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Die Spannungen in der Weltwirtschaft und die Sorge um eine zu starke wirtschaftliche Abhängigkeit Europas von China rücken Indien in den Blickpunkt. Dort leben knapp 18 % der Weltbevölkerung in einer demokratischen Staatsform. Allerdings beträgt die Größe des Marktes bestenfalls ein Fünftel des chinesischen und die Demokratie wird – nach europäischem Verständnis – schwächer. Dennoch bietet die indische Wirtschaft langfristig großes Austauschpotenzial. Dabei sieht sich Indien auf Augenhöhe mit Europa und agiert ähnlich unabhängig wie China. Dies gilt es zu bedenken, wenn es darum geht, eine Partnerschaft in Wirtschaft und Politik zu verfolgen.

Die Welt ist aus deutscher Sicht zuletzt deutlich ungemütlicher geworden. Dies betrifft gerade die Perspektive der stark international ausgerichteten deutschen Wirtschaft. Kaum eine Volkswirtschaft hat die vergangenen Jahrzehnte so sehr von der Globalisierung profitiert wie die deutsche. Folglich wird auch kaum eine so sehr von der drohenden Deglobalisierung gefährdet, wenngleich unklar ist, wieweit die deutsche Politik dieses Faktum öffentlich breit diskutiert (Boer und Menkhoff, 2021). Eine Ursache für diesen Wandel ist das gestiegene Risiko schwer berechenbaren Verhaltens autoritär regierter Länder.

Das prominenteste Beispiel ist sicher China, das weniger Marktzugang für Ausländer zulässt als es in Anspruch nimmt, das ausgewählte Industriezweige gezielt subventioniert (und dadurch den internationalen Wettbewerb verzerrt) oder das massiv gegen Länder (wie Australien) oder Unternehmen (wie Nike und andere) vorgeht, wenn diese unerwünschte Meinungen äußern, etwa zur Situation im nordwestlichen China. Die wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekriegs und die Sanktionen gegen Russland haben die Diskussion über das künftige Engagement deutscher Firmen in China dringlich gemacht. Damit verbunden ist die Frage nach alternativen Standorten sowie politischen Kooperationspartnern. Die Indische Union spielt in diesen Diskussionen eine große Rolle aufgrund ihres wirtschaftlichen Potenzials und ihrer vergleichsweise demokratischen Rahmenbedingungen.1

Indien: ein ewiger Zukunftsmarkt?

Indien gilt seit Jahren als einer der aussichtsreichsten Zukunftsmärkte. Das gegenwärtige Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommen, also die von Inländern erbrachte Wertschöpfung, liegt 2021 bei knapp 2.200 US-$ pro Jahr. Damit verfügt Indien über ein hohes Entwicklungspotenzial verglichen mit 11.200 US-$ in China (und einer ähnlichen Größenordnung in den ärmsten EU-Ländern Rumänien und Bulgarien). Deutschland und viele Nachbarländer liegen bei rund 50.000 US-$. Schon allein wegen des riesigen Einkommensunterschieds kann Indien keinen direkten Ersatz für den chinesischen Markt bieten. Aber über die Zeit kann Indien ein wichtiges Element europäischer Handelsdiversifizierung werden. Dies leitet sich aus der Größe seiner Volkswirtschaft mit über 1,3 Mrd. Menschen ab, der jungen Bevölkerungsstruktur mit der Aussicht auf eine demografische Dividende sowie dem Wachstum der Mittelschicht. Solche strukturellen Faktoren lassen Indien für ausländische Unternehmen attraktiv erscheinen. Im September 2022 verdrängte Indien seine einstige Kolonialmacht Großbritannien von Platz fünf der größten Volkswirtschaften.

