Die zermürbenden Nöte des täglichen Lebens und die leidige Gewohnheit, sich zwei- bis viermal am Tage der Zeremonie des Zeitungslesens hinzugeben, haben die Fähigkeit geschwächt, über den Fragen der sogenannten Aktualität die wirklichen Kardinalprobleme zu sehen: die Probleme, die allein jene Tagessorgen in die rechte Perspektive zu rücken erlauben. Am wenigsten sind die Staatsmänner (in allen Ländern) geneigt, an das Morgen und Übermorgen zu denken. Sie haben genug damit zu tun, die verheerenden Folgen ihrer gestrigen und vorgestrigen Politik abzuschwächen. Um so mehr Grund für uns, von dem Wesentlichen zu reden. Es ist nicht Flucht, einen Augenblick die Bedrängnisse der nächsten Stunde über den Gefahren der nächsten Generation zu vergessen — denn wofür hätte der verantwortliche Mann heute zu sorgen als für das Kommende?
Vielen scheint es noch immer, als sei alles Wesentliche geschehen, wenn die Reparationsprobleme gelöst, der Reichshaushalt ins Gleichgewicht gebracht, der Markkurs stabilisiert wäre: die frühere Blüte der Wirtschaft, der alte Umfang des Weltverkehrs, der gewohnte Aufbau der Gesellschaft würden sich wiederherstellen, und die Menschheit könnte, belehrt durch die ökonomischen Ergebnisse des Krieges, mit tieferen Einsichten in ihre Zwecke und Mittel an die größeren Werke der Zukunft gehen. Es ist sehr angenehm, diese Überzeugung zu hegen, aber nicht minder gefährlich. Wer sie teilt, muß gewärtig sein, bequemen Optimismus eines Tages mit schlimmerem Erwachen zu zahlen, als beim Ausbruch, im Verlauf und am Ende des ersten Weltkriegs. Es wäre besser, er erkennte schon jetzt, daß schon der Zustand Europas vor dem Kriege mit furchtbaren Spannungen geladen war und daß der Krieg diese Spannungen nur noch stärker hat anwachsen lassen. Hierzu mag ihm, unter anderem, das sechste Wiederaufbauheft des „Manchester Guardian“ verhelfen, dessen erster Teil dem europäischen Bevölkerungsproblem gewidmet ist. John Maynard Keynes bespricht es dort vom Standpunkt des Wirtschaftspolitikers, Benedetto Croce vom Standpunkt des Philosophen, Guglielmo Ferrero vom Standpunkt des Geschichtsschreibers. Aufsätze über die Bevölkerungsstatistik und Bevölkerungspolitik Englands, Frankreichs, Deutschlands, Tschechiens, Österreichs und Japans schließen sich an. Die Argumente und noch mehr die Zahlen reden eine harte Sprache. Eines Tages wird sie wohl auch zu denen dringen, die sich heute die Ohren verstopfen, und dann wird es vielleicht zu spät sein.
Deutschland zählte vor dem Krieg eine Bevölkerung von 67 Millionen. Im Feld und in der Heimat sind 1,7 Millionen Soldaten gestorben, durch Gebietsabtretungen sind 6,5 Millionen verloren worden. Im Jahr 1921 wurden, auf dem verkleinerten Gebiet, 62,5 Millionen gezählt. Diese müssen von einem Land mit verkrüppelter Wirtschaft, auf einem Boden ernährt werden, der 13 Prozent des alten Bestandes, darunter einige der wichtigsten agrarischen Überschußbezirke, verloren hat. Für England macht John Brownlee, Direktor des Statistischen Amts in London, folgende Feststellungen: „Die in den Jahren zwischen 10 und 15 stehenden Personen sind heute ungefähr an Zahl denen der Volkszählung von 1911 gleich. Nach Abzug der Auswanderung, wie sie zurzeit stattfindet, und unter Annahme eines beständig bleibenden Geburtensatzes bedeutet dies eine Bevölkerung von ungefähr 45 500 000 Menschen (1921 wurden 37 885 242 gezählt. D. Red.). Ich glaube nicht, daß irgend ein Mensch der Ansicht ist, daß diese Bevölkerungszahl für England und Wales richtig ist. Es ist eine Bevölkerung, die eine viel größere Lebensmittelversorgung erfordert als die jetzige, und es wird zugegeben, daß die jetzige Bevölkerung wahrscheinlich höher ist, als es selbst ein Industrieland wie England sich leisten kann. Es erwächst daher die Frage, wie die Bevölkerung der Lebensmittelversorgung angepaßt werden kann.“
Brownlee kommt zu dem Schluß, daß England in jedem Jahr mindestens 200 000 Auswanderer, möglichst unter 25 Jahren, nach Übersee schicken müsse. Pribrans fordert für Wien, das nach ihm 1841326 Einwohner beherbergt (gegen 2031 421 als Hauptstadt eines Fünfzigmillionen-Reichs) die zwangsweise Expatriierung, vor allem von Beamten und früheren Offizieren, verbunden mit freiwilliger Auswanderung von Kunsthandwerkern, die den aufnehmenden Staaten gleichsam als Einwanderungsprämie zukommen sollen. Keynes selber hält beide Forderungen für viel zu mäßig. Er sieht in der Auswanderung nur ein „kostspieliges Linderungsmittel“ und erinnert daran, daß in England schon jetzt, trotz aller Kriegsverluste, die Anzahl von Männern zwischen 20 und 60 Jahren um 1 300 000 höher ist als im Jahre 1911. Es kann also nicht genügen, daß der englische Handel seinen Vorkriegsumfang wieder erreicht: er müßte schon jetzt um 15 Prozent größer sein, und das nationale Kapital müßte ständig im gleichen Maße wachsen, jährlich also um 400—500 Mill. £. Die Umschichtung von Wirtschaft und Gesellschaft lassen das einstweilen als sehr unwahrscheinlich erscheinen.
