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Unter der grenzenlosen Unsicherheit aller Verhältnisse musste naturnotwendig das Gewerbe, dem die Sicherung der Zukunft obliegt, am meisten leiden. Es war das Zeichen der Zeit, dass jede Vorausberechnung zur Unmöglichkeit wurde, dass jeder Tag von Grund auf neue, nicht voraussehbare Verhältnisse schuf und dass deshalb fortschreitend von Monat zu Monat eine gewisse Lethargie Platz griff. Wo jede Disponierung von heute morgen schon ad absurdum geführt wurde, unterblieb sie schließlich ganz und ein haltloses Treiben, ein kraftloses Gewährenlassen, ein augenblicksbedingtes Entscheiden trat an die Stelle.

Dabei war die Sachwerterhaltung, wie sie der Versicherung obliegt, zum obersten Gebot der Stunde geworden in einem unaufhaltsam verarmenden Lande. Wo es schwer, fast unmöglich geworden war, auf der ständig abwärts gleitenden Fläche wirtschaftlich sich zu halten, mussten Naturkatastrophen jeder Art den letzten Bestand bedrohen. Sicherung dagegen und Ersatz für Verlorenes zu leisten, war dringender denn je.

Im Allgemeinen muss anerkannt werden, dass die Versicherung dieser viel fordernden Aufgabe gerecht geworden ist. Zusammenbrüche schwerwiegender Art sind nicht zu verzeichnen gewesen, und die gut geleiteten Gesellschaften gehen fast alle gefestigter hervor aus diesem Jahr des Unheils, als sie hineingeführt wurden.

Die deutsche Wirtschaft und namentlich die Wirtschaft der meerbenachbarten Gebiete hat eben in diesem Jahre geistig das Problem zu einem für die Tagespraxis ausreichenden Teile verarbeitet, das bestimmend ward für das Geschick jedes Gewerbes in Deutschland: das Problem der gleitenden Währung. Dass gerade die Hansestädte hier, oft mit einem Vorsprung von einem oder mehreren Monaten, zeitlich vorangehen konnten, ist aus der täglichen Berührung mit auswärtigen Menschen und Verhältnissen ebenso zu erklären wie aus den Erfahrungen, die einige wenige Überseekaufleute in Ländern zerrütteter Währung schon vor dem Kriege gemacht hatten.

Umso anerkennenswerter ist diese Leistung, als auch das Versicherungsgewerbe durchaus nicht nach eigenen Richtlinien sich entwickeln und der Zeitlage entsprechend fortgesetzt sich umgestalten konnte, sondern auch seinerseits eingespannt war in den Rahmen einer unglaublich dilettantisch sich erweisenden Wirtschafts- und Währungspolitik, die fast während des ganzen Jahres mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt herumkurierte, d. h. mit Schlaf- und Palliativmitteln am Symptom herumdokterte, ohne auch nur das Geringste zu lernen aus den Erfahrungen vergangener Zeiten oder auch nur aus den Ergebnissen der eigenen Misserfolge. Dem ehemals Kaiserlichen Aufsichtsamt für Privatversicherung aber mag gesagt sein, dass es durchaus nicht immer und in allen Fällen verstanden hat, „das Werk unserer Hände zu fördern“.

Der Stand der deutschen Versicherungsgesellschaften war schwierig, zum Ausgang des Jahres sogar ernstlich bedroht. Der Kaufmann war angesichts der fortgesetzten Steigerung der Geld- und Lebenshaltungskosten in Deutschland gezwungen, auf das schärfste zu kalkulieren, auch 1/10 % der Prämie begann in vielen Zweigen des Handels wieder von Bedeutung zu werden. Die Versicherungsgesellschaften ihrerseits litten darunter, dass durch den zwangsweise verringerten Import die Grundtragfläche ihrer Organisation geschwächt wurde, sodass die Wettbewerbsfähigkeit mit den ausländischen Assekuranzbörsen teilweise in Frage gestellt wurde, namentlich deshalb, weil das direkte internationale Geschäft den deutschen Gesellschaften aus den bekannten Gründen fehlte.

