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Der traditionelle Indikator für die Messung des wirtschaftlichen Wohlstands eines Landes ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP misst jedoch nicht das Einkommen, dass die Bürger eines Landes in der übrigen Welt erzielen. Die im Ausland erzielten Einkommen werden durch das Bruttonationaleinkommen (BNE) widergespiegelt. Diese berechtigen die Bürger zu im Ausland produzierten Waren und Dienstleistungen. Das BNE ist zudem relevant, wenn man das Potenzial für Steuereinnahmen betrachtet. Eine Staatsschuldenquote mit Bezug zum BIP könnte ebenfalls als Indikator für die Schuldentragfähigkeit verfehlt sein. Aber auch das ökonomische Verhalten in einer alternden Gesellschaft führt zu einer großen Bedeutung der Kapitaleinkommen aus dem Ausland, die im BNE abgebildet werden. Entsprechend sollte der materielle Wohlstand, der den Bürgern eines Landes zur Verfügung steht, besser am BNE gemessen werden als am BIP.

Zur Begrifflichen Klärung: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht dem Wert aller Sachgüter und Dienstleistungen (im Folgenden: Güter), die innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellt werden – abzüglich der Vorleistungen. Diese werden abgezogen, um Doppelzählungen zu vermeiden. Das BIP misst somit die ökonomische Wertschöpfung eines Landes. Ein eng mit dem BIP verbundener Indikator ist das Bruttonationaleinkommen (BNE), das früher Bruttosozialprodukt genannt wurde. Das BNE erfasst alle Einkommen, die den im Inland lebenden Wirtschaftsakteuren zufließen – unabhängig davon, ob die damit verbundene wirtschaftliche Aktivität im In- oder Ausland erfolgt. Wenn also ein Bürger beispielsweise seinen Arbeitsplatz im Ausland hat, finden seine wirtschaftlichen Aktivitäten im Ausland statt und gehören daher zum ausländischen BIP (Inlandsprinzip). Das Arbeitseinkommen, das für die Erbringung dieser wirtschaftlichen Leistungen gezahlt wird, gehört hingegen zum deutschen BNE (Inländerprinzip). Ebenso zählen Kapitaleinkommen, die im Ausland erzielt werden, zum BNE, nicht aber zum BIP.

Die Differenz zwischen dem BNE und dem BIP ist somit der Saldo der Einkommenszahlungen, genauer der Saldo der Primäreinkommen. Wenn Deutschland aus dem Rest der Welt mehr Einkommen erhält, als es zahlt, liegt ein positiver Einkommenssaldo vor, das deutsche BNE ist entsprechend größer als das BIP.

Empirie zur Differenz zwischen BIP und BNE

Ein Wechsel vom BIP zum BNE mit dem Ziel, den gesellschaftlichen Wohlstand zu messen, macht nur Sinn, wenn es zwischen beiden Größen signifikante Unterschiede gibt. Für die Beantwortung der Frage, ab wann ein entsprechender Unterschied wirtschaftspolitisch relevant ist, gibt es keine objektiven Kriterien. Ein Blick auf die Ergebnisse der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) in Deutschland zeigt, dass diese Differenz seit 2011 bei 60 Mrd. bis 70 Mrd. Euro lag (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1
Differenz zwischen BNE und BIP (jeweils nominal) in Deutschland
Differenz zwischen BNE und BIP (jeweils nominal) in Deutschland

Anmerkung: Positiver Saldo bedeutet: BNE ist größer als BIP.

Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 1.5, 2018, Wiesbaden 2019, S. 15.

Bezogen auf das jeweilige BIP des betreffenden Jahres machte dies in den letzten Jahren jeweils rund 2 % aus (vgl. Abbildung 2). Ob dieser Unterschied hinreichend groß ist, um einen Wechsel vom traditionellen Wohlstands­indikator BIP zum BNE zu rechtfertigen, ist letztendlich eine Werturteilsfrage. Immerhin lässt sich jedoch feststellen, dass 70 Mrd. Euro Unterschied mehr als der Hälfte des nominalen BIP-Zuwachses der letzten Jahre entspricht (zwischen 2014 und 2018 betrug das Wachstum des nominalen BIP in Deutschland zwischen 3,3 % und 4,0 %). Es handelt sich folglich um ein nicht zu vernachlässigendes Volumen.