Trotz großer wirtschaftlicher Erfolge in den vergangenen 20 Jahren, gilt Indien oft als ein – aus wirtschaftlicher Sicht – unerfülltes Versprechen. Dies hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen war die wirtschaftliche Dynamik viele Jahrzehnte eher gering, sodass auch die hohen Wachstumsraten der jüngeren Zeit das niedrige Ausgangsniveau nicht schnell kompensieren konnten. Zum anderen hat Indien seine Märkte nie so radikal geöffnet, wie man sich dies aus Sicht der entwickelten Länder, wie denen Europas, gewünscht hätte (Narlikar, 2022). Insofern ist in Teilen der deutschen Wirtschaft der Eindruck entstanden, Indien würde ein „future market forever“ (APA, 2022) bleiben.

Indiens starke wirtschaftliche Entwicklung

Das hohe Wirtschaftswachstum seit den 2000er Jahren hat dazu beigetragen, dass in Indien im Zeitraum von 15 Jahren vor der Coronapandemie ca. 415 Mio. Menschen der Armut entkommen konnten (ET Bureau, 2022). In den vergangenen zehn Jahren bis zur Coronapandemie zählte Indien zu den Ländern mit besonders hoher Wachstumsrate. Zwar lag China die vergangenen 30 Jahre in der Regel vor Indien, aber Indien wiederum hatte höheres Wachstum als z. B. Indonesien und dies wiederum lag vor Brasilien (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1
BIP-Wachstumsraten im Vergleich
BIP-Wachstumsraten im Vergleich

Quelle: Weltbank (2022).

Mit der Einführung einer Mehrwertsteuer (Goods and Service Tax, GST) 2017 machte die Regierung von Premierminister Modi Indien zu einem einheitlichen Markt und beendete das System der Zölle und Abgaben zwischen den Bundesstaaten. 2019 erklärte Modi Indien bis 2024/25 zu einer 5-Billionen(US-$)-Volkswirtschaft zu machen (PTI, 2022a). Indien wäre damit nach den USA und China die drittgrößte Volkswirtschaft. Modi will Indien bis 2047, 100 Jahre nach der Unabhängigkeit, zu einem entwickelten Land machen (PTI, 2022b).

Diese Pläne haben aber durch die Pandemie einen deutlichen Rückschlag erlitten. In der Gruppe der Schwellenländer hatte Indien den stärksten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu verzeichnen. Zur Erinnerung, der Wirtschaftseinbruch 2020 betrug in Deutschland -4,6 %, in der EU -5,9 %, in den USA -3,4 % oder in China +2,2 %, aber in Indien war der Rückgang des BIP mit fast 7 % nochmals schärfer (vgl. Abbildung 1). Nach dem wirtschaftlichen Einbruch in der Pandemie befindet sich die indische Wirtschaft aber schon wieder auf Wachstumskurs. Das Land gilt als „leuchtender Stern“ angesichts einer sich eintrübenden Weltkonjunktur durch die Folgen des Ukrainekriegs und der weltweiten Zinserhöhungen (MC Rangan et al., 2022).

Der wirtschaftliche Erfolg Indiens seit den 1990er Jahren ist eng mit dem Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnologie verknüpft. Dieser Sektor hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Land heute als „Büro der Weltwirtschaft“ gilt. Trotz seiner globalen Vernetzung ist der Sektor im Gesamtkontext des indischen Arbeitsmarktes allerdings relativ klein. 2021 waren 4,5 Mio. Menschen in dem Bereich beschäftigt – weniger als 1 % aller Beschäftigten (Statista, 2022). Immerhin wächst dieses Segment weiter und Indien hat mittlerweile nach den USA die meisten Start-ups im Tech-Bereich mit einer Marktbewertung von über 1 Mrd. US-$, sogenannte Unicorns (Jose, 2022).

