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Der Streit, ob die Währungspolitik den allmählichen oder schnelleren Übergang zur Goldmarkrechnung – mit dem Ziel der Goldwährung – vornehmen solle oder ob eine Stabilisierung der Währung, also eine Stabilisierung der Papiermark, zu wählen sei, ist praktisch bereits entschieden. An dieser Tatsache wird auch daran nichts geändert, dass aller Voraussicht nach während der nächsten Wochen die Fehde zwischen den Anhängern der verschiedenen Währungsprogramme noch andauern wird, wie sie jetzt durch lange Monate hindurch zumal in den führenden deutschen Handelsblättern geführt wurde: hie Frankfurter Zeitung für Währungsstabilisierung und gegen Goldmarkrechnung – hie Vossische Zeitung und Berliner Tageblatt für Goldmarkrechnung und ebenfalls, jedoch nur in zweiter Linie, für Währungsstabilisierung.

Hier liegt allerdings der Schlüssel. Tatsächlich ist keine andere Möglichkeit für die Einführung der Goldmarkrechnung gegeben, als sie gleichzeitig mit einer Stabilisierung auch der „Restwährung“, der Papiermark, heraufzubringen. Wer das eine will, muss aus zwingenden Gründen das andere damit vereinen. Tatsächlich sind wir aber aus dem Stadium des Wollens oder Nichtwollens bereits herausgetreten. Mit der Auflegung der deutschen Goldanleihe ist der erste Schritt auf einem Wege getan. Der Versuch, hier umzukehren oder, was dasselbe bedeutet, bei halben Maßnahmen stehen zu bleiben, wird – wie wir hier noch zeigen – ins Chaos führen. Wer die Verknüpfung der Dinge nicht sieht oder wer noch glaubt, dass man es nun in der Hand habe, einen „allmählichen Übergang“ zur Goldmarkrechnung durchzuführen, verdient, wie die Mehrzahl der Propagandisten der Goldrechnung, den Vorwurf unscharfen Denkens oder den schlimmeren gewissenloser Leichtfertigkeit.

Was heißt denn überhaupt Einführung der Goldrechnung? – und was heißt sie insbesondere in unserem Fall, in dem die Ausgabe der Goldanleihe sie nach sich zieht? – Da in weiten Kreisen der Praxis eine befremdliche Unsicherheit über dieses allgemeine Wunschbild besteht, sei es hier noch kurz präzisiert: Es bedeutet die Umrechnung aller auf Papiermark lautenden Beträge nach dem Stand einer goldwertigen Auslandswährung bzw. die Umrechnung aller in „Goldmark“ ausgedrückten Beträge in Papiermark über den Dollar- oder Sterlingkurs (letzterer ist freilich nicht voll goldwertig) und zwar in der Regel den Tageskurs, sonst wohl auch den Durchschnittskurs längerer Zeiträume. Die Goldmark ist eine fiktive Werteinhalt, angepasst dem Goldwert einer Auslandswährung; Zahlungsmittel bleibt die Papiermark. Goldrechnung heißt dagegen nicht, dass die Preise gleich den „Weltmarktpreisen“ werden oder sich gar wieder auf dem Vorkriegsstand einspielen. Deutschland wird vielmehr auch nach der vollkommenen Einführung der Goldrechnung seine eigenen Preisverhältnisse haben; die Preise sind ebensowenig für längere Zeiträume stabil, wie in anderen Ländern, und sie zeigen ebenso größere und kleinere Abweichungen nach unten und oben von den Preisen anderer Länder, wie die Preise dieser Länder untereinander.