Entscheidend für die Unterschiede zwischen beiden Indikatoren sind nicht so sehr die deutschen Pendler, die Lohneinkommen im Ausland beziehen, sondern die Auslandsinvestitionen deutscher Anleger. Zentrale Ursache für diese sind wiederum die hohen Handelsbilanz- bzw. Leistungsbilanzüberschüsse der deutschen Volkswirtschaft, die mit Nettokapitalexporten einhergehen. Aus diesem Kapitalexport resultieren Zinsen, Dividenden und Gewinne, die das deutsche BNE erhöhen. Die Basis für den Saldo der Vermögenseinkommen Deutschlands aus dem Ausland ist das Nettovermögen gegenüber dem Rest der Welt. Dieses ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Während es Ende 2003 bei nur knapp 17 Mrd. Euro lag, erreichte es Ende 2019 mehr als 2 Billionen Euro (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 2
BNE als Anteil am BIP in Deutschland
BNE als Anteil am BIP in Deutschland

Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 1.5, 2018, Wiesbaden 2019, S. 17.

BIP versus BNE in Industrieländern

Auch im internationalen Vergleich gibt es eine Reihe von Ländern, deren BNE 2 % oder mehr vom BIP abweicht. Die Weltbank weist in ihren „World Development Indicators“ beide Indikatoren nominal in US-Dollar aus. Werden die Werte in Relation zueinander gesetzt, zeigt sich beispielsweise für Japan 2017 eine positive Abweichung des BNE vom BIP von rund 3,5 %. Grund dafür sind auch hier die seit Jahren erzielten Exportüberschüsse des Landes mit den entsprechenden Nettokapitalexporten. In Norwegen liegt das nominale BNE sogar um 4 % über dem BIP. Dies ist zu einem erheblichen Teil auf den norwegischen staatlichen Pensionsfonds zurückzuführen. Er ist der größte Staatsfonds der Welt und hatte Ende Juni 2019 einen Wert von etwas mehr als 9,1 Billionen norwegischen Kronen, was umgerechnet rund 1 Billion US-$ entsprach.1 Von besonderer Bedeutung ist dabei der „Staatliche Pensionsfonds Ausland“, der aus den Einnahmen der Erdölförderung gespeist wird und diese Erlöse ausschließlich für Vermögenswerte im Ausland einsetzt (Aktien, Wertpapiere und Immobilien).2

Tabelle 1
Nominales Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Brutto­nationaleinkommen (BNE) in ausgewählten Ländern1
In Mrd. US-Dollar, Werte für 2017; sortiert nach der Relation BNE zu BIP
Land BIP
in Mrd. US-$
BNE
in Mrd. US-$
Relation BNE/BIP
Norwegen 399,5 416,1 1,041
Japan 4 872,4 5 043,4 1,035
Frankreich 2 582,5 2 646,5 1,025
Deutschland 3 693,2 3 770,9 1,021
USA 19 485,4 19 872,2 1,020
Schweiz 679,0 688,3 1,014
Schweden 535,6 543,2 1,014
Bulgarien 58,2 59,0 1,013
Belgien 494,8 500,7 1,012
Finnland 252,3 255,2 1,012
Dänemark 329,9 332,3 1,007
Italien 1 943,8 1 954,8 1,006
Niederlande 830,6 834,0 1,004
Griechenland 203,1 203,5 1,002
Spanien 1 314,3 1 312,9 0,999
Österreich 416,8 415,7 0,997
China 12 237,7 12 206,5 0,997
Lettland 30,5 30,3 0,993
Kanada 1 647,1 1 629,3 0,989
Kroatien 55,2 54,2 0,982
Großbritannien 2 637,9 2 589,0 0,981
Brasilien 2 053,6 2 015,5 0,981
Estland 26,6 26,1 0,980
Slowakei 95,6 93,7 0,980
Portugal 219,3 214,5 0,978
Slowenien 48,8 47,6 0,976
Russland 1 578,4 1 538,9 0,975
Zypern 22,1 21,5 0,973
Rumänien 211,9 206,2 0,973
Indien 2 650,7 2 572,0 0,970
Ungarn 139,8 134,2 0,960
Polen 526,5 505,6 0,960
Malta 12,5 11,8 0,941
Tschechien 215,9 202,6 0,938
Irland 331,4 263,9 0,796
Luxemburg 62,3 44,2 0,709

