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Das europäische CO2-Zertifikatehandelssystem (EU-ETS) ist mit zwei Herausforderungen konfrontiert. Zum einen müssen für die Pariser Temperaturziele die europäischen Emissionen im Energie- und Industriesektor auf null sinken und dann sogar negativ werden (Geden et al., 2019). Zum anderen besteht die Sorge, dass exzessive CO2-Preissprünge und Preisvolatilität die politische Akzeptanz und Unterstützung gefährden (Bednar et al., 2021). Die Einführung einer CO2-Zentralbank (CZB) könnte dieser Situation begegnen, wenn sie in ihrer Funktion die beiden Herausforderungen kombiniert. Einer CZB könnte eine stabilisierende Funktion insbesondere beim Übergang von einem positiven zu einem negativen Emissionshandel zukommen, wenn sie bereits frühzeitig CO2-Entnahme-Zertifikate erwirbt, um die notwendige Technologieentwicklung zu fördern und ihren Handlungsspielraum für die Preissteuerung erhöht.

Der Preis für 1 t CO2 betrug im Dezember 2021 erstmals mehr als 90 Euro im EU-ETS und liegt damit deutlich über dem von der Ampelkoalition anvisierten Mindestpreis von 60 Euro. Entsprechend werden Stimmen lauter, die Preisausschläge nach oben zu begrenzen und einen stabileren CO2-Preispfad zu fordern. Die CZB könnte – anders als die derzeit regelgebundene Steuerung der Zertifikatemenge – diskretionär innerhalb eines vorgegebenen Mengenkorridors spekulative Blasen und exzessive Preisvolatilität durch An- bzw. Verkauf von CO2-Zertifikaten begrenzen. Einen Mindestpreis könnte die CZB durch die Verknappung der Auktionsmenge bzw. durch den Ankauf von CO2-Zertifikaten stützen. Das Bewahren einer Preisobergrenze würde durch den Verkauf zusätzlicher CO2-Zertifikate erfolgen. Allerdings ist die Menge der noch auszugebenden CO2-Zertifikate endlich. Bei sinkender Restmenge lässt sich die Preisobergrenze kaum noch stützen (Rickels et al., 2021). Das Vorziehen des Angebots an CO2-Zertifikaten würde zwar kurzfristig zu Preisentlastungen führen, aber könnte langfristig sogar destabilisierend wirken, da eine zu vorhersehbare Preispolitik Spekulationen gegen das CO2-Preisziel der CZB hervorrufen könnte. Die CZB könnte trotzdem stabilisierend wirken, da sich der EU-ETS fundamental ändern wird, wenn nicht mehr nur „positive“ Emissionen, sondern auch „negative“ Emissionen gehandelt werden. Dabei wird CO2 aus der Atmosphäre mit anschließender Speicherung (Negative Emission Technologies, NET) entnommen. Die entnehmenden Unternehmen würden dann CO2-Entnahme-Zertifikate erhalten, die sie im EU-ETS anbieten können. Ab diesem Zeitpunkt sind die Nettoemissionen niedriger als die Zahl der Zertifikate, da sie auch das Angebot aus CO2-Entnahme-Zertifikaten enthalten würden. Die Summe aus herkömmlichen und CO2-Entnahme-Zertifikaten bestimmt dann die Bruttoemissionen. Diese Änderung korrespondiert mit dem Ziel der EU-Kommission, das EU-ETS von einem System mit positiven in ein System mit netto-negativen Emissionen zu ändern. Nachdem die Menge der noch auszugebenen Zertifikate verbraucht ist, soll jährlich netto mehr CO2 entnommen werden als Treibhausgase emittiert werden. Das könnte erreicht werden, indem dann jährlich Zertifikate von z. B. der CZB aus dem Markt gekauft werden. D. h., ein Teil der CO2-Entnahme-Zertifikate wird von Firmen mit positiven Emissionen zum Ausgleich gekauft, und ein Teil wird von der CZB gekauft, dann stillgelegt oder in einer Reserve gesammelt.

Die CZB könnte vor allem beim Übergang vom EU-ETS mit positiven zu netto-negativen Emissionen stabilisierend wirken. Während der Netto-Emissionspfad politisch vorgegeben ist, ist der Pfad für die Bruttoemissionen und die negativen Emissionen variabel, und die CZB kann Preisschwankungen durch intertemporalen Ausgleich begrenzen. Vorgezogene CZB-Ankaufprogramme würden eine Förderung noch nicht marktreifer NET bedeuten. Allerdings können Emissionen und Entnahme zeitlich auseinanderfallen und die CZB könnte die CO2-Entnahme im Vergleich zum regulatorischen Pfad de facto vorziehen, indem sie frühzeitig CO2-Entnahme-Zertifikate ankauft, ohne diese gleichzeitig subventioniert im Emissionshandel anzubieten. So würde sie vermeiden, dass eine (zu) frühzeitige subventionierte Integration der CO2-Entnahme-Zertifikate den Anreiz für Emissionskontrolle reduziert. Gleichzeitig würde sie Technologie-Spillover- und Skaleneffekte bei den künftigen Anbietern von negativen Emissionen anstoßen (Bellamy and Geden, 2019, Joppa et al., 2021). Mit diesen bereits erworbenen CO2-Entnahme-Zertifikaten könnte die CZB zu einem späteren Zeitpunkt eine CO2-Preis­obergrenze stützen. Da die CZB entscheiden kann, ab welchem CO2-Preis sie stützt, kann das Budget­risiko bei weiter steigenden CO2-Preisen begrenzt werden.

Literatur

Bednar, J. et al. (2021), Operationalizing the net-negative carbon economy, Nature, 596, 377-383.

Bellamy, R. und O. Geden (2019), Govern CO2 removal from the ground up, Nat. Geosci., 12, 874-876.

Geden O, G. P. Peters und V. Scott (2019), Targeting carbon dioxide removal in the European Union, Climate Policy, 19, 487-494.

Joppa L. et al. (2021). Microsoft’s million-tonne CO2-removal purchase—lessons for net zero, Nature, 597, 629-632.

Rickels W. et al. (2021), Integrating Carbon Dioxide Removal Into European Emissions Trading, Frontiers in Climate, 3.

© Der/die Autor:in 2022

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-022-3149-9

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