Ein Service der

Artikel als PDF herunterladen

Die weltweite Expansion chinesischer Exporte, insbesondere von technologieintensiven Produkten, trifft die deutsche Wirtschaft hart. Laut Schätzungen hat die China-Konkurrenz von 2019 bis 2025 zu einer Einbuße des realen Bruttoinlandsprodukts der deutschen Wirtschaft von etwa 1,4 % geführt; die Zahl der Erwerbstätigen im deutschen Verarbeitenden Gewerbe fiel dadurch um schätzungsweise 400.000 Stellen. Trotz technologischen Aufholens dürften die Wettbewerbsvorteile der chinesischen Wirtschaft zu einem größeren Teil auf Wettbewerbsverzerrungen, insbesondere durch starke Industriesubventionen und eine Unterbewertung des Yuan, zurückzuführen sein. Um ein faires Wettbewerbsumfeld herzustellen, sollte die Europäische Union sektorweite Ausgleichszölle erheben – am besten mit gleichgesinnten Staaten in einem Ausgleichszollklub. Preisbasierte Ausgleichszölle sind ordnungspolitisch geboten und wirken weniger stark als die in der EU diskutierten mengenbasierten Instrumente.

Der erste China-Schock traf in den 2000er Jahren vor allem die USA (Autor et al., 2016) – und auch manche südeuropäische Staaten, weil China als neuer Konkurrent in Sektoren weniger anspruchsvoller Industrieproduktion vordrang, in denen diese Länder spezialisiert waren. Deutschlands Produktpalette war in dieser Zeit noch weitgehend komplementär zum chinesischen Angebot. Das und die Expansion deutscher Exporte nach China sind wichtige Gründe dafür gewesen, dass die China-Schock-Forschung in der Mitte der 2010er Jahre für Deutschland per Saldo keine nennenswerten negativen Effekte festgestellt hat (Dauth et al., 2014).

Das hat sich mit dem zunehmenden technologischen Aufholen Chinas im Laufe der 2010er Jahre und in diesem Jahrzehnt fundamental verändert. Deutschland ist davon besonders betroffen (Tordoir & Setser, 2026; Barkin & Williams, 2026; HCSP, 2026; SVR Wirtschaft, 2026; Matthes, 2026a): China dringt – angetrieben auch von einer dezidierten Industriepolitik – zunehmend in die Bereiche vor, in denen die deutsche Wirtschaft große Spezialisierungsvorteile hat – wie vor allem im Automobil- und Maschinenbau sowie in den Bereichen Chemie/Pharma. Die Überschneidungen der Produktpalette wurden so zunehmend größer (SVR Wirtschaft, 2026, Kasten 5). Sie sind in Deutschland im Vergleich der Industrieländer überdurchschnittlich hoch. Vor allem die starke Spezialisierung auf die Automobilindustrie macht die deutsche Wirtschaft anfällig. Besonders betroffen ist Deutschland auch dadurch, dass die Industrie (noch) einen relativ großen Anteil an der Gesamtwirtschaft hat. Zudem ist die deutsche Wirtschaft stärker als die Wirtschaft vieler anderer Industrieländer exportorientiert, sodass der Verlust von Weltmarktanteilen an China in den vergangenen Jahren (Deutsche Bundesbank, 2025) die heimische Produktionsbasis besonders trifft.

Wettbewerbsvorteile Chinas: Unfaire Elemente relevanter als faire Elemente

Der Preis- und Wettbewerbsdruck durch chinesische Unternehmen ist enorm, da sie oft mit extremen Niedrigpreisen auf dem Weltmarkt aktiv sind, wie z. B. eine IW-Umfrage (Matthes & Schmitz, 2024) zeigt. Hinter Preisunterbietungen von oft über 30 % und nicht selten von 50 % und mehr stehen teils faire und teils unfaire Elemente, letztere sind Wettbewerbsverzerrungen. Dabei spricht viel dafür, dass die unfairen Elemente in der Gesamtschau über die chinesische Industrie deutlich überwiegen, auch wenn das für einzelne Wirtschaftszweige wie E-Autos und Batterien möglicherweise nicht gilt. Chinas Wirtschaft ist insgesamt zweifellos besser, innovativer und effizienter geworden. Aber anders als vor einigen Dekaden aufholende Länder wie Japan und Südkorea ist China beim Besserwerden nicht teurer, sondern billiger geworden. Es spricht viel dafür, dass dahinter signifikante Wettbewerbsverzerrungen stehen; die Evidenz dafür ist umfassend und überzeugend:

Industriesubventionen: China subventioniert seine Industrie sehr viel stärker als andere Staaten. Das hat zuletzt die OECD (2026) mit einer aufwendigen Methodik für Firmen aus 15 wichtigen Sektoren deutlich gezeigt. Demnach lagen die Industriesubventionen im Jahr 2024 im Durchschnitt in China etwa sechsmal höher als in der Region OECD-Europa. Wichtiger noch: Die OECD schätzt ökonometrisch, dass sich rund 60 % der globalen Marktanteilsgewinne Chinas zwischen 2005 und 2023 kausal auf die erfassten Subventionen zurückführen lassen. Dabei sind wichtige Subventionen, wie etwa staatliche Eigenkapitalbeteiligung, noch nicht einmal erfasst.

Yuan-Unterbewertung: Es ist davon auszugehen, dass der chinesische Yuan 20 % bis knapp 30 % unterbewertet ist (Tordoir & Setser, 2026; Setser, 2026); damit besteht ein Aufwertungsbedarf von 25 % bis etwa 40 %. Die Unterbewertung führt dazu, dass chinesische Unternehmen weltweit zu künstlich stark verbilligten Preisen in Konkurrenz zu europäischen Firmen treten. Aus der Perspektive des Euroraums spielt zudem noch eine Rolle, dass der Yuan gegenüber dem Euro im Vergleich zu Anfang 2020 nicht aufgewertet hat, obwohl die industriellen Erzeugerpreise im Euroraum 2021 und 2022 im Zuge der Lieferkettenengpässe und der Energiekrise – anders als in China – sehr stark gestiegen sind. Gegenüber Anfang 2020 besteht damit heute ein enormer relativer Erzeugerpreisnachteil von rund 35 % bis 40 % gegenüber China (auf einheitlicher Währungsbasis) (Matthes et al., 2026). Parallel zur Entstehung dieses Nachteils stieg das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China auf ein Vielfaches. Doch trotz der mit den gestiegenen Nettoimporten verbundenen höheren Nachfrage nach Yuan wertete die chinesische Währung nicht auf.

Wenn man davon ausgeht, dass nach der OECD-Schätzung rund 60 % der chinesischen Marktanteilsgewinne subventionsbedingt sind, und noch berücksichtigt, dass die OECD die chinesischen Subventionen nur unvollständig erfasst und dass der Yuan deutlich unterbewertet ist, bleibt nicht allzu viel an fairen Elementen übrig, um die wirtschaftliche Expansion Chinas auf Kosten der Industrieländer auf dem Weltmarkt zu erklären. Ebenso dürften Subventionen und die Yuan-Unterbewertung das Gros der Preisvorteile Chinas im Industriedurchschnitt erklären. Ein wichtiges zusätzliches Problem dabei ist, dass der große Wettbewerbsdruck, dem international tätige deutsche Unternehmen unterliegen, deren Anreiz erhöht, Produktion in das künstlich verbilligte chinesische Ökosystem zu verlagern.

China-Konkurrenz trägt maßgeblich zur De-Industrialisierung in Deutschland bei

Auf Basis einer Studie von Goldman Sachs (2025) und von Berechnungen der Deutschen Bundesbank (2025) zu deutschen Exportmarktanteilsverlusten lässt sich grob schätzen, dass die China-Konkurrenz im Zeitraum 2019 bis 2025 zu einer Einbuße des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) der deutschen Wirtschaft von etwa 1,4 % geführt hat (für eine detailliertere Herleitung siehe Matthes, 2026a). Der größte Teil davon ist auf deutsche Exportmarktanteilsverluste gegenüber China zurückzuführen. Wenn man vereinfachend annimmt, dass die BIP-Einbuße zu 80 % in der Industrie anfällt und dass wegen geringer Arbeitsproduktivitätsänderungen im Betrachtungszeitraum die Wertschöpfungsverluste mit proportionalen Arbeitsplatzverlusten einhergehen, hat die China-Konkurrenz dazu geführt, dass die Zahl der Erwerbstätigen im deutschen Verarbeitenden Gewerbe zwischen 2019 und 2025 um etwa 400.000 geringer ausfiel. Insgesamt sank die Erwerbstätigkeit in der Industrie in diesem Zeitraum um rund 520.000 Stellen. Auch wenn eine genaue Quantifizierung der china-bedingten Industriearbeitsplatzverluste kaum möglich ist, zeigt diese sehr grobe Schätzung doch eine klare qualitative Tendenz. Demnach ist das Gros der De-Industrialisierung in Deutschland auf die (in weiten Teilen unfaire) China-Konkurrenz zurückzuführen.