Schwächen im Wachstumsprozess

Die wirtschaftliche Größe Indiens verdeckt manchmal den geringen durchschnittlichen Entwicklungsstand, der mit strukturellen Schwächen einhergeht (Wagner, 2021). Dazu zählt, trotz aller Fortschritte, die immer noch grassierende Armut und Ungleichverteilung an Ressourcen. Dies führt unter anderem dazu, dass rund die Hälfte der Bevölkerung für ihre Ernährung auf staatlich subventionierte Lebensmittel angewiesen ist (Wienhold, 2019). Ferner absorbiert der industrielle Sektor seit zehn Jahren nicht so viele Arbeitskräfte, wie erhofft, sodass die demografische Dividende des nachlassenden Bevölkerungswachstums nicht realisiert werden kann. Die Modi-Regierung plante, den Anteil dieses Sektors auf 25 % des BIP zu steigern (Ninan, 2020). Nach Angaben der Weltbank stagnierte der Anteil aber von 2014 bis 2018 bei 15,1 % bzw. nur noch 14,8 %. Als Folge der stark schrumpfenden Wirtschaft in der Coronapandemie, zählte der industrielle Sektor manchen Quellen zufolge nach 2016/2017 mit 51 Mio. Beschäftigten in der Periode 2020/2021 nur noch 27,3 Mio. (Bhardwaj, 2021). Entsprechend ist Indien in vielerlei Hinsicht immer noch ein Agrarland und so arbeiten dort auch die meisten Menschen (vgl. Abbildung 2). Ferner erkennt man auch hier die Stagnation der Beschäftigung im sekundären Sektor.

Abbildung 2
Anteil der Arbeitskräfte nach Sektoren in Indien
Anteil der Arbeitskräfte nach Sektoren in Indien

Der Anteil ist definiert als die Beschäftigung im jeweiligen Sektor relativ zur Gesamtbeschäftigung, so wie sie in dieser Quelle erfasst wird.

Quelle: Weltbank (2022).

Zudem wird Indiens wirtschaftliche Entwicklung von weiteren Faktoren wie dem Bildungsniveau gebremst. Immer noch fehlt es vielen Menschen an primärer oder sekundärer Bildung. Auch die tertiäre Bildung kann mit der chinesischen Entwicklung nicht mithalten (vgl. Abbildung 3). Die Alphabetisierungsrate lag in Indien 2021 nach offiziellen Angaben bei 77,7 % (Find Easy, 2021). Ein zusätzliches Hemmnis sind die geringen und nicht steigenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung. 1998 gab Indien 0,70 % des BIP dafür aus, auf dem zwischenzeitlichen Hochpunkt 2008 waren es 0,86 %, aber 2018 (dem zuletzt verfügbaren Datenpunkt bei der Weltbank) waren es nur noch 0,66 %. Die Werte für China betragen demgegenüber in denselben Jahren 0,65 %, 1,45 % und 2,14 %, für Deutschland sind es 2,22 %, 2,62 % und 3,11 %.

Abbildung 3
Einschulungsraten in Indien und China
Einschulungsraten in Indien und China

Der Anteil der Kinder, die primäre und sekundäre Bildung erhalten, wird berechnet als Anteil der Kinder, die im schulpflichtigen Alter sind und in eine Grund- oder weiterführende Schule gehen. Der Anteil der jungen Menschen, die tertiäre Bildung erhalten, wird berechnet als Anteil der Personen, die bis zu 5 Jahre älter als die sekundäre Bildungsstufe sind und eine weiterführende Bildungseinrichtung besuchen.

Quellen: Weltbank (2022); UNESCO (2022).

Als weiterer Schwachpunkt hemmt – wie in den meisten Volkswirtschaften mit niedrigen Einkommen – die Korruption eine effiziente Ressourcenallokation. Die Regierung hat mit technischen Innovationen im Bereich der E-Governance (wie die persönliche Aadhar-Identifikationskarte und kostenlose Bankkonten für arme Haushalte) die Korruption verringert. Diese Instrumente haben auch das Interesse anderer Staaten im globalen Süden geweckt.

