Wirtschaftspolitische Entscheidungen entfalten ihre Wirkungen häufig über Jahrzehnte, doch die Zukunft, auf die sie zielen, ist grundlegend unsicher. Langfrist-Projektionen haben sich als zentrales Instrument der ökonomischen Politikberatung etabliert, um sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen – und sind zugleich Gegenstand anhaltender Kritik. Der vorliegende Beitrag ordnet solche Projektionen systematisch ein. Er präzisiert ihren epistemischen Status, umreißt ihre analytische Leistungsfähigkeit und benennt ihre Grenzen. Unsere Kernthese lautet: Langfrist-Projektionen erheben keinen prognostischen Wahrheitsanspruch, stellen jedoch ein wissenschaftlich legitimes und unverzichtbares Werkzeug zur strukturierten Analyse intertemporaler Zusammenhänge unter Unsicherheit dar. Häufig vorgebrachte Einwände beruhen weitgehend auf kategorialen Missverständnissen oder auf institutionellen Problemen der Politikberatung, nicht auf Defiziten der Methode selbst.
Wirtschaftspolitische Entscheidungen haben langfristige Konsequenzen. In der Finanzpolitik, der Alterssicherung, der Gesundheits- und Pflegefinanzierung sowie der Klima- und Energiepolitik binden heutige Entscheidungen die Zukunft: Sie begründen langfristige Verpflichtungen und verteilen Lasten zwischen Generationen um. Gleichzeitig herrscht über die demografischen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen, unter denen diese Wirkungen eintreten werden, erhebliche Unsicherheit.
Langfrist-Projektionen bieten einen Zugang zu diesem Spannungsfeld. Sie erlauben es, die langfristigen Konsequenzen bestehender Regelwerke strukturiert zu durchdenken, Reformoptionen vergleichend zu bewerten und Risiken frühzeitig zu erkennen. Prominente Beispiele finden sich in den fiskalischen Tragfähigkeitsberichten der Europäischen Kommission, den Projektionen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR Wirtschaft) zur Entwicklung der Rentenfinanzen oder des Produktionspotenzials sowie in den klima- und energiepolitischen Szenarien des IPCC. Zugleich stehen Langfrist-Projektionen in der Kritik. Beanstandet werden die hohe Unsicherheit der Annahmen, die Sensitivität der Ergebnisse gegenüber einzelnen Parametern sowie die Gefahr, dass die Resultate im politischen Raum selektiv rezipiert und zur Legitimation vorab festgelegter Reformoptionen instrumentalisiert werden. Vor allem aber wird eingewandt, dass Projektionsergebnisse regelmäßig als faktische Vorhersagen kommuniziert und aufgefasst werden.
Der vorliegende Beitrag nimmt diese Kritik ernst und verfolgt eine klar umrissene Leitfrage: Unter welchen epistemischen Voraussetzungen sind Langfrist-Projektionen ein wissenschaftlich legitimes Instrument der ökonomischen Politikberatung und nach welchen Kriterien ist ihre Qualität angemessen zu beurteilen? Der Beitrag versteht sich als Verteidigung, nicht im Sinne eines unkritischen Plädoyers, sondern als präzisierende Klärung des analytischen Anspruchs, den Langfrist-Projektionen erheben können und sollten.
Wahrheit und Erkenntnis in der Langfrist-Analyse
Langfrist-Projektionen sind modellbasierte Analyseinstrumente, und ihr Erkenntnisziel unterscheidet sich grundlegend von dem einer Prognose. Sie zielen nicht darauf, konkrete zukünftige Zustände vorherzusagen, sondern darauf, langfristige Wirkungszusammenhänge unter wohldefinierten Annahmen offenzulegen. Der Wahrheitsbegriff, den sie beanspruchen, ist entsprechend konditional: Eine Aussage auf Basis einer Langfrist-Projektion ist dann wahr, wenn das abgeleitete Ergebnis konsistent aus den explizit gesetzten Prämissen folgt. Langfrist-Projektionen stehen damit in der Tradition hypothetisch-deduktiver Erklärung; es werden nicht singuläre Ereignisse antizipiert, sondern die dynamischen Implikationen bestimmter Konstellationen von Annahmen systematisch entfaltet (Popper, 1959; Hausman, 1992).