Ausgleichszölle sind kein Protektionismus, sondern Ordnungspolitik

Das IW spricht sich mit Nachdruck für sektorweite Ausgleichszölle aus (Matthes et al., 2026), um chinesische Wettbewerbsverzerrungen zu eliminieren und der davon bedrohten europäischen Produktion ein Level Playing Field zu ermöglichen, also ein faires internationales Wettbewerbsumfeld. Diese Politikempfehlung ist nicht unkontrovers. Denn als Ökonomen haben wir gelernt: Zölle sind Protektionismus. Sie schaden der eigenen Wirtschaft, verteuern Importe zum Nachteil der Käufer, eliminieren Innovationsanreize der Unternehmen und nehmen der Politik den Reformdruck (dazu unter anderem Chowdhry et al., 2026). Das gilt sicherlich für Trumpsche Zölle auf alle Länder mit dem Ziel der Einnahmeerzielung und ohne wettbewerbspolitische Begründung – aber nicht für Ausgleichszölle. Diese Differenzierung ist entscheidend für die Debatte über den richtigen Umgang mit chinesischen Wettbewerbsverzerrungen.

Die Höhe von Ausgleichszöllen sollte sich vor allem an dem Ausmaß der direkten und indirekten chinesischen Subventionen sowie gegebenenfalls an dem Aufwertungsbedarf einer unterbewerteten Währung bemessen. Eng gefasste Antisubventions-Ausgleichszölle gibt es bereits im Recht der WTO und der EU; doch dieses Instrument gilt es schneller zu machen und breiter sektorweit anzuwenden, wie im Grundsatz auch das Koalitionspapier von Anfang Juli 2026 vorsieht (BMF, 2026). Weil Ausgleichszölle nur den unfairen (auf Wettbewerbsverzerrungen zurückgehenden) Teil der China-Konkurrenz aus dem Markt nehmen, lassen sie per Definition den fairen Teil bestehen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu Schutz- oder Strafzöllen, die bedrohte Industrien pauschal vor ausländischer Konkurrenz schützen sollen. Deshalb sind Ausgleichszölle kein Protektionismus.

Auch Innovationsanreize werden nicht eliminiert, wenn der faire Wettbewerbsdruck bestehen bleibt. Sollten heimische Firmen auf dem Level Playing Field nicht standhalten, müssen sie längerfristig aus dem Markt ausscheiden. Effiziente und gut aufgestellte innovative europäische Unternehmen überleben dagegen und können prosperieren statt unter unfairem Wettbewerbsdruck schrumpfen und irgendwann aufgeben zu müssen. Ausgleichszölle können Innovationen sogar fördern. Denn wenn (durch Wettbewerbsverzerrungen ermöglichte) chinesische Niedrigpreise heimischen Firmen die Geschäfts- und Gewinnperspektiven nehmen, verlieren sie Anreize und Möglichkeiten zu investieren und zu innovieren.

Bei Ausgleichszöllen bleibt auch für die Politik der Reformdruck bestehen. Denn damit heimische Firmen auf dem Level Playing Field nicht mit zu großen Klötzen am Bein zu kämpfen haben, muss der Staat sie entlasten von überzogenen Belastungen bei Bürokratie, Sozialabgaben, Steuern und Energiekosten. Zudem bleiben Bildungs- und Forschungsförderung zentral für die Innovationsfähigkeit deutscher Firmen. Zweifellos ist es unverzichtbar, dass die Politik die eigenen Hausaufgaben macht, gerade auch um das Investitionsumfeld zu verbessern. Doch selbst ambitionierte Reformen werden bei einem Kostennachteil gegenüber China von gut 35 % bei Weitem nicht genug helfen können. Im Übrigen hat die deutsche Wirtschaft gegenüber anderen wichtigen Handelspartnern kaum an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren, weil diese auch teurer wurden (Matthes, 2026a).

