Die ökonomische Entwicklung einer Volkswirtschaft hängt unter anderem von dem verfügbaren Arbeitskräftepotenzial ab. Dieses trägt im Zusammenspiel mit dem Kapitaleinsatz und der Produktivität der Inputfaktoren maßgeblich zur Bruttowertschöpfung und damit langfristig zum Wirtschaftswachstum bei. Der demografische Wandel, verstanden als Veränderung der Bevölkerungsstruktur, ist (neben niedrigen Geburtenraten und Migration) insbesondere durch eine alternde Gesellschaft geprägt. Dieser Tatbestand bleibt nicht ohne Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt, da die geburtenstarken Jahrgänge von 1954 bis 1969 schrittweise in den Ruhestand eintreten. Der sich zugleich abzeichnende Mangel an jungen Arbeitskräften infolge einer niedrigen Geburtenrate in Deutschland, die derzeit bei 1,35 Kindern je Frau liegt, belastet insbesondere die Renten- und Gesundheitssysteme erheblich. Verstärkt wird dieser Effekt durch die hohe Lebenserwartung bei Geburt, die im Jahr 2025 bei 83,4 Jahren für Frauen und 78,5 Jahren für Männer lag. Abmildernde Effekte durch Zuwanderung hängen hingegen vom Qualifikationsniveau und damit von den Integrationsmöglichkeiten in den deutschen Arbeitsmarkt ab.
Der Austritt vieler erfahrener Beschäftigter aus dem Erwerbsleben bei gleichzeitig sinkendem Nachwuchs an potenziellen Arbeitskräften schmälert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, da offene Stellen aufgrund der Angebotslücke am Arbeitsmarkt länger unbesetzt bleiben. Das Zusammenspiel aus Arbeit und Kapital sowie technologischem Fortschritt wird dadurch begrenzt; in der Folge kann die Bruttowertschöpfung zurückgehen. Substanziell positive Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts sind unter diesen Bedingungen schwer zu realisieren. Politische Stellschrauben zur Abmilderung der ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels reichen von einer höheren Erwerbsbeteiligung und einer gezielten Zuwanderung qualifizierter Erwerbspersonen in arbeitsmarktrelevanten Altersgruppen über längere Erwerbsphasen bis hin zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität durch eine effizientere Nutzung vorhandener Technologien und Wissensbestände.
In dem vorliegenden Beitrag diskutieren wir die potenziellen gesamtwirtschaftlichen Effekte des demografischen Wandels auf den deutschen Arbeitsmarkt. Die Simulationsergebnisse wurden mit dem HWWI-eigenen CGE (Computable General Equilibrium)-Modell hergeleitet. Als Grundlage dienen die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) veröffentlichten Projektionen zur Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials auf Basis der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.1 Im Fokus stehen Personen im Erwerbsalter von 20 bis 66 Jahren. Unter Berücksichtigung von Varianten zur Nettozuwanderung, d. h. unterschiedlichen Wanderungssalden, identifiziert Destatis vier mögliche Szenarien (W0 bis W3) zur Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials im Zeitraum 2024 bis 2035 (Stand: 11. Dezember 2025).
Im Szenario W3 (hoher Wanderungssaldo) wird ein Rückgang um 3,2 Mio. Erwerbspersonen erwartet, in W2 (moderater Wanderungssaldo) um 4,0 Mio., in W1 (niedriger Wanderungssaldo) um 4,9 Mio. und in W0 (ohne Nettozuwanderung) um 6,2 Mio. Ausgehend von 51,2 Mio. Erwerbspersonen im Jahr 2024 ergeben sich damit Projektionen für den Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials bis 2035 von 6,25 % (W3), 7,81 % (W2), 9,57 % (W1) und 12,11 % (W0). Diese Werte dienen der Kalibrierung des im CGE-Modell zu berücksichtigenden angebotsseitigen Schocks, d. h. der Reduktion der aggregierten Beschäftigung auf Bundesebene.
