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Der Bildungsmonitor beschreibt seit 18 Jahren Defizite und Fortschritte in zwölf Handlungsfeldern aus einer bildungsökonomischen Perspektive (Anger et al., 2021). In den vergangenen Jahren haben sich die Ergebnisse vor allem bei Schulqualität, Bildungsarmut und Integration verschlechtert. Die Corona-Krise könnte die Probleme in diesen Handlungsfeldern verschärfen und erhöht den Handlungsdruck. Empirische Untersuchungen zeigen, dass sich längere Schulunterbrechungen negativ auf den Kompetenzerwerb (Schulqualität) auswirken (Wößmann, 2020) und Schulschließungen die Ungleichheit der Bildungschancen (Integration) vergrößern könnten (Anger und Plünnecke, 2020). Ferner zeigen Befragungen von Eltern aus dem Frühjahr 2020 und von Anfang 2021, dass vor allem leistungsschwächere Schüler:innen ihre Lernzeit während des Fernunterrichts reduziert haben und ihren Lernerfolg schlechter einschätzen (Wößmann et al., 2021). Somit dürften die negativen Effekte der Schulschließungen am unteren Rand der Kompetenzverteilung größer sein, und auch die Bildungsarmut dürfte zunehmen.

Im Bildungsmonitor 2021 wurden Eltern und Lehrkräfte in der Zeit von Mitte Juni bis Mitte August 2021 für einen Ausblick auf die Effekte der Corona-Krise auf den Lern­erfolg um eine Einschätzung gebeten. Die Mehrheit der Eltern war mit den Lernangeboten der Schulen im Schuljahr 2020/2021 eher oder sehr unzufrieden. Die Unzufriedenheit war höher, wenn Eltern einen niedrigeren Bildungsabschluss aufweisen oder in kaufkraftschwächeren Regionen leben. 16,5 % der rund 1.300 befragten Lehrkräfte geben an, dass es bei „fast allen“ Schüler:innen durch die besondere Situation gravierende Lernrückstände gibt, weitere rund 30 % sehen dieses Problem „bei mehr als der Hälfte“. Besonders kritisch bewerten Lehrkräfte aus Regionen mit sehr niedriger Kaufkraft die Situation – hier geben rund 24 % an, dass bei fast allen Schüler:innen gravierende Lernlücken entstanden sind – verglichen mit rund 13 % der Lehrkräfte aus Regionen mit mittlerer, hoher oder sehr hoher Kaufkraft. Die Befragungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Ungleichheit der Bildungschancen weiter zugenommen haben könnte.

Damit sich die Ungleichheit der Bildungschancen nicht weiter verschärft, sind spürbare Bildungsimpulse nötig. Im Bildungsmonitor werden dazu folgende Vorschläge gemacht:

Um die negativen Effekte der Corona-Pandemie auf die Bildung zu verringern, sind neben der weiteren Digitalisierung zusätzliche Fördermaßnahmen für die Schüler:innen mit Lernverlusten durchzuführen. An allen Schulen und Jahrgängen sollten Vergleichsarbeiten geschrieben werden, um den Umfang des Lernverlustes systematisch zu ermitteln. Auf dieser Grundlage könnten dann Nachqualifizierungsprogramme entwickelt werden.

Über die Corona-Krise hinaus sollten Bildungschancen durch einen Ausbau der Infrastruktur verbessert werden. Insgesamt fehlen noch immer über 340.000 Plätze für unter dreijährige Kinder und 645.000 Ganztagsplätze für Grundschulkinder (Geis-Thöne und Plünnecke, 2021). Um die Qualität der Infrastruktur zu verbessern, sollten multi­professionelle Teams (IT-Fachleute, Gesundheitsberater, Schulpsychologinnen) ausgeweitet und Bildungseinrichtungen zu Familienzentren weiterentwickelt werden (BMFSFJ, 2021). Die Sprachförderung sollte möglichst früh im Leben einsetzen und bei Bedarf sehr intensiv erfolgen.

Betreuungseinrichtungen, die sich um viele Kinder und Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf kümmern, benötigen mehr Personal als andere. Diese zusätzlichen Bedarfe sollten bei der Verteilung der finanziellen Mittel über einen Sozialindex berücksichtigt werden. Lehrkräfte an diesen Schulen sollten für zusätzliche Leistungen in den Schwerpunktschulen honoriert werden. Ferner sollten Stellen für Chancenbeauftragte an allen Schulen geschaffen werden, die Konzepte entwickeln und umsetzen, wie die im Zuge der Corona-Krise entstandenen Einbußen an Chancengleichheit kompensiert werden können und wie zudem nachhaltig Chancengleichheit bei der Bildung erreicht werden kann. Daten aus Vergleichsarbeiten sollten zur Evaluation dieser Konzepte genutzt werden.

Literatur

Anger, C., Geis-Thöne, W. und A. Plünnecke (2021), Bildungsmonitor 2021. Bildungschancen stärken – Herausforderungen der Corona- Krise meistern, Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

Anger, C. und A. Plünnecke (2020), Schulische Bildung zu Zeiten der Corona-Krise, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 21(4), 353-360.

BMFSFJ (2021), Neunter Familienbericht. Eltern sein in Deutschland.

Geis-Thöne, W. und A. Plünnecke (2021), Familienpolitik – Erwerbstätigkeit beider Elternteile stärken, IW-Kurzbericht, 45.

Wößmann, L. (2020), Folgekosten ausbleibenden Lernens: Was wir über die Corona-bedingten Schulschließungen aus der Forschung lernen können, ifo Schnelldienst, 73(6), 63-76.

Wößmann, L. et al. (2021), Bildung erneut im Lockdown: Wie verbrachten Schulkinder die Schulschließungen Anfang 2021?, ifo Schnelldienst, 74(5), 36-52.

© Der/die Autor:in 2021

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-021-2994-2

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