Ausgleichszölle sind zudem Ordnungspolitik im besten wettbewerbspolitischen Sinne. Denn sie sollen eine ideale globale Wettbewerbsordnung nachbilden, in der es eine starke globale Wettbewerbsbehörde gäbe, die China mit Ordnungsrecht untersagen würde, so stark subventionierte Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Da es eine solche starke Institution nicht gibt (und wohl nie geben wird), sind Ausgleichszölle eine Art zweitbestes Instrument. Sie sollten im besten Fall von den Handelspartnern Chinas koordiniert erhoben werden, um der idealen globalen Wettbewerbswelt möglichst nahezukommen. Weil eine gute Wettbewerbspolitik der Kern der Ordnungspolitik ist, erscheint es schwer nachvollziehbar, dass sich ordoliberale Ökonomen oft so vehement gegen Ausgleichszölle aussprechen.

In der idealen Wettbewerbswelt gibt es im Übrigen kein Recht auf den Einkauf zu subventionierten Niedrigpreisen. Daher steht die grundsätzliche Ablehnung von Ausgleichszöllen mit dem Argument, heimische Käufer müssten höhere Preise zahlen, ordnungspolitisch auf wackeligen Füßen.

Wie relevant sind durch Ausgleichszölle verteuerte Vorleistungen?

Gleichwohl ist in der Realität nicht zu leugnen, dass Downstream-Produzenten aufgrund von Ausgleichszöllen höhere Preise für importierte Vorleistungen von Upstream-Herstellern in der Wertschöpfungskette eines Gutes zahlen müssen. Daher sorgen sie sich um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Diese Sorgen werden politisch bedeutsam, wenn eine größere Zahl von Downstream-Produzenten aus Eigeninteresse gegen den Ausgleichszollschutz von wenigen Upstream-Produzenten ist. In der Folge fällt es vielen Industrieverbänden schwer, sich in dieser Frage klar zu positionieren.

Doch hier ist ein genauerer Blick und eine Differenzierung nötig. Denn nicht jede Erhöhung von Vorleistungspreisen hat relevante negative Folgen (etwa Marktanteilsverluste) für die Downstream-Produzenten. Dazu müssen verschiedene Voraussetzungen gelten: Erstens müssen die relevanten Vorleistungen einen hinreichend großen Anteil an den Inputkosten des Downstream-Herstellers ausmachen, sodass sich der Produktpreis nennenswert erhöht. Zweitens muss dieses Downstream-Unternehmen in einem Markt mit hoher Wettbewerbsintensität aktiv sein. Ist das nicht der Fall, so dürften höhere Inputkosten zu einem großen Teil auf die Kunden überwälzt werden können. Das dürfte in der Regel für Unternehmen gelten, die ein stark differenziertes kundenspezifisches Angebot, wichtige Alleinstellungsmerkmale haben oder die Spezialanbieter in einer Nische sind. Anekdotische Evidenz deutet darauf hin, dass solche Firmen in Deutschland relativ häufig vorkommen, etwa im Maschinenbau oder anderen technologisch anspruchsvollen Branchen wie der Medizintechnik. Gleichwohl sind bei deutlicher Erhöhung der Inputkosten negative Folgen für Downstream-Anbieter denkbar.

Plädoyer für einen wettbewerbspolitischen Ausgleichszollklub von gleichgesinnten Partnern

Das gilt aber nicht, wenn die ausländischen Wettbewerber des heimischen Downstream-Produzenten auch höhere Preise für die Vorleistungsgüter zahlen müssen – wie es in der idealen globalen Wettbewerbsordnung der Fall wäre. Denn werden alle internationalen Downstream-Konkurrenten teurer, ändert sich deren relative Wettbewerbsfähigkeit zueinander nicht. Es kommt also nicht zu Marktanteilsverlusten für den heimischen Downstream-Produzenten. Hier ist eine Fallunterscheidung nötig mit Blick auf die Frage, wo relevante Wettbewerber produzieren.

