Der Zugang zu Bildung ist insbesondere für junge Menschen entscheidend für ihre Lebenswege und beruflichen Perspektiven. Höhere Bildungsabschlüsse gehen in der Regel mit besseren Arbeitsmarktchancen einher. Eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit und eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung setzen eine enge Verzahnung von schulischer und beruflicher Bildung sowie Chancengleichheit im Bildungssystem voraus.
Bildungsinvestitionen verbessern die Lebens- und Arbeitsmarktchancen junger Menschen und fördern die Generationengerechtigkeit, denn Bildung ist eine zentrale Voraussetzung für sozialen Aufstieg und Wohlstand. Bildung fördert Innovationsprozesse, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe bestimmen maßgeblich das langfristige Wirtschaftswachstum (Hanushek & Wößmann, 2020). Gleichzeitig wird deutlich, dass das Leistungsniveau vieler junger Menschen in Deutschland hinter den Erwartungen zurückbleibt. Nationale und internationale Leistungserhebungen zeigen, dass die Kompetenzen deutscher Schüler:innen in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen sind. Bei der PISA-Erhebung 2022 erzielten deutsche Jugendliche im Fach Mathematik durchschnittlich 475 Punkte, nach 500 Punkten im Jahr 2018 – ein Rückgang um etwa 0,6 Schuljahre (Abbildung 1). Damit lag Deutschland zwar knapp über dem OECD-Durchschnitt, Spitzenländer erreichten jedoch bis zu 100 Punkte mehr (OECD, 2023). Vergleichbare Einbußen gab es in Lesen und Naturwissenschaften. Seit 2012 sind die Leistungen kontinuierlich rückläufig und liegen inzwischen sogar unter dem Niveau des sogenannten PISA-Schocks im Jahr 2000.
Abbildung 1
PISA-Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften in Deutschland

Programme for International Student Assessment (PISA); 15-jährige Schüler:innen.
Quelle: OECD (2023), eigene Darstellung.
Dieser negative Trend wird durch weitere Studien bestätigt. Laut dem IQB-Bildungstrend 2024 (IQB, 2024) mit Fokus auf Neuntklässler:innen, also eine mit PISA vergleichbare Altersgruppe, sanken die Kompetenzmittelwerte zwischen 2018 und 2024 im Fach Mathematik um durchschnittlich 24 Punkte und in den Naturwissenschaften in ähnlicher Größenordnung. Dies entspricht einem Lernrückstand von etwa einem Schuljahr im Vergleich zu 2018. Der Rückgang zeigt sich auch an Gymnasien, wenngleich unterschiedlich stark in den einzelnen Bundesländern. Auf Grundlage der für einen Haupt- bzw. Realschulabschluss definierten Mindeststandards verfehlten insgesamt rund 9 % bzw. 34 % der Neuntklässler:innen in Mathematik diese Anforderungen. Unter den Schüler:innen mit mittlerem Abschlussziel lag der Anteil bei 24 %. Ähnliche Entwicklungen lassen sich in Naturwissenschaften und Deutsch beobachten, während sich die Leistungen in Englisch leicht verbesserten. Zwar ist der Anteil der Schüler:innen mit Zuwanderungshintergrund gestiegen; es sind jedoch alle Schülergruppen unterschiedlicher sozialer Herkunft und Migrationsgeschiche betroffen.
Unterschiedliche Bildungschancen nach sozialer Herkunft
Der Rückgang des Kompetenzniveaus betrifft zwar alle Schülergruppen gleichermaßen, allerdings geht ein höherer sozio-ökonomischer Status in allen Leistungserhebungen mit deutlich besseren Ergebnissen einher. Beim PISA-Test 2022 erzielten die sozio-ökonomisch privilegiertesten Schüler:innen – gemessen an einem Index aus dem Bildungsniveau und der beruflichen Stellung der Eltern sowie dem materiellen Wohlstand des Haushalts – durchschnittlich 111 Punkte mehr in Mathematik als die am stärksten benachteiligte Gruppe, in der Schüler:innen mit Migrationsgeschichte überproportional vertreten sind. Die durchschnittliche Leistungsdifferenz zwischen Schüler:innen mit und ohne Migrationsgeschichte betrug unter Berücksichtigung des sozio-ökonomischen Hintergrunds immer noch 32 Punkte. Ein Grund könnte sein, dass unzureichende Deutschkenntnisse auch mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen beeinträchtigen. Die Leistungsunterschiede spiegeln sich schließlich in Bildungsentscheidungen wider, wodurch Kinder aus privilegierten Familien deutlich häufiger höhere Bildungsabschlüsse erreichen.