Wer aber meint, daß die Vermehrung der Bevölkerung sich rasch den veränderten Lebensmöglichkeiten anpasse, der übersieht, daß die Ausgleichskräfte erst nach mehr als einem Jahrzehnt wirksam werden, wenn sie sich nicht in Form einer Katastrophe äußern. Keynes erinnert daran, daß die Zahl der jährlich zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte — Männer von etwa 17 bis 67 Jahren — von den Geburtsraten der Jahre 1855 bis 1905 (und den Sterbefällen der Zwischenzeit) abhängt. Die Zeitumstände der Periode vom Krimkrieg bis zur Marokkokrisis sind also entscheidend für die Beschickung des Arbeitsmarkts im vierten Jahr nach dem Waffenstillstand von Compiègne. Die ersten schwachen Spuren des Vertrags von Versailles werden sich hier erst Mitte der dreißiger Jahre fühlbar machen ... vorausgesetzt, daß der von Keynes nicht als wahrscheinlich erachtete gewaltsame Ausgleich sich nicht doch in Mitteleuropa vollzieht.
Die Folge der Übervölkerung muß aber, auch abgesehen von den Folgen des Vertrages, ein empfindliches Sinken der Lebenshaltung sein, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Westen. Diese Tendenz war schon vor dem Krieg wirksam. Aber sie fand ihr Gegengewicht in der Steigerung der technischen Produktivität in der Weltwirtschaft, die den Charakter der letzten beiden Menschenalter vor dem Krieg bestimmt hat. Allerdings haben hellhörige Beobachter, nicht erst seit gestern, bemerkt, daß sich die Kraft dieser Ausgleichstendenz abzuschwächen begann: die Ausbeutung der Bodenschätze fand nicht mehr ein so weites und ergiebiges Feld, das Verhältnis von Sachaufwand und Sachertrag verschlechterte sich nicht nur in der Landwirtschaft, sondern verbesserte sich auch in der Industrie nicht mehr im früheren Maßstab, und wenn auch bisher kein Rückschlag zu bemerken war, so hatte doch das Tempo der Produktivitätssteigerung sich merklich verlangsamt. Ob die Rationalisierung der Produktion durch Kartellierung und Vertrustung, Kombination und Kooperation ihr noch einmal einen solchen Aufschwung geben kann, daß die Vermehrung der europäischen Bevölkerung im alten Maß, trotz der Schwächung ihrer Wirtschaftsposition im Kampf mit den Überseeländern und trotz der Verringerung der europäischen Agrarproduktion, ohne Senkung ihrer Lebenshaltung ertragen werden kann — bleibt eine Frage, die nur durch das Experiment entschieden werden kann. Es spricht einiges dafür, mehr dagegen. Denn alle Rationalisierung der Wirtschaft, die durch solche Neuerungen bewirkt werden soll, führt zur Bevorzugung stationärer Formen, beharrungsstrebiger Apparate, starrer Fügungen. Sie entspricht einer stabilen, nicht einer dynamischen Volkswirtschaft.
