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Die staatliche Förderung von Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen wird unter anderem mit deren positiven externen Effekten begründet (dieser Kommentar basiert auf Runst, 2021). Demnach profitiert nicht nur das Individuum, das vergünstigt (oder kostenlos) Wissen erwirbt und dadurch ein höheres Markteinkommen erzielt, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, indem die höhere individuelle Produktivität auch anderen Marktakteuren zugutekommt oder Innovationen hervorgebracht werden, die von anderen Marktteilnehmenden und zukünftigen Generationen genutzt werden. Die Existenz dieser positiven externen Effekte bleibt allerdings wissenschaftlich umstritten. So untersuchen z. B. Clark et al. (2020) die Erweiterung obligatorischer, staatlicher Bildung in den Jahren 1919, 1947 und 1972 in England und finden keine Hinweise auf positive externe Effekte staatlicher Bildungsförderung.

In Deutschland finanziert der Staat sowohl Universitäten mit durchschnittlich rund 7.000 Euro je Studierendem (Destatis, 2018, 45) als auch Berufsschulen im dualen System mit rund 3.200 Euro je Auszubildendem (Destatis, 2020, 6). Somit lag der Anteil der öffentlichen Förderung an den Gesamtkosten im Falle eines Studiums mit 83 % in der Vergangenheit deutlich über dem einer Berufsausbildung mit 46,2 % (Thomä, 2013). Diese finanzielle Ungleichbehandlung bestimmter Ausbildungswege lässt sich volkswirtschaftlich nur schwer begründen, denn es ist fraglich, ob die positiven externen Effekte aller universitären Fachrichtungen (z. B. Geistes- oder Sozialwissenschaften) für die Gesamtgesellschaft tatsächlich höher ausfallen als z. B. bei der Ausbildung einer Metallbauerin, Optikerin oder Elektrikerin.

Im Hinblick auf dieses Problem führten eine Reihe von Bundesländern seit 2013 Prämien ein, die nach erfolgreichem Abschluss einer Meisterprüfung in einem Handwerksberuf gezahlt werden. Das wirtschaftspolitische Instrument sollte allerdings als vorsichtiger erster Schritt der stärkeren Förderung der Meisterausbildung verstanden werden, denn die aktuelle Förderhöhe mit 2.000 Euro in Bayern (bei Einführung im Jahr 2013 lag die Prämie bei 1.000 Euro, sie wurde 2018 auf 1.500 Euro und seit 2019 auf 2.000 Euro angehoben) bis 4.000 Euro in Niedersachsen könnte zu gering sein, um die mit der Meisterausbildung verbundenen Lebensentscheidungen zu beeinflussen.

Um die Wirksamkeit der Meisterprämie in ihrer jetzigen Höhe zu evaluieren, untersucht Runst (2021), ob die Einführung der Meisterprämie in Bayern im Jahr 2013 einen positiven Effekt auf die Zahl der Meisterprüfungen je 10.000 Einwohner:innen hatte (methodische Details: Runst, 2021). Die abhängige Variable wurde den Daten des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) für die Jahre 2005 bis 2019 entnommen. Die Ergebnisse der Difference-in-Differences-Regressionen liefern keinerlei Hinweise auf eine positive Wirkung der Prämie. Des Weiteren lassen sich anhand von Synthetic Control Methods nur wenige Hinweise auf kleine Effekte der wirtschaftspolitischen Maßnahme finden. Zudem sind die Ergebnisse nicht robust, d. h. sie lassen sich nicht konsistent in allen Spezifikationen nachweisen.

Die aktuelle Datenlage lässt daher den Schluss zu, dass die Einführung der Meisterprämien bisher nicht zu einer verstärkten Meisterausbildung im Handwerk beigetragen hat. Das Ergebnis ist aus theoretischer Perspektive wenig überraschend, denn die Zahlung von 2.000 bis 4.000 Euro am Ende einer längeren Ausbildungsphase erscheint im Angesicht der mit ihr verknüpften grundlegenden Berufswahlentscheidung eher gering. Es ist anzunehmen, dass für eine sub­stanzielle Wirkung auf die Zahl der Meisterprüfungen deutlich höhere finanzielle Anreize erforderlich wären. Nichtsdestotrotz wurde mit dem Instrument begonnen, die fördertechnische Ungleichbehandlung der Ausbildung gegenüber dem Studium abzubauen.

Literatur

Clark, G. und N. Cummins (2020), Does Education Matter? Tests from Extensions of Compulsory Schooling in England and Wales 1919-22, 1947, and 1972, CEPR Discussion Paper, DP15252.

Destatis, Statistisches Bundesamt (2020), Bildungsausgaben, Ausgaben je Schülerin und Schüler 2017.

Destatis, Statistisches Bundesamt (2018), Hochschulen auf einen Blick, Ausgaben 2018.

Runst, P. (2021), Evaluation der Wirksamkeit von Meisterprämien im Handwerk, Göttinger Beiträge zur Handwerksforschung, 51.

Thomä, J. und K. Bizer (2013), Ökonomische Argumente für die duale Ausbildung. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien, 91.

 

© Der/die Autor:in(nen) 2021

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht.

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-021-2908-3