Außenwirtschaftliche Strategien

Indien hat in seiner Geschichte, ähnlich wie China, verschiedene Strategien hinsichtlich seiner außenwirtschaftlichen Öffnung verfolgt. Nach der Unabhängigkeit war die Idee der Importsubstitution vorherrschend, also faktisch eine bewusste Nicht-Integration in die Weltwirtschaft. Dies erkennt man gut am niedrigen Grad außenwirtschaftlicher Verflechtung in Abbildung 4. Der Anteil der Summe von Exporten und Importen zum BIP betrug über Jahrzehnte rund 10 %, damit übrigens nur etwas mehr als in China. China öffnete sich Ende der 1970er Jahre, Indien folgte erst 1991. Die außenwirtschaftliche Öffnung nahm dann in den 1990er Jahren und vor allen in den 2000er Jahren nochmals deutlich zu und erreichte in der Spitze einen Wert von rund 55 % für die Summe aus Ex- und Importen zum BIP. Seit der großen Weltwirtschaftskrise 2008 stagnierte der Wert und ist zuletzt wieder auf etwa 40 % gefallen. China, zum Vergleich, hat seine Öffnung mit der Krise 2008 sofort zurückgefahren und ist heute wieder etwas weniger „offen“ als Indien. Demgegenüber hat die EU ihre außenwirtschaftliche Verflechtung auch im vergangenen Jahrzehnt weiter vergrößert.

Abbildung 4
Außenwirtschaftliche Verflechtung im Vergleich
Außenwirtschaftliche Verflechtung im Vergleich

Quelle: Weltbank (2022).

Bei den indischen Exporten erkennt man eine klare Tendenz zur Diversifikation (vgl. Abbildung 5). Europa, aber auch Nordamerika und sogar Ostasien haben als Exportmärkte relativ an Bedeutung verloren, der Mittlere Osten (und China auf niedrigem Niveau) dagegen gewonnen. Bei den indischen Importen dominiert nach wie vor der Mittlere Osten, nicht zuletzt wegen Energielieferungen (vgl. Abbildung 6). China hat besonders stark zugelegt. In der Summe ist damit die relative Bedeutung Europas für Indien gefallen. Dagegen ist China, trotz der Spannungen mit Indien aufgrund ungeklärter Grenzfragen, einer der größten bilateralen Handelspartner geworden.

Abbildung 5
Exportquote nach Handelspartnern / Regionen
Exportquote nach Handelspartnern / Regionen

Quellen: WITS (World Integrated Trade Solution) (2022); Weltbank (2022)

Abbildung 6
Importquote nach Handelspartnern / Regionen
Importquote nach Handelspartnern / Regionen

Quellen: WITS (World Integrated Trade Solution) (2022); Weltbank (2022).

Von der weltwirtschaftlichen Integration zur Eigenständigkeit?

Mit der Regierungsübernahme von Premierminister Modi verbanden sich zunächst große Hoffnungen, dass er die weltwirtschaftliche Integration Indiens weiter vorantreiben würde. 2017 kündigte Indien seine bisherigen Investitionsabkommen mit dem Ziel, diese neu zu verhandeln (HSF Notes, 2017). In der Folge erhöhte Indien allerdings wieder seine Zölle und unterzeichnete bis 2021 keine neuen Freihandelsabkommen. 2019 zog sich Indien in letzter Minute aus dem „Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP)“- Abkommen zurück. Hintergrund war, dass Indien ein weiter steigendes Handelsdefizit gegenüber China fürchtete.

Indiens zögerliche Haltung gegenüber der Globalisierung zeigte sich auch in der von Premierminister Modi 2020 während der Coronapandemie propagierten neuen Wirtschaftspolitik „Atmanirbhar Bharat“, die auf eine Stärkung der indischen Industrie und insgesamt eine größere wirtschaftliche Eigenständigkeit abzielt. Diese Wirtschaftspolitik könnte durch die damit verbundenen neuen bürokratischen Regelungen den Marktzugang vor allem für mittelständische Unternehmen aus dem Ausland erschweren. Modis Betonung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit unterscheidet sich dennoch an einigen wichtigen Punkten von der Politik der Importsubstitution der 1950/1960er Jahre. Erstens setzt Indien weiter auf eine Privatisierung von unrentablen Staatsbetrieben. Zweitens unterstützt die Regierung den Aufbau nationaler Champions, z. B. im Telekommunikationsbereich. Drittens forciert die indische Regierung den Aufbau einer exportfähigen Rüstungsindustrie, um damit auch außenpolitisch an Einfluss zu gewinnen.

