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Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt macht die politische Bedeutung ökonomischer Unsicherheit wieder einmal sichtbar. Nach dem amtlichen Ergebnis der Landeswahlleiterin wurde die AfD mit 43,8 % der Zweitstimmen stärkste Kraft; die CDU erreichte als zweitstärkste Kraft 17,2 %. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 % und damit deutlich höher als 2021 (Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt, 2026). Die Wahltagsbefragung von infratest dimap zeigt zugleich, dass materielle Sorgen für einen erheblichen Teil der Wählerschaft relevant waren. Unter den AfD-Wähler:innen stimmten 89 % der Aussage zu, sie machten sich große Sorgen, dass die Preise so stark steigen, dass sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können; 65 % bewerteten ihre finanzielle Lage als schlecht (infratest dimap, 2026). Daraus folgt keine monokausale Erklärung des Wahlergebnisses. Die Befunde motivieren jedoch die Frage, ob Preissteigerungen in Ostdeutschland systematisch anders wahrgenommen werden als in Westdeutschland.

Inflation ist für Haushalte nicht nur eine Veränderung eines Preisindex, sondern auch eine Verteilungs- und Unsicherheitsgröße. Shiller (1997) zeigt, dass Bürger:innen Inflation häufig mit Kontrollverlust und einer Verschlechterung ihres Lebensstandards verbinden. Easterly und Fischer (2001) argumentieren, dass ärmere Haushalte Inflation besonders negativ bewerten. Scheve (2004) behandelt Inflationsaversion daher als politökonomisch relevante Präferenz, die zwischen sozialen Gruppen variiert.

Inflationsaversion bezeichnet im Folgenden nicht die tatsächlich gemessene Inflation, sondern die subjektive politische Bedeutung, die Befragte steigenden Preisen beimessen. Datengrundlage für die folgende Analyse ist der Standard-Eurobarometer für Deutschland im Zeitraum 2002 bis 2025. Inflationsaversion wird als binäre Variable gemessen. Sie nimmt den Wert eins an, wenn Befragte Inflation, steigende Preise oder Lebenshaltungskosten als eines der beiden wichtigsten Probleme Deutschlands nennen. Abbildung 1 weist den Anteil dieser Nennungen getrennt für Ost- und Westdeutschland aus. Die Messung ist bewusst einfach. Sie erfasst keine vollständige Wohlfahrtsbewertung von Inflation, sondern die Priorität, die Befragte dem Problem im Vergleich zu anderen politischen und wirtschaftlichen Themen einräumen. Gerade diese relative Priorisierung ist für die politische Ökonomie jedoch zentral.

Abbildung 1
Inflationsaversion in Ost- und Westdeutschland, 2002 bis 2025
Inflationsaversion in Ost- und Westdeutschland, 2002 bis 2025

Anteil der Befragten, die Inflation, steigende Preise oder Lebenshaltungskosten als eines der beiden wichtigsten Probleme Deutschlands nennen.

Quelle: eigene Berechnungen auf Basis des Standard-Eurobarometers.

Die Abbildung zeigt drei Befunde. Erstens schwankt die Inflationsaversion im Zeitverlauf deutlich. In Phasen niedriger Inflation spielt das Thema in beiden Landesteilen eine geringere Rolle; in Phasen höherer Teuerung steigt der Anteil der Nennungen stark an. Dies spricht dafür, dass die Umfragedaten tatsächliche Preisentwicklungen und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit plausibel abbilden.

Zweitens liegt die Inflationsaversion in Ostdeutschland im Beobachtungszeitraum beinahe immer über dem westdeutschen Niveau. Der Abstand ist nicht in jeder Befragungswelle gleich groß, er ist aber persistent. Damit handelt es sich nicht ausschließlich um ein Phänomen der jüngsten Inflationsphase 2022/2023. Vielmehr ist der Ost-West-Unterschied bereits in früheren Jahren erkennbar.

Drittens reagieren beide Landesteile auf gemeinsame Inflationsphasen. Der ostdeutsche Befund ist daher nicht als isolierte regionale Sonderentwicklung zu interpretieren. Plausibler ist, dass gleiche makroökonomische Entwicklungen auf unterschiedliche wirtschaftliche Erfahrungs- und Wahrnehmungshintergründe treffen.