Mit diesem Wahrheitsbegriff geht ein spezifisches Verständnis ökonomischer Modelle einher. Modelle fungieren in Langfrist-Projektionen nicht als realistische Abbilder der Wirklichkeit, sondern als idealisierte Instrumente zur Konzentration auf wichtige Phänomene und Zusammenhänge: Sie blenden beispielsweise kurzfristige Schwankungen und kontingente Schocks gezielt aus, um langsame, aber folgenreiche Prozesse – demografische Verschiebungen, kumulative fiskalische Effekte, institutionelle Anpassungen – in den Vordergrund zu rücken. Ein Modell repräsentiert seinen Gegenstand insofern, als es für eine bestimmte Fragestellung die relevanten Mechanismen isoliert und analysierbar macht (Giere, 2004; Mäki, 2009). Auf dieser Grundlage werden aus Annahmen zu exogenen Trends, institutionellen Rahmenbedingungen und zentralen ökonomischen Relationen konsistente Entwicklungspfade über Jahrzehnte abgeleitet. Der Zeithorizont ist dabei kein willkürlicher Parameter, sondern funktional bestimmt: Er richtet sich nach der Eigendynamik der untersuchten Prozesse und reicht typischerweise so weit, wie nötig ist, um kumulative Effekte und intertemporale Konsistenzbedingungen adäquat zu erfassen. Entscheidend ist, dass mit längerem Horizont nicht die Prognoseunsicherheit im engeren Sinn steigt – da kein Prognoseanspruch besteht –, sondern die Abhängigkeit der Ergebnisse von den gesetzten Annahmen.
Genau hier liegt die kategoriale Differenz zu Prognosen, wie sie in der Konjunkturanalyse üblich sind. Prognosen zielen auf die wahrscheinlichste zukünftige Entwicklung und implizieren in der Regel einen korrespondenztheoretischen Wahrheitsanspruch: Sie werden daran gemessen, ob die vorhergesagte Entwicklung tatsächlich eintritt. Langfrist-Projektionen verzichten bewusst auf diesen Anspruch. Ihr analytischer Mehrwert liegt anderswo – in der systematischen Offenlegung von Sensitivitäten, in der Identifikation langfristiger Zielkonflikte und in der Prüfung institutioneller Tragfähigkeit. Sie sind Instrumente der strukturellen Orientierung, nicht der punktgenauen Vorausschau.
Analytische Leistungsfähigkeit
Der zentrale Erkenntnisbeitrag von Langfrist-Projektionen besteht darin, intertemporale Strukturen sichtbar zu machen, die in einer kurzfristig orientierten Betrachtung systematisch unberücksichtigt bleiben. Zum Beispiel verdeutlichen Langfrist-Projektionen, dass heutige finanzpolitische Entscheidungen untrennbar mit zukünftigen Einnahmen-, Ausgaben- und Verschuldungspfaden verknüpft sind. Die intertemporale Budgetrestriktion, die sie dabei offenlegen, ist keine empirisch begründete Prognose, sondern eine theoretische Konsistenzbedingung: Sie formuliert die notwendige Beziehung zwischen gegenwärtigem fiskalischem Handeln und der langfristigen Tragfähigkeit öffentlicher Finanzen. Projektionen zeigen, unter welchen Annahmen bestimmte fiskalische Pfade konsistent bleiben und in welchem Ausmaß Anpassungslasten zeitlich verschoben oder implizit zukünftigen Generationen aufgebürdet werden.