Die Ursachen ungleicher Bildungschancen sind vielfältig und setzen lange vor der Schulzeit an. Neben individuellen Fähigkeiten spielen Eltern eine Schlüsselrolle in der Bildungsentwicklung ihrer Kinder, da sie zentrale Faktoren miteinander verbinden (Blanden et al., 2023). Durch frühkindliche Förderung und schulische Unterstützung investieren sie in das Humankapital ihrer Kinder. Diese Investitionen sind jedoch durch Zeit, Einkommen und Fähigkeiten beschränkt und hängen zugleich von der Qualität öffentlicher Bildungsangebote ab. Elterliche Entscheidungen über Wohnort, Lernumfeld und Freizeitgestaltung verstärken somit die intergenerationale Weitergabe von Bildung und Lebenschancen. Ungleiche Bildungschancen führen dazu, dass nicht alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen und sie somit ihre mögliche Arbeitsproduktivität verfehlen, die dem Arbeitsmarkt ebenfalls verloren geht. Gleiche Bildungschancen fördern dagegen nicht nur individuelle Aufstiegsmöglichkeiten, sondern auch gesamtwirtschaftliche Effizienz und gesellschaftlichen Wohlstand.
Steigerung der Schülerleistungen und Chancengerechtigkeit
Der Kompetenzrückgang deutscher Schüler:innen und die Chancenungleichheit im Bildungszugang erfordern eine Verstärkung gezielter Maßnahmen zur Unterstützung leistungsschwacher und benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Empirisch fundierte Reformvorschläge, etwa eine längere gemeinsame Grundschulzeit zur Verringerung sozialer Bildungsungleichheiten, liegen seit Jahren vor. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK, 2022) empfahl bereits 2022 in ihrem Gutachten zu Perspektiven für die Grundschule Maßnahmen zur Sicherung grundlegender Kompetenzen und zur Orientierung an Mindeststandards. Dazu zählen der systematische Ausbau frühkindlicher Bildung, verstärkte Beratungsangebote für Familien sowie die gezielte Förderung sprachlicher, mathematisch-naturwissenschaftlicher und sozial-emotionaler Kompetenzen. Diese Forderungen decken sich weitgehend mit den Schlussfolgerungen aus dem IQB-Bildungstrend 2024. Einige Maßnahmen wurden bereits angestoßen, insbesondere im Bereich der sprachlichen Förderung. Allerdings benötigen Reformen im Bildungswesen Zeit, bis sie sich messbar in den Kompetenzen der Schüler:innen niederschlagen. Dafür sind sowohl ein entschlossener Reformwille als auch die gezielte Nutzung digitaler Strategien erforderlich, um Veränderungen wirksam und zukunftsorientiert umzusetzen.
Digitale Technologien bieten enormes Potenzial, Kompetenzentwicklung zu fördern und Bildungsungleichheiten zu verringern. Beispielsweise stellt die Ausstattung von Kindern mit E-Book-Readern eine kosteneffiziente Möglichkeit dar, um benachteiligte Schüler:innen, auch in ländlichen Regionen, zu erreichen und ihre Leseleistung sowie sozio-emotionalen Fähigkeiten zu stärken (Anger et al., 2024a). Ebenso kann der gezielte Einsatz digitaler Lerntechnologien im Unterricht die kognitive Leistungsfähigkeit und mathematischen Kompetenzen von Grundschulkindern nachhaltig verbessern und positive Effekte auf spätere Bildungswege haben (Berger et al., 2025). Frühe Bildungsförderung wirkt besonders nachhaltig, denn Kinder, die bereits in frühen Lebensphasen unterstützt werden, profitieren auch Jahre später von zusätzlichen Lern- und Bildungsaktivitäten. Investitionen in frühkindliche Bildungsangebote erziehen deshalb eine vergleichsweise hohe Rendite und weisen einen hohen Multiplikatoreffekt auf.
