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Der in den Vereinigten Staaten zur Zeichnung auferlegte Teil der Völkerbundsanleihe für Österreich war schon nach einer Viertelstunde überzeichnet. Diese Tatsache hat ihre wesentliche politische Bedeutung und gehört somit in den großen Fragenkomplex der amerikanischen Europapolitik hinein, sofern man der Stellungnahme der Amerikaner zu den europäischen Fragen noch den Namen Politik geben kann. Wenn diese Anleihe Schule machen wird für die Form der amerikanischen Mitarbeit am Wiederaufbau, so erledigen sich damit manche der Fragen, die für viele eine Angelegenheit des nationalen Gewissens sind und als solche besonders den weniger engstirnig-liberalen Kreisen zu denken gegeben haben. Kann aber auf dem Wege der Gewährung von Anleihen dauernde Abhilfe nicht geschaffen werden, so ist damit – sofern man überhaupt sich noch für Europa interessiert – die Notwendigkeit einer direkteren Beteiligung an den europäischen Beratungen hinreichend dargetan.

Unter manchen Gesichtspunkten gesehen, stellt die Anleihe geradezu ein Hindernis dar für eine weitsichtigere amerikanische Politik Europa gegenüber, dem (wie immer wieder betont werden muß) der Amerikaner über den bloßen Erdteilcharakter hinaus mit Recht oder Unrecht stets eine politische und wirtschaftliche Zusammengehörigkeit beimißt. Der Amerikaner macht es sich ein wenig leicht, wenn er nach Zeichnung von 25 Mill. $ für eine achtprozentige Anleihe sich in die Brust wirft und sagt: Seht, das tut der Amerikaner für den Wiederaufbau Europas! Wohl ist wahr, daß die Zuteilung der Anleihe an Amerika vierfach überzeichnet worden ist. Aber dies allein bildet hoffentlich doch nicht den Maßstab der amerikanischen Sympathien für Österreich oder des amerikanischen Wunsches, Europa zu helfen. Hundert Millionen der Anleihe wurden in anderen Ländern untergebracht und in England allein mehr als in den Vereinigten Staaten. Und zweifellos haben die den Banken für ihre Bemühungen um die Zeichnung gezahlten Prämien, die 8%ige Verzinsung und die Tatsache, daß die Anleihe durch acht der wichtigsten Mitgliedstaaten des Völkerbunds garantiert wird und auf ziemlich sicheren Einnahmequellen, wie dem Salz- und dem Tabakmonopol, basiert, das meiste dazu getan, daß der Einladung zur Zeichnung so bereitwillig gefolgt worden ist. Nicht wenig bezeichnend ist auch, daß die Amerikaner gern bereit gewesen wären, die ganze Anleihe allein zu zeichnen, während die Union selbst nicht zu den Staaten gehört, die sie garantiert haben, so daß man ihr füglich nachsagen könnte, daß sie sich wohl am Profit der Anleihe, nicht aber an ihrem Risiko zu beteiligen beabsichtige.

Für jeden generöser denkenden Amerikaner ist eine solche Auffassung natürlich reichlich demütigend und gibt nicht geringen Anlaß zu Besorgnissen hinsichtlich der künftigen Gestaltung der amerikanischen Europapolitik, besonders deswegen, weil die Anleihe einen üblen Präzedenzfall zu schaffen droht; die Geste, Geld herzugeben, ohne dabei eine politische Verantwortlichkeit zu übernehmen, könnte leicht für Amerika zur fatalen Gewohnheit werden – das aber würde seinen Verzicht auf jeden Einfluß zum Guten in der Weltpolitik bedeuten. Kreditgewährung gehört natürlich notwendigerweise zu jeder amerikanischen Hilfeleistung für Europa; aber es gibt dazu noch Wichtigeres, nämlich guten Rat und die Übernahme von Verantwortlichkeit, die hinter jedem Ratschlag zu stehen hat, sowie die Anwendung eines moralischen Drucks, um jedem anarchischen und selbstsüchtigen Geiste zu steuern, der heutzutage in Europa die Politik bestimmt. Bisher ging die Tendenz im allgemeinen dahin, daß, wenn Europa seine politischen Differenzen geregelt haben würde, Amerika seine wirtschaftliche Unterstützung bereitstellen würde. Gegen diese Haltung war wohl einzuwenden, daß Amerika seine Fähigkeit, einige von den gordischen Knoten der europäischen Konfliktpolitik durchschlagen zu können, unterschätzt hat; aber sie stellte wenigstens nicht wirtschaftliche Erwägungen voran.

Wenn jedoch nunmehr die Vereinigten Staaten oder ihre Banken anfangen sollten, als Pfandleiher größten Stils sich auf einzelne der notleidenden europäischen Länder zu stürzen, so wäre damit ein nicht mehr gutzumachender Schaden angerichtet, den viele gute Amerikaner besorgen.

In gewisser Weise hat die österreichische Anleihe Anlaß zur Besinnung gegeben, und man fragt sich auch in Amerika ernstlich, ob diese Anleihe wirklich ein Heilmittel für den Krankheitsfall Österreichs darstellt oder ob sie nur an dessen Oberfläche rührt. Wer die Lage Europas und die Österreichs im besonderen auch nur entfernt begreift, ist sich durchaus bewußt, daß für den Wiederaufbau Österreichs Wichtigeres zu tun ist als die Ausbilanzierung seines Staatshaushalts und die Stabilisierung seiner Währung, für welche Zwecke die Anleihe offenbar gedacht ist. Schuld bleiben an der gegenwärtigen Notlage Österreichs die Bedingungen des Vertrags von Saint Germain, an welchen die Anleihe nichts ändert. Österreich ist durch diesen Vertrag von den Ländern abgetrennt worden, auf die es in wirtschaftlicher Hinsicht angewiesen ist, und nicht nur durch den Vertrag, sondern auch durch die Eifersüchteleien und die Sonderinteressen seiner Nachbarn, die wiederum unter dem Einfluß der Westmächte stehen. Österreich ist unter den gegenwärtigen Bedingungen kein Wirtschaftskörper mit eigener Lebensmöglichkeit und kann, wie es jetzt ist, nur verhungern oder auf Grund internationaler Wohltätigkeitsmaßnahmen sein Leben weiterfristen. Es müssen hinreichende Gründe bestehen, die den Völkerbund oder vielmehr Frankreich und England dazu bewegen, 125 Mill. zu besorgen, nur damit Österreich bleibt, was es ist, damit es sich einerseits nicht mit Deutschland einläßt und andererseits vor dem völligen inneren Zusammenbruch, dem Bolschewismus usw., bewahrt bleibt. Ein kleiner Schritt weiter führt zu der Feststellung, daß die Erhaltung eines solchen Österreich gerade das ist, was Frankreich wünscht, um den Weiterbestand seines „cordon sanitaire“ um Deutschland zu sichern, den Kordon, für den es Millionen von Franken in den Anleihen für Polen und Rumänien hergibt und den es ganz kürzlich noch durch die Reise des Marschall Foch nach Warschau und Prag zu befestigen gesucht hat. Das französische Übergewicht im Völkerbund erklärt das übrige. Österreich fest in der Hand zu haben, das ist dem Völkerbund diese Millionen wert; verpfändet ist es doppelt sicher – auch wenn es die eigentlichen Besitzer niemals reklamieren werden. Diese Politik bedingt natürlich eine scharfe Überwachung Österreichs, das für seine „Sicherheit“ selbst zahlen muß, soweit es nur irgend kann; das wird man durch scharfe Sparmaßnahmen und durch Beseitigung gewisser sozialer Errungenschaften der Nachkriegszeit zu ermöglichen suchen, selbst auf die Gefahr hin, daß dadurch die Reihen der Arbeitslosen anschwellen und die Unzufriedenheit steigen wird. Irgendwie „radikale“ Tendenzen werden schärfstens unterdrückt werden, da sonst das Anlagekapital, das für die Aufrechterhaltung des Status quo von 1919 aufgebracht worden ist, gefährdet werden würde. Für diese Aufgabe und um Frankreichs Politik zu camouflieren, ist der Völkerbund wie geschaffen.

Daß eine solche Deutung der Anleihe, die in der Union durchaus nicht vereinzelt dasteht, das Ansehen des Völkerbundes in den Vereinigten Staaten nicht zu mehren angetan ist, liegt auf der Hand. Schlimmer ist jedoch, daß ein solcher Mißbrauch der amerikanischen Bereitschaft, wenigstens finanziell zum Wiederaufbau Europas beizutragen, schließlich gegen jede Art von Zusammenarbeit mit Europa wirken muß, an der der Völkerbund oder eine verwandte Institution, etwa der Permanente Gerichtshof im Haag, beteiligt ist.

New York, Ende Juni 1923.
Virgil Jordan

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