1 EU-Staaten, G7-Staaten sowie Norwegen, die Schweiz, China, Brasilien, Russland und Indien, keine vollständigen Daten für Litauen.

Quelle: World Development Indicators, Download am 24.6.2019.

Die größten Abweichungen nach unten gibt es in Europa in Irland und Luxemburg: In Irland erreichte das BNE 2017 lediglich 79,6 % des BIP und in Luxemburg sogar nur knapp 71 % (vgl. Tabelle 1). Grund für diese erheblichen Abweichungen ist der Umstand, dass viele (multinationale) Unternehmen zwar ihren Hauptsitz in diesen Ländern haben, aber die erzielten Kapitaleinkommen an die Eigentümer im Ausland überweisen.

BNE als Wohlstandsindikator

Die Beantwortung der Frage, ob nun das BIP oder das BNE ein besserer Indikator zur Messung des materiellen Wohlstands eines Landes ist, hängt entscheidend davon ab, welchen Zwecken die Wohlstandsmessung dienen soll. Letztendlich geht es dabei darum, ob die ökonomische Wertschöpfung des Landes im Vordergrund steht (egal, ob diese von Inländern oder Ausländern im Sinne der VGR erbracht wird) oder die Wertschöpfung der Bürger (egal, ob die wirtschaftliche Aktivität im Inland oder im Ausland stattfindet).

Für die Entscheidung, welche Größe für den materiellen Wohlstand der Bürger relevanter ist, sei eine Analogie zu einzelwirtschaftlichen Überlegungen erlaubt. Betrachtet wird ein privater Haushalt, der in einem inländischen Unternehmen arbeitet und zudem Aktien an Unternehmen im Ausland besitzt:

  • Der ökonomische Beitrag dieses Haushalts zur wirtschaftlichen Wertschöpfung seiner Volkswirtschaft entspricht der Wertschöpfung in dem betreffenden Unternehmen.
  • Entscheidend für die Konsummöglichkeiten dieses Haushalts und dem damit verbundenen materiellen Wohlstand ist die Summe aller ihm zufließenden Einkommen – unabhängig davon, ob es sich dabei um die Lohnzahlungen seines Arbeitgebers, die Zinsen seiner Bank oder die Dividende seiner Unternehmensbeteiligung im Ausland handelt.

Auf die Volkswirtschaft übertragen bedeutet dies Folgendes: Wenn es bei der Messung des materiellen Wohlstands um den möglichen Güterverbrauch einer Gesellschaft – sowohl für Konsum- als auch für Investitionszwecke – geht, ist das Einkommen, das den Bürgern des Landes zufließt, entscheidend. So gesehen ist das Nationaleinkommen ein besserer Indikator als das Inlandsprodukt. Dies zeigt sich besonders eindrucksvoll am Beispiel der Länder Irland und Luxemburg: Das den Einwohnern zur Verfügung stehende Einkommen ist in diesen Ländern 20 % bzw. 29 % geringer als das jeweilige BIP (vgl. Tabelle 1).

BNE und Schuldentragfähigkeit

Neben der Messung des materiellen Wohlstands einer Volkswirtschaft wird das BIP auch verwendet, um die Schuldentragfähigkeit der Gesellschaft zu messen. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft wird dann als realwirtschaftliche Basis für die Fähigkeit angesehen, die in der Vergangenheit aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Der zentrale Indikator in diesem Kontext ist die Schuldenstandsquote, definiert als das Verhältnis des staatlichen Schuldenstands in Relation zum BIP. Grundlage dieses Konzepts ist die Überlegung, dass das BIP die Steuerbasis des Staates ist.

