Wie ein Denkmal der futuristischen Plastik baut sich in der bilderreichen Sprache des öffentlichen Lebens der gegenwärtige Zustand der Wirtschaft vor uns auf: eine Verknäuelung aus „Schrauben ohne Ende", „Schleiern der Maja", „Zettelpyramiden“, „Papierlawinen“, „schiefen Ebenen", dies alles beweglich durchzogen von Festmärkern, Gleitlöhnern und Goldsuchern, neuestens bereichert um den Wettlauf des Hasen mit der Schildkröte.1 Eine Zeit für Wunderschäfer und Alchymisten, Sterndeuter und Auguren, aber eine Zeit auch, für die das faustische Wort gilt: „O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.“
Solche Hoffnung wäre vergeblich, wollte man jeden angebotenen Versuch zur Lösung unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach vorwärts bis in seine fernsten logischen Konsequenzen verfolgen, statt ihn auf seine Grundabsichten und den Punkt zurückzuführen, wo sich sein Weg von denen anderer trennt. Durch solches Verfahren allein läßt sich vielleicht Einmütigkeit über einige wenige Prinzipien und Ziele einer Gesundungsaktion erreichen, deren Durchführung wesentlicher ist, als die Anerkennung dieser oder jener Doktrin, hinter deren dünnen Wänden das Chaos lauert. Dabei sei vorausgeschickt, daß fehlerhafte Theorien über wirtschaftliche Fragen weder oft, noch gar überwiegend ihre Lebenskraft von den mit Vorliebe sogenannten „Theoretikern" ableiten (die andere unangenehme Eigenschaften haben), sondern ebenso auf Erweiterung und Verstärkung durch die „Praktiker" beruhen, wie etwa Bewegungen nach Art des Monismus, der Theosophie und des Vegetarismus nur dadurch möglich sind, daß sich einem spärlichen Gehalt an Theorie außerordentliche Massen laienhaften Glaubens anlagern.
Als Ausgangspunkt scheint immerhin folgendes unbestritten: Alle, die an einer Erneuerung unserer Währungs- und Wirtschaftsverhältnisse mitarbeiten, möchten erreichen, daß erstens die Preise nicht kurzfristig mit großer Schwingungsbreite schwanken, zweitens geldwerte Verträge das von ihnen umfaßte Maß an wirtschaftlicher Verfügungsgewalt vom Tage ihres Abschlusses an über lange Zeiträume unvermindert zu bewahren vermögen. Man glaubt, die Heilung von einem Punkte her vornehmen zu können: durch Befestigung „des Geldwertes“, da man in dessen Schwanken den Quell aller Mißstände sieht.
Es wird nun in wachsendem Maße behauptet, daß solche Befestigung zunächst privatwirtschaftlich dadurch zu erreichen sei, daß man dazu zurückkehre, „in Gold zu denken" und daß dann für die allgemeine Wirtschaft nichts zweckmäßiger wäre, als daß der Staat diese Zurückführung aller Zahlenausdrücke auf „Gold" auch seinerseits durch eine Reihe von Gesetzesänderungen anerkenne.
Hier ist zunächst Einspruch dagegen zu erheben, daß das „Denken in Gold" eine Rückkehr zu den Gewohnheiten der Friedenszeit darstelle. Diese Gewohnheit hat es in einer für die Beobachtung der Wesenszüge des Wirtschaftslebens in Betracht kommenden Häufigkeit nie gegeben, sondern jedermann verglich Preise mit Preisen, oder Ausgaben mit Einnahmen, Ertrag mit Umsatz, stehendes mit umlaufendem Kapital usw. Man war mit diesem Verfahren zufrieden, weil die Preise, abgesehen von den täglichen Bewegungen des Marktes und den großen Wellen der Konjunkturen, wenig schwankten, und dachte über die Grundlagen der Währung nur selten nach. Soweit man es aber tat, war man vielfach bereit, sich mit jeder Währungsverfassung einverstanden zu erklären, die dem Wirtschaftsleben den gleichen Dienst gesicherten Waren- und Vermögensverkehrs böte. Freilich glaubte man, daß das Gold schwerlich durch ein zweckmäßigeres Hilfsmittel zu ersetzen sein werde.
Wenn nun heute von vielen Menschen versichert wird, daß sie seit längerer Zeit oder jetzt endlich wieder „in Gold dächten", so muß man dies als ein Neues bestaunen; denn dergleichen gab es in früheren Jahren nicht, es sei denn in den äußersten Randbezirken des Weltmarktes, wo die Tauschbeziehungen sich gegenseitig völlig fremder Bewertungsgemeinschaften aufeinander trafen, und die Vertragschließenden nicht von den gleichen oder auch nur ethnologisch auf ähnlicher Stufe stehenden Rechtsnormen umschlossen wurden. Eben dieser seltsame Vorgang aber vollzieht sich heute inmitten unserer von einheitlichem Recht getragenen Volkswirtschaft. Zwischen Menschen, die mit dem harmlos-törichten Lächeln des Wilden Papierzettel geben und nehmen, als seien es Glasperlen, stehen jene, die hinter fester Stirn nur in Gold zu denken erklären.