Übergänge von Jugendlichen nach der allgemeinbildenden Schule
Für Kinder und Jugendliche, die sich bereits im Schulsystem befinden oder dieses bald verlassen, kommen viele der aktuell diskutierten Reformen zu spät. In der bildungspolitischen Diskussion sollte diese Gruppe stärker in den Blick genommen werden, da gerade die Phase des Übergangs von der Schule in den Beruf entscheidend ist, um Versäumtes aufzuholen und den Einstieg in den Arbeitsmarkt vorzubereiten.
Gelingt Jugendlichen kein erfolgreicher Übergang ins Erwerbsleben, steigen die Integrationskosten in Arbeitsmarkt und Gesellschaft in späteren Lebensphasen erheblich. Eine Betriebsbefragung des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass rund die Hälfte aller unbesetzten Ausbildungsstellen auf einen Mangel an geeigneten Bewerber:innen zurückzuführen ist (Fitzenberger et al., 2024). Die Zahl unbesetzter betrieblicher Ausbildungsstellen hat im vergangenen Jahrzehnt zugenommen, während gleichzeitig mehr Bewerber:innen ohne Ausbildungsplatz bleiben – zu Beginn des vorherigen Ausbildungsjahres waren dies rund 70.000 Jugendliche (Abbildung 2). Davon waren rund 31.000 Bewerber:innen unversorgt, d. h. ohne Alternative – eine Zahl, die zu Beginn des aktuellen Ausbildungsjahres auf 40.000 gestiegen ist (Bundesagentur für Arbeit, 2025). Die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt haben sich somit deutlich verschärft.
Abbildung 2
Entwicklung von Bewerber:innen und betrieblichen Ausbildungsstellen

Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung (2025), eigene Darstellung.
Besonders problematisch ist, dass viele junge Menschen ohne Berufsabschluss bleiben, und der Anteil in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist (Abbildung 3). Der Anstieg lässt sich nur teilweise durch hohe Abbruchquoten in der dualen Ausbildung und an Hochschulen erklären. 2022 lag der Anteil junger Erwachsener im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei 19 % – hochgerechnet 2,86 Mio. Personen. Seit 2014 ist ihre Zahl um rund 1 Mio. gestiegen. Zwar befinden sich manche der jüngeren Kohorten noch in Ausbildung oder Studium, sodass ihre Abschlüsse erst in den Folgejahren erfasst werden können. Bleiben sie jedoch ohne formale Qualifikation, steigt ihr Arbeitslosigkeitsrisiko um ein Vielfaches, und ihre Einkommensperspektiven bleiben deutlich eingeschränkt. Dem Arbeitsmarkt gehen dadurch wertvolle Fachkräftepotenziale verloren.
Abbildung 3
Junge Erwachsene im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsausbildung, 2014 bis 2022

Auswertungen des Mikrozensus auf Basis der Bevölkerung in Privathaushalten. Aufgrund einer veränderten Erhebungsmethode sind die Ergebnisse des Mikrozensus 2020 nicht mit denen der Vorjahre vergleichbar.
Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung (2025), eigene Darstellung.
Unsicherheit bei Bildungs- und Berufsentscheidungen
Zusätzlich zu den in den Leistungserhebungen sichtbaren Kompetenzrückgängen zeigen viele Jugendliche große Unsicherheiten beim Übergang von der Schule in die Ausbildung und in den Beruf. Auf Basis ihrer (oftmals noch nicht gefestigten) Präferenzen, ihrer selbst eingeschätzten Fähigkeiten und ihrer Erwartungen orientieren sie sich an den wahrgenommenen Vorteilen und Nachteilen verschiedener Bildungswege. Die Vielzahl an beruflichen Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung kontinuierlich verändern, sowie eine Fülle von komplexen und teils widersprüchlichen Informationen sowie Erwartungen ihres sozialen Umfelds gestalten den Berufsorientierungsprozess äußerst komplex.