Ob das BIP tatsächlich die geeignete Basis für das Steueraufkommen eines Staates ist, hängt von dem angewendeten Prinzip der Besteuerung ab. Angesichts der zunehmenden Globalisierung geht es in immer stärkerem Maße um eine internationale Einkommensbesteuerung. Hier gibt es zwei grundlegende Prinzipien:3

  • Territorialprinzip: Bei diesem Prinzip werden die Einkommen besteuert, die innerhalb eines Landes erwirtschaftet werden. Die Besteuerung folgt dem Inlandsprinzip und damit dem BIP.
  • Welteinkommensprinzip: Hier werden alle Einkommen, die die Bürger eines Landes erzielen, besteuert – unabhängig davon, wo die Einkommen erzielt werden. Damit orientiert sich die Besteuerung am Inländerprinzip und somit am BNE.

In Deutschland werden die Einkommen derjenigen, die Inländer im Sinne der VGR sind, nach dem Welteinkommens­prinzip besteuert. Für diejenigen, die keine Inländer im Sinne der VGR sind, gilt hingegen das Territorialprinzip.4 Da die mit Abstand meisten Steuerpflichtigen Inländer sind, orientiert sich die Einkommensteuer primär an der Höhe des deutschen BNE.

Neben dem Einkommen werden weitere ökonomische Aktivitäten besteuert. Faktisch ist mit Blick auf das Einnahmevolumen des Staates die Besteuerung des Verbrauchs – allen voran durch die Umsatz- bzw. Mehrwertsteuer – besonders relevant. Hier gilt das grundsätzliche Prinzip, dass der Verbrauch von Gütern mit dem Steuersatz des Landes belastet wird, in dem der Verbrauch erfolgt. Damit gilt das Bestimmungslandprinzip, und die Mehrwertsteuer steht dem Land zu, in dem der Endverbrauch eines Produkts erfolgt.5 Das bedeutet:

  • Ein in Deutschland hergestelltes Auto, das in den USA verkauft wird, wird nicht mit der deutschen, sondern mit der amerikanischen Umsatzsteuer belastet. Die entsprechende Steuereinnahme fällt in den USA an. Der deutsche Staat erhält keine Einnahmen.
  • Für ein in den USA produziertes Automobil, das in Deutschland verkauft wird, erhält der deutsche Staat die nach dem deutschen Steuerrecht geltende Mehrwertsteuer.

Für die Staatseinnahmen Deutschlands – und die Fähigkeit des deutschen Staates zur Begleichung seiner aufgenommenen Kredite – bedeutet dies Folgendes: Die Mehrwertsteuereinnahmen richten sich nach den in Deutschland verkauften Produkten – egal, ob diese aus Deutschland oder dem Rest der Welt stammen. Auch hier geht es somit nicht um die im eigenen Land produzierten Güter (das BIP), sondern um die Güter, die die deutschen Konsumenten und Investoren aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Einkommen (dem BNE) erwerben.

Die Staatsschuldenquote eines Landes sollte sich also sowohl mit Blick auf die Einkommensteuer als auch auf die Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer auf das BNE und nicht auf das BIP beziehen. Gleiches gilt dann auch für den jährlichen Finanzierungssaldo des Staates und weitere finanzpolitische Indikatoren wie z. B. die Steuer- und Abgabenquote und die Staatsausgabenquote.

Abbildung 3
Saldo des Auslandsvermögensstatus Deutschlands1
Saldo des Auslandsvermögensstatus Deutschlands

1 Differenz zwischen Aktiva und Passiva, Stand zum Ende des jeweiligen Jahres, Ausnahme 2018: vorläufige Zahl für das Ende des 4. Quartals 2018.

Quelle: Deutsche Bundesbank: Zahlungsbilanzstatistik August 2019, Statistisches Beiheft 3 zum Monatsbericht, Frankfurt am Main 2019, S. 96.