Schaltet man aus ihrer Schar zunächst die aus, deren Geschäftskreis ganz überwiegend im Ausland liegt, für die also der deutsche Charakter des Firmensitzes neben der juristischen Bedeutung höchstens die hat, ihnen ein niedriges Unkostenniveau zu gewährleisten, so bleiben alsdann diejenigen abzuspalten, die „in Gold" nur so lange rechnen, als dies ihre Gewalt über die „Papiermarkwilden" verstärkt, das heißt, so lange die Preise der auswärtigen Zahlungsmittel nicht nur hoch sind, sondern die steigende Bewegung fortsetzen.
Befaßt man sich mit dem Rest, der wirklich, unter Aufbietung aller Hilfsmittel, die ihm die Privatwirtschaftslehre zur Verfügung stellt, golden denkt, so ist zunächst die innere Struktur dieses Vorganges aufzuhellen. Ein einfaches Gegenüberstellen von Warenmengen und Goldkörnern findet nach den bekannt gewordenen Selbstbeobachtungen nicht statt, sondern in der schlichtesten Form eine Zurückführung aller in deutscher Währung ausgedrückten Preise auf eine solche fremde Währung, mit deren nominaler Einheit man noch jetzt die gleiche Goldmenge wie etwa im Juli 1914 zu kaufen vermag, also durchweg: die Dollarwährung.
Wird dies zugegeben, so ist nicht recht einzusehen, von woher solchem Dollarrechner jene gelassene Ruhe kommen soll, die er inmitten der Taumels um ihn herum zu besitzen behauptet. Denn es kosteten z. B. „in Gold" gerechnet, das heißt mit Hilfe des Dollarkurses auf „Goldmark" verdichtet:
Tabelle 1
| Datum | 1 kg Kakaopulver | 1000 Backsteine | 1 Paar Hosenträger(Juli 1914 = 3 M.) |
| Anfang Januar 1921 .. | 1,95 | 16,66 | - |
| " " 1922 .. | 1,17 | 10,70 | 0,47 |
| Oktbr. 1922 .. | 1,07 | 18,— | 0,30 |
| Januar 1923 .. | — | — | 0,06 |
| Febr. 1923 .. | 0,55 | 7,86 | - |
Diese wenigen Daten zeigen, selbst wenn man die Schwankungen der Weltmarktpreise berücksichtigt, einen Grad von Veränderlichkeit, der zum mindesten noch auf andere Störungsursachen als die Schwankungen „des Geldwertes" hinweist. Auch ergibt sich hier, daß derjenige, dessen „Substanz" im Juli 1914 aus 10 000 Hosenträgern bestand, im Januar 1923, selbst wenn er diese seine Substanz „erhalten" hat, statt 30000 M nur noch ein Vermögen von 6600 M. „in Gold" besitzt; wer sich aber Anfang Januar 1921 auf Backsteine warf, erlitt bis Januar 1922 einen Vermögensverlust, der bis Oktober sich in Gewinn verwandelte, um im Februar 1923 wieder in sehr betrübendem Schwund zu enden. Wird dieser Aufstellung entgegengehalten, daß die Substanz nicht in der Ware, sondern „im Goldwert" ruhe, so ist zunächst auf die Argumentation der Privatwirtschaftslehre hinzuweisen, die unter der Substanz immer wieder das gleichbleibende Warenquantum versteht, das mit dem Betriebskapital erneut beschafft werden soll. Erklärten wir uns aber mit der Verlegung des Sitzes der „Substanz" in die Goldmenge einverstanden, so bleibt das Bedenken, daß das gleiche Quantum zu verschiedenen Zeiten ein stark wechselndes Maß von wirtschaftlicher Verfügungsmacht innerhalb der Zusammenhänge der deutschen Volkswirtschaft darstellt. Die Probe auf die sonderbaren Bewegungen der „Goldpreise" kann beliebig erweitert werden; immer wird sich zeigen, daß von einer einheitlichen Verschiebung aller Preise, deren Maß der Einzelwirtschaft eine sichere Disposition erlaubte, nicht gesprochen werden kann. Was kann z. B. verwirrender sein als die Vorstellung, daß Aktien, die 1914 450, 451, 516 und 600 Dollar kosteten, am 31. Januar 1923 einen Kurs aufwiesen, der 20, 4¾, 18 und 7 Dollar entsprach? Welch eine auseinanderstrebende Entwicklung schon bei diesen vier Aktien, die drei verschiedenen Produktionszweigen (Eisen-, Elektroindustrie, Bank) entnommen sind! Welche Schlüsse für die aktive Wirtschaftsführung will man daraus ziehen, daß ein hoher Beamter für 30 bis 50 Dollar im Monat bereitwillig arbeitet, daß er aber für diesen Betrag kaum einen einzigen Anzug kaufen kann?