Sind Downstream-Konkurrenten in der EU angesiedelt, erhöhen sich deren Vorleistungspreise auch, da Upstream-Ausgleichszölle auf EU-Ebene erhoben werden. Allerdings würde auf dem EU-Markt ein Wettbewerbsnachteil gegenüber chinesischen Downstream-Anbietern drohen, die weiter auf günstige chinesische Vorleistungen zugreifen können. Doch hier können richtig kalibrierte Ausgleichszölle auf chinesische Downstream-Produkte, die auch die Subventionen auf der Vorleistungsebene mit erfassen, den heimischen Downstream-Anbieter vor Marktanteilsverlusten in der EU an China schützen.

Der Blick muss aber noch erweitert werden. So könnte der heimische Downstream-Produzent Marktanteile in der EU und auf dem Weltmarkt an Downstream-Konkurrenten aus anderen Drittländern verlieren, die keine Upstream-Ausgleichszölle erheben. Daher sollte es das Ziel der EU sein, einen Ausgleichszollklub mit jenen Ländern zu schließen, in denen die relevanten Wettbewerber angesiedelt sind. Zudem braucht es einen solchen Klub-Ansatz, um europäische Upstream- und Downstream-Produzenten in wichtigen Exportmärkten außerhalb der EU vor unfairem Wettbewerb aus China zu schützen. Einen solchen wettbewerbspolitischen Klub von gleichgesinnten Partnern zu schaffen, ist sicherlich eine mittel- bis längerfristige Aufgabe.

Dies dürfte mit anderen europäischen Ländern am ehesten umsetzbar sein. Zu den betreffenden Ländern zählen vor allem das Vereinigte Königreich und die Schweiz, die im globalen Handel wichtige Wettbewerber und zugleich relevante Absatzmärkte für Produkte aus der EU sind. Auch die Türkei sowie viele kleinere EFTA- und Balkanstaaten sollten einbezogen werden. Die EU sollte diesen Ansatz daher entschlossen und ohne Verzögerung verfolgen und versuchen, diese Nachbarländer für einen Beitritt zu diesem Kreis zu gewinnen. Sollten sie sich dieser Initiative widersetzen, verschafft der große EU-Markt Brüssel einen gewissen Hebel.

Ebenso ist eine Koordination mit den USA erstrebenswert, auch wenn nicht klar ist, ob die unberechenbare US-Administration sich darauf einlässt. Aber selbst wenn die USA nicht dabei sein sollten, wären die Nachteile begrenzt, da die USA chinesische Einfuhren stark diskriminieren. Daher profitieren US-Downstream-Anbieter ohnehin nicht mehr oder zumindest deutlich weniger von künstlich verbilligten chinesischen Einfuhren. Zudem sind EU-Ausfuhren von Upstream- und Downstream-Produkten auf dem wichtigen US-Markt im Vorteil, wenn US-Einfuhren aus China mit höheren Zöllen belegt sind.

Auch andere Industrieländer, die in mehr oder weniger großem Ausmaß sowohl Wettbewerber als auch Absatzmärkte sind, gilt es in den Blick zu nehmen – wie Kanada, Japan, Südkorea und Australien. Im Gegenzug dafür, dass die EU deren Produkte auf dem EU-Markt durch Ausgleichszölle vor unfairer Konkurrenz aus China schützt, sollte Brüssel fordern, dass diese Länder auch EU-Produkte auf ihren Märkten gleichermaßen schützen. Gerade Japan und Südkorea dürften wohl daran interessiert sein, da ihre Importanteile im für sie wichtigen EU-Markt in jüngerer Vergangenheit rückläufig waren, während Chinas Anteile stiegen.

Bestehende Freihandels- oder Assoziationsabkommen der EU mit vielen dieser Staaten sollten um diese Art der wettbewerbspolitischen Kooperation bei Ausgleichszöllen ergänzt werden. Auch eine Zusammenarbeit im Rahmen der noch stärker auszubauenden Kooperation zwischen der EU und dem transpazifischen Bündnis ­CPTPP (dem unter anderem Australien, Kanada, Mexiko und Japan angehören) (Matthes, 2026b) kann hierfür genutzt werden. Dabei geht es auch um die Einbindung wichtiger Schwellenländer gerade in der ASEAN-Region (Vereinigung südostasiatischer Länder) und Südamerika. Auch hier könnte eine gewisse Bereitschaft zur Kooperation bestehen, da deren Industrien auch durch die chinesische Exportexpansion unter Druck kommen und sie in immer größere Abhängigkeiten zu China zu geraten drohen.

