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Die Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden von Prof. Dr. Walter Eucken in London, wo er zu Gastvorlesungen weilte, läßt alle, die den Mann, den Lehrer und den Wissenschaftler Walter Eucken kannten, die Größe des Verlustes empfinden. Zugleich wird damit aber auch die Bedeutung dieses Nationalökonomen für die Forschung, die Lehre und für die Politik klar. Es frage sich ein jeder nur: Welcher Wissenschaftler, welcher Universitätslehrer ist nicht einfach durch einen anderen ersetzbar, ohne daß deswegen die Fakultät schrumpft und die Wissenschaft einen echten Verlust und nicht einfach einen Abgang erfährt?

Walter Eucken, als Sohn des bekannten Philosophen Rudolf Eucken in Jena 1891 geboren, entstammte einem alten friesischen Geschlecht. Was ihn auszeichnete, war das Temperament seines Herzens und seines Verstandes: seine Geradlinigkeit, seine Lauterkeit, seine Klarheit im Denken, Wollen und Handeln. Wer seine Vorlesungen und Vorträge hörte, seine Veröffentlichungen las oder gar studierte, der merkte, daß hier eine Persönlichkeit am Werke war, der es bei jedem Einzelproblem, bei der Entfaltung eines Problemkreises und Problemzusammenhanges immer auf das Ganze ankam. Die umfassenden philosophischen, historischen und methodologischen Kenntnisse Euckens kamen seinen wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Untersuchungen und Arbeiten in hohem Maße zugute.

Euckens Arbeiten zerfallen in drei Gruppen, die eine Einheit bilden. Als erste Gruppe seien seine theoretischen Arbeiten genannt, vornehmlich seine „Kapitaltheoretischen Untersuchungen“ (1934) und die sich daran anschließenden weiteren Studien in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik“ 1940 und 1944. Es war ihm nicht mehr vergönnt, die zweite Auflage seiner „Kapitaltheoretischen Untersuchungen“, die sich zu einem großen theoretischen Hauptwerk erweiterten, abzuschließen. Unter die zweite Gruppe fallen seine wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Arbeiten, so seine „Kritischen Betrachtungen zum deutschen Geldproblem“ (1923), seine Arbeiten zum Konjunktur- und Reparationsproblem. Die krönenden Arbeiten aber sind alle jene, die um das große Thema der Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsverfassung kreisen. Dazu gehören vor allem die „Grundlagen der Nationalökonomie“ (1. Auflage 1940, 6. Auflage erscheint in Kürze) und — neben anderen — die großen Abhandlungen in dem ersten (1948) und zweiten Bande (1949) des von ihm herausgegebenen Jahrbuches „Ordo“.

Kein Zweifel besteht darüber, daß eine seltene Konstellation aller historisch wirksamen Kräfte das Problem der Ordnung der Wirtschaft, der Wirtschaftsverfassung fast auf der ganzen Welt zum Hauptproblem der Forschung und gleichzeitig der Politik gemacht hat. Die seit dem ersten Weltkrieg in verschiedenen Wellen und Graden durch- und überpolitisierten Volkswirtschaften samt der durch die Politik zerrissenen Weltwirtschaft schreien nach einer Grundkonzeption, nach selbstverständlichem Verhalten, nach einer Ordnung, die nur nach zwei Grundsätzen erfolgen kann: Entweder noch mehr Staat und Politik des direkten und indirekten Eingriffs — oder weniger! Eucken, sein Freundes- und Schülerkreis entscheiden sich aus allgemein wirtschaftlichen, aus theoretischen und praktischen, aus politischen und sittlichen Gründen für die Wirtschaftsordnung und die Wirtschaftsverfassung der Freiheit und der Verantwortung: für den Leistungswettbewerb und die Monopolkontrolle. Nur eine solche Gesamtordnung ermöglicht es, die persönliche, die gesellschaftliche und die politische Freiheit des Menschen zu garantieren, ohne daß die grundsätzliche Zone der dem Erzeuger und dem Verbraucher eingeräumten Freiheit zuerst heimlich, dann offen von den Machtpolitikern und/oder von den Interessenten der Wirtschaft selbst wieder ausgehöhlt und vernichtet wird. Der Staat, die Politik hat den Rahmen, die Wirtschaftsverfassung zu schaffen, sich selbst aber aus dem Wirtschaftsprozeß fernzuhalten. Die Rahmenordnung aber ist Rechtsordnung.

Das hohe Ansehen, das der unerschrockene und kompromißlose Professor Walter Eucken in aller Welt genießt, zeigt die Tatsache, daß er bereits vor drei Jahren als Vizepräsident der Mont Pèlerin Society, Sitz Chicago, gewählt wurde und an den Schweizer Tagungen 1948 und 1949 dieser internationalen Vereinigung der Marktwirtschaftler führend beteiligt war. In zahlreichen Vorträgen im Auslande und in Aufsätzen und Abhandlungen in ausländischen Zeitungen und Zeitschriften konnte er nicht nur seine Forschungsergebnisse vorlegen, sondern auch die deutschen Wirtschafts- und Sozialprobleme der Nachkriegszeit darstellen.

Walter Eucken war eine geistige Macht; das erfuhren seine Studenten, das wissen seine Schüler und seine Freunde und alle, die sich mit ihm echt auseinandersetzten. Seine Werke, die veröffentlichten und die nicht veröffentlichten, bürgen dafür, daß er auch nach seinem Tode eine geistige Macht ist und sein wird.

Unter der Rubrik "Historischer Beitrag" dokumentieren wir Beiträge aus den ersten Jahrzehnten des Wirtschafts­dienst seit dem Gründungs­jahr 1916. Das Archiv befindet sich im Aufbau und wird sukzessive mit Beiträgen gefüllt. Die Inhalte sind selbst­verständlich im historischen Kontext zu betrachten und spiegeln nicht heutige Auswahl­entscheidungen der Redaktion wider.

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