Neben allen Bedenken gibt es auch eine gewisse Hoffnung auf Indiens Pragmatismus in außenwirtschaftlichen Fragen. So ist zwar der Außenhandel hinter der Wachstumsentwicklung zurückgeblieben, nicht aber die ausländischen (Netto-)Direktinvestitionen in Indien (vgl. Abbildung 7). Teilweise mag Indien bereits von der regionalen Diversifizierung in Asien profitieren (Dhume, 2020). Ein jüngstes prominentes Beispiel für erfolgreiche Auslandsinvestitionen liefert Apple. Dessen Zulieferer haben ihre Produktion in Indien ausgebaut und dabei offenbar auch den Qualitätsrückstand gegenüber der Produktion in China reduziert (Hein und Lindner, 2022).

Abbildung 7
Ausländische Direktinvestitionen
Ausländische Direktinvestitionen

Quelle: Weltbank (2022).

Zudem hat die indische Regierung 2022 neue Freihandelsabkommen unter anderem mit den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeschlossen und führt Verhandlungen über weitere Abkommen z. B. mit Australien, Großbritannien und der EU. 2022 zeigte sich aber auch zugleich Indiens vorsichtige Haltung, als es sich zwar der US-amerikanischen Initiative „Indo-Pacific Economic Framework“ (IPEF) anschloss, nicht jedoch dem Handels­teil dieses Abkommens beitrat (Sinha, 2022).

Das neue Indien – eine illiberale Demokratie?

Neben dem wirtschaftlichen Potenzial ist Indien auch durch seine grundsätzlich demokratische Verfassung als Kooperationspartner des Westens attraktiv. Allerdings gewann Narendra Modi die Wahl 2014 mit dem Versprechen für ein „neues Indien“, das die Interessen der Hindu-Mehrheit stärker berücksichtigen sollte. Im Umkehrschluss werden Minderheiten weniger berücksichtigt unter der Überschrift eines Abbaus ihrer Privilegien. Die damit verbundenen innenpolitischen Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass Indien in internationalen Demokratie-Indices herabgestuft wird. Der entsprechende, breit angelegte „Voice and Accountability“-Index der Weltbank zeigt bereits seit Jahren, dass die Demokratie in Indien schwächer wird (vgl. Abbildung 8). Die Abbildung zeigt zudem, dass Indien vom Niveau her ähnlich wie Bulgarien (das EU-Land mit dem niedrigsten V/A-Wert 2020) oder Brasilien liegt, und damit noch deutlich höher als der Durchschnitt aller Länder in der Welt, aber der Trend der vergangenen Jahre ist abwärts gerichtet (Menkhoff, 2022). Aufgrund der wachsenden Einschränkungen in der Meinungs- und Pressefreiheit wird Indien deshalb auch zunehmend als illiberale Demokratie bezeichnet (Ganguly, 2020).

Abbildung 8
Demokratische Entwicklung über die Zeit
Demokratische Entwicklung über die Zeit

Abgebildet sind die Voice and Accountability-Werte.

Quelle: Weltbank (2022).

Ein Teilbereich, der für ausländische Firmen von Interesse ist, ist die Forderung, dass Hindi mittelfristig Englisch, die Sprache der früheren Kolonialmacht, ersetzen soll. Die Umsetzung dieses Vorhabens erscheint angesichts der verfassungsrechtlichen Hürden und drohenden innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den Hindi- und nicht-Hindisprechenden Bundesstaaten wenig wahrscheinlich. Die in einigen Bundesstaaten zu beobachtende stärkere Nutzung von Hindi im Hochschulbereich und in der öffentlichen Verwaltung könnte langfristig allerdings deren Attraktivität für ausländische Unternehmen verringern.