Es wird Aufgabe ernüchterter Selbstprüfung der führenden Gesellschaften sein, zu untersuchen, ob nicht auch Fehler in der eigenen Geschäftsführung Grund und Anlass zu diesem Zurückbleiben hinter der internationalen Konkurrenz waren. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die vielgerühmte Organisationsfähigkeit des Deutschen schon begrifflich die Gefahr der Überorganisation in sich trägt. Es ist unter Umständen so verführerisch bequem, sich anstelle des Einsatzes persönlicher Arbeits- und Entschlusskraft einen mehr neutral und automatisch und daher oft fehlwirkend arbeitenden Apparat zu schaffen. Eine gut geleitete Assekuranzkompagnie muss immer mehr den Charakter eines von einer führenden Persönlichkeit geleiteten Privatunternehmens behalten, als dass sie in eine geistige Benachbarung gerät zu jenen Berliner unpersönlichen Ressortmaschinerien, die wir von Hamburg aus so oft und so emphatisch bekämpft haben. Eine Versicherungsgesellschaft ist kein Ministerium, ist auch keine Industrieorganisation, sondern ist das Schaltwerk einer Persönlichkeit, die die Markt- und Zeitverhältnisse kennt und spürt und wie der Mann am Ruder jedem Pendelausschlag elastisch folgt.

Es tun sich da ernsteste Probleme auf: inwieweit hat das starre System der generellen Tarife noch seine Berechtigung, – inwieweit können wir lernen von dem stark persönlich geprägten Underwritertum der englischen Börse, – inwieweit ist der altherkommene Grundsatz der am Einzelnen und Kleinlieben hängenden Geschäftsmaximen noch zeitgemäß, – inwieweit muss ein weiter umfassender, auf dem Prinzip der großen Zahl aufgebauter Geschäftspunkt bestimmend werden?

Dass hier nicht alles auf der richtigen Entwicklungslinie liegt, zeigt der große Geltungsbereich, den holländische und englische Assekuradeure in Deutschland sich zu verschaffen gewusst haben. Sicherlich waren sie ganz wesentlich unterstützt durch die Zeitverhältnisse in Deutschland, die es unter Umständen wünschenswert erscheinen ließen, die Grundlage der Zukunftssicherung nach außerhalb zu verlegen. Aber sicherlich kam ihnen auch in gewisser Hinsicht eine größere Schmiegsamkeit und Leichtigkeit der Handhabung zustatten, die auch der deutschen Assekuranz erreichbar sein sollten.

Ein sehr wenig rühmliches Kapitel der deutschen Versicherungsbörse sind die unaufhörlich sprossenden Neugründungen. Wenn schon ersichtlich ist, dass alte, reservegesicherte Versicherungsgesellschaften Not haben, den unablässigen Schwankungen der Lage die nötige Festigkeit entgegenzusetzen, so wird es schlechterdings unerfindlich, wie die vielen Neugründungen der jetzt vielleicht erst in den Anfangsgründen erkennbaren Krisis gewachsen sein sollen. Es muss hier mit allem Nachdruck betont werden: Assekuranz ist Vertrauenssache, Assekuranz ist Erfahrungssache. Es heißt aber das Vertrauen der Kaufmannschaft gründlich missbrauchen, wenn man heute noch glaubt, Versicherungsgesellschaften gründen zu können mit einem Kapital, das in vielen Fällen noch nicht einmal ausreicht, um die einzige Straßenbahnfahrt der Gründer und Aufsichtsratsmitglieder vom Geschäftslokal bis zum Notariatsbüro zu begleichen, und es ist frivol und schädigt das Standing der Assekuranz, wenn fernstehende Kreise glauben, durch ein bedingungsloses Mitgehen mit der führenden Kompagnie ohne Sachkenntnisse und Facherfahrungen ernstlicher Grundlage reiche Geschäfte machen zu können. Prämieneinkassieren ist gut, Schadenzahlen ist besser für die Gesamtwirtschaft, und kein kategorischer Imperativ kann in dieser Hinsicht streng genug sein, zur Selbstbeschränkung und Selbstprüfung zu mahnen.

