Sieben Millionen – so viele Arbeitskräfte wird Deutschland in den nächsten 15 Jahren allein aufgrund des demografischen Wandels verlieren. Bereits seit vielen Jahren ist der demografische Effekt negativ, mit mehr als 400.000 Arbeitskräften pro Jahr. Tatsächlich beginnt der deutsche Arbeitsmarkt jedoch erst jetzt zu schrumpfen. Denn bislang konnte dieser Rückgang überkompensiert werden – durch eine steigende Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen; und vor allem durch Zuwanderung. Doch diese Ausgleichsmechanismen stoßen zunehmend an Grenzen. Europa altert insgesamt, und die Dynamik der Zuwanderung innerhalb Europas nimmt ab. Zugleich sind viele der besonders mobilen, jüngeren Kohorten bereits gewandert. Vor diesem Hintergrund wird Migration schwieriger – und genau hier setzt ein verbreitetes Argument an: Wenn Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend Aufgaben übernimmt, braucht man doch keine zusätzlichen Arbeitskräfte mehr. Diese Folgerung ist ein Trugschluss. Arbeitskräfteknappheit lässt sich gesamtwirtschaftlich nicht einfach wegdigitalisieren.
Digitalisierung und KI führen zu tiefgreifenden Veränderungen von Tätigkeiten und Arbeitsprozessen, aber nicht zu einem Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Arbeitskräftebedarfs. Unternehmen können durch den Einsatz von KI ihre Produktivität steigern und die gleiche Menge an Gütern mit weniger Personal herstellen. Dies betrifft nicht nur die Industrie, sondern zunehmend auch den Dienstleistungssektor. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Bedarfe. Die Einführung von KI erfordert erhebliche Investitionen – etwa in Rechenzentren, IT-Infrastruktur und neue Produktionssysteme. Darüber hinaus eröffnet KI neue Geschäftsfelder und erweitert bestehende Märkte im In- und Ausland. Dadurch steigen Investitionen, Konsum und Exporte. Höhere Produktivität führt zu steigenden Einkommen, die wiederum Konsum und Nachfrage erhöhen. Diese zusätzlichen wirtschaftlichen Aktivitäten erzeugen neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Der zentrale Effekt von KI ist daher Strukturwandel: Alte Tätigkeiten verschwinden, neue entstehen. Genau diese Mechanismen werden in Zika et al. (2025) modellbasiert nachgezeichnet: Im KI-Szenario fallen innerhalb von 15 Jahren im Vergleich zum aktuellem Entwicklungspfad rund 800.000 Arbeitsplätze weg – gleichzeitig entstehen jedoch neue Arbeitsplätze in gleicher Größenordnung. Es kommt somit zu einem Umbruch, nicht zu einem Einbruch der Beschäftigung.
Die KI ersetzt deshalb nicht die Notwendigkeit, dem Rückgang des Arbeitsangebots durch den demografischen Wandel entgegenzuwirken. Selbst wenn die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren weiter steigt, bedarf es einer jährlichen Nettomigration von rund 400.000 Personen, um das Arbeitskräfteangebot stabil zu halten. Dabei geht es nicht nur um eine quantitative Frage. Häufig wird übersehen, dass Migration das Arbeitskräfteangebot nicht nur am unteren Ende des Qualifikationsspektrums erhöht, sondern auch am oberen Ende. Je nach Beobachtungszeitraum ist der Anteil der Akademiker:innen unter den Zugewanderten in Deutschland ebenso hoch oder höher wie in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Dieses Potenzial kann weiter gestärkt werden, etwa durch eine gezielte Förderung internationaler Studierender und des Verbleibs der Absolvent:innen. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass Migration und Diversität das Produktivitätswachstum erhöhen. Innovationen entstehen häufig dort, wo Wissen aus unterschiedlichen Kontexten zusammengeführt wird – ein Prozess, der durch Migration gefördert wird. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung neuer Güter, Dienstleistungen und Arbeitsprozesse im Kontext von KI. Gleichzeitig verändert die Digitalisierung auch die Formen von Migration. KI-gestützte und digitale Tätigkeiten ermöglichen zunehmend ortsunabhängige oder hybride Arbeitsformen. Unternehmen können Fachkräfte zunächst im Ausland beschäftigen, digital einarbeiten und sie später – etwa projektbezogen oder dauerhaft – nach Deutschland holen. Damit entstehen neue, gestufte Migrationspfade: von virtueller Zusammenarbeit über temporäre Präsenz bis hin zur langfristigen Zuwanderung. Diese Formen können Migration erleichtern, Risiken für Unternehmen und Beschäftigte reduzieren und Integrationsprozesse vorbereiten. Zugleich bleiben viele Tätigkeiten an den Arbeitsort gebunden, und auch für wissensintensive Arbeit sind persönliche Interaktion, Netzwerke und institutionelle Einbindung zentral. Digitale Arbeitsformen erweitern daher die Möglichkeiten von Migration, machen sie aber nicht entbehrlich.
