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Vor der Tür Europas steht eine Arbeit der Gemeinschaft, auf die es nicht zu warten braucht. Sie klopft an, und wenn wir sie nicht hören, so ist es die Kriegstaubheit, die noch vorherrscht. Es ist die Arbeit gesamteuropäischer Kolonialpolitik. Sie ist heute kleiner in ihrem Umfange, als sie vor dem Krieg für einen Teil Europas war. Um so viel hat uns der Krieg geringer gemacht hier in der alten Welt. Die Monroedoktrin, die die europäischen Kolonien in Amerika auf dem Festlande verbot – und wir hätten in den Zeiten unserer Ruhmredigkeit besser getan, uns öfter zu erinnern, daß diese Doktrin von den amerikanischen Präsidenten verkündigt worden ist als eine hygienische Maßnahme gegen die Unsittlichkeit der europäischen Politik – die Monroedoktrin, die auch die wenigen alten Europakolonien in Amerika absterben läßt, ist heute von Asien, von Australien als oberstes Staatsgesetz aufgenommen worden, und selbst in Afrika sind Norden und Süden der europäischen Kolonialpolitik für immer entzogen. Der Norden ist in die Mittelmeerpolitik eingereiht, nach mohammedanischer Autonomie strebend, der Süden vereinigt in der Union unter der Herrschaft des Kaps, dem das Jahr 1941 gebracht hat, was es seit 1884 unbeirrbar verlangte: Südwest – das sich morgen Rhodesien angliedern wird und das schon den Grenzstreit mit seinem portugiesischen Nachbarn im Nordosten sucht.

Mittelafrika allein ist geblieben, das Mündel europäischer Wirtschaft, an dem sie zeigen mag, ob sie noch mit der Zukunft umzugehen weiß. Es ist ein Land, dessen Naturkräfte heute noch unschätzbar sind, ein Land des Zaubers und der Wildnis und noch zugleich ein großes Behältnis der nüchternsten Dinge für den Tagesbedarf der Landwirtschaft, der Industrie, der Technik; ein Land mit wenig über 70 Mill. schwarzer Eingeborener, ein paar Hunderttausend Asiaten und einer Handvoll Europäer. Und das schwarze Volk schläft noch den Kinderschlaf, aber es reibt sich die Augen und wird aus der Zucht erwachsen. Mittelafrika bedeutet für die europäischen Staatskanzleien ein ernstes Zeugnis ihrer Unfähigkeit, denn hier an diesem hilflosen Stück Welt hätte sich Weltpolitik zeigen müssen: eine Politik, die, da sie den Raum überspannen will, dartun muß, daß sie auch Herrin über die Zeit ist, daß sie sich abwendet von jedem Augenblickserfolg, daß sie sich freimacht in dieser Höhenluft einer großen Aufgabe von den kleinen Stubenmitteln der Diplomatie, daß sie sich verläßt auf die Kräfte der guten Wirtschaft – der Wirtschaft, die nicht Ausbeutung ist, sondern Pflege, die nicht ruhiger Besitz ist, sondern tätige Arbeit, die nicht Rüstung ist für den Krieg, sondern Befestigung des Friedens. Und wir haben alle versagt, wir wollen uns nicht ausschließen.

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Unter der Rubrik "Historischer Beitrag" dokumentieren wir Beiträge aus den ersten Jahrzehnten des Wirtschafts­dienst seit dem Gründungs­jahr 1916. Das Archiv befindet sich im Aufbau und wird sukzessive mit Beiträgen gefüllt. Die Inhalte sind selbst­verständlich im historischen Kontext zu betrachten und spiegeln nicht heutige Auswahl­entscheidungen der Redaktion wider.

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