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Die Großhandelspreise für Gas und Strom sind bereits seit Mitte 2021 massiv gestiegen. Mit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine haben sie bei sehr großen Schwankungen vorübergehend neue Höchststände erreicht und waren an den Spotmärkten im August mehr als zehnmal so hoch wie im Durchschnitt der Jahre von 2005 bis 2020. Zuletzt sind die Spotmarktpreise zwar wieder merklich gesunken, jedoch sprechen die Preise an den Terminmärkten dafür, dass Gas und Strom langfristig deutlich teurer bleiben werden als vor 2021. Im Folgenden werden die Verbraucherpreise für Gas und Strom auf Basis der Großhandelspreise prognostiziert und der Einfluss der jüngsten Schwankungen abgeschätzt.

Veränderungen der Großhandelspreise für Gas und Strom spiegeln sich erst mit einiger Verzögerung in den Verbraucherpreisen wider. Die Versorger schließen mit den Verbrauchenden häufig länger laufende Verträge ab und sichern sich an Terminmärkten vorab ihre Einkaufspreise. Um diesem Umstand bei der Prognose der Verbraucherpreise Rechnung zu tragen, wird angenommen, dass die Versorger für das jeweils laufende Quartal in den vier vorangegangenen Quartalen Lieferverträge abgeschlossen haben und die fehlenden Mengen kurzfristig zu den aktuellen Spotmarktpreisen einkaufen. Demzufolge ergeben sich die laufenden Beschaffungskosten der Versorger zu einem Großteil aus den Terminpreisen der Vorquartale, sodass Preisschwankungen die Verbrauchenden erst mit einiger Verzögerung erreichen.1 Für die Verbraucherpreise sind neben den Beschaffungskosten der Versorger noch weitere Preiselemente relevant, wie Netzentgelte, Steuern, der CO2-Preis oder die Vertriebskosten und Margen der Versorger. Grundsätzlich dürfte die hier gewählte Approximation der Beschaffungskosten die Größenordnungen der zu erwartenden Änderungen bei den Verbraucherpreisen gut abbilden, da die Versorger höheren Großhandelspreisen unabhängig von ihrer Beschaffungsstrategie nicht langfristig ausweichen können. Für die kurzfristige Entwicklung ergeben sich bei dieser Fortschreibungsmethode nicht zuletzt auch dadurch Unsicherheiten, dass die tatsächliche Beschaffungsstrategie der Versorger nicht beobachtbar ist.

Zur Prognose der Verbraucherpreise für Gas und Strom werden Annahmen bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Großhandelspreise auf Basis des Terminhandels getroffen. Um den Einfluss der teils sehr hohen Volatilität der Tagespreise auf die Prognose zu reduzieren, kann der Median der Tagespreise über einen längeren Zeitraum herangezogen werden. Die Terminmarktpreise für Gas und Strom sind wie die Spotmarktpreise zuletzt deutlich gesunken (vgl. Abbildung 1). Im Oktober lag der Median der Terminpreise deutlich unterhalb der Werte vom August, die der Herbstprognose des IfW Kiel (2022) zugrunde lagen, und vom September.2 Vor allem bis Ende 2023 werden an den Terminmärkten nun deutlich niedrigere Preise erwartet.

Abbildung 1
Terminmarktpreise für Gas und Strom
Terminmarktpreise für Gas und Strom

Median der Tagesdaten der Quartalsfutures.

Quelle: Refinitiv, EEX.

Die Großhandelspreise im Oktober sprechen trotzdem weiterhin für kräftige Anstiege der Verbraucherpreise für Gas und Strom. Aufgrund der verzögerten Weitergabe dürften die Verbraucherpreise ihren Hochpunkt erst 2024 erreichen (vgl. Abbildung 2). Insgesamt würden die Gaspreise demzufolge in diesem Jahr um rund 50 % sowie im kommenden Jahr um 60 % steigen und im Jahr 2024 auf sehr hohem Niveau im Jahresdurchschnitt nochmal um etwa 10 % zunehmen. Die Strompreise dürften nach rund 25 % in diesem Jahr um mehr als 40 % (2023) sowie 3 % (2024) zulegen. Prognosen basierend auf Annahmen für die Großhandelspreise im August und September hatten noch auf Anstiege von 80 % bis 90 % für Gas sowie rund 70 % für Strom im Jahr 2023 hingedeutet. Für das laufende Jahr sind die Unterschiede recht gering. Für das Jahr 2024 hatte sich bei den Strompreisen im August und September noch ein moderater Rückgang abgezeichnet, während es bei der Zuwachsrate beim Gaspreis keine größeren Änderungen gegeben hat. Demzufolge fallen auch die Beiträge von Strom und Gas zur Inflation insgesamt vor allem für das Jahr 2023 nun deutlich niedriger aus: Während die Großhandelspreise im August und September für Beiträge von 3,2 bzw. 2,8 (Gas) und 2,4 Prozentpunkten (Strom) gesprochen haben, ergeben sich auf Basis des Oktobers Beiträge von 2,0 (Gas) bzw. 1,5 Prozentpunkten (Strom).3

Abbildung 2
Prognosen der Verbraucherpreise Gas und Strom

Index 2015=100

Prognosen der Verbraucherpreise Gas und Strom

Quartalsmittelwerte der Indexreihe Gas, einschließlich Umlage bzw. der Indexreihe Strom aus der Verbraucherpreisstatistik. Prognosen ab dem 4. Quartal 2022 auf Basis der Terminmarktpreise für den August, September und Oktober.