Wenn Handels- und Industrieunternehmungen unter Umständen gegründet werden ohne vollauf gesicherten Untergrund, so ist das bedauerlich, aber ausschließlich Sache der Beteiligten, wenn aber der gleiche Vorgang sich einstellt bei Versicherungsneugründungen, so ist das unverantwortlich und frivol, weil sie sich anbieten zur Tragung der Lasten und Zukunftssorgen der Anderen.

Es ist auch hier eine Gesundung im nun vergangenen Jahre festzustellen. Niedrige Prämien auf jeden Fall und lockende Aufsichtsratsposten und Aktionärbeteiligungen an den neuen, oft regional und branchenmäßig sehr geschickt aufgeteilten Versicherungsgesellschaften allein genügen nicht mehr, sondern es ist wachsend der ernstliche Wille von Industrie und Handel zu spüren, an die Sicherheit der Versicherungsgesellschaften den strengsten Maßstab anzulegen. Es ist wohl nicht zu optimistisch, wenn man sagt, dass der Höhepunkt der Neugründungskrisengefahr bereits überwunden ist. Die bedrohliche Wendung der Zeit hat unverkennbar zu einer Selbstbesinnung geführt.

Die wachsende Konzernbildung und Zusammenfassung der Kräfte, die auch im Versicherungsgewerbe in die Erscheinung tritt, wird weiter in dieser Richtung wirken. Die Lockung, die scheinbar in einer günstigen Lage des Versicherungsgewerbes lag, schwindet im Übrigen unaufhaltsam vor dem Bewusstsein der unübersehbar ernsten Zukunftsaufgaben dieses Gewerbes, bei dem es mehr als bei anderen Berufen gilt: nicht die Gegenwart entscheidet, sondern die Fähigkeit, der Zukunft gewachsen zu sein.

In sehr hohem Maße sind im vergangenen Jahre, namentlich Industriegruppen und Konzerne dazu übergegangen, sich Selbstversicherungsorganisationen zu schaffen. Die Motive zu diesen Entschließungen mögen teilweise auf steuerlichem Gebiet zu suchen sein, teilweise sind sie zurückzuführen auf den Wunsch, die oft sehr erheblichen Vermittlerprovisionen dem eigenen Konzern zuzuführen, teilweise ist aber auch die tatsächliche Absicht maßgebend gewesen, das Risiko selbst zu tragen durch Verteilung auf die einzelnen angegliederten Betriebe.

Das steuerliche Motiv mag aus dieser Betrachtung ausscheiden. Die Absicht, sein eigener Vermittler zu sein, ist an sich durchaus gerechtfertigt durch die Tatsache, dass sich im Versicherungsgewerbe eine Überzahl von Vermittlern betätigt, für die nicht immer eine wirtschaftliche Notwendigkeit gegeben ist. Wirklich förderlich kann der Vermittler nur sein, wenn er mitten drin steht in den wechselnden Erscheinungen des Versicherungsmarktes, wenn er die Erfahrungen, die er in dem einen Wirtschaftsgebiet gewonnen hat, dem anderen nutzbar macht, wenn er seine Verbindungen hat zu den großen internationalen Assekuranzbörsen von London, Rotterdam, New York, mit anderen Worten, wenn er durch die Vielseitigkeit seines Betriebes Anregungen schafft und neue Deckungsmöglichkeiten durch den Ausgleich begehrter und nicht begehrter Risiken gewinnt. Auf diese Vielseitigkeit verzichten aber die Selbstversicherungsorganisationen von vornherein und setzen sich damit den Gefahren der Verkalkung, Erstarrung und einer abnehmenden Regsamkeit aus, die früher oder später auf eine Neubelebung hindrängen werden.

Tatsächlich Träger der eigenen Versicherung zu sein wird nur bei großen, vielgegliederten und im Produktionsgang abgestuften Konzernen in Frage kommen. Und auch diese werden die notwendige Erfahrung machen müssen, dass es zum mindesten für die Tragung des Katastrophenrisikos besser ist, andere Schultern heranzuziehen. Denn bei dem katastrophenartigen Schadensereignis ist die Zerstörung des geregelten Betriebsganges, ganz abgesehen von dem geldlichen Verlust, so empfindlich, dass wenigstens die finanzielle Ersatzgestellung richtigen Kreisen aufgebürdet wird, die außen stehen.

