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Die zahlenmäßige Erfassung des Wirtschaftsprozesses ist in den Vereinigten Staaten weiter ausgebildet als in irgendwelchem anderen Lande. Während sonst zumeist ausschließlich die Produktionsergebnisse der Montanindustrie fortlaufend registriert werden, erhält man in der Union auch Aufschluß über den Umfang der Produktionstätigkeit in den wichtigsten Zweigen der Baustoff-, Textil-, Leder-, Papier- und Nahrungsmittelindustrien.

Die für die Konjunkturbeobachtung relevanten statistischen Reihen werden von der in Deutschland üblichen Art etwas abweichend ausgewertet. Der in neuen Rekorden sich dokumentierende „Fortschritt“ wird in dem Lande der großen Zahlenfreudigkeit naturgemäß mit entsprechendem Nachdruck hervorgehoben. Mangels neuer Rekorde werden aber die Daten auf die relative Besserung hin eingehend untersucht. Der geringste Ansatz zur Aufwärtsbewegung wird mit einem freudigen Optimismus aufgegriffen. Die große Handelspresse und auch maßgebende Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens beeilen sich dann den Umschwung unterstreichend, eine Atmosphäre der Zuversicht und des Vertrauens zu erzeugen.

Die Verschiedenheit der Vergleichsmaßstäbe hat im vergangenen Jahre vielfach zu verschiedentlicher Beurteilung der Wirtschaftslage in Nordamerika geführt. Die Berichterstattung der Union wies unermüdlich auf die bereits überschrittenen Tiefpunkte hin und wiegte sich auf Grund dieser Einstellung in einer Aufschwungsstimmung, während kritische auswärtige Beobachter mit dem Blick auf die Hochkonjunkturleistungen der amerikanischen Wirtschaft die Situation noch ungünstig beurteilten.

Neuerdings ist die methodische Beobachtung der Wirtschaftsbewegung mit einem bedeutenden Schritt vorwärtsgekommen. Das Bundesreserveamt in Washington sammelt nun die aktuellen Produktionsdaten und kombiniert sie zu einem Produktionsindex. Der Index wird seit Dezember vorigen Jahres im „Federal Reserve Bulletin“ veröffentlicht. Er umschließt die Erzeugung der industriellen Rohstoffe (Kohle, Roheisen, Stahl, Kupfer, Zink, Holz, Zement), der wichtigsten Textilien und Nahrungsmittel. Außerdem werden auch die Leder-, die Tabakindustrie und die Herstellung von Drucksachen hereinbezogen. Die Daten werden von der Geological Survey, dem Zensusbureau, dem American Iron and Steel Institute und einigen Fachzeitschriften und Verbänden geliefert. Der Index ist ein gewogener, die einzelnen Güterquantitäten werden zunächst gemäß der relativen Bedeutung des betreffenden Industriezweiges mit Wertigkeitsfaktoren multipliziert. Diese Faktoren wurden auf Grund des Zensus von 1919 aus den Produktionswerten und der Anzahl der Beschäftigten ermittelt. Bedauerlich ist es, daß über die Methode der Wägung nur so viel mitgeteilt wird, daß bei der Festlegung der Wertigkeitsfaktoren sämtliche Fabrikationsstadien der betreffenden Produkte berücksichtigt wurden. Die Art des Kombinationsverfahrens ist aber entscheidend für die Verwendbarkeit des Index. Wir teilen nachstehend die Resultate der Wägung, ohne die Möglichkeit einer kritischen Stellungnahme, mit. Mit Rücksicht auf die gediegene statistische Arbeit, welche das Bundesreserveamt bisher geleistet hat, beanspruchen die Ermittelungen jedenfalls Interesse.

Eisen und Stahl 24 Holz 11
Textilien 22 Kohle 9
davon Baumwolle 15 Metalle (Kupfer und Zink) 5
Wolle 7 Leder 5
Nahrungsmittel 11,5 Drucksachen 4,5
davon Weizenmehl 5,8 Zement 3
Zucker 1,2 Petroleum 3
Fleisch (Schlachtungenunt. behördl. Kontrolle) 4,5 Tabak 2
Zusammen 100

Der Monatsdurchschnitt 1919 ist gleich 100 gesetzt und die monatlichen Veränderungen werden zu dieser Basis in Beziehung gesetzt. Die Einwirkung der Saisonschwankungen wird mittels sorgfältiger Berechnungen bei den einzelnen Reihen eliminiert. Bleibt etwa der tatsächliche Umfang der Produktion von einem Monat auf den andern unverändert, während saisonmäßig eine Abschwächung zu erwarten wäre, so verzeichnet der Index eine Aufwärtsbewegung.