Dagegen werden alle Erscheinungen auftreten, wie sie uns aus den Stabilisationsperioden der Währungen sattsam bekannt sind: Geschäftsstockung im Inneren, Verminderung der Konkurrenzfähigkeit im Ausland bei hohen Preisen, die hohe Löhne nach sich ziehen, Sinken des Exports – endlich Arbeitslosigkeit. Ob man diese Folgen überall dort vorausgesehen hat, wo man die Einführung der Goldmarkrechnung propagierte, mag unentschieden bleiben – wahrscheinlich hatte man dort mehr die privatwirtschaftlichen Vorzüge im Auge, die bei „auf Gold“ gestellten Betrieben innerhalb einer in Papiermark arbeitenden Wirtschaft deutlich genug in die Augen springen – aber das Entscheidende war ja wohl das Streben nach klaren, reinlichen und „gesunden“ Verhältnissen in Kalkulation und Bilanzierung, in Kreditwirtschaft und Kapitalbildung. Unbestritten soll es sein, dass der größte Vorzug der Goldrechnung gegenüber einer „einfachen“ Währungsstabilisierung das psychologische Moment ist: einen neuen Anfang zu sehen.

Sicher ist jedenfalls soviel, dass „die Wirtschaft“ bei der konsequenten Durchführung der so sehnlich herbeigewünschten Goldrechnung ein furchtbares Erwachen erleben wird. Der Anfang davon ist bereits gegeben, wobei freilich unentschieden bleiben soll, welcher Anteil an den Ursachen der gegenwärtigen Verhältnisse – Devisensturz, Zusammenbruch der Märkte – gerade der Goldrechnung mit ihrem Beginn in Goldanleihe und Steuerreform, welcher den außen- und innenpolitischen Verhältnissen und dem allgemeinen Optimismus zuzuschreiben sei.

Die Einführung der Goldrechnung, wie sie sich im Gefolge der Goldanleihe augenblicklich vor unseren Augen vollzieht, bringt gegenüber einer „einfachen“ Währungsstabilisierung das gewaltig erschwerende und belastende Moment, dass hier das „Ausweichen“ nicht mehr möglich ist, das bei Stabilisierungen jedesmal dann eintritt, wenn das Defizit des Staatshaushaltes und die Passivität der Zahlungsbilanz die Inflation derart haben anwachsen lassen, dass das zunächst gewählte Stabilisierungsniveau nicht mehr zu verteidigen ist. Hier muss ganze Arbeit geleistet werden, denn: steht neben der Einführung der Goldrechnung nicht die Stabilisierung der Papiermark, wird das Defizit der Zahlungsbilanz und des Budgets nicht zum Verschwinden gebracht oder durch andere Mittel ausgefüllt als nur durch eine neue Notenemission, so reißt die neue Inflation die Geltung der Papiermark mit sich fort, da nunmehr im Inneren ein Ersatz für die Papiermark vorhanden ist; die Annahme der Papiermark wird im Inneren allgemein verweigert, die Wirtschaft ist von Zahlungsmitteln entblößt, der Staat gezwungen, die neu entstandene Goldwährung inflationistisch zu verderben: der Totentanz einer zweiten Währung würde unter noch fürchterlicheren Folgen als der eben erlebte beginnen.