Quellen: Refinitiv, Destatis und Berechnungen des IfW Kiel, EEX.

Die Belastungen für die privaten Haushalte durch die hohen Energiepreise sollen durch sogenannte Preisbremsen für Gas und Strom abgefedert werden. Die genaue Ausgestaltung dieser Maßnahmen wird derzeit noch vorbereitet. Für die Gaspreisbremse sieht das von einer Kommission ausgearbeitete Konzept vor, dass die privaten Haushalte monatliche Rabattzahlungen erhalten, die der Differenz zwischen dem jeweils aktuellen Gaspreis und 12 Cent je Kilowattstunde bezogen auf 80 % des Vorjahresverbrauchs entsprechen (BMWK, 2022). Diese Zahlungen sollen unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch erfolgen, ab dem März des kommenden Jahres erstmals geleistet werden und frühestens nach 14 Monaten enden. Zusätzlich ist für den Dezember 2022 eine einmalige Gutschrift in Höhe einer Abschlagzahlung geplant.

Auch wenn die Gaspreisbremse die Gaspreise nicht unmittelbar beeinflusst, könnte sie je nach konkreter Ausgestaltung in die Verbraucherpreisstatistik einfließen.4 Unterstellt man für diesen Fall, dass die monatlichen Zahlungen ab März 2023 beginnen und sich die Verbraucherpreise dann zu 80 % aus dem Fixpreis von 12 Cent/KWh und zu 20 % aus dem tatsächlichen Preis zusammensetzen, würde der vom Statistischen Bundesamt ausgewiesene Gaspreis im Jahr 2023 wohl um rund 30 % statt um 60 % steigen.5 Die aktuellen Terminpreise legen nahe, dass die Gaspreise im Jahr 2024 durchgehend oberhalb von 12 Cent/KWh liegen werden, sodass es bei einem Auslaufen der Gaspreisbremse im Jahr 2024 zu einem Anstieg der Verbraucherpreise kommen würde. Für die Strompreisbremse wird ein ähnliches Konzept diskutiert, dass ab dem Januar 2023 ebenfalls für 80 % des Vorjahresverbrauchs Rabatte gegenüber einem Fixpreis von 40 Cent/KWh gewähren soll (Bundesregierung, 2022) und bei Berücksichtigung in den Verbraucherpreisen den Anstieg des Strompreises im kommenden Jahr von über 40 % auf 5 % reduzieren würde.

Die Wirkung der rückläufigen Großhandelspreise sowie staatlicher Eingriffe bei Gas- und Strompreisen auf die Inflation insgesamt lässt sich nicht unmittelbar aus den Beiträgen von Gas und Strom ableiten, da die dadurch freigesetzte Kaufkraft der privaten Haushalte zu Preissteigerungen bei anderen Gütern führen kann und die Energiepreise indirekt auch die Preise anderer Güter beeinflussen.

  • 1 Die Vorgehensweise wird detailliert in Sonnenberg (2022) beschrieben.
  • 2 Für die Gemeinschaftsdiagnose (2022) wurden der Median der Tageswerte von Anfang August bis Mitte September 2022 zugrunde gelegt.
  • 3 Für die Prognosen des IfW Kiel sowie der Gemeinschaftsdiagnose wurde jeweils unterstellt, dass eine Gasumlage eingeführt wird, die die Verbraucherpreise für Gas im kommenden Jahr um etwa 15 % verteuert bzw. einen Beitrag von etwa 0,6 Prozentpunkten zur Inflation insgesamt geliefert hätte. Zudem wurde unterstellt, dass eine Strompreisbremse eingeführt wird, die den Anstieg der Strompreise im Jahr 2023 halbieren würde.
  • 4 Ob diese Maßnahmen Eingang in die Verbraucherpreisstatistik finden, ist für die Entlastungswirkung unerheblich.
  • 5 Die für den Dezember 2022 avisierte Einmalzahlung ist hier nicht berücksichtigt.

Literatur

Bundesregierung (2022), Basisversorgung zu günstigeren Preisen, 2. November.

ExpertInnen-Kommission Gas und Wärme (2022), Sicher durch den Winter, 31. Oktober.

Gemeinschaftsdiagnose (2022), Energiekrise: Inflation, Rezession, Wohlstandsverlust, Herbst.

IfW Kiel (2022), Deutsche Wirtschaft im Herbst 2022: Konjunktur auf Entzug, Kieler Konjunkturberichte, 95.

Sonnenberg, N. (2022), Zum Einfluss der jüngsten Gas- und Strompreisanstiege auf die Verbraucherpreise, Kiel Insight, 7.

© Der/die Autor:in 2022

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-022-3329-7

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