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Der Anstieg der Verbraucherpreise und der Preise anderer Verwendungskomponenten wird begleitet von deutlich stärkeren Anstiegen bei den Preisen für Warenimporte. Nicht unmittelbar ersichtlich ist jedoch, in welchem Ausmaß die Preise der Verwendungskomponenten von steigenden Importpreisen beeinflusst werden. Ein Grund dafür ist, dass ein Teil der importierten Waren als Vorleistungen in mehrstufige Produktionsprozesse eingespeist wird und die Preise hierzulande somit auch indirekt beeinflusst. Der Einfluss der Importpreise auf die Preise kann mit Input-Output-Tabellen geschätzt werden, die die Produktionsverflechtungen zwischen verschiedenen Wirtschaftszweigen abbilden. Die Input-Output-Analyse erlaubt es neben den direkt verwendeten importierten Waren auch, die indirekten Einflüsse durch Vorleistungsverflechtungen über die verschiedenen Produktionsstufen zu berücksichtigen. Im Ergebnis erhält man einen Indikator, der anzeigt, um wie viel sich die Preise hierzulande ändern würden, wenn Änderungen bei den Warenimportpreisen unmittelbar und vollständig weitergegeben würden.

Die Analyse kann allerdings nur eine Annäherung für den importierten Preisauftrieb liefern und keine exakte Zerlegung in „heimische“ und „importierte“ Inflation. Zum einen beeinflussen die Importpreise die Preisgestaltung für die heimische Wertschöpfung in vielfältiger Weise. Je nach Gut und Marktlage sehen sich Unternehmen bei steigenden Importpreisen möglicherweise verringerten Preissetzungsspielräumen für die eigene Wertschöpfung gegenüber oder können sogar die gestiegenen Weltmarktpreise für die eigene Wertschöpfung ansetzen und damit Verhaltensanpassungen in der Input-Output-Analyse unberücksichtigt bleiben. Zum anderen variiert die Geschwindigkeit, mit der steigende Importpreise an die Kundschaft weitergegeben werden. Recht deutlich wird dies bei Erdgas. Die Importpreise sind im Mai zum Vorjahr um 235 % gestiegen. Auf der Verbraucherebene betrug der Anstieg nur 40 %, da die Preisweitergabe aufgrund langfristiger Verträge erst nach und nach erfolgt.

Die Ergebnisse der Input-Output-Analyse können somit nicht als importierter Anteil der Inflation, sondern eher als Inflationsdruck interpretiert werden, der von den importierten Waren auf die Preise in Deutschland ausgeht. In der Analyse wird explizit zwischen importierten Waren und den anderen Gütern, die also auch importierte Dienstleistungen enthalten, unterschieden. Für die Analyse werden die Input-Output-Tabellen des Jahres 2019 (IO2019) verwendet. Die Warenimportpreise liegen entsprechend der Abgrenzung von 27 Gütergruppen der IO2019 vor. Im ersten Schritt wird anhand der IO2019 der direkte Importanteil der unmittelbar verwendeten importierten Waren am privaten Konsum bzw. anderer Verwendungskomponenten bestimmt. Der entsprechend gewichtete Importpreisanstieg ergibt dann den direkten Effekt der Warenimportpreise auf die Konsumgüterpreise. In einem zweiten Schritt wird die Importmatrix der Vorleistungen (alle Werte relativ zum Produktionswert) aus der IO2019 herangezogen und mit den Importpreisen multipliziert. Es ergibt sich für alle 72 Gütergruppen ein Importpreisindex der ersten Vorleistungsstufe. Dieser kann dann über die Verwendungsanteile zum Importpreiseffekt der ersten Vorleistungsstufe zusammengefasst werden. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Importpreise auch bei heimisch produzierten Gütern über höhere Vorleistungsstufen wirken können. Dazu wird die heimische Vorleistungsmatrix mit den zuvor berechneten Importpreisindizes multipliziert. Das Resultat kann wieder über die Verwendungsanteile zum Importpreiseffekt der zweiten Vorleistungsstufe zusammengefasst werden. Dieses Vorgehen wird iteriert und der Gesamteffekt aus der Summe der Preiseffekte über alle Vorleistungsstufen gebildet. Schließlich können so verschiedene Effekte betrachtet und kumuliert werden. Neben dem direkten Effekt wird im Folgenden der der ersten Vorleistungsstufe und der über alle Vorleistungsstufen unterscheiden.