Eng damit verbunden ist die Frage, ob bestehende institutionelle Arrangements langfristig tragfähig sind. Durch die explizite Modellierung von Steuer-, Transfer- und Ausgabenregimen in Wechselwirkung mit demografischen und makroökonomischen Entwicklungen lassen sich strukturelle Ungleichgewichte identifizieren, die im kurzfristigen Horizont noch unsichtbar sind. Langfrist-Projektionen testen die Robustheit bestehender Arrangements, ohne implizit vorauszusetzen, dass die dafür geltenden Regeln dauerhaft stabil oder von selbst anpassungsfähig wären, und ermöglichen so die frühzeitige Identifikation potenzieller Reformbedarfe.
Darüber hinaus implizieren viele wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen Umverteilungen zwischen Alterskohorten, die zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht voll absehbar sind. Langfrist-Projektionen stellen einen konsistenten Rahmen bereit, um solche intertemporalen und intergenerationellen Transfers abzubilden. Konzepte wie die Generationenbilanzierung machen implizite Verpflichtungen explizit und zeigen, in welchem Umfang gegenwärtige Politik Lasten auf zukünftige Generationen verlagert (Kotlikoff, 1993). Der hier relevante Wahrheitsanspruch bleibt konditional: Es geht nicht um die Vorhersage individueller oder gesellschaftlicher Wohlfahrt, sondern um die systematische Analyse der intergenerationellen Verteilungswirkungen, die sich aus gegebenen Regeln und demografischen Strukturen ergeben. Politische Maßnahmen können nämlich Entwicklungspfade etablieren, die durch Selbstverstärkung, institutionelle Verfestigung oder kumulative Budgetwirkungen geprägt sind – und deren spätere Korrektur nur mit erheblichen Kosten möglich ist. Solche Kipppunkte lassen sich analytisch nur in einem dynamischen, langfristig angelegten Modellrahmen erfassen, da sie sich nicht aus einzelnen Zuständen, sondern aus der zeitlichen Entfaltung von Entscheidungen ergeben (Arthur, 1989; Pierson, 2004).
Innerhalb dieses Instrumentariums lassen sich unterschiedliche Grade empirischer Strenge unterscheiden. Besonders belastbar sind beispielsweise Langfrist-Projektionen, die im Kern allein auf empirischen Analysen aufbauen, die ihrerseits durch Modelle gestützt werden, mit deren Hilfe die Ausgangslage systematisch in die Zukunft verlängert wird. Dies gilt etwa für Vorausschätzungen zur Entwicklung des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft, die im Regelfall nur als Mittelfrist-Projektionen für wenige Jahre angestellt werden, fallweise aber in die lange Frist verlängert werden (vgl. etwa SVR Wirtschaft, 2023, Ziff. 99 ff., S. 103 ff.; Ochsner et al., 2024). Langfrist-Projektionen für die Fiscal Sustainability Reports der Europäischen Kommission (European Commission, 2024) oder die Tragfähigkeitsberichte des Bundesministeriums der Finanzen (BMF, 2024; Werding et al., 2024) sowie die Rentenprojektionen im Jahresgutachten 2023/2024 des Sachverständigenrates (SVR Wirtschaft, 2023, Ziff. 359 ff., S. 286 ff.) erfordern darüber hinaus explizite Annahmen zur Entwicklung institutioneller Rahmenbedingungen, die im geltenden Recht nicht vollständig vorgegeben werden. Sie unterscheiden sich von freieren Szenarioanalysen gleichwohl dadurch, dass der Aufsatzpunkt nicht hypothetisch gewählt, sondern aus einer empirisch verankerten Schätzung abgeleitet wird. Das sichert die Anschlussfähigkeit an die laufende wirtschaftspolitische Diskussion und gewährleistet, dass die Entfaltung der betrachteten Effekte von der einfachen, berechenbaren Mechanik gesamtstaatlicher oder parafiskalischer Budgets getrieben wird. Ähnliches gilt für Langfrist-Projektionen zu energie- oder klimapolitischen Fragen, die einerseits auf annahmebasierten Verbrauchs- oder Emissionspfaden, andererseits auf natur- und ingenieurwissenschaftlichen Modellen basieren.
