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„Scheinheilig und beschämend“ nannten Medien den jüngsten Vorstoß von FIFA-Chef Gianni Infantino, Anteile der Fußball-Weltmeisterschaft an private Investoren zu verkaufen. Es gehe der FIFA (dem internationalen Fußballdachverband) nur um Geld und Macht, nicht um das Spiel, kommentierte der Boulevard; die Seele des Spiels werde verkauft. Infantino wollte alle kommerziellen Aktivitäten der FIFA in einer Tochtergesellschaft, der FIFA Forward Enterprise (FFE), bündeln. Diese Gesellschaft sollte unter alleiniger Kontrolle der FIFA stehen, langfristige Investoren sollten Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE erwerben dürfen. Abgesehen davon, dass dieser Coup mit lautem Knall geplatzt ist: Was ist jenseits der Sportromantik von einem solchen Konzept zu halten?

Die FIFA ist ein Verein nach Schweizer Recht mit Sitz in Zürich, der von steuerlichen Sonderregeln profitiert, und zugleich ist sie ein Monopolunternehmen mit einer Bilanzsumme von 9,5 Mrd. US-$. Neben ihren gewerbsmäßigen Einnahmen finanziert sie sich über Beiträge der Mitgliedsverbände. Wirtschaftlich nachvollziehbar ist daher, dass die FIFA versuchte, Kapital zu beschaffen, ohne Eigentumsrechte zu übertragen: Unternehmensführung und Kontrolle blieben bei der FIFA, den Kapitalgebern stünde lediglich das Recht auf zukünftige Erträge zu. Könnten die Kapitalgeber diese weiterverkaufen, wäre dies mit stimmrechtslosen Vorzugsaktien vergleichbar. Warum sollten Kapitalgeber Anteile an einem Unternehmen erwerben, ohne Einflussmöglichkeiten auf die Geschäftsstrategie zu haben? Wegen der Ertragsstärke der FIFA, die wiederum auf ihrer Monopolstellung beruht. Die FIFA würde folglich Anteile an künftigen Monopolgewinnen verkaufen. Je höher die erwarteten Monopolrenten, desto eher wären Kapitalgeber bereit, auf Kontrolle zu verzichten.

Der Widerstand gegen dieses Geschäftsmodell wurde mit Sportromantik begründet: Man dürfe den Fußball nicht kommerzialisieren respektive monetarisieren – ein Argument, das angesichts der Milliardensummen im globalen Fußballgeschäft befremdet. Allerdings wäre der Profifußball ohne Kommerzialisierung und die damit einhergehende Professionalisierung nicht das, was er heute ist. Ein Kritikpunkt allerdings ist berechtigt: Selbst wenn die Investoren keine formalen Stimmrechte haben, könnten sie versuchen, Einfluss zu nehmen: durch Gespräche mit dem Management oder durch öffentlich geäußerte Erwartungen an die FIFA. Dann stünden Forderungen wie mehr Spiele, größere Turniere oder zusätzliche Wettbewerbe auf dem Plan – darüber streiten sich FIFA und UEFA (der europäische Fußballdachverband) seit Längerem.

Möglicherweise befürchtete die UEFA, dass dieser Druck externer Investoren dazu führt, dass die FIFA zusätzliche Wettbewerbe einführt, die Zyklen der Weltmeisterschaften verkürzt oder die Klub-WM ausbaut, was zulasten der UEFA-Wettbewerbe wie der Champions League und anderer gehen könnte. Stimmt diese Vermutung, geht es weniger um Romantik als um handfeste Verteilungskonflikte. Die Fußballklubs hingegen befürchten womöglich noch mehr Einsatzzeiten und damit größere Belastungen für ihre Spieler. Die UEFA könnte zudem befürchten, dass auf diesem Weg das bestehende Machtverhältnis zu ihren Ungunsten verändert wird: Sollte die FIFA zusätzliche Finanzmittel erhalten, so kann sie mehr investieren und attraktivere Wettbewerbe organisieren. Dies dürfte ihre Verhandlungsmacht gegenüber der UEFA, den übrigen Mitgliedsverbandsorganisationen und den Klubs erhöhen. Der Einstieg externer Investoren würde dann nicht nur die Finanzierung, sondern auch das Kräfteverhältnis zwischen Verbänden und Klubs verändern. In diesem Machtpoker hat sich zuletzt die UEFA durchgesetzt, indem sie mit einem Boykott der FIFA-Wettbewerbe drohte – ein Hinweis darauf, dass zumindest derzeit die UEFA die (finanz-)stärkeren Unterstützer auf ihrer Seite weiß.

Zudem stand zu befürchten, dass bei einem Erfolg des Infantino-Coups weitere Sportorganisationen – die UEFA, nationale Ligen, Klubs oder das IOC – folgen könnten. Dann würde privates Kapital in den internationalen Profisport fließen und dort womöglich Einfluss gewinnen. Das muss nicht zwingend von Nachteil sein; letztlich bestimmen die Zuschauer immer noch, wie viel und welchen Sport sie sehen wollen. Profifußballklubs sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, wie der Europäische Gerichtshof bereits 1995 im Bosman-Urteil festgestellt hat. Die FIFA selbst ist ebenfalls kein gemeinnütziger ‚Verein‘, sondern ein Monopolunternehmen. Daher sind sie auch – wenn auch nicht nur – als ökonomisch handelnde Akteure zu betrachten. Angesichts dessen sind ihre steuerlichen Privilegien sehr kritisch zu sehen. Würden private Investoren zugelassen, müssten diese Privilegien hinterfragt und gegebenenfalls aufgehoben werden. Zudem wäre die wettbewerbsrechtliche Sonderstellung zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. Wer dagegen Romantik im Fußball möchte, kann diese jedes Wochenende auf dem lokalen Sportplatz erleben – dort kicken keine Millionäre.

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