Abbildung 1 zeigt die möglichen langfristigen Effekte auf das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), die private Konsum- und Investitionsgüternachfrage, den aggregierten Kapitalstock, den durchschnittlichen Reallohn sowie die Inflationsrate. Dargestellt sind die prozentualen Änderungsraten für die vier Szenarien für Deutschland bis 2035.
Abbildung 1
Prognostizierte Änderungsraten der makroökonomischen Indikatoren in Deutschland von 2024 bis 2035 für die vier Szenarien W0 bis W3

Szenarien zur Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials im Zeitraum 2024 bis 2035 gemäß Destatis: W0 (ohne Nettozuwanderung), W1 (niedriger Wanderungssaldo), W2 (moderater Wanderungssaldo) und W3 (hoher Wanderungssaldo); siehe Text.
Quelle: eigene Berechnungen.
Aufgrund des negativen Arbeitsangebotsschocks können Unternehmen weniger Arbeitskräfte einsetzen, sodass die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung sinkt. Die Simulationsergebnisse weisen einen möglichen Rückgang des BIP zwischen 6,0 % (W3) und 11,6 % (W0) aus. Da der vorhandene Kapitalstock bei geringerem Arbeitseinsatz weniger produktiv genutzt werden kann, wird er teilweise obsolet; der Kapitalstock könnte entsprechend um 6,1 % bis 11,9 % zurückgehen. Aufgrund der sinkenden Grenzerträge zusätzlicher Maschinen, Anlagen und Infrastruktur nimmt der Investitionsanreiz der Unternehmen ab. Der Rückgang der Investitionsgüternachfrage könnte dabei zwischen 6,8 % und 13,2 % liegen. Trotz eines möglichen Anstiegs des durchschnittlichen Reallohns zwischen 2,1 % und 4,3 % als Folge des Wettbewerbs um die verbleibenden Arbeitskräfte wird ein Rückgang der privaten Konsumnachfrage zwischen 4,4 % und 8,5 % erwartet. Der Grund liegt in der Reduktion des verfügbaren Einkommens als Produkt aus Arbeitseinsatz und Entlohnung: Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene überwiegt der Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden den Reallohnanstieg, sodass die Lohnsumme sinkt und weniger konsumiert werden kann. Höhere Reallöhne erhöhen zudem die Stückkosten und wirken sich über steigende Güterpreise aus, da Unternehmen diese Kosten weitergeben und sich der Preisdruck über Lieferketten und Vorleistungen sektorübergreifend fortpflanzt. In der Folge wäre ein Anstieg der Inflationsrate um 1,7 bis 3,6 Prozentpunkte möglich.
Die hier dargestellten Simulationsergebnisse in Abhängigkeit vom prognostizierten Ausmaß der Nettozuwanderung deuten auf potenziell schwerwiegende stagflationäre Entwicklungen hin, die sich in einem Rückgang des BIP bei gleichzeitig steigender Inflationsrate äußern. Selbst im günstigen Fall eines Rückgangs des Erwerbspersonenpotenzials bis 2035 um „nur“ 3,2 Mio. Personen verdeutlichen die Ergebnisse, dass im Szenario W3 ein Rückgang der Wertschöpfung um 6,0 % erheblich ausfällt. Der Einbruch resultiert dabei nicht aus einer Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, sondern aus der durch den demografischen Wandel induzierten Absenkung des Produktionspotenzials. Der sich abzeichnende Arbeitsangebotsengpass verteuert den Faktor Arbeit und dämpft die Investitionstätigkeit. Politische Handlungsempfehlungen sollten daher nicht primär auf kurzfristige, fiskalpolitisch induzierte Nachfrageimpulse zielen, sondern auf die Stabilisierung und effektivere Nutzung des Arbeitsangebots, die Beschleunigung von Produktivitätsfortschritten sowie die Schaffung von Rahmenbedingungen, die Investitionen und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärken.
- 1 Annahmen und Ergebnisse der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung können direkt über den Internetauftritt des Statistischen Bundesamtes abgerufen werden.