In den vergangenen Jahren wurden die berufliche Orientierung und der Einstieg in den Arbeitsmarkt zudem durch mehrere Krisen erheblich erschwert. Die Folgen der COVID-19-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit haben junge Menschen in ihrer Bildungs- und Berufswahl zusätzlich verunsichert. Ergebnisse der CoDu-Studie des IAB (IAB, o. J.) auf Basis von Angaben von rund 2.000 Haupt- und Realschüler:innen in den Abschlussklassen zeigen, dass der Anteil der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung anstreben, im Zuge der Pandemie zurückgegangen ist. Gleichzeitig nahm die Unsicherheit deutlich zu: Bei Hauptschüler:innen stieg der Anteil Unentschlossener von 37 % im Schuljahr 2020/2021 auf 43 % im Schuljahr 2021/2022; bei Realschüler:innen von 30 % auf 37 % (Anger et al., 2024b). Jugendliche aus Haushalten, die Leistungen der Grundsicherung nach dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuchs (SGB II) beziehen, äußern dabei seltener einen klaren Ausbildungswunsch und sind überdurchschnittlich häufig unsicher (Abbildung 4).
Die zunehmende Unsicherheit vieler Jugendlicher zeigt sich auch darin, dass sie nach dem Haupt- oder Realschulabschluss häufiger in der Schule verbleiben. Während manche Schüler:innen gezielt einen höheren Schulabschluss oder später ein Studium anstreben, spiegelt der längere Schulverbleib zugleich eine wachsende berufliche Orientierungslosigkeit wider. Rund 5 % der in der CoDu-Studie befragten Jugendlichen in Abschlussklassen von Haupt- oder Realschulen streben zudem weder eine Berufsausbildung noch ein Studium an.
Abbildung 4
Haupt- und Realschüler:innen, die einen beruflichen Ausbildungsplatz anstreben, nach sozio-ökonomischem Status
Anteile in %

Schuljahr 2020/21, 2021/22 und 2022/23.
Quelle: CoDu Studie (2020/21, 2021/22, 2022/23).
Berufsorientierung vor dem Verlassen der Schule
Es stellt sich die zentrale Frage, welche Unterstützungsmaßnahmen den Übergang in Ausbildung und Arbeitsmarkt bestmöglich begleiten können. Voraussetzung dafür ist ein frühzeitig einsetzender Berufsorientierungsprozess, in dem Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen erkannt und Entscheidungskompetenzen gezielt aufgebaut werden. Für die Berufsorientierung stehen eine Vielzahl von Informations- und Beratungsangeboten innerhalb und außerhalb der Schule zur Verfügung. Jugendliche aus bildungsfernen Familien und mit Migrationsgeschichte haben jedoch häufig geringere Unterstützungsmöglichkeiten im Elternhaus und sind stärker auf externe Beratung angewiesen. Neben Lehrkräften und der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit bieten auch Kammern, Hochschulen und Betriebe entsprechende Informationsangebote an.
Laut der CoDu-Studie nutzen Jugendliche am häufigsten das persönliche Gespräch mit ihren Eltern sowie eigene Recherchen (Tabelle 1). Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede nach sozialer Herkunft: Jugendliche aus Haushalten mit SGB-II-Bezug nennen ihre Eltern seltener als Informationsquelle (80 % vs. 90 %) und nehmen die Möglichkeit eines Praktikums oder eines Ferienjobs seltener wahr, die aber wichtige Einblicke in berufliche Tätigkeiten geben können. Zudem berichten Jugendliche von fehlenden Beratungsangeboten, und diese Gruppe fühlt sich weniger gut über berufliche Möglichkeiten informiert. Zwar nehmen Jugendliche aus Haushalten mit SGB-II-Bezug häufiger Gespräche mit der Berufsberatung in Anspruch, geben jedoch ebenfalls an, bestimmte Angebote nicht erhalten zu haben. Über eine reine Bereitstellung von Informationen hinaus muss wirksame Berufsorientierung altersgerecht gestaltet und an den individuellen Bedarfen der Jugendlichen ausgerichtet sein, damit diese für sie passende Angebote auch tatsächlich wahrnehmen.