Den jetzt in Mode gekommenen Aufsichtsrats- und Generalversammlungsbeschlüssen, nach denen der Vorstand ermächtigt wird, einen Teil des Risikos selbst zu tragen oder zu diesem Zwecke eine eigene Versicherungsorganisation zu schaffen, kann nicht energisch genug die Mahnung entgegengesetzt werden: in 90 bis 95 von 100 Fällen ist es nicht Aufgabe der betreffenden Industrie- und Handelsunternehmungen, Versicherungen zu betreiben. Das bleibe denjenigen Kreisen überlassen, die den als Grunderfordernis jeder Assekuranz notwendigen Risikoausgleich sich zu schaffen vermögen und für die vielfach nur gefühlsmäßig zu erfassenden Entschlussnotwendigkeiten die berufsmäßig konzentrierte Erfahrung besitzen.

Wie überhaupt für die deutsche Wirtschaft, so war für die deutsche Versicherung die Währungsfrage von ausschlaggebender Bedeutung. Die Gegenwartsleistung zu bemessen als Grundlage für eine Zukunftsleistung, war eine Aufgabe, die fast nicht zu lösen war. Die Mark mit ihren oft täglichen, wenn nicht stündlichen Schwankungen musste hier als Wertmesser völlig ausscheiden. Eine Versicherung in Mark musste sehr bald als eine contradictio in adiecto erkannt werden. Eine fremde Währung ohne weiteres an die Stelle zu setzen, glaubte eine missverstandene Währungspolitik für weite Gebiete verhindern zu müssen. Daraus erwuchs die Notwendigkeit zu Umwegen und Kompromissen mancherlei Art.

In einer rückblickenden Betrachtung ist es müßig, zu fragen, ob eine solche künstliche Einengung naturgegebener Entwicklungstendenzen von Vorteil war, festzuhalten ist jedenfalls, dass Österreich bei aller Rigorosität seiner Finanzführung Versicherungen in fremder Währung zugelassen hat, feststehend ist ferner, dass der stark atomisierte Devisenbedarf für eine Versicherung in fremder Währung in keinem Verhältnis steht zu den Zuflüssen, die bei einer Öffnung der absperrenden Schleusen im Schadensfalle der deutschen Wirtschaft aus kapitalstarken Ländern zugeströmt wären. Hier ist nur zu konstatieren, dass die Künstlichkeit der Vorschriften zu Unklarheiten und Missgriffen mancherlei Art führte, dass aber im Allgemeinen die Lösung befriedigend gefunden wurde.

Die Umstellung erfolgte entweder, wie bei der Transportversicherung und den damit zusammenhängenden Versicherungen aus erster Hand unmittelbar in fremder Währung, aber durch Goldmarkversicherung auf Dollarbasis oder durch eine Versicherung nach dem Indexsystem oder durch Festmarkversicherung nach dem Goldankaufspreis der Reichsbank oder dem Goldzollausgleichsgeld. Alle diese Surrogate bedeuteten eine empfindliche Organisationsbelastung der deutschen Versicherungen, und es ist als sicher anzunehmen, dass noch ganze Generationen von Studenten der Versicherungswissenschaft später ihren Doktorhut verdienen werden bei dem aufklärerischen Bemühen der Klärung dieser vielfach durcheinanderlaufenden Währungsprobleme innerhalb der deutschen Versicherung. Denn schon bei der begrifflich klarsten Versicherungsform, derjenigen der Fremdwährung, brachte die Notwendigkeit, den Währungen des betreffenden Tätigkeitsgebietes zu folgen, eine Fülle von Komplikationen mit sich, die durchaus nicht erst der Schwierigkeiten der Berechnung des Versicherungsstempels bedurften, um handgreiflich in die Erscheinung zu treten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die deutsche Versicherung der fortgesetzten Elastizitätsprobe, die darin lag, dass, was heute richtig, morgen falsch sein musste, vollauf gewachsen war und es immer verstanden hat, die richtige Diagonale im Parallelogramm der gesetzlichen Vorschriften und wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu finden.

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