Wohlfahrtsmessung in einer alternden Gesellschaft

Zusätzlich zu dem Umstand, dass im Zeitalter der Globalisierung die grenzüberschreitende Einkommenserzielung immer mehr Bedeutung erlangt, gibt es gerade für Volkswirtschaften mit einer alternden Gesellschaft ein weiteres Argument für das BNE als Wohlstandsindikator:6 In einer geschlossenen Volkswirtschaft mit einer alternden Gesellschaft trifft eine sinkende Zahl von Erwerbstätigen auf eine steigende Zahl an Rentnern. Die gesamtgesellschaftliche Erwerbstätigenquote, definiert als Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung, geht dadurch zurück. Unter ansonsten unveränderten ökonomischen Rahmenbedingungen kommt es zu einem Rückgang des BIP je Einwohner – und des BNE je Einwohner, weil das BIP in einer Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Transaktionen mit dem Rest der Welt dem BNE entspricht. Damit sinkt der materielle Wohlstand je Einwohner.

Ein privater Haushalt würde zur Sicherung seines materiellen Wohlstands im Alter Ersparnisse während der Phase der Erwerbstätigkeit bilden und diese im Rentenalter sukzessive auflösen. Ein Konsumverzicht im Umfang von 5000 Euro während der Erwerbstätigkeit im Jahr 2019 erhöht die Konsummöglichkeiten des Rentner-Haushalts im Jahr 2040 um 5000 Euro plus Zinsen. Die damit verbundenen Güter erhält der Rentner-Haushalt von den Haushalten, die 2040 erwerbstätig sind und ihrerseits Ersparnisse fürs Alter bilden.

Der Gesamtbevölkerung eines Landes steht dieses Instrument in einer geschlossenen Volkswirtschaft nicht zur Verfügung: Die Erwerbstätigen und Rentner des Jahres 2040 können nur die Güter verbrauchen, die die Erwerbstätigen des Jahres 2040 herstellen. Die Gesellschaft des Jahres 2019 kann den Verbrauch der 2019 erstellten Güter nicht in das Jahr 2040 verschieben. Ein gesamtwirtschaftliches Sparen im Sinne einer Verschiebung des Konsums in die Zukunft ist nur in einer offenen Volkswirtschaft möglich. Das Land muss dafür in der Gegenwart Exportüberschüsse erwirtschaften:

  • Ein Exportüberschuss bedeutet, dass die Gesellschaft im Jahr 2019 mehr Güter herstellt, als sie für Konsum- und Investitionszwecke verbraucht. Die überschüssigen Güter werden per Saldo ins Ausland exportiert. Das Land lebt so gesehen unter seinen Verhältnissen, denn der gesamtwirtschaftliche Güterverbrauch ist geringer als die Menge der produzierten Güter.
  • Damit gibt das Land im Außenhandel weniger Geld aus, als es einnimmt. Ein Exportüberschuss hat einen Vermögensaufbau gegenüber dem Ausland zur Folge. Dieser äußert sich in Form von Aktien, Staatsanleihen, Forderungen etc. Aus diesen Vermögenswerten resultieren in den Folgejahren Einkommen, z. B. Dividenden, Gewinne oder Zinseinnahmen, die das gesamtgesellschaftliche Einkommen steigern und damit auch die zur Verfügung stehende Gütermenge erhöhen. Die aus dem Vermögensaufbau resultierenden Kapitaleinkünfte sorgen also dafür, dass das BNE des Landes größer ist als dessen BIP. Gleichzeitig bewirken die aus dem Ausland gezahlten Einkommen einen Leistungsbilanzüberschuss, der dann wiederum die Quelle für einen weiteren Vermögensaufbau im Ausland ist. Die positive Differenz zwischen dem BNE und dem BIP wächst damit weiter. Dieser Zusammenhang gilt, solange das Land einen Exportüberschuss erzielt.
  • Zudem kann sich die Volkswirtschaft in der Zukunft einen Importüberschuss leisten, den sie durch die Auflösung der mit den Exportüberschüssen erzielten Vermögen erzielt. So gesehen erlaubt das „Leben unter den Verhältnissen“ in der Phase mit vielen Erwerbstätigen (also der Gegenwart) in der Zukunft ein „Leben über den Verhältnissen“ in der Phase der gesellschaftlichen Alterung. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die im Ausland angelegten Ersparnisse nicht wertlos werden. In diesem Fall hätte das Land seinen Exportüberschuss verschenkt.7