Die Berechnung des Produktionsindex wurde bis 1913 zurückgeführt. 1919 bewegte er sich ungefähr auf der gleichen Höhe wie im letzten Friedensjahre. Der Höchstpunkt der Nachkriegszeit war im Januar 1920 mit 116 Punkten erklommen, nach einer kurzen Stagnationsperiode erfolgt dann der Abstieg bis 75,1 im Juli 1921. Seither ist mit gelegentlichen Unterbrechungen eine Aufwärtsbewegung im Gange, die seit September 1922 ein beschleunigtes Tempo aufweist. September—November erreichte der Index 100,3, 107 bzw. 115, im Dezember ist mit 114 ein kleiner Rückschlag zu verzeichnen.

Es liegt nahe die Schwankungen des Gesamtindex mit den Produktionsschwankungen innerhalb der einzelnen Industrien in Parallele zu stellen, die wir gewöhnt sind als Maßstäbe für die Konjunkturbewegung zu betrachten. Die Annahme, daß bei der Eisenindustrie die Pendelausschläge heftiger sind als die Schwankungen der Gesamtwirtschaft, bestätigt sich hier zahlenmäßig. Die Roheisenerzeugung zeigt (seit Kriegsende) ein Maximum von 132,8 und einen Tiefpunkt von 33,9. Völlig abnormal gestaltete sich unter den besonderen Verhältnissen der Nachkriegszeit die Kupferproduktion. Im Juli 1921 glitt sie auf 18,2, im August 1922 erreicht sie wieder 100. In der Baumwollindustrie entspricht das Maß der Schwankungen demjenigen des Index, Höchst- und Tiefpunkte erscheinen aber mit sechs Monaten vordatiert.

Prinzipiell bedeutet die Konstruierung eines Produktionsindex den Übergang von der bloßen Feststellung der Bewegungstendenz aus Teilerscheinungen zur Messung der Konjunkturschwankungen. Das hier behandelte Beginnen bedeutet einen beachtenswerten Schritt in dieser Richtung. Der neue Index umschließt allerdings nur einen Ausschnitt der Gesamtproduktion, und es soll nach Absicht der veröffentlichenden Stelle an Hand von noch umfassenderen Produktionsdaten, die aber nur für ganze Jahre vorliegen, kontrolliert werden, wieweit derselbe mit dem Gesamtstrom der Gütererzeugung parallel läuft. Erweist sich aber die Wägung einwandfrei genug, so wird die kombinierte Kurve schon jetzt wertvolle Dienste erweisen. Sie kann namentlich in Übergangsperioden ohne ausgeprägte Richtungstendenz Zweifel darüber zerstreuen, ob die in einzelnen Gewerben wahrnehmbaren Verschiebungen als Zufallserscheinung oder als Konjunkturumschwung zu werten sind.

Zu dem komplizierten Getriebe der Verkehrswirtschaft reicht jedoch selbst der umfassendste und zuverlässigste Produktionsindex nicht völlig zur Bestimmung der jeweiligen Gesamtlage hin. In gewissen kritischen Übergangsstadien ist es leicht möglich, daß der Index nur in einem gewissen Abstande den Lauf der Konjunkturen widerspiegelt. Die Sphäre der Produktion reagiert nicht immer zwangsläufig auf die Vorgänge des Marktes. Verschiebungen in der Vorratsbildung können eintreten. Oft wird es versucht, der rückläufigen Nachfrage zunächst ohne Produktionseinschränkung durch Preisunterbietungen zu begegnen. Bei der erschöpfendsten Produktionserhebung bliebe daher die Heranziehung der Preisbewegung und der wichtigsten Erscheinungen des Geld- und Kreditverkehrs zur Ergänzung und Kontrolle des Bildes unerläßlich. Bei der Auswertung dieser Reihen bildet andrerseits die Kenntnis der Produktionsvorgänge den realen Unterbau.

Die Arbeiten des Federal Reserve Board liegen auf dem Gebiete der Konjunktur-Diagnose. Sie verfeinern die Beobachtungsmethoden und suchen die Gesamtbewegung auf einen einheitlichen Ausdruck zu bringen, überlassen aber im übrigen den Lesern ihres Organes sich selber über die zukünftige Marktgestaltung ein Urteil zu bilden.

Die andere Stelle, die im Dienste der Konjunkturbeobachtung eine umfassend-systematische Arbeit leistet, geht in ihrer Zielsetzung weiter. Das Komitee für Wirtschaftsforschung an der Harvard-Universität verfolgt ausgesprochen den Zweck, eine Prognose des Wirtschaftsverlaufes zu geben und damit die Dispositionen der Geschäftspraxis zu erleichtern. Der Harvard-Dienst hat bereits Schule gemacht, die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten von London und Cambridge haben für Großbritannien ebenfalls ein Wirtschaftsbarometer eingerichtet. Einzelne Gesichtspunkte über die wirtschaftliche Wettervoraussage hat bereits Franz Eulenburg den Lesern unserer Zeitschrift (in Heft Nr. 31 v. August 1922) entwickelt. Die Einzelheiten der von Harvard ausgebildeten Methoden sind in Deutschland nach wie vor unbekannt, weil hier die Publikation (mit einem Jahresbezugspreis von 100 Dollar!) nicht zugänglich ist. Wir kennen bloß die Resultate der Untersuchungen, die in den Wiederaufbauheften des „Manchester Guardian“ übermittelt wurden. Es kommt uns aber nur darauf an, das Prinzipielle, das über die Konjunkturprognose zu sagen ist, kurz zusammenzufassen.