Ohne explizite Modellierung bleiben die Zusammenhänge unscharf oder werden systematisch unterschätzt. Langfrist-Projektionen schaffen Abhilfe, indem sie kontrafaktische Politikoptionen konsistent durchspielen und es ermöglichen, Wirkungen eindeutig auf bestimmte Annahmen oder Interventionen zurückzuführen, statt sie bloß deskriptiv zu konstatieren. Sie entsprechen damit dem wissenschaftstheoretischen Verständnis von Modellen als idealisierten, aber epistemisch fruchtbaren Darstellungen relevanter Strukturen, also Werkzeugen, die durch bewusste Abstraktion Einsichten in Zusammenhänge ermöglichen, die andernfalls verborgen blieben.
Umgang mit Unsicherheit
Die hohe Unsicherheit langfristiger Entwicklungen stellt kein spezifisches Defizit von Langfrist-Projektionen dar. Sie ist eine konstitutive Eigenschaft des Untersuchungsgegenstands. Wissenschaftstheoretisch ist Unsicherheit daher kein Argument gegen den Einsatz modellbasierter Analysen, sondern im Gegenteil der zentrale Grund, solche Instrumente überhaupt zu verwenden: Sie ermöglichen unter Bedingungen begrenzten Wissens strukturierte Aussagen über Zusammenhänge, ohne den Anspruch zu erheben, zukünftige Realisationen zu determinieren (Knight, 1921; Popper, 1959). Entscheidend ist nicht die Existenz von Unsicherheit, sondern der angemessene Umgang mit ihr (Morgan & Henrion, 1990). Seriöse Langfrist-Projektionen begegnen Unsicherheit durch deren explizite Thematisierung: durch Offenlegung der Annahmen, Konstruktion alternativer Szenarien und systematische Sensitivitätsanalysen. Der Erkenntnisgewinn liegt nicht in punktgenauen Zahlenwerten, sondern in der Analyse von Robustheiten und Verletzlichkeiten gegenüber Annahmeänderungen. Unsicherheit wird auf diese Weise nicht beseitigt, sondern analytisch handhabbar gemacht.
In bestimmten Anwendungsfeldern lassen sich Unsicherheiten auch probabilistisch modellieren, etwa in Form stochastischer Projektionen. Auch hierfür stehen die Projektionen des Produktionspotenzials des SVR Wirtschaft exemplarisch. Deren Anwendbarkeit ist allerdings dort begrenzt, wo die stochastischen Eigenschaften der relevanten Teilprozesse – demografischer, institutioneller oder politischer Natur – empirisch nur unzureichend bekannt sind. In solchen Fällen würde eine formale Stochastisierung eher Scheingenauigkeit erzeugen als zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Die Arbeit mit expliziten Szenarien ist dann epistemisch robuster. Die Szenariotechnik erfüllt dabei eine doppelte Funktion. Einerseits macht sie die Bandbreite möglicher Entwicklungen transparent: Wenn günstige Annahmen zu günstigen Ergebnissen führen, ungünstige zu ungünstigen, lässt sich daraus keine klare strukturelle Botschaft ableiten. Andererseits kann gerade die Szenarioanalyse besonders robuste Erkenntnisse liefern, nämlich dann, wenn selbst unter stark variierenden Annahmen qualitativ ähnliche, überwiegend (un)günstige Ergebnisse auftreten.
Die langfristigen ökonomischen Folgen des ausgeprägten demografischen Wandels sind ein solcher Fall: Negative Effekte für Wachstum, Beschäftigung und öffentliche Finanzen zeigen sich in einer Vielzahl plausibler Szenarien. Die Aussagekraft der Projektion ergibt sich hier nicht aus der Exaktheit einzelner Zahlen, sondern aus der Konsistenz der Richtung der projizierten Effekte über unterschiedliche Annahmen hinweg. Langfrist-Projektionen sind in diesem Sinne keine Instrumente zur Reduktion von Unsicherheit, sondern zu ihrer Strukturierung. Sie überführen unübersichtliches Unwissen über die Zukunft in explizite, nachvollziehbare und diskutierbare Annahmenräume und ermöglichen so ein rationales Abwägen langfristiger Handlungsoptionen.