Das BIP erfasst die mit den Exportüberschüssen erzielten Vermögenseinkommen ebenso wenig wie den Nettovermögensaufbau gegenüber dem Ausland. Damit werden auch die einer alten Gesellschaft, die über viele Jahre hinweg Exportüberschüsse erzielt hat, tatsächlich zustehenden Konsummöglichkeiten unterschätzt: Der materielle Wohlstand, der der Gesellschaft im Jahr 2040 zur Verfügung steht, ergibt sich aus den 2040 im Inland produzierten Gütern zuzüglich der Güter, die die Volkswirtschaft aus dem Ausland bezieht und die mit den im Ausland erzielten Dividenden, Gewinnen und Zinseinnahmen bezahlt werden. Einkommen, die an das Ausland gezahlt werden, müssen davon abgezogen werden. Auch diese Zusammenhänge werden nicht durch das BIP, sondern durch das BNE abgebildet.

Mit Blick auf die Länder, in denen alternde Gesellschaften ihre Exportüberschüsse investieren, überschätzt das BIP hingegen die der Bevölkerung zur Verfügung stehenden Güter: Die aus dem Ausland zufließenden Kapitalströme erlauben den Empfängerländern dieser ausländischen Portfolio- und Direktinvestitionen einen größeren Kapitalbestand. Die Folge sind größere Produktionskapazitäten und damit auch ein höheres BIP. Für die Bevölkerung bedeutet dies jedoch keinen höheren materiellen Wohlstand im gleichen Ausmaß wie bei der damit verbundenen BIP-Steigerung: Auch wenn die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland über eine Erhöhung der Produktionskapazitäten das Beschäftigungsniveau steigern und so die Arbeitseinkommen erhöhen, fließen die damit verbundenen Kapitaleinkommen ins Ausland. Das BIP der Empfängerländer von ausländischen Investitionen ist folglich größer als deren BNE.

Ausblick zur Wohlfahrtsmessung

Die voranschreitende Globalisierung bedeutet, dass nicht nur der grenzüberschreitende Austausch von Waren und Dienstleistungen wächst, sondern auch der von Produktionsfaktoren und Technologien. Die Bürger eines Landes beziehen dadurch Einkommen aus dem Ausland. Damit erwerben sie einen Anspruch auf die im Ausland produzierten Güter. Dies bedeutet eine Verbesserung des materiellen Wohlstands in dem Sinne, dass der Bevölkerung mehr Güter für den Verbrauch zur Verfügung stehen, als im Inland hergestellt wurden. Gleichzeitig hat diese Entwicklung aber auch zur Folge, dass nicht mehr alle im Inland hergestellten Güter ausschließlich den Bürgern des betreffenden Landes zustehen. Auch das Inland muss Teile seines BIP an die im Ausland lebenden Menschen abgeben, die mit ihrer Arbeitskraft oder ihrem Kapital an der Erstellung des BIP beteiligt sind.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass der den Bürgern eines Landes zur Verfügung stehende materielle Wohlstand besser durch das BNE als durch das BIP gemessen wird. Selbst wenn eine Ablösung des BIP als traditionellem Wohlstandsindikator durch das BNE gegenwärtig wenig wahrscheinlich ist, sollte das BIP zukünftig zumindest durch das BNE ergänzt werden. Die grundlegenden Kritikpunkte am BIP als Wohlstandsindikator – also allen voran die fehlende Berücksichtigung der Einkommensverteilung, die Vernachlässigung negativer externer Effekte und die Verengung auf wirtschaftliche Aktivitäten, die mit Marktpreisen bewertet werden (um nur die wichtigsten zu nennen)8 – bleiben jedoch bestehen, denn auch das BNE ist, so wie das BIP, ein Resultat der VGR.

  • 1 Vgl. Norges Bank Investment Management: The fund’s market value, Echtzeitkurs vom 2.7.2019, https://www.nbim.no/ (2.7.2019).
  • 2 Vgl. Norges Bank Investment Management: Government Pension Fund Global – Annual Report 2018, Oslo 2019, S. 25-28.
  • 3 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen, Jahresgutachten 2018/19, Wiesbaden 2018, S. 309.
  • 4 Vgl. ebenda, S. 309.
  • 5 Vgl. OECD: Herausforderungen für die Besteuerung der digitalen Wirtschaft, Paris 2015, S. 49 f.
  • 6 Vgl. ausführlicher A. Esche, M. Lizarazo López, T. Petersen: Fostering Prosperity – Investment and Demographic Transition, Policy Brief T20 Group, Tokio 2019, https://t20japan.org/wp-content/uploads/2019/04/t20-japan-tf10-2-fostering-prosperity-investment-demographic-transition.pdf (16.9.2019).
  • 7 Ein weiteres in diesem Kontext diskutiertes Thema betrifft die Frage, ob die im Ausland angelegten Ersparnisse eine „gute“ Rendite erbringen oder ob das Land seine Ersparnisse im Ausland „verschwendet“. In Deutschland wird diese Frage kontrovers diskutiert und unterschiedlich beantwortet. Während beispielsweise Matthias Busse und Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies der Ansicht sind, dass die deutschen Gesamtinvestitionen im Ausland eine Rendite erbringen, die denen der anderen großen EU-Mitgliedstaaten entspricht, kommt eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft zu dem Ergebnis, dass Deutschland mit seinen Auslandsinvestitionen wesentlich weniger Rendite erwirtschaftet als alle übrigen G7-Staaten und auch andere entwickelte europäische Volkswirtschaften, vgl. M. Busse, D. Gros: Die Rendite auf deutsche Ersparnisse im Ausland: Welches Maß gilt? Ökonomenstimme, 7.8.2017, http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/08/die-rendite-auf-deutsche-ersparnisse-im-ausland-welches-mass-gilt/ (9.9.2019); und F. Hünnekes, M. Schularick, C. Trebesch: Exportweltmeister: The Low Returns on Germany’s Capital Exports, Kiel Working Paper, Nr. 2133, Kiel 2019, S. 4.
  • 8 Vgl. exemplarisch R. Kroker: Das Bruttoinlandsprodukt hat als Wohlstandsmaß nicht ausgedient!, in: ifo Schnelldienst, 64. Jg. (2011), H. 4, S. 3-6; K.-H. Paqué: Präzise falsch oder vage richtig? Ein pragmatisches Plädoyer für das BIP als Wohlstandsmaß, in: ifo Schnelldienst, 64. Jg. (2011), H. 4, S. 7-9; D. Kolbe: Wir brauchen einen neuen Fortschrittsindikator, in: ifo Schnelldienst, 64. Jg. (2011), H. 4, S. 15-18; und R. Zieschank, H. Diefenbacher: Der Nationale Wohlfahrtsindex als Beitrag zur Debatte um Wachstum und Wohlfahrtsmaße, in: Wirtschaftsdienst, 89. Jg. (2009), H. 12, S. 787-792, https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=2270 (16.9.2019).

* Der Verfasser dankt für wertvolle Anregungen und Hinweise Torben Stühmeier. Alle verbleibenden Fehler gehen zulasten des Verfassers.

Title: Welfare Measurement: Domestic Product Versus National Income

Abstract: The traditional indicator for measuring a country’s economic prosperity is gross domestic product (GDP). However, GDP does not measure the income earned by a country’s citizens in the rest of the world. These incomes entitle them to goods and services produced abroad. This means an improvement in material well-being in the sense that the population has more goods available for consumption than were produced domestically. Incomes earned abroad are covered by gross national income (GNI). As a result, the material welfare available to the citizens of a country should be measured better by GNI rather than GDP.

JEL Classification: E01, E21, D60

10.1007/s10273-019-2520-y

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