Die in Abbildung 1 visualisierten Unterschiede könnten prinzipiell durch unterschiedliche Bevölkerungsstrukturen getrieben sein. Ost- und Westdeutschland unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich Alter, Bildung, Erwerbsstatus, beruflicher Zusammensetzung und Vermögenspuffern. Wird in linearen Wahrscheinlichkeitsmodellen für Geschlecht, Alter, Bildung, Familienstand, Wohnorttyp, Erwerbsstatus, Beruf und politische Selbsteinordnung kontrolliert, so bleibt der geschätzte Ostdeutschland-Effekt positiv und statistisch signifikant. Die Größenordnung liegt bei rund 7 Prozentpunkten und ist damit ökonomisch bedeutsam. Auch unter Verwendung von Altersdummies verändert sich dieser Befund kaum. Der Unterschied ist somit nicht in erster Linie eine Folge der demografischen oder sozialen Zusammensetzung der Stichproben.

Auch die tatsächliche regionale Inflation erklärt den beobachteten Unterschied nicht. Wird die Inflationsrate auf Ebene der Bundesländer in die Schätzung aufgenommen, bleibt der Ost-West-Abstand nahezu unverändert. Wie zu erwarten ist die regionale Inflationsrate selbst positiv mit Inflationsaversion verbunden – bei steigender regionaler Inflation geben die Antwortenden auch mit einer höherer Wahrscheinlichkeit Inflation als wichtiges Problem an. Werden jedoch fixe Effekte für die einzelnen Befragungswellen in der Schätzung berücksichtigt, verschwindet dieser Zusammenhang weitgehend. Kurzfristige Schwankungen der Inflationsaversion werden somit vor allem durch gemeinsame nationale Inflationsphasen erklärt; der Ost-West-Unterschied bleibt davon weitgehend unberührt.

Dieser Befund fügt sich in eine breitere Literatur zu langfristigen Prägungen wirtschaftlicher Einstellungen ein. ­Alesina und Fuchs-Schündeln (2007) zeigen, dass institutionelle Erfahrungen auch nach der Wiedervereinigung Präferenzen beeinflussen können. Malmendier und Nagel (2016) dokumentieren, dass persönliche makroökonomische Erfahrungen Erwartungen langfristig prägen. Goldfayn-Frank und Wohlfart (2020) zeigen entsprechende Ost-West-Unterschiede bei Inflationserwartungen in Deutschland. Die hier dargestellten Ergebnisse ergänzen diese Evidenz: Nicht nur Erwartungen über künftige Preissteigerungen, sondern auch die politische Problemwahrnehmung von Inflation unterscheidet sich zwischen Ost und West.

Für die wirtschaftspolitische Debatte folgt daraus, dass Preisstabilität und Verteilungsfragen nicht getrennt betrachtet werden sollten. Inflation trifft Haushalte nicht nur über durchschnittliche Kaufkraftverluste, sondern auch über wahrgenommene Verwundbarkeit. In Regionen mit geringeren Vermögenspuffern und stärkerer Transformationserfahrung kann diese Verwundbarkeit politisch besonders relevant werden. Die Sachsen-Anhalt-Wahl zeigt nicht, dass Inflationsaversion Wahlverhalten determiniert. Sie zeigt aber, dass Preisängste ein relevanter Resonanzboden politischer Mobilisierung sein können.

Literatur

Alesina, A. & Fuchs-Schündeln, N. (2007). Good-bye Lenin (or not?): The Effect of Communism on People‘s Preferences. American Economic Review, 97(4), 1507–1528.

Easterly, W. & Fischer, S. (2001). Inflation and the Poor. Journal of Money, Credit and Banking, 33(2), 160–178.

Goldfayn-Frank, O. & Wohlfart, J. (2020). Expectation Formation in a New Environment: Evidence from the German Reunification. Journal of Monetary Economics, 115, 301–320.

infratest dimap. (2026). ARD-Wahltagsbefragung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026.

Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt. (2026, 22. September). Wahlergebnisse auf Landesebene Sachsen-Anhalt: Endgültige Ergebnisse, 2661 von 2661 Wahlbezirken.

Malmendier, U. & Nagel, S. (2016). Learning from Inflation Experiences. The Quarterly Journal of Economics, 131(1), 53–87.

Scheve, K. (2004). Public Inflation Aversion and the Political Economy of Macroeconomic Policymaking. International Organization, 58(1), 1–34.

Shiller, R. J. (1997). Why Do People Dislike Inflation? In C. D. Romer & D. H. Romer (Hrsg.), Reducing Inflation: Motivation and Strategy (S. 13–65). University of Chicago Press.

 

© Der/die Autor:in 2026

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