Indiens Strategie als eigener „Pol“ in der Welt

Indiens wirtschaftliche Erfolge haben auch die internationale Position des Landes gestärkt. Indien verfolgt seit 1947 eine unabhängige Außenpolitik und versteht sich selbst als „Führungsmacht“ oder als „Pol in einer multipolaren Welt“. Indien war einer der Architekten der Blockfreien-Bewegung und gilt als Fürsprecher der Entwicklungsländer in den Vereinten Nationen. Dank der Liberalisierung 1991 hat Indien heute ein größeres Gewicht in der Weltbank und im Internationalen Währungsfonds. Zusammen mit Brasilien, Russland, China und Südafrika ist Indien Teil der BRICS-Gruppe, die sich bei ihrer Gründung als neues Gegengewicht zu „westlichen“ Nationen verstanden hat. Dazu passt, dass Indien sich in den Vereinten Nationen bei den Sanktionen gegen Russland der Stimme enthalten hat, und nicht etwa mit dem Westen stimmte.

Indien scheint ein Profiteur der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen zu sein. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben sich die russischen Ölimporte nach Indien vervielfacht. Die westlichen Sanktionen haben auch den International Nord Süd Transport Korridor (INSTC) zwischen Russland, Iran und Indien wiederbelebt. Interessanterweise hat dies nicht dazu geführt, dass die westlichen Staaten ihre Beziehungen zu Indien überdenken; im Gegenteil behalten sie ihren Kurs bei. Demnach gilt Indien als strategischer Partner mit Blick auf die wachsende Systemkonkurrenz mit China. Die USA und die EU haben deshalb ihre Zusammenarbeit mit Indien intensiviert, auch um das Land dabei zu unterstützen, seine Abhängigkeit von Russland zu verringern. Entsprechend benennen auch die Indo-Pazifik Leitlinien der Bundesregierung (2020) Indien als einen der zentralen Partner in der Region.

Zurzeit bietet die Krise für Indien die Gelegenheit, seine globalen Aufstiegsambitionen voranzutreiben. Mit Blick auf China scheint es einen „Freifahrschein“ des Westens zu haben und muss keine Sanktionen aufgrund der starken Beziehungen zu Russland fürchten. Allerdings gleicht Indiens auf den ersten Blick komfortable Position eher einem Drahtseilakt. Sollte sich ein durch Sanktionen geschwächtes Russland künftig stärker an China orientieren, müsste Indien seine hohe militärische Abhängigkeit von Russland verringern (Wulf, 2022). Dies würde die ohnehin bereits vorhandene militärische Zusammenarbeit mit den USA und anderen westlichen Staaten weiter vertiefen, die allerdings mit deutlich höheren Kosten verbunden wäre.

Wechselseitige „Unverzichtbarkeit“

Indiens wirtschaftliche und außenpolitische Ziele lassen sich zudem nur mit einem dauerhaften hohen Wirtschaftswachstum erreichen. Europa und die westlichen Industriestaaten sind deshalb unverzichtbare Partner für die Modernisierung und Entwicklung Indiens. Engere Beziehungen zum Westen werden aber unweigerlich problematische Themen wie Menschenrechte und Meinungsfreiheit auf die Agenda bringen, z. B. in Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU (Wagner und Lemke, 2021). Unter diesen Bedingungen könnte es für Indien deutlich schwieriger werden, an seinem Primat der außenpolitischen Unabhängigkeit festzuhalten.

Zusammenfassend ist Indien für die deutsche Wirtschaft noch keine echte Alternative zu China, nicht nur wegen der vergleichsweise kleinen Märkte und Defiziten bei Infrastruktur sowie Bildung. Grenzen setzen auch Unsicherheiten, die mit der neuen indischen Wirtschaftspolitik oder der Umsetzung der nachhaltigen Lieferketten verbunden sind. Mittelfristig bleibt Indien aber ein zentraler Standort für die Diversifizierung der deutschen (bzw. europäischen) internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Insofern ist Indien für Deutschland und Europa mit Blick auf China ein unverzichtbarer, mit Blick auf seine innen- und außenpolitische Orientierung zugleich aber auch ein ambivalenter Partner.