Gewiß: das Bild unserer Gesamtlage mag deutlicher werden, wenn man die gegenwärtigen Markpreise des öfteren auf Dollar oder andere Goldwährungen zurückrechnet; was dann aber freigelegt wird, ist nicht etwa ein glatter und fester Boden, auf welchem stehend man irgendwie übersichtlicher disponieren könnte, sondern die Paradoxien unserer Wirtschaft erscheinen lediglich in eine andere Sprache übersetzt. Nur wer sich mit allen seinen Interessen völlig aus dem Verband der deutschen Wirtschaft gelöst hat, oder wer, wie der reine Ein- und Ausfuhrhandel, der binnenländischen Wirtschaft gegenübersteht, kann ohne Schwierigkeiten in einer Goldwährung rechnen, vorausgesetzt, daß er seine Ware aus Händen empfängt oder in Hände weiterreicht, die das gleiche tun und hierzu auch bei allen Schwankungen der deutschen Wechselkurse wirtschaftlich imstande bleiben. Von dieser Schicht wird hier überhaupt nur insoweit gesprochen, als sie gewarnt werden soll, aus einer Praxis, die für sie richtig und vernünftig ist, ein allgemeines Gesetz währungspolitischen Denkens zu machen, dessen Nichtannahme jeden als einen Narren kennzeichnet.
Hier mag eingewandt werden, daß auch der ganz in Markbeziehungen verstrickte Kaufmann oder Fabrikant des Binnenlandes „in Gold" denken müsse, um sich über seinen Vermögensstatus klar zu werden. Darauf ist zweierlei zu antworten. Jeder Unternehmer ist nur an einem verhältnismäßig kleinen Kreis von Waren wirtschaftlich so interessiert, daß die Art ihres Verhaltens Gedeih und Verderb für ihn bedeutet. Wenn er die Preise dieser Waren und aller sonstigen Kostenelemente seines Unternehmens aus den letzten 3 Jahren auf eine Goldwährung zurückrechnet, so wird er finden, daß deren Verwendung seine Arbeit sehr viel mühseliger gestaltet hätte, da er mit Zahlengrößen und -veränderungen zu operieren gehabt hätte, die nur selten den Größen ähnlich waren, mit denen seine Vorstellungen sich in der Vorkriegszeit vertraut gemacht hatten; gerade die Papiermarkpreise, die ihn vor solchen störenden und ärgerlichen Vergleichen bewahrten, da sie neue Zahlenausdrücke schufen, erleichterten außerordentlich die psychische Umstellung, die die Zeitverhältnisse ohnehin verlangten. Und zweitens: wenn ein Unternehmer erklärt, ohne allseitige goldene Rechnung sein Soll und Haben nicht durchschauen zu können, so ist zu fragen, worauf sich bei so mangelhafter Einsicht in die jetzige Lage sein Anspruch stützt, zu den führenden Schichten der Wirtschaft zu gehören. Niemand hindert ihn, Kontrollrechnungen in Goldwährung privatim durchzuführen, aber gerade diese müßten ihm klar machen, daß eine allgemeine Annahme dieses Grundsatzes keine Lösung der Schwierigkeiten bedeuten würde, vor denen wir stehen, weil auch für ihn selbst schon das gleiche Goldquantum zu verschiedenen Zeiten etwas wirtschaftlich durchaus Verschiedenes darstellt.
In der Tat sind jetzt weite Kreise der Goldsucher dahin gekommen, zu bemerken, daß eine allgemeine Goldrechnung ihnen nicht helfen würde. Dagegen glauben sie, für langfristige Verträge und für den großwirtschaftlichen Vermögensverkehr auf einer solchen bestehen zu müssen, um sich von einem Teil ihrer Risiken zu entlasten. Da aber ein Risiko, sofern seine Ursachen fortbestehen, nicht einfach verschwinden kann, sondern irgend einem anderen Träger aufgebürdet werden muß, so ist zu fragen, wer das ist und welche volkswirtschaftlichen und sozialen Kräfte durch solche andere Verteilung der Lasten aufgerufen werden. — Hiervon in einem zweiten Aufsatz.
- 1 Vergl. W. Harburger, Gleitende Währung. München 1923, S. 30 ff.