Selbst die WTO-Regeln sehen in Artikel 14 des WTO-Antidumping-Agreements die grundsätzliche Möglichkeit vor, dass Staaten freiwillig die Ausgleichszölle anderer Staaten auf Antrag übernehmen können, auch wenn hierzu Einstimmigkeit im Council on Goods der WTO nötig sein dürfte (Matthes, 2026c, 2026d). Für die Übergangszeit, bis ein Ausgleichszollklub aufgestellt ist, könnte die EU prüfen, ob ein Duty-Drawback-System möglich ist. Damit erhalten Downstream-Exporteure Zollkosten auf Upstream-Importe zurück. Ein solches haben die Tigerstaaten wie Südkorea in den 1960er Jahren angewendet (Matthes, 2004). Allerdings ist dieser Weg nur sinnvoll, wenn er sich ohne zu großen administrativen Aufwand umsetzen lässt.

Wie umgehen mit der Gefahr eines Handelskrieges?

Ausgleichszölle stoßen auch deshalb auf Zurückhaltung oder gar Ablehnung, weil die Sorge besteht, dass China harte Vergeltung übt und ein Handelskrieg ausbricht. Tatsächlich ist diese Gefahr da. Allerdings sind Ausgleichszölle ein faires und legitimes Mittel gegen chinesische Wettbewerbsverzerrungen. Es geht nur darum, Chinas Protektionismus auszugleichen. Auf dieser normativen Ebene sind Ausgleichszölle also das Mittel der Wahl und China müsste sie hinnehmen, wenn Fairness der Maßstab seines Handelns wäre. Aber in der harten Realität nutzt China seine Wirtschaftsmacht und droht offen mit Vergeltungsmaßnahmen, bis hin zu für uns schmerzhaften Exportbeschränkungen bei seltenen Erden. Peking würde sich damit normativ ein zweites Mal ins Unrecht setzen. Doch realpolitisch müssen wir das einkalkulieren, denn im Umgang mit China zählt das normative Richtig und Falsch wenig.

Daher braucht es eine zweigleisige Strategie für Deutschland und die EU. Im Rahmen des gerade auf EU-Ebene eingerichteten Trade and Investment Consultation Mechanism (TIC) geht es darum, um Einsicht bei China zu werben, dass die Evidenz zu Wettbewerbsverzerrungen objektiv stichhaltig und ausreichend belegt ist und dass das Ausmaß der unfairen Konkurrenz die europäische Industrie stark bedroht, sodass legitime Handelsschutzmaßnahmen wie Ausgleichszölle unausweichlich sind, wenn sich am unfairen Konkurrenzdruck nichts ändert.

Auf der anderen Seite braucht es auch auf Seiten der EU glaubwürdiges Drohpotenzial, um Chinas Vergeltung zu verhindern oder zumindest eng begrenzt zu halten. Es gibt immer noch Abhängigkeiten Chinas von der EU, auch wenn hierüber im Detail zu wenig Transparenz herrscht. Vor allem aber sind Chinas Unternehmen angesichts der heimischen Wirtschafts- und Profitschwäche für Umsatz und vor allem für Gewinne auf den großen EU-Absatzmarkt angewiesen – der bei einer Eskalation auch weit über Ausgleichszölle hinaus für China verschlossen werden könnte. Falls China einen Handelskonflikt mit Vergeltungsmaßnahmen gegen gerechtfertigte Ausgleichszölle beginnt, sollte die EU diese Hebel auch einsetzen. Es ist zudem eine Illusion zu glauben, dass es nur bei Ausgleichszöllen zu chinesischen Vergeltungsmaßnahmen kommen würde. Denn in der EU werden derzeit andere Instrumente wie Importquoten (Schutzmaßnahmen) und europäische Präferenzquoten, Buy-European-Ansätze und Local-Content-Vorschriften diskutiert. Diese mengenbasierten Ansätze würden chinesische Anbieter teilweise aus dem Markt ausschließen. Ausgleichszölle wirken als preisbasierte Instrumente weniger hart, zielen klar auf das Problem der Wettbewerbsverzerrungen und lassen den fairen Teil der Konkurrenz aus China weiter zu. Es spricht daher einiges dafür, dass China sich eher auf Ausgleichszölle als auf quotenbasierte Ansätze einlassen könnte.

