Das Ziel für das reale Wirtschaftswachstum des jeweils laufenden Jahres, das von der chinesischen Führung alljährlich auf der gewöhnlich im März stattfindenden Sitzung des Nationalen Volkskongresses veröffentlicht wird, liegt in der Regel nahe an der Zuwachsrate, die nach Ablauf des Jahres tatsächlich offiziell ausgewiesen wird. So wurde das für 2024 vorgegebene Ziel von „ungefähr 5 Prozent“ trotz erheblichen wirtschaftlichen Gegenwinds nach Angaben der Statistikbehörde auf nahezu „magische“ Weise exakt erreicht. Tatsächlich wich die offizielle reale Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit dem Jahr 2012, in dem Xi Jinping Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) wurde, mit Ausnahme der Jahre der COVID-19-Pandemie allenfalls geringfügig – und wenn, dann stets positiv – vom jeweiligen Wachstumsziel ab (Abbildung 1). Dabei sanken die nach offiziellen Angaben erreichten Raten seit 2012 im Einklang mit dem schrittweise von 7,5 % im Jahr 2012 auf aktuell 5 % reduzierten jährlichen Wachstumsziel im Trend deutlich, sie schwankten jedoch nur geringfügig um diesen Trend. Größere Schwankungen der Produktion gab es hingegen in nominaler Rechnung. In den Jahren 2023 und 2024 waren die Zuwächse des Bruttoinlandsprodukts aufgrund eines rückläufigen BIP-Deflators nominal sogar niedriger als real.
Abbildung 1
Chinas jährliches Wachstumsziel und offizielle Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts
Jahresdaten, Veränderung gegenüber Vorjahr in %

Quellen: HPRC (2025); NBSC (2025).
Zweifellos verfügt die chinesische Führung über weitreichende Möglichkeiten, die heimische Wirtschaftsleistung zur Erreichung ihres Wachstumsziels auch kurzfristig stark zu steigern. So hat die chinesische Regierung im Herbst 2024, als eine Verfehlung der Zielvorgabe immer wahrscheinlicher wurde, mehrere Konjunkturpakete mit umfassenden fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen aufgelegt, die sicherlich nicht ohne Wirkung blieben. Zugleich wurden aber auch Schwierigkeiten und Grenzen bei der Überwindung struktureller Wachstumshindernisse wie der Immobilienkrise, der Verschuldungsprobleme lokaler Regierungen, des Vertrauensverlusts privater Unternehmen und der Konsumzurückhaltung der Bevölkerung deutlich, welche die Möglichkeiten der Regierung zur Steuerung der kurzfristigen Wirtschaftsentwicklung offenbar verringert haben. Dies legt nahe, dass auch die chinesische Regierung kaum in der Lage sein dürfte, ihre wirtschaftspolitischen Interventionen zeitlich und quantitativ so zu steuern, dass das jährliche Wachstumsziel wiederholt punktgenau erreicht wird.
Die Genauigkeit der Zielerreichung, die geringe Volatilität der offiziellen realen Zuwachsraten sowie die von vielen Experten als unplausibel hoch betrachteten Werte für 2023 und 20241 haben bereits seit langem bestehende Zweifel an den offiziellen chinesischen Makrodaten (Gern & Hauber, 2015) zuletzt noch einmal verstärkt. Zwar hat die Nationale Statistikbehörde (NBSC) die Qualität der Datenerhebung für die amtliche Statistik in den vergangenen Jahren vielfach verbessert und diese an internationale Standards angepasst (Lardy & Huang, 2025). Dies schließt eine bewusste Manipulation der Statistiken aus politischen Motiven jedoch keineswegs aus.
Auf regionaler Ebene ist die Manipulation wirtschaftlicher Daten mittlerweile gut belegt. Zur Förderung ihrer Karrierechancen haben insbesondere die regionalen Parteiführer einen starken Anreiz, das regionale Wirtschaftswachstum (auch auf Kosten anderer Ziele) zu fördern und gegebenenfalls auch überhöhte Zuwachsraten durch die regionalen Statistikbehörden ausweisen zu lassen. Verschiedene Studien haben überzeugende Hinweise auf derartige Manipulationen geliefert (Chen et al., 2021; Lyu et al., 2018), die in mehreren Fällen inzwischen auch offiziell eingeräumt wurden (Chen et al., 2021). Aber auch auf nationaler Ebene werden einzelne Statistiken – insbesondere, wenn sie politische oder wirtschaftliche Schwächen offenlegen (könnten) – selektiv geheim gehalten oder manipuliert. So wurden die Daten zur Jugendarbeitslosigkeit nach einem erheblichen Anstieg im Juni 2023 plötzlich nicht mehr veröffentlicht und erst nach Anpassung der Messmethode ab Januar 2024 auf einem dann niedrigeren Niveau wieder ausgewiesen (Chen, 2024). Auch die jährlichen BIP-Zuwächse sind für die chinesische Führung eine politisch sensible Statistik, deren Manipulation für sie bei Bedarf leicht zu bewerkstelligen sein dürfte.2
Die Akzeptanz und „Legitimität“ der autoritären Herrschaft der KPCh beruht nach wie vor zu einem erheblichen Teil auf dem Versprechen und der Fähigkeit der Partei, der Bevölkerung einen zunehmenden Wohlstand durch ein stabiles, hohes Wirtschaftswachstum zu sichern. Für die chinesische Führung ist es daher von zentraler Bedeutung, deutlich zu machen, dass sie dazu auch unter schwierigen Bedingungