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Im neuen Chancenmonitor1 berechnen wir, wie stark die Bildungschancen der Kinder in Deutschland von Geschlecht und sozialer Herkunft abhängen. Dazu nutzen wir die Daten von knapp 68.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren aus dem Mikrozensus 2022 (der für die Analysen aktuell verfügbaren Welle).

Es zeigt sich, dass Jungen systematisch geringere Bildungschancen haben als Mädchen: Während 43,5 % der Mädchen ein Gymnasium besuchen, sind es nur 36,9 % der Jungen – ein Rückstand von 6,6 Prozentpunkten. Dieser Gender-Gap zu Lasten der Jungen zieht sich durch alle sozialen Gruppen. Allerdings fällt er in den obersten Bildungs- und Einkommensgruppen etwas geringer aus. Er verstärkt sich im Verlauf der Schulzeit und beträgt im Alter von 16 bis 18 Jahren sogar knapp 10 Prozentpunkte.

Noch stärker fallen die Unterschiede nach sozialer Herkunft aus. So liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, beispielsweise bei knapp 17 %, wenn ein Kind mit Eltern ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel ohne Migrationshintergrund aufwächst. Im Gegensatz dazu liegt sie bei über 80 %, wenn das Kind mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel mit Migrationshintergrund aufwächst. Dabei fallen Bildung und Einkommen der Eltern besonders stark ins Gewicht. Nimmt man die Geschlechterunterschiede hinzu, reicht die Wahrscheinlichkeit des Gymnasialbesuchs von 14 % bei Jungen in der am stärksten benachteiligten Gruppe bis zu über 82 % bei Mädchen in der privilegiertesten Gruppe.

Im Vergleich zum ersten Chancenmonitor, der sich auf Daten vor der Coronapandemie (2019) bezog, ist die Sachlage hinsichtlich der Ungleichheit der Bildungschancen in Deutschland qualitativ sehr ähnlich. In der langfristigen Betrachtung wurde in den 1960er Jahren das „katholische Arbeitermädchen vom Land“ als Kunstfigur der Bildungsbenachteiligung kreiert. Die Benachteiligung nach der sozialen Herkunft hat sich seither verfestigt. Im Gegensatz dazu hat sich das Geschlechterverhältnis mittlerweile umgekehrt.

Bei Chancengerechtigkeit sollte jeder Mensch – unabhängig von Geschlecht oder Familie – das eigene Potenzial entfalten können. Weil Kinder diese Umstände nicht selbst wählen können, sollten ihre Chancen im Leben davon unabhängig sein. Deutschland ist davon weit entfernt.

Der Besuch des Gymnasiums ist nur einer von zahlreichen Indikatoren für Bildungschancen. Selbstverständlich ist es nicht für jedes Kind die beste Bildungsentscheidung, auf ein Gymnasium zu gehen. Aber die Chance darauf sollte nicht von Herkunft oder Geschlecht abhängen. In der Studie berichten wir auch über alternative Maße, die ungleiche Bildungschancen in ähnlicher Weise belegen. Wirtschaftlich gesehen ist der Gymnasialbesuch jedenfalls sehr relevant: Menschen mit Abitur verdienen im Durchschnitt monatlich netto 42 % mehr als Menschen ohne Abitur. Die Forschung legt nahe, dass die Bildungsprobleme der Jungen sich in schlechteren Erwerbsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt, aber auch in erhöhten Kriminalitätsrisiken junger Männer widerspiegeln werden.

Ungleichheiten bei den Bildungschancen sind änderbar. Das zeigen die vielfach belegten starken positiven Effekte zahlreicher bildungspolitischer Maßnahmen für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen. Maßnahmen mit der Gießkanne reichen aber meist nicht aus: Benachteiligte Kinder müssen gezielt gefördert werden.

In beiden Dimensionen – Geschlecht und soziale Herkunft – gibt es Handlungsoptionen für ausgeglichenere Bildungschancen. Die Bildungschancen von Jungen können durch mehr männliche Erzieher und Lehrkräfte sowie eine Reflektion von Geschlechterstereotypen, Unterrichts- und Erziehungsformen verbessert werden. Eine frühe Förderung sollte sich auf Lesekompetenzen und Selbstregulation der Jungen ausrichten. Auch Elternarbeit und außerschulische Maßnahmen tragen dazu bei, die Bildungsaspiration von Jungen zu stärken.

Die Chancen von Kindern aus benachteiligten Familien können durch frühkindliche Bildungsangebote und Unterstützung der Familien verbessert werden. Schulen mit vielen benachteiligten Kindern sollten besonders gute Lehrkräfte erhalten, und die Aufteilung auf Schularten sollte später erfolgen. Außerschulisch helfen kostenfreie Nachhilfe- und Mentoring-Programme.

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© Der/die Autor:in 2026

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.

DOI: 10.2478/wd-2026-0096

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