Tabelle 1
Nutzung von Informationskanälen durch Haupt- und Realschüler:innen, nach sozio-ökonomischem Status
Anteile in %
| Haushalte mit SGB-II-Bezug | Haushalte ohne SGB-II-Bezug | |||
|---|---|---|---|---|
| Angebote | Wurde angeboten | Habe ich genutzt | Wurde angeboten | Habe ich genutzt |
| Infos im Unterricht, Gespräch mit Lehrkraft | 79 | 60 | 74 | 53 |
| Infoveranstaltung in der Schule (z. B. BO) | 85 | 65 | 85 | 69 |
| Besuch des BIZ | 64 | 36 | 57 | 29 |
| Gespräch mit Berufsberater:in | 81 | 53 | 77 | 40 |
| Besuch von Betrieb, Messen, Workshops | 73 | 45 | 78 | 58 |
| Praktikum/Ferienjob | 89 | 63 | 93 | 75 |
| Eignungstest am Computer/im Internet | 85 | 54 | 92 | 62 |
| Eigene Recherche | 96 | 78 | 98 | 79 |
| Persönliches Gespräch mit Eltern/Freund:innen | 92 | 80 | 97 | 90 |
Schuljahr 2021/22 und 2022/23, Mehrfachantworten möglich.
Quelle: CoDu Studie (2021/22, 2022/23).
Fördermaßnahmen für Jugendliche
Zusätzlich zur Berufsberatung benötigen manche Jugendliche gezielte individuelle Unterstützung beim Übergang von der Schule in Ausbildung. Besonders junge Menschen mit geringen Kompetenzen und ohne Schulabschluss stehen dabei vor großen Herausforderungen. Individuelle Förderformate wie Mentoring- oder Coachingprogramme zeigen positive Effekte auf die schulischen Leistungen und den Übergang benachteiligter Jugendlicher in Ausbildung (Resnjanskij et al., 2024). Auch Nachhilfe erweist sich als wirksames Instrument zur Verbesserung von Lernerfolgen. Digitale Lernangebote ermöglichen es zudem, bildungsbenachteiligte Jugendliche unabhängig von ihrem Wohnort zu unterstützen, denn auch Online-Nachhilfe verbessert nachweislich sowohl die schulischen Leistungen als auch die Chancen auf einen erfolgreichen Übergang in Ausbildung (Anger et al., 2025).
Berufsvorbereitende Maßnahmen im Übergangssystem können darüber hinaus dazu beitragen, Basiskompetenzen auszubauen, die berufliche Orientierung zu stärken und den Einstieg in Ausbildung zu erleichtern. Programme der Bundesagentur für Arbeit wie die Berufseinstiegsbegleitung (BerEb), die Einstiegsqualifizierung (EQ) oder die Assistierte Ausbildung flexibel (AsA flex) unterstützen Jugendliche beim Erwerb eines Schulabschlusses sowie mit Lern- und Begleitangeboten während der Ausbildung. Allerdings werden diese Programme bislang nur begrenzt genutzt und sind vielen Betrieben kaum bekannt. Zudem liegt bisher nur wenig kausale Evidenz zur tatsächlichen Wirksamkeit dieser Fördermaßnahmen vor.
Um Jugendliche mit erhöhtem Unterstützungs- und Beratungsbedarf zu erreichen, sind unbürokratische und niederschwellige Zugänge zu passgenauen Angeboten und insbesondere enge Kooperationen mit Schulen unerlässlich. So können Jugendliche ohne Anschlussperspektive frühzeitig identifiziert und adressiert werden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist der Ausbau des sogenannten Kerndatensystems, das eine systematische Erfassung von Schüler:innen beim Übergang nach der Schule ermöglicht und den Datenaustausch zwischen Schulen und Agentur für Arbeit, Jobcenter und Jugendamt verbessert.