Auch beschränkt sich der Bedarf nicht auf hochqualifizierte Arbeitskräfte. Beschäftigung und Nachfrage sind in den arbeitsintensiven Dienstleistungssektoren wie Pflege, Gastronomie, Haushaltsdienstleistungen, Verkehr und Logistik im vergangenen Jahrzehnt stark gestiegen. Auch bei diesen Dienstleistungen werden sich die Tätigkeitsstrukturen durch KI verändern. Der Beschäftigungsbedarf wird jedoch hoch bleiben und weiter zunehmen. In vielen Bereichen wird er das inländische Arbeitsangebot übersteigen. Auch dem muss eine intelligente Migrationspolitik gerecht werden. Das Gegenbild einer weitgehend geschlossenen Volkswirtschaft mit geringer Zuwanderung ist ökonomisch und sozial wenig attraktiv. Eine schrumpfende Zahl von weniger produktiven Arbeitskräften müsste eine wachsende Zahl von Menschen im Ruhestand tragen. Zugleich würde die öffentliche Infrastruktur unter Druck geraten. Zudem zeigt unsere Forschung: In schrumpfenden Gesellschaften geht nicht nur die Zahl der Arbeitskräfte zurück – auch Dynamik, Produktivität und Innovationsfähigkeit lassen nach. Ohne Migration wird daher die Wohlfahrt sinken.
KI wird Migration nicht überflüssig machen. Die Migrations- und Integrationspolitik muss vielmehr die Veränderungen der Tätigkeits- und Beschäftigungsstrukturen berücksichtigen, die durch KI und den strukturellen Wandel entstehen. Durch KI werden sich Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen schneller und weniger vorhersehbar verändern. Wenn sich Anforderungen dynamischer entwickeln, wird die punktgenaue Steuerung nach aktuellem Fachkräftebedarf zunehmend unzuverlässig. Außerdem brauchen wir nicht nur Fachkräfte, sondern auch zunehmend mehr Arbeitskräfte in den arbeitsintensiven Dienstleistungsberufen. Eine zukunftsorientierte Migrationspolitik sollte daher weniger auf perfekte Passung in einer Momentaufnahme setzen – und stärker auf Lernfähigkeit, Entwicklung und Aufstieg. Da das Migrationspotenzial aus der EU ausgeschöpft ist, wird Zuwanderung künftig stärker aus Drittstaaten kommen müssen. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, gleichzeitig ausreichend Arbeitskräfte zu gewinnen und ihre Integration nachhaltig zu sichern. Migration bedeutet dabei nicht nur zusätzliche Arbeitskraft, sondern auch Ideen, Austausch und gesellschaftliche Dynamik. Und das ist zentral: Um fast eine halbe Million ist die Arbeitslosigkeit seit Mitte 2022 gestiegen – aber nicht, weil wir zu viele Arbeitskräfte hätten oder die KI die ganze Arbeit erledigen würde –, sondern wegen einer Erneuerungskrise mit zu wenig Bewegung, Innovation und Investition.
Literatur
Zika, G., Hassemer, T., Hummel, M., Krebs, B., Maier, T., Mönnig, A., Schneemann, C., Weber, E. & Zenk, J. (2025): Künstliche Intelligenz: Potenzielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt. IAB-Forschungsbericht 23/2025.