Zu der Feststellung, dass eine Papiermarkwährung neben der Goldmarkrechnung nur bestehen kann, wenn sie in einem festen Verhältnis zu ihr steht, d. h. stabil ist, führen gleichsam von anderer Seite folgende Überlegungen. Die Auflegung einer Goldanleihe in einem solchen Umfang und bei einer so langen Zeichnungsdauer, wie es vorgesehen ist, erzwingt ohne weiteres die Einführung von Goldkonten auch gegen Papiermarkeinzahlung. Denn: entweder man rechnet damit, die Papiermarkwährung stabilisieren zu können – dann ist die Umwandlung eine Selbstverständlichkeit, von der nur in geringem Umfang Gebrauch gemacht wird. Oder man rechnet mit weiteren Schwankungen, d. h. weiterem Wertverfall der Papiermark: dann aber wird der Drang nach einer Goldanlage aller verfügbaren Papiermarkbeträge so übermächtig sein, dass er den Rahmen des vorgesehenen Goldsparverkehrs der öffentlichen Sparkassen sprengt; bei der überall vorhandenen Anlagemöglichkeit – dank des hohen Betrages der Anleihe – werden alle Papiermarkbeträge in diese abwandern. Jeder Versuch einer Einschränkung bedeutet ein Agio für die Goldmark, also ein Absinken des Papiermarkwertes, mit der Folge eines immer schnelleren Wertverfalles bis zur Zurückweisung der Papiermark an Zahlungsstatt. – Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Wechselverkehr. Für Papiermarkwechsel ist kein Raum mehr in einer Wirtschaft, die den großen Schritt zur Goldmark gemacht hat – wenigstens nicht bei Diskontsätzen, wie sie jetzt, einen Entwertungsfaktor mit enthaltend, bestehen. Es ergibt sich wieder die Alternative: entweder man rechnet mit einem Absinken des Papiermarkkurses oder mit stabilem Kurs. Im ersteren Fall wird keine wie immer geartete Kreditrestriktion imstande sein, den Ansturm von Wechseln aufzuhalten, der von den Kreditnehmern ausgeht, welche für ihr Geld die bequeme Verdienstmöglichkeit in der Anlage in Goldanleihe sehen; jede Diskonterhöhung erscheint unzureichend, da der Kreditnehmer hoffen kann, dass sie durch den Währungsverfall immer noch überkompensiert wird. Die Steuerzahlung würde aus Reichsbankkrediten, also auf Kosten neuer Inflation, geschehen. Der Ansturm wird sich nur auf die Reichsbank beschränken, da Papiermarkkredite von privater Seite dann so gut wie nicht mehr zur Verfügung stehen. Oder aber man rechnet mit stabiler Papiermark: dann wird sich kaum jemand finden, der imstande wäre, einen Kredit zu einem höheren Zinssatz als etwa 15 v. H. aufzunehmen. Die Reichsbank ist dann (d. h. praktisch: also bereits jetzt) zu einer völligen Umstellung ihrer Diskontpolitik gezwungen.

Die Aufgabe, die die Reichsregierung mit der Ausgabe der Goldanleihe übernimmt, ist ungeheuer groß. Es handelt sich hier nicht allein darum, für den Zinsendienst der Anleihe genügende Sicherheiten zu schaffen, um ihren Goldwert zu garantieren: das allein würde schon die Umgestaltung der Steuergesetzgebung und den Zwang zum Aufhören einer Defizitwirtschaft bedeuten. Wenn es in dem Kommuniqué der Reichsregierung heißt, die Anleihe solle „der Bevölkerung eine wertbeständige Anlagemöglichkeit geben“, so ist das eine sehr milde Umschreibung für den entscheidenden Schritt des Übergangs zur Goldrechnung, der hier vollzogen wird. Und zwar auf der ganzen Linie gleichzeitig vollzogen: denn die Stabilisierung der Papiermark ist untrennbar damit verbunden. Die Währungspolitik kann bei halben Maßnahmen nicht stehen bleiben, die Finanzpolitik wird in ihren Diensten ebenfalls bis zur letzten Konsequenz schärfster Goldsteuern zu gehen haben. Die Ansammlung einer Devisenreserve ist notwendig. Für jede Art von Maßnahmen und Hilfswegen, die die Gefahr neuer Inflation in sich bergen, ist schlechthin kein Raum mehr.

Wir dürfen die Hoffnung haben, dass die absolute Verknüpfung der Goldrechnung mit der Währungsstabilisierung an der zunächst verantwortlichen Stelle erkannt worden ist. Rudolf Hilferding hat, kurz vor seiner Ernennung zum Reichsfinanzminister, in einem kurzen Aufsatz im „Vorwärts“ seine Anschauungen dargelegt. Er geht davon aus, dass die Währungs- und Finanzpolitik die Konsequenzen aus dem von der Privatwirtschaft durchgeführten Übergang zur Goldrechnung dadurch ziehen müsse, dass sie selbst zur Goldrechnung schreitet. Dies sei freilich nichts als eine währungstechnische Maßnahme: die eigentliche Aufgabe aber liege in der Währungsstabilisierung. Diese Formulierung trifft allerdings den entscheidenden Punkt.

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