Die Anwendung der naturwissenschaftlichen Analogie auf gesellschaftliche Vorgänge ist heute an sich schon geeignet, Skepsis zu erwecken. Sie stimmt hier schon aus dem Grunde nicht — worauf Eulenburg mit Recht hinweist —, weil es sich bei der Wettervoraussage um eine ganz kurze Frist, bei der Konjunkturprognose um einen Zeitraum von zumindest mehreren Monaten handelt. Doch bleibt dies eine Nebenfrage, die für Beurteilung des Verfahrens keine entscheidende Bedeutung hat.

Der Ausgangspunkt desselben läßt sich vielmehr, abseits vom naturwissenschaftlichen Gedankenspiel, im folgenden zusammenfassen: Sobald die Produktionskräfte aufeinander einspielen — also keine unverkäuflichen Vorräte den Markt drücken und die Erzeugung den Verästelungen des Bedarfs in entsprechenden Proportionen folgt —, nimmt die Wirtschaft einen Anlauf, dessen Stärke mit der Leistungsfähigkeit des Kreditsystems und dessen Dauer mit technischen Faktoren (Ausbau neuer Produktionslagen) zusammenhängt. Die Konjunkturgeschichte zeigt, daß die einmal in Gang gekommene Aufwärtsbewegung etwa 1½ bis 2½ Jahre gedauert und daß der Rückschlag ziemlich regelmäßig von bestimmten Symptomen eingeleitet war. Voraussetzung der relativen Dauerhaftigkeit der Bewegung ist naturgemäß die feste Valuta, sonst kann sie jeden Augenblick aus der Richtung gedrängt werden.

Stellt man die Frage in dem ganz allgemeinen Sinne, ob eine gewisse Regelmäßigkeit in der Wiederkehr von Auf- und Abwärtsbewegung zu erwarten sei, so ist die Möglichkeit der Prognose nicht von der Hand zu weisen. Der Wirtschaftsprozeß als Massenerscheinung zeigt einen typischen Verlauf, weil und soweit die Masse der wirtschaftenden Individuen auf bestimmte Marktlagen ähnlich reagiert. Dies natürlich unter dem bekannten Vorbehalt, daß die Politik der wirtschaftlichen Betätigung einen im ganzen festen Rahmen wenigstens in dem Sinne sichert, daß Umwälzungen in den entscheidenden Produktions- und Absatzländern nicht eintreten, bzw. solche nicht befürchtet werden. Da bei aller Vielgestaltigkeit der konkreten Einzelheiten der Konjunkturverlauf typisch wiederkehrende Züge aufweist, ist eine Stelle, die sämtliche relevanten Daten genau herausarbeitet und sie in ihren gegenseitigen Beziehungen sorgfältig abwägt, wohl in der Lage, den sich vorbereitenden Umschwung schneller und sicherer festzustellen und damit die zukünftige Tendenz voraussagen, als dies mit weniger ausgebildeten Hilfsmitteln möglich wäre. Unseres Erachtens sollte man sich nur vor einer schematischen Behandlung der komplexen Erscheinungen hüten. Der Harvard-Dienst stellt drei kombinierte Reihen auf: der Spekulation (Börsenumsätze und Kurse), des Geschäftsverkehrs (Warenumsätze und Preise) und des Kreditverkehrs (Zinssätze). Aus deren gegenseitigem Verhalten erfolgt auf Grund von Analogieschlüssen aus früheren Konjunkturzyklen die Voraussage. Das ist eine allzu starke Versimpelung der zu lösenden Aufgabe. Die Kurven bilden bestenfalls ein Gerüst, auf das sich eine mehr lebendige Beobachtung des Wirtschaftsprozesses stützen kann. Es mag sein, daß diese an der Untersuchungsstätte durchgeführt wird, den Lesern der auszugsweisen Berichte wird sie nicht vermittelt. Mit dem Kurvenkombinationsverfahren dürfte aber die Aufgabe noch nicht erschöpft sein. Sein zweifelloser Wert besteht darin, daß es geeignet ist, die Erfahrungen früherer Konjunkturperioden in einer komprimierten Form einem weiteren Leserkreise vor Augen zu führen. Dies könnte eine Wirkung haben, wenn die Publikationen von einer entsprechenden Anzahl Praktiker verfolgt wären, die im allgemeinen „unhistorisch“ denken und zumeist geneigt sind, anzunehmen, daß sie einer einzigartigen Konstellation gegenüberstehen. Gelingt es überhaupt, den Prognosen in weiteren Kreisen der Praxis Autorität zu verschaffen, so könnten sie den Konjunkturverlauf in der kritischen Phase des Übergangs vom Aufschwung zum Niedergang in heilsamer Weise beeinflussen. Damit wäre ihr vornehmlicher Zweck erfüllt.

G. K.

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