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Am 12. Juni 2026 erklärte das KI-Unternehmen Anthropic, die US-Regierung habe unter Verweis auf die nationale Sicherheit eine Exportkontrolldirektive erlassen, die den Zugriff durch Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit auf seine leistungsstärksten Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 untersagte. Da eine solche Unterscheidung kurzfristig nicht zuverlässig umzusetzen war, sperrte Anthropic den Zugriff zunächst weltweit, während andere Modelle verfügbar blieben. Nach Aufhebung der Exportkontrollen am 30. Juni wurde Fable 5 ab dem 1. Juli 2026 wieder weltweit verfügbar. Das besonders leistungsfähige und weniger abgesicherte Modell Mythos 5 bleibt indes nur für einen kleinen Kreis zugänglich.

Die Executive Order 14409 („Promoting Advanced Artificial Intelligence Innovation and Security“) zeigt, dass fortgeschrittene KI-Modelle in den USA zunehmend im Kontext nationaler Sicherheit betrachtet werden. Anthropic selbst beschreibt Mythos 5 als besonders leistungsfähig beim Auffinden und Ausnutzen von Software-Schwachstellen. Solche Fähigkeiten können von staatlichen oder nicht-staatlichen Angreifern missbraucht werden und erklären, warum die USA fortgeschrittene KI-Modelle als Sicherheitsrisiko behandeln und auch künftig der Zugriff auf KI-Modelle als digitale Vorleistung wieder politisch beschränkt werden könnte. Die ausschließliche Integration nicht-europäischer KI-Tools in Geschäftsprozesse kann daher zum Risiko werden. Der Anthropic-Fall demonstriert, wie verwundbar Europa bei fortgeschrittener digitaler Infrastruktur ist. Betroffen hiervon wären die direkte KI-Nutzung sowie Software- und Cloud-Angebote, die zunehmend im Hintergrund auf solche Modelle zurückgreifen. Ein in Zukunft eventuell dauerhaft blockierter Zugriff kann zu einem geopolitischen Lieferkettenrisiko werden, wenn Unternehmen ihre Workflows nur an diese Modelle binden.

Es gibt aber auch eine andere Perspektive, denn Handelsbeschränkungen, insbesondere Innovationen betreffend, können Auslöser von Substitutionsbestrebungen und Eigenentwicklungen sein. Liu et al. (2025) zeigen anhand von US-amerikanischen Exportkontrollen („China Rule“), dass chinesische Unternehmen nach dem Ausschluss von bestimmten Produktgruppen ihre Patent- und Forschungsaktivität erhöhten. Ähnlich argumentiert Bran­stetter (2024) in Bezug auf US-amerikanische Sanktionen in der Halbleiterindustrie, dass die USA ihre Technologieführerschaft durch Anreize zur Substitution gefährden könnten. Dieser Vergleich mit China zeigt den grundlegenden Mechanismus, mit dem Exportkontrollen Substitutionsdruck erzeugen können. Ob daraus Innovation entsteht, hängt jedoch auch von anderen Determinanten wie Marktgröße und Kapital ab.

Für US-amerikanische KI-Anbieter könnte sich die Exportkontrolle also langfristig als Nachteil erweisen, vorausgesetzt, europäische Unternehmen sehen die Exportkontrollanweisung als Warnsignal ihrer Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologiekonzernen und der zugehörigen Exportpolitik. Auch für die US-amerikanische Forschung und Entwicklung könnten weitere Exportbeschränkungen nachteilig sein, wie es sich für die ebenfalls durch hohe Forschungsinvestitionen geprägte Pharmaindustrie zeigen lässt (Acemoglu & Linn, 2003). Maßnahmen zum Schutz technologischer Führerschaft können somit Anreize zur Umgehung, Substitution und Eigenentwicklung außerhalb der USA stärken.

Die Lehre muss neben der bekannten Feststellung, dass Europa digital abhängig ist, auch darin liegen, dass der Zugriff auf KI-Modelle und andere digitale Vorleistungen kurzfristig politisch entzogen werden kann. Die Anthropic-Direktive war zwar zeitlich beschränkt, könnte so aber längerfristig nachwirken. Europäische Unternehmen sollten KI-Modelle und darauf aufbauende Cloud-Dienste als strategische Abhängigkeit mit politischem Risiko behandeln. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht immer Autarkie, sondern auch die Einbindung mehrerer Anbieter, den Aufbau eigener KI-Kompetenz und die Nutzung europäischer Angebote. Wenn Europa diese Lehre zieht, kann eine US-Exportkontrolle Verwundbarkeit offenlegen, aber auch den Aufbau europäischer digitaler Wertschöpfungsketten beschleunigen und Anreize für eigenständige europäische Forschung setzen.

Literatur

Acemoglu, D. & Linn, J. (2004). Market Size in Innovation: Theory and Evidence from the Pharmaceutical Industry. Quarterly Journal of Economics, 119(3).

Branstetter, L. (2024). Export controls and US-China technology competition in an interdependent world. Economic Studies at Brookings Working Paper.

Liu, X., Liu, Y., Makarin, A. & Wen, J. (2025). Why export controls accelerate innovation: Evidence from the 2007 US ‘China Rule’. CEPR.

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© Der/die Autor:in 2026

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