Einwände und ihre Bewertung
Die gegen Langfrist-Projektionen immer wieder vorgebrachten Einwände lassen sich analytisch in zwei Kategorien einteilen, die in der Debatte häufig vermischt werden: epistemische Kritikpunkte, die den Wahrheitsanspruch und die wissenschaftliche Belastbarkeit betreffen, und institutionelle Kritikpunkte, die sich auf den Einsatz und die Kommunikation von Projektionsergebnissen im politischen Raum richten. Eine angemessene Bewertung setzt voraus, beide Ebenen strikt voneinander zu trennen.
Ein erster epistemischer Einwand betrifft die angeblich mangelnde Belastbarkeit. Die Kritik, modellbasierte Analysen über lange Zeithorizonte seien grundsätzlich unzuverlässig, speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Einerseits wird in Verallgemeinerung eines ursprünglich auf ökonometrische Konjunkturmodelle bezogenen Arguments darauf verwiesen, dass Verhaltensparameter bei Politikänderungen instabil werden, sodass auf vergangene Zusammenhänge gestützte Modelle in die Irre führen können (Lucas, 1976). Andererseits wird argumentiert, komplexe Langfristmodelle erzeugten eine illusorische Präzision, die Entscheidungsträger in falscher Sicherheit wiege (Pindyck, 2017). Beide Einwände verdienen Beachtung, in ihrer pauschalen Form beruhen sie aber auf einer Fehlanwendung prognostischer Bewertungskriterien auf ein Instrument, das keinen prognostischen Wahrheitsanspruch erhebt. Die Qualität von Langfrist-Projektionen bemisst sich nicht an ex post überprüfbarer Treffgenauigkeit, sondern an der Konsistenz der Modellstruktur, der theoretischen Fundierung der abgebildeten Zusammenhänge und der Transparenz der zugrunde gelegten Annahmen.
Ein zweiter epistemischer Einwand zielt auf die vermeintlich fehlende Falsifizierbarkeit. In Anlehnung an das Falsifikationskriterium (Popper, 1959) wird gelegentlich argumentiert, Aussagen mit sehr langen Zeithorizonten und offenem Ausgang ihrer Bewährung könnten keinen wissenschaftlichen Status beanspruchen. Dieser Einwand beruht auf einer kategorialen Verwechslung. Das Falsifikationskriterium betrifft allgemeine Theorien mit universalem Geltungsanspruch, nicht konditionale Szenarien mit explizit begrenztem Geltungsbereich. Langfrist-Projektionen dienen nicht der Überprüfung ökonomischer Gesetze, sondern der Analyse von Konsistenzbedingungen und Handlungsfolgen unter Unsicherheit. Ihre wissenschaftliche Angemessenheit bemisst sich an interner Kohärenz, theoretischer Plausibilität und an der Nachvollziehbarkeit ihrer Annahmen.
Von diesen epistemischen Einwänden klar zu unterscheiden ist der institutionelle Vorwurf der politischen Instrumentalisierbarkeit. Dass Projektionsergebnisse im politischen Prozess selektiv rezipiert, strategisch gedeutet oder gezielt zur Legitimation bestimmter, oft vorab festgelegter Reformoptionen eingesetzt werden können, ist unbestreitbar. Pielke (2007) hat überzeugend beschrieben, wie wissenschaftliche Expertise unter dem Deckmantel neutraler Analyse zur Einschränkung politischer Handlungsspielräume genutzt werden kann, eine Dynamik, die er als „stealth issue advocacy“ bezeichnet. Dieses Risiko betrifft jedoch nicht den Status von Langfrist-Projektionen als Analyseinstrument, sondern die institutionellen Rahmenbedingungen der Politikberatung. Modelle liefern keine politischen Entscheidungen, sondern strukturierte Entscheidungsgrundlagen; ihre mögliche Instrumentalisierung ist Ausdruck politischer Selektions- und Anreizmechanismen, nicht ein inhärentes Merkmal der Methode.