Für das Gelingen rechtskreisübergreifender Ansätze, etwa beim Ausbau der Jugendberufsagenturen, ist die enge Zusammenarbeit mit den Schulen ebenso zentral wie eine umfassende Unterstützung durch die Bildungspolitik. Auch die enge Abstimmung mit Betrieben und Berufsschulen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Neben individueller Förderung sind auch geeignete strukturelle Rahmenbedingungen erforderlich, um die Attraktivität der Berufsausbildung zu steigern. Maßnahmen zum Erwerb grundlegender Kompetenzen können den Einstieg erleichtern und die Motivation fördern. Doch auch arbeitsmarkt- und sozialpolitische Regelungen sollten Anreize schaffen und dem Ausbildungsinteresse von Jugendlichen nicht entgegenwirken, wie das beispielsweise bei der im SGB II verankerten anteiligen Anrechnung der Ausbildungsvergütung auf den Leistungsbezug in Bedarfsgemeinschaften der Fall ist.
Fazit
Eine nachhaltige Bildungs- und Berufsbildungspolitik verbessert die Zukunftschancen junger Menschen und sichert langfristig Innovationskraft, Wohlstand und soziale Stabilität – besonders im Kontext von Fachkräftemangel und sozialer Ungleichheit. Werden Bildungsanstrengungen vernachlässigt, drohen wachsende Kompetenzdefizite, geringere Produktivität und eingeschränkte Teilhabechancen – mit langfristig negativen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Während Investitionen in frühe Bildung besonders hohe Erträge erzielen, lohnt sich auch in späteren Bildungsphasen eine gezielte Förderung, um Lernrückstände zu verringern und arbeitsmarktrelevante Basiskompetenzen zu sichern. Digitale Lernformate können zentrale Bausteine einer chancengerechten Bildungspolitik darstellen.
Die tiefgreifende Transformation durch Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischen Wandel erfordert eine kontinuierliche Anpassung von Bildungs- und Ausbildungsinhalten, eine flexible berufliche Bildung und ihre enge Verzahnung mit Weiterbildung. Da künftige Qualifikationsanforderungen kaum vorhersehbar sind, gewinnen solide Basiskompetenzen als Grundlage für lebenslanges Lernen an Bedeutung, um auf den Wandel der Arbeitswelt schnell reagieren zu können.
Eine zukunftsfähige Bildungspolitik erfordert politischen Gestaltungswillen und langfristige Änderungsbereitschaft, denn Bildungsreformen entfalten ihre Wirkung erst über längere Zeiträume hinweg. Zudem müssen Ergebnisindikatoren erfasst und Maßnahmen evaluiert werden, wie auch im Gutachten SWK (2025) betont wird.
Für eine evidenzbasierte Bildungspolitik ist eine solide Datengrundlage unverzichtbar. Der Aufbau eines bundesweiten Bildungsverlaufsregisters, das Bildungs-, Erwerbs- und Sozialverläufe über die Lebensspanne hinweg erfasst (Hertweck et al., 2023), würde die Analyse von Bildungsprozessen und -übergängen verbessern und den Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis stärken. Die Akteure aus Wissenschaft, Politik und Praxis sollten daher eng kooperieren, um Bildungsqualität und Chancengleichheit gemeinsam zu verbessern. Dies gilt auch beim Zugang zu Weiterbildung, bei der sich bestehende Bildungsunterschiede fortsetzen und nach dem Matthäus-Prinzip vor allem Personen häufiger teilnehmen, die bereits über höhere Bildung verfügen. Nur durch konsequente und an Wirksamkeit orientierte Bildungsinvestitionen lässt sich sicherstellen, dass junge – ebenso wie ältere – Menschen faire Chancen auf Bildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe erhalten, ihre Potenziale entfalten und aktiv zum sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt beitragen können.
Literatur
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