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Die Expansion der chinesischen Wirtschaft ist im dritten Quartal 2021 fast zum Stillstand gekommen. Die Produktion legte gegenüber dem Vorquartal lediglich um 0,2 % zu, im Vorjahresvergleich betrug der Zuwachs 4,9 %. Nachdem die Erholung von dem coronabedingten Einbruch zunächst überraschend stark ausgefallen war, blieb die Produktion damit zuletzt deutlich hinter dem Wachstumstempo von jährlich rund 6 % zurück, das vor der Krise verzeichnet wurde. Dabei wird die wirtschaftliche Aktivität von mehreren Faktoren gebremst, die zum Teil wohl temporärer Natur sind, zum Teil die Wirtschaft aber auch noch längere Zeit belasten dürften.

Die chinesische Regierung verfolgt weiterhin eine No-COVID-Strategie und setzt bei Ausbrüchen auf strenge lokale Restriktionen zur Eindämmung des Virus. Einreisen nach China sind nach wie vor nur mit Sondererlaubnis und anschließender Quarantäne möglich. Die Passagierzahlen im internationalen Flugverkehr lagen zwischen Januar und Oktober 2021 bei nur 2 % der Zahl der Passagiere der ersten zehn Monate 2019. Auf lokale Corona-Ausbrüche wird immer wieder mit weitreichenden regionalen Beschränkungen der Mobilität und auch mit Produktionsbeschränkungen bis hin zur Stilllegung ganzer Betriebe reagiert. Die Umsätze im Einzelhandel stiegen zuletzt deutlich verlangsamt, die Ausgaben in der Gastronomie waren im November 2021 im Vergleich zum Vorjahr sogar rückläufig.

Seit März 2021 kam es zu Engpässen in der Elektrizitätsversorgung. In vielen Regionen wurde Strom rationiert oder zeitweise abgeschaltet, wovon nicht zuletzt das Produzierende Gewerbe betroffen war. Die Probleme rührten daher, dass die Stromproduktion nicht mit der infolge der wirtschaftlichen Erholung stark steigenden Energienachfrage Schritt halten konnte, wegen eines Mangels an Kohle­brennstoff und Chinas zentral gesteuerter Energiepolitik.

Mit einem Anteil von knapp zwei Dritteln im Jahr 2020 war Kohle der wichtigste Energieträger in der chinesischen Stromversorgung. Die Gründe für den Mangel an verfügbarer Kohle im vergangenen Jahr sind vielfältig. So wurde die heimische Produktion durch Überschwemmungen in wichtigen Abbauregionen und Stilllegungen von Minen aufgrund schlechter Umwelt- und Arbeitsbedingungen beeinträchtigt. Importe wurden durch ein politisch motiviertes Verbot der Einfuhr australischer Kohle behindert.

Hinter den Problemen in der Energieversorgung stehen aber auch Anreizprobleme. Die Strompreise in China sind staatlich gedeckelt. Der aufgrund des knappen Angebots stark gestiegene Preis für Kohle (vgl. Abbildung 1) konnte daher nicht an die Verbraucher:innen weitergegeben werden, sodass Kohlekraftwerke vielfach nur mit Verlust produzieren konnten und die Stromerzeugung reduzierten. Gleichzeitig ergab sich für die Abnehmenden auch kein Anreiz, Strom zu sparen und die Versorgungssituation nachfrageseitig zu entlasten. Hinzu kommt, dass die einzelnen Provinzen von der Zentralregierung Emissionsvorgaben erhalten haben. Um diese einzuhalten, wurde die Produktion in besonders energieintensiven Betrieben in einigen Regionen zeitweise eingeschränkt oder ausgesetzt. Betroffen waren insbesondere die Stahl-, Aluminium-, Glas- oder Zementindustrie.

Abbildung 1
Preis für Kraftwerkskohle (Zhengzhou Commodity Exchange)
Preis für Kraftwerkskohle (Zhengzhou Commodity Exchange)

Anmerkung: Tagesdaten. Letzter Wert: 31. Dezember 2021.

Quelle: National Bureau of Statistics of China via Refinitiv.

Mitte Oktober 2021 ergriff das oberste Wirtschaftsplanungsgremium des Landes, die National Development and Reform Commission, umfassende Maßnahmen zur Behebung der Energiekrise. Die Anreize zur Stromproduktion sollen durch eine Flexibilisierung des Strommarktes verbessert werden. So darf der Strompreis in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage nun um bis zu 20 % statt bisher 10 % vom zentral weiterhin vorgegebenen Preis abweichen. Für besonders energieintensive gewerbliche und industrielle Abnehmende entfällt die Preisvorgabe sogar vollständig, während private Haushalte und landwirtschaftliche Betriebe unverändert Elektrizität zu einem regulierten Preis beziehen (Lantau Group, 2021). Kurzfristig wurden zudem Anstrengungen unternommen, die Kohleförderung im Inland auszuweiten und die Einfuhren zu erhöhen. So wurden Genehmigungen zur Wiederaufnahme der Förderung in 153 stillgelegten Minen mit einer Kapazität von jährlich 220 Mio. Tonnen erteilt (mehr als 5 % der Produktion 2020) und beschleunigte Genehmigungsverfahren für die Erweiterung bestehender Minen beschlossen. Diese Maßnahmen zeigten bereits Wirkung: Im Oktober und November stieg die Kohleproduktion in China kräftig. Im November stieg die Kohleproduktion im Vergleich zum September um 11 %. Die Kohleimporte legten zuletzt ebenfalls deutlich zu. An den Terminbörsen ging der Kohlepreis inzwischen stark zurück.