Literatur

Autor, D. H., Dorn, D. & Hanson, G. H. (2016). The China Shock: Learning from Labor Market Adjustment to Large Changes in Trade. Annual Review of Economics, 8, 205–240.

Barkin, N. & Williams, G. (2026). Germany’s “China Shock” Revisited. Rhodium Group.

BMF – Bundesministerium der Finanzen. (2026, Juli). Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung. Ergebnisse des Koalitionsausschusses.

Chowdhry, S., Erhardt, K. & Hin, J. (2026). Competing with China in third markets. Kiel Policy Brief, Nr. 213. Kiel Institut für Weltwirtschaft.

Dauth, W., Findeisen, S. & Südekum, J. (2014). The Rise of the East and the Far East: German Labor Markets and Trade Integration. Journal of the European Economic Association, 12(6), 1643–1675.

Deutsche Bundesbank. (2025). Was steckt hinter dem mehrjährigen Rückgang der deutschen Exportmarktanteile? Monatsbericht Juli.

Goldman Sachs. (2025). The Shadow of the Dragon: China’s Export Surge and Euro Area Growth Headwinds.

HCSP – Haut-Commissariat à la Stratégie et au Plan. (2026). The Chinese Steamroller: Quantifying the systemic Threat to Europe’s Industrial Base.

Matthes, J. (2004). Entwicklungsländer – Ökonomische Performance und Erfolgsstrategien im Zeitalter der Globalisierung. IW-Analysen, Nr. 6.

Matthes, J. (2026a). Chinas Beitrag zur De-Industrialisierung – eine grobe Abschätzung. IW-Kurzbericht, Nr. 43.

Matthes, J. (2026b). Free and Fair Trade Club – Deeper Cooperation Between the EU and the CPTPP. Intereconomics, 61(4), 233–239.

Matthes, J. (2026c). Handels- und Industriepolitik für eine neue Zeit. Gutachten im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Matthes, J. (2026d). Competitive Distortions in trading with China: How best to react? In Strengthening EU Economic Security, (im Erscheinen).

Matthes, J., Kunath, G. & Sultan, S. (2026). Globale Ungleichgewichte – Wo liegen die größten Anpassungslasten? Gutachten gefördert vom Auswärtigen Amt. IW-Report, Nr. 28.

Matthes, J. & Schmitz, E. (2024). Konkurrenzdruck aus China für deutsche Firmen. IW-Report, Nr. 30.

OECD – Organisation for Economic Co-operation and Development. (2026). MAGIC Database of Industrial Subsidies.

SVR Wirtschaft – Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. (2026). Frühjahrsgutachten 2026.

Setser, B. (2026). The World Should Not Ignore China’s Undervalued Currency. Blogbeitrag in Follow the Money. Council of Foreign Relations.

Tordoir, S. & Setser, B. (2026). China shock 2.0 – The cost of Germany’s complacency.

Title:How is the “China Shock 2.0” affecting German industry, and how should we respond?

Abstract:The global expansion of Chinese exports, particularly of technology-intensive products, is hitting the German economy hard. According to estimates, competition from China is likely to have led to a decline in the German economy’s real gross domestic product of around 1.4 per cent between 2019 and 2025; the number of people in employment in the German manufacturing sector is likely to have fallen by around 400,000 as a result. Despite technological catch-up, the competitive advantages of the Chinese economy are likely to be attributable to a large extent to distortions of competition, in particular through heavy industrial subsidies and an undervalued yuan. To create a level playing field, the EU should impose sector-wide countervailing duties – ideally in conjunction with like-minded countries within a countervailing duty club. Price-based countervailing duties are necessary from a regulatory perspective and have a less severe impact than the volume-based instruments currently under discussion in the EU.

Beitrag als PDF

© Der/die Autor:in 2026

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.