Angesichts dieser Lage der Dinge kommt der Ökonomist zu dem Schluß, daß dem Wachstum der Bevölkerung Europas Einhalt geboten werden muß, sei es durch Auswanderung, sei es durch andere Mittel, wenn nicht der schon jetzt übervölkerte Kontinent endgültig in einen Ameisenhaufen von Fellachen verwandelt werden soll. Hiergegen lehnen sich viele Gefühle auf, die sich für urmenschlich halten, obwohl sie durchaus nicht in allen Epochen der Menschengeschichte, und sicherlich nicht in ihren größten, die herrschenden waren. Es ist wahr, daß eine Zivilisation wie die des neunzehnten Jahrhunderts einer progressiv wachsenden Bevölkerung bedarf, ein Zeitalter, das von der Vervielfältigung der Bedürfnisse und der Beschleunigung des Kapitalumsatzes lebt und das „den Verbrauch an Fleisch und die Anzahl der über den Telephondraht ausgetauschten Gespräche als Maß der Zivilisation angenommen hat“. Die schöpferischen Epochen der Antike, des Mittelalters und des Barockzeitalters waren anders. Sie sahen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität, nicht auf zügellose Vermehrung, sondern auf strenges Maß. Wir lassen Ferrero sprechen, den bekannten Verfasser von „Größe und Verfall Roms“ (in dem Aufsatz des zitierten Heftes des „Manchester Guardian“): „Die Zivilisationen vor der französischen Revolution waren qualitativ. Sie hatten nur kleine Heere und versuchten für die geringeren Streitkräfte dadurch zu entschädigen, daß jeder Soldat, vom Gemeinen bis zum Führer, seinen Beruf bis zur Vollkommenheit kannte. Sie ließen den Dienst von einer kleinen Zahl von Staatsbeamten ausüben, hielten die öffentlichen Ausgaben in bescheidenen Grenzen, erweiterten nicht den Rahmen der herrschenden Klassen, um von unten herauf in jeder Generation eine größere Zahl ehrgeiziger, aufstieglüsterner Menschen aufzunehmen. Sie lebten einfach und arbeiteten nicht zuviel, erzeugten und verbrauchten wenig, aber bei dem Wenigen versuchten sie, daß mindestens ein Teil davon von ausgezeichneter Qualität sei. ... Die Vermehrung der menschlichen Gattung ist nicht ein Lebensgesetz, sondern ein vorübergehendes menschliches Phänomen; sie ist nicht die Vorbedingung des absoluten Fortschritts, sondern eines Fortschritts, wie ihn unsere Zeit versteht. ... An dem Tage, wo die Fruchtbarkeit Europas sich erschöpfen würde und die Bevölkerung, statt zu wachsen, zu schwinden begänne, wäre Europa gezwungen, zu den Formen der qualitativen Zivilisation zurückzukehren, wie sie vor der französischen Revolution ihre Blütezeit erlebten. Auf diese Weise würde Europa nicht in die Barbarei zurückfallen, wie viele fürchten, selbst wenn es verarmen sollte, sondern es würde auf einem anderen Webstuhl von neuem Penelopes ewiges Gewebe der menschlichen Zivilisation beginnen. Unsere Väter haben bewiesen, daß man große Dinge schaffen kann, ohne sich dabei wie Kaninchen zu vermehren. Wir müssen von neuem lernen, diese großen Dinge mit wenigen Menschen zu vollbringen.“
Gegen dieses Geschichtsbild lehnen sich nicht nur weitverbreitete Gefühle, sondern auch mächtige Interessen auf; es erscheint allen denen unannehmbar, die die eigentlichen Pioniere des quantitativen Zeitalters gewesen sind: die Kaufleute in Handel und Gewerbe und die Literaten, die ihre Interessen vertreten. Ferrero ist so unfreundlich und so freimütig, in dem Blatt der Kaufleute von Manchester von der „groben Ideologie der Kaufleute“ zu reden, „die von gefälligen Philosophen und zweitklassigen Dichtern bedient wird“. Die Seele dieser gefügigen Instrumente der quantitativen Zivilisation wird niemand retten wollen. Die Kaufleute selber aber werden nicht umhin können, das Bevölkerungsargument des Ökonomisten, wenn nicht des Historikers, gründlich durchzudenken. Es ist ihre Ehre, stets die ersten am Pfluge zu sein. Sie sind Pioniere, und sie lieben es, nicht gegen den Strom zu schwimmen. Wenn sie nach der ersten Abwehr des russischen Utopismus geglaubt hatten, daß es jetzt nur der gesicherten Rückkehr zu dem „bewährten“ Alten bedürfe, so werden allmählich ihnen die Anzeichen sichtbar, daß in ganz Europa eine Umlagerung der Kräfte und Stoffe sich vollzieht, deren Ergebnis nicht abzusehen ist, deren Richtung aber erkannt werden muß, wenn nicht noch einmal die Zügel den Händen der Lenker entgleiten sollen: „Wer es will, den führt das Geschick; wer es nicht will, den schleift es.“