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Immer wieder wird betont, wie viel die Pandemie Familien abverlangt. Wie der FamilienMonitor Corona (2021) zeigt, ist im Vergleich zu Werten vor der Pandemie speziell die Zufriedenheit mit der Kinderbetreuung und dem Familienleben gesunken. Zudem machen sich 60 % der Eltern um die Bildung, 57 % um die wirtschaftliche Zukunft und 39 % um die Gesundheit ihrer Kinder große Sorgen. Bemerkenswert ist, dass die Sorgen seit Anfang 2021 hauptsächlich bei Eltern mit geringerer Bildung zunehmen. Trotz der vorwiegenden Betrachtung von Mittelwerten zeigt sich, dass Familien unterschiedlich stark betroffen sind. Viele Familien sind nach über einem Jahr Pandemie erschöpft. Vor diesem Hintergrund hat der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2021) ein Investitionsprogramm für Familien vorgeschlagen. Zwar wurde bereits einiges für Familien getan (z. B. Kinderbonus, Ausweitung der Kinderkrankentage), es reicht aber nicht aus, um Familien weiter in und nach der Pandemie zu unterstützen.

Besonders Eltern, die aufgrund ihrer Erwerbssituation oder spezifischer Bedarfe der Kinder nur schwer Erwerbs- und Sorgearbeit vereinbaren können, brauchen Unterstützung. Familienberatung und -hilfe sind eine wichtige Aufgabe. Sobald es die Infektionszahlen zulassen, könnten spezifische Erholungsprogramme Hilfe bringen. Ein Fokus muss ferner auf Kindern und Jugendlichen liegen, die in der Pandemie besonders belastet sind. Hier müssen vulnerable Gruppen identifiziert und unterstützt werden – es gibt keine Generation Corona, die einheitlich betroffen ist. Unterstützung muss da ansetzen, wo deutliche psychische und emotionale Belastungen eingetreten sind. Erholungsurlaube können auch hier helfen, speziell wenn sie mit Beratungsangeboten verbunden sind. Auch müssen jene Kinder und Jugendliche adressiert werden, die aufgrund von Kita- und Schulschließungen bei der Verarbeitung neuen Wissens gezielte Unterstützung benötigen. Es muss sich neben der Bildungs- auch die Familienpolitik für Lernstandserhebungen einsetzen, um Unterstützungsangebote vorzubereiten. Beachtung sollte auch jenen Jugendlichen geschenkt werden, die sich im Übergang von der Schule in die berufliche (Aus-)Bildung befinden. Es gilt z. B., jene zu unterstützen, die pandemiebedingt keine Ausbildungsstelle gefunden haben. Zudem wurden schon vor der Pandemie die hohen Belastungen sichtbar, die Familien bei der häuslichen Pflege abverlangt werden. Diese Familien müssen ebenfalls gezielt entlastet werden.

Ein Förderschwerpunkt soll auf digitalen Angeboten liegen. Die digitale Ausstattung muss Teil des förderbaren Grundbedarfs von Familien sein, damit allen eine Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit im Homeoffice ermöglicht werden kann. In der Pandemie zeigt sich deutlich, wie wichtig es ist, die Digitalisierung der Schulen voranzutreiben. Dabei geht es nicht nur um bessere Hardwareausstattung, sondern vor allem auch um die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte. Es sind integrierte Konzepte für eine Verbindung digitalen Lernens mit Präsenzunterricht nötig, die soziales Lernen einschließen. Zudem bedarf es eines Digitalpakts für die Kinder- und Jugendhilfe inklusive der Kindertagesbetreuung. Kindertageseinrichtungen müssen in der Lage sein, mit Eltern digital zu kommunizieren. In der Jugendhilfe können digitale Beratungsangebote die Akzeptanz unter Jugendlichen sogar erhöhen.

Auch muss die Aufteilung der Sorgearbeit verbessert werden. In der Pandemie zeigt sich besonders die Bedeutung der Personen – mehrheitlich Frauen –, die Sorgearbeit übernehmen. Um Sorgearbeit künftig gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen, wären finanzielle Anreize mit gleichstellungspolitischer Zielsetzung zu erwägen. Analog zum Elterngeld könnten sich bezahlte Monate einer Familien(arbeits-)zeit erhöhen, wenn sich beide Geschlechter die Sorgearbeit teilen.

Das Investitionsprogramm sollte von Kommunen, Ländern und Bund getragen werden. Insgesamt ist mittel- und langfristig die Familienpolitik aller Ebenen gefragt. Nur ein nachhaltiges Handeln aller Akteure kann der Bedeutung von Familie, wie sie in der Pandemie deutlich wird, gerecht werden. Konkret sollten die Kommunen einen Corona-Familien-Report mit entsprechenden Bedarfsermittlungen erstellen. Die zuständigen Landesministerien sollten Strategien entwickeln, die in einem familienpolitischen Nachhaltigkeitsplan zusammengefasst und in den Landesparlamenten mit Blick auf die Haushaltsplanung diskutiert werden. Im Bundestag sollte ein familienpolitisches Rahmenkonzept zur nachhaltigen Post-Pandemiepolitik erarbeitet und im Zuge der künftigen Koalitionsverhandlungen konkretisiert werden – denn die Familie ist systemrelevant!

Literatur

FamilienMonitor Corona (2021), https://www.diw.de/de/diw_01.c.809410.de/familienmonitor_corona.html.

Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen (2021), https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/ministerium/behoerden-beauftragte-beiraete-gremien/beirat-familienfragen.

© Der/die Autor:in(nen) 2021

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-021-2887-4