Für die Verbraucherpreise bzw. die Inflationsrate zeigt sich, dass diese bereits durch die direkten Effekte der Warenimportpreise einem merklichen Aufwärtsdruck ausgesetzt sind, nimmt man die Effekte durch die Vorleistungsstufen hinzu, ist der Preisdruck durch die Warenimportpreise nahezu gleich groß wie die Inflationsrate selbst (vgl. Abbildung 1). Dies spricht dafür, dass das aktuelle Inflationsgeschehen sehr stark von Importpreisen beeinflusst wird. Zugleich ist es allerdings unplausibel, dass der heimische Inflationsdruck, also die Verteuerung der heimischen Wertschöpfung bei null liegt, was den Ergebnissen für andere Verwendungskomponenten und den Berichten zum hiesigen Arbeitskräftemangel widersprechen würde. Im Ergebnis dürfte ein bedeutender Teil des Inflationsdrucks aus den Importpreisen die Verbraucherpreise noch nicht erreicht haben und erst nach und nach weitergegeben werden, sodass der Preisauftrieb allein von dieser Seite noch für einige Zeit hoch bleiben dürfte. Am aktuellen Rand (Mai) zeigt sich bereits, dass die Importpreiseffekte unter die Inflationsrate gefallen sind, was auf heimische Inflationstreiber und eine verspätete Weitergabe des Preisdrucks an die Verbrauchenden zurückzuführen ist.

Abbildung 1
Warenimportpreiseffekte und die Verbraucherpreisinflation
in % bzw. Prozentpunkten
Warenimportpreiseffekte und die Verbraucherpreisinflation

Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen.

Der Inflationsdruck durch die Warenimporte stellt sich für andere Verwendungskomponenten zum Teil merklich anders dar. So zeigt die entsprechende Analyse für den Deflator des Staatskonsums, dass hier ein deutlich niedrigerer Effekt durch die Warenimporte besteht (vgl. Abbildung 2).1 Die heimische Komponente dürfte somit eine deutlich größere Rolle für den Preisauftrieb spielen. Der Effekt der Importpreise ist zwar auch für den Staatskonsum gestiegen, reicht aber bei weitem nicht an den Deflator heran, selbst wenn man berücksichtigt, dass der Deflator im ersten Quartal 2022 durch einen Sondereffekt (Einmalzahlungen für Angestellte der Länder) den zugrunde liegenden Preisauftrieb überzeichnet. Der geringe Einfluss geht darauf zurück, dass der Staatskonsum vergleichsweise wenig Importe enthält und insbesondere wenig von Energiepreisen beeinflusst wird. Noch deutlicher übersteigt der Deflator der Bauinvestitionen die Effekte der Importpreise (vgl. Abbildung 3). Am aktuellen Rand macht der Warenimportpreiseffekt zwar nahezu 2 Prozentpunkte aus, doch lag der Deflator in ersten Quartal 2022 bei fast 15 %. Der Deflator der Ausrüstungsinvestitionen wird hingegen am aktuellen Rand von den relevanten Warenimportpreiseffekten übertroffen, was dafür spricht, dass hier auch bei einem Nachlassen der Importpreise mit anhaltendem Preisdruck zu rechnen ist.

Abbildung 2
Warenimportpreiseffekte und die Vorjahresveränderung des Deflators des Staatskonsums

in % bzw. Prozentpunkten

Warenimportpreiseffekte und die Vorjahresveränderung des Deflators des Staatskonsums

Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen.

Abbildung 3
Warenimportpreiseffekte und die Vorjahresveränderung des Deflators der Bauinvestitionen
in % bzw. Prozentpunkten
Warenimportpreiseffekte und die Vorjahresveränderung des Deflators der Bauinvestitionen

Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen.

  • 1 Da ein monatlicher Preisindex, vergleichbar zum Verbraucherpreisindex, für den Staatskonsum nicht vorliegt, wird an dieser Stelle der entsprechende Deflator in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, der nur quartalsweise vorliegt, als Referenz herangezogen.

© Der/die Autor:in 2021

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DOI: 10.1007/s10273-022-3243-z