeugten Teuerung und Inflation in Wirkung und Gegenwirkung jenen Zustand, daß den deutschen Produzenten die Ware aus der Hand gerissen wurde, und dies wird so bleiben, solange Marksturz und Notenpresse in derselben Richtung wirken, vorausgesetzt, daß die produzierten Scheine ihre Geldeigenschaft als Kaufmittel beibehalten. Als Sparmittel haben sie ja längst aufgehört zu fungieren, aber des allgemeinen Zirkulationsmittels kann eine auf komplizierten Tauschbeziehungen aufgebaute Wirtschaft nicht entraten, daher wird mangels etwas besseren auch das schlechteste Geld genommen, natürlich nur, um mit größter Beschleunigung ausgegeben zu werden. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate zeigte jedenfalls der Verkehrmechanismus den zersetzenden Einwirkungen der Währungszerrüttung gegenüber eine überraschende Widerstandskraft.
Es muß daher gesagt werden, daß der Inflations- und Valutakonjunktur die Deflation und Valutabesserung ein Ende bereiten wird, nicht aber die weitere Inflation. Daß diese Konjunktur für das Land das sie heimsucht, selbst ohne das Eintreten eines dramatischen Rückschlages, eine Katastrophe bedeutet, braucht kaum unterstrichen zu werden. Im Auslande verfolgte man früher, inmitten der eigenen großen Absatzschwierigkeiten, mit neidischen Blicken, mit welcher Leichtigkeit die deutsche Industrie ihre Produkte absetzte. Heute ist auch dort die Erkenntnis verbreitet — Auslassungen verantwortlicher Staatslenker verleihen dieser Auffassung Gewicht — daß trotz mancher gemeinsamen äußeren Kriterien, die Valutakonjunktur mit den Prosperitätsperioden der Friedenswirtschaft innerlich nichts Gemeinsames hat. Der Wirtschaftskreislauf vollzieht sich auf einer viel zu engen Basis, um dem gesamten Volkskörper genügende Nahrung zuzuführen. Auf die Ausfälle in der Kohlen- und Eisenerzeugung haben wir schon hingewiesen. Die chemische Großindustrie arbeitet etwa unter halber Ausnutzung ihrer Betriebskapazität, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfachen. Unter den großen Industrien bildet allein die Baumwollweberei eine Ausnahme, die Monate hindurch voll beschäftigt war, weil sie in großem Maße Lohnarbeit für ausländische Rechnung verrichtet.
Die Folgeerscheinungen dieser Mangelwirtschaft sind bekannt: Unterernährung und unerhörter Rückgang des Lebensstandards in den breitesten Volksschichten, die Hochzüchtung der Spekulation und des Schiebertums, die Zermalmung des Mittelstandes mit ihren bedrohlichen Folgen für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung, die Knebelung der Presse und des gesamten geistigen Lebens.
Der Wirtschaftsapparat, den die Nachkriegskonjunktur in Gang hält, liefert aber nicht einmal zur Bestreitung dieses armseligen Konsums zureichende Mittel. Die Finanzhilfe des Auslandes wird daher nicht bloß zur Durchführung von Neuanlagen und Betriebserweiterungen herangezogen. Effekten, Häuser, Grundstücke gehen ständig in fremden Besitz über, zum Teil in Zahlung zur Deckung des laufenden Bedarfes. Die Nachkriegskonjunktur beschleunigt diesen Substanzverlust und tritt damit in schroffen Gegensatz zu den günstigen Konjunkturphasen der Friedenswirtschaft. Das bleibende Ergebnis dieser war die Erweiterung der Sachanlagen der Volkswirtschaft, während jene mit einer Schmälerung der Wirtschaftsbasis endet.
In der Zukunft muß diese Substanzabspaltung noch stärker fühlbar werden. Zur Deckung des Zahlungsbilanzdefizits konnten bisher in erheblichem Maße Banknoten verwendet werden, die im Auslande in Milliardenbeträgen zu spekulativen Zwecken erworben wurden. Die Entwertung dieser Notenpakete bildete der anwachsenden Auslandsverschuldung gegenüber ein gewisses Gegengewicht. Es ist aber kaum anzunehmen, daß die Spekulationsmärkte für Marknoten, in Goldmillionen gerechnet, auch weiterhin so aufnahmefähig bleiben. Gleichzeitig droht der ungünstige Ausfall der Getreideernte in den späteren Monaten des Erntejahres die deutsche Zahlungsbilanz stärker zu belasten, wenn keine Kredithilfe vom Auslande kommt.
Es bleibt noch ein Problem zu erörtern, das während der Herbstmonate im Mittelpunkte des Interesses stand, die Kapitalknappheit. Sie kündigte sich bereits im Juli an, verschärfte sich in der Folgezeit, wie das Hinaufschnellen des Reichsbankdiskontes dies anzeigt, gab aber dann merklich nach. Die Spuren dieser Verknappung der Geldmittel sind aber auch heute nicht ganz verwischt.
Diese Entwicklung scheint auf den ersten Anblick unserer Auffassung zu widersprechen, wonach die Inflation innerhalb ganz weit gesteckter Grenzen die Wirtschaftsmaschinerie in Bewegung hält, wobei sie allerdings in steigendem Maße leer läuft. Ging doch den meisten Unternehmungen im Wettlauf mit den Preisen der Atem aus. Es fehlte ihnen zur Fortführung ihres Betriebes im bisherigen Rahmen an eigener Kaufkraft und entsprechende Kredite konnten zunächst auch nicht aufgetrieben werden, obwohl der Notenumlauf in der fraglichen Periode sich weiter vermehrte. Inflation bedeutet aber seinem Wesen nach, daß soviel zuschüssiges Geld in den Verkehr geworfen wird, daß die Fortführung der Geschäfte nicht bloß auf der gegebenen Preisgrundlage ermöglicht wird, sondern diese noch weiter in die Höhe zieht. Die Preise in Deutschland haben aber während der kritischen Monate August-Oktober durch äußeren Anstoß solche sprunghaften Erhöhungen erfahren, mit denen die Geldschöpfung garnicht Schritt hielt. Es trat daher die eigentümliche Erscheinung einer verhüllten Deflation ein, weil trotz zahlenmäßiger Vermehrung des Geldumlaufes die reale Kaufkraft des zirkulierenden deutschen Geldes erheblich abnahm. Die Reduzierung des Banknotenumlaufes auf Vorkriegswerte veranschaulicht dies deutlich:
Tabelle 2
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Durchschnittl. |
Innere Kaufkraft in Milliarden Goldmark gemessen am |
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|---|---|---|---|
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Großhandelsindex |
Lebenshaltungsindex |
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August. |
214 | 1,15 | 2,80 |
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September. |
282 | 1,— | 2,20 |
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Oktober. |
400 | 0,70 | 1,80 |
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November. |
624 | 0,55 | 1,40 |
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Dezember. |
1136 | 0,80 | - |