Entscheidend ist: Ein Verzicht auf Langfrist-Projektionen würde dieses Risiko nicht verringern, sondern lediglich verlagern. Politische Entscheidungen über langfristig wirksame Maßnahmen erfordern notwendigerweise Annahmen über zukünftige Entwicklungen. Werden diese Annahmen nicht explizit modelliert, bleiben sie implizit, unsystematisch und einer kritischen Überprüfung weitgehend entzogen. Langfrist-Projektionen tragen dazu bei, unvermeidliche Zukunftsannahmen offenzulegen und ihre Konsequenzen systematisch zu durchdenken. Sie ermöglichen damit überhaupt erst eine informierte wissenschaftliche und politische Debatte. Gerade diese Transparenz stärkt die Qualität wirtschaftspolitischer Entscheidungsprozesse, auch wenn sie politische Auseinandersetzungen weder ersetzen noch vor strategischer Nutzung schützen kann.
Schlussfolgerungen
Langfrist-Projektionen erheben keinen Anspruch darauf, dass ihre Ergebnisse tatsächlich eintreten. Ihr wissenschaftlicher Status ergibt sich vielmehr aus ihrer Funktion: Sie sind Instrumente zur systematischen Analyse intertemporaler Zusammenhänge unter Bedingungen fundamentaler Unsicherheit. Sie machen langfristige Konsistenzbedingungen, kumulative Wirkungen und strukturelle Abhängigkeiten sichtbar, die ohne explizite Modellierung notwendig unscharf blieben. Gerade die Unvermeidbarkeit von Unsicherheit spricht für ihren Einsatz, nicht gegen ihn. Wo politische Entscheidungen langfristige Wirkungen entfalten, ist der Verzicht auf explizite Annahmen über die Zukunft keine epistemisch neutrale Option. Er würde zu impliziten, intransparenten und methodisch unkontrollierten Zukunftsvorstellungen führen, die sich einer kritischen Prüfung entziehen. Langfrist-Projektionen ersetzen Unsicherheit nicht durch Gewissheit. Sie transformieren sie in eine strukturierte, nachvollziehbare und kritisierbare Entscheidungsgrundlage. Eine grundsätzliche Ablehnung solcher Projektionen lässt sich daher weder mit epistemischer Strenge noch mit wissenschaftlicher Vorsicht überzeugend begründen. Im Gegenteil: Im Kontext langfristig wirksamer wirtschafts- und finanzpolitischer Entscheidungen wäre der Verzicht auf solche Analysen seinerseits wissenschaftstheoretisch problematisch, da er implizite Annahmen und methodisch unkontrollierte Erwartungen an ihre Auswirkungen an die Stelle einer transparenten Analyse setzen würde. Langfrist-Projektionen sind, richtig verstanden und sorgfältig eingesetzt, ein unverzichtbares Instrument zur rationalen Orientierung unter Unsicherheit.
Literatur
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Werding, M., Läpple, B. & Schirner, S. (2024). Modellrechnungen für den Sechsten Tragfähigkeitsbericht des BMF. FiFo-Bericht, Nr. 33.
Title: Long-term projections in economic policy advice: A classification
Abstract: Economic policy decisions often take decades to unfold, yet the future they are targeting is fundamentally uncertain. Long-term projections have become a core instrument of economic policy advice to address this tension – and are, at the same time, subject to persistent criticism. This article systematically assesses long-term projections by clarifying their epistemic status, outlining their analytical capabilities, and identifying their limitations. The main argument is that long-term projections make no claim to prognostic truth, yet constitute a scientifically legitimate and indispensable tool for the structured analysis of intertemporal relationships under uncertainty. Objections that are commonly raised largely rest on categorical misunderstandings or on institutional shortcomings in the advisory process – not on deficits inherent to the method.