  • Die Verfasser danken Christopher Kißling, Stephan Schlipf und Marius Zeevaert für wertvolle Informationen und Unterstützung.
  • 1 Z. B. Winfried Kretschmann (2022): „Ich werbe schon länger dafür, dass unsere Unternehmen ihre Kooperation mit dem demokratischen Indien ausbauen.“

Literatur

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Bhardwaj, A. (2021), Manufacturing Employment Nearly Half of What It Was Five Years Ago, Business Standard, 7. Mai, https://www.business-standard.com/article/ economy-policy/ceda-cmie-bulletin-manufacturing-employment-halves-in-five-years-121050601086_1.html (8. Mai 2021).

Boer, L. und L. Menkhoff (2021), Die globalisierte deutsche Wirtschaft: Im Wahlkampf vernachlässigt!, DIW Aktuell, 68, 8. Juli.

Bundesregierung (2020), Leitlinien zum Indo-Pazifik.

Dhume, S. (2020), East Is East: Can Indian Manufacturing Capitalize on the Flight from China?, The Wall Street Journal, 15. Mai.

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Find Easy (2021), Literary Rate in India 2022, https://www.findeasy.in/indian-states-by-literacy-rate/ (20. Dezember 2022).

Ganguly, S. (2020), An Illiberal India?, Journal of Democracy, 31(1), 193-202.

Hein, C. und R. Lindner (2022), Neue iPhones: Apple baut die Produktion in Indien aus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. August.

HSF Notes (2017), Mixed messages to investors as India quietly terminates bilateral investment treaties with 58 countries, https://hsfnotes.com/arbitration/2017/03/16/mixed-messages-to-investors-as-india-quietly-terminates-bilateral-investment-treaties-with-58-countries/ (20. Dezember 2022).

Jose, T. (2022), India Creates Second Highest Number Of Unicorns: Report, Entrepreneur India, 9. September, https://www.entrepreneur.com/en-in/news-and-trends/india-creates-second-highest-number-of-unicorns-report/435029 (2. Dezember 2022).

Kretschmann, W. (2022), Weniger Wohlstand für viele, Tagesspiegel, 10. April.

MC Rangan, G., B. Ganguli und S. Das (2022), India is a shining star amid global economic uncertainty: Christian Sewing, CEO, Deutsche Bank, The Economic Times, 3. Oktober, https://economictimes.indiatimes.com/industry/banking/finance/banking/india-is-a-shining-star-amid-global-economic-uncertainty-christian-sewing-ceo-deutsche-bank/articleshow/94608069.cms (2. Dezember 2022).

Menkhoff, L. (2022), Kleine Welt: Wenn Deutschland nur mit Demokratien handelt, Wirtschaftsdienst, 102(7), 523-528, https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2022/heft/7/beitrag/kleine-welt-wenn-deutschland-nur-mit-demokratien-handelt.html (2. Dezember 2022).

Narlikar, A. (2022), India’s Foreign Economic Policy under Modi: Negotiations and Narratives in the WTO and beyond, International Politics, 59, 148-166.

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Wienold, H. (2019), Indien heute – Die Armut bleibt unbesiegt, Verlag Westfälisches Dampfboot.

Wulf, H. (2022), Ausgerüstet, Internationale Politik und Gesellschaft, 22. März.

Title:India: An Alternative to China?

Abstract:Tensions in the world economy and European worries about too much economic dependence on China put India into focus. 18 % of the world population are living there in a democratic state. However, the overall market size is just one fifth of the Chinese and democracy is getting weaker, according to a European understanding. Still, the Indian economy offers great long-run potential for trade. India regards itself to be on par with Europe and acts independently, similar to China. This should be kept in mind when partnership is aimed for in economic and political affairs.

© Der/die Autor:in 2023

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.2478/wd-2023-0018

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