Zunehmende Nervosität am Immobilienmarkt trägt ebenfalls zu der konjunkturellen Verlangsamung in China bei. Sichtbarstes Anzeichen einer Krise sind Zahlungsschwierigkeiten hoch verschuldeter Immobilienentwickler. Besonders bekannt sind die Probleme des Konzerns Evergrande, der wiederholt mit Zinszahlungen für seine in US-Dollar denominierten Anleihen in Verzug geriet und Mitte Dezember von der Ratingagentur Fitch auf „restricted default“ herabgestuft wurde. Evergrande ist zwar mit Schulden in Höhe von 300 Mrd. US-$ der größte Immobilien­entwickler mit Liquiditätsproblemen, aber kein Einzelfall.

Der Immobiliensektor (Bau und Bewirtschaftung von Immobilien) repräsentiert gut ein Viertel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts und war in der Vergangenheit für einen großen Teil des Wirtschaftswachstums verantwortlich (Rogoff und Yang, 2021). Bereits seit einiger Zeit bereiten das rapide Wachstum des Immobiliensektors und die hohe Verschuldung der Immobilienkonzerne der Regierung Sorge. Im August 2020 beschloss sie Maßnahmen in Form der „three red lines“ – Schwellenwerte für drei Finanzkennzahlen (Verschuldung zu Bilanzsumme, Nettoverschuldung zu Eigenkapital und Barbestand zu kurzfristigen Verbindlichkeiten), um den Verschuldungsgrad der Unternehmen zu begrenzen. Darüber hinaus wurde Anfang 2021 eine Obergrenze für Immobilienkredite für Kreditinstitute eingeführt, welche die Finanzierungsmöglichkeiten für Immobilienkonzerne weiter einschränkte. In der Folge hat sich der Immobilienmarkt deutlich abgekühlt. Verkäufe neuer Immobilien im gewerblichen Wohnungsbau lagen im Zeitraum August bis November 2021 rund 19 % unter ihrem Vorjahreswert. Gemessen in Quadratmetern gingen Aufträge für neue Wohnprojekte im gleichen Zeitraum um 21 % zurück und Transaktionsvolumen von Grundstücken fielen um 13 % niedriger aus als ein Jahr zuvor. Die Immobilienpreise gingen seit September zum ersten Mal seit 2015 zurück. Dies gilt vor allem für die zweit- und drittrangigen Städte, während in den großen Metropolen die Preise noch stagnierten (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2
China: Preise für neu errichtete Wohnimmobilien
China: Preise für neu errichtete Wohnimmobilien

Anmerkung: Monatsdaten. Veränderungen gegenüber dem Vormonat.

Quelle: National Bureau of Statistics China.

Die genannten Belastungsfaktoren haben die chinesische Wirtschaft 2021 deutlich gebremst. Während die Probleme in der Energieversorgung und die resultierenden Einschränkungen der Produktion zunächst überwunden zu sein scheinen, werden Corona-Maßnahmen und die Konsolidierung des Immobiliensektors auch über 2021 hinaus die wirtschaftliche Aktivität belasten. Ein Festhalten an der No-COVID-Politik könnte angesichts der deutlich ansteckenderen Omikron-Variante sogar zu schärferen Einschränkungen führen als 2021. Sofern es gelingt, die gesundheitlichen Folgen einer Ausbreitung des Virus in China durch Impfprogramme soweit zu reduzieren, dass die restriktive Corona-Politik gelockert werden kann, könnte der wirtschaftliche Einfluss der Pandemie aber ab der zweiten Jahreshälfte 2022 nachlassen.

Die Korrektur im Immobiliensektor dürfte hingegen die Wirtschaft über einen längeren Zeitraum bremsen. Sie trägt maßgeblich dazu bei, dass die vor der Corona-Krise erreichte Expansionsrate der chinesischen Wirtschaft wohl auch 2023 nicht wieder erreicht wird. Das IfW Kiel rechnet für 2023 mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 4,9 %, nach lediglich 4,1 % im Jahr 2022. Ein stärkerer Einbruch am Immobilienmarkt ist ein Abwärtsrisiko für die Prognose und würde die Konjunktur wohl auch in der übrigen Welt spürbar dämpfen (Deutsche Bundesbank, 2021).

Literatur

Deutsche Bundesbank (2021), Monatsbericht, November.

Lantau Group (2021), China watching brief: 2021 Measures to Accelerate and Deepen Power Sector Reforms Announced in China, https://www.lantaugroup.com/file/brief_china_power_sector_oct21.pdf (9. November 2021).

Rogoff, K. und Y. Yang (2021), Has China’s Housing Production Peaked?, China and the World Economy, 21(1), 1-31.

© Der/die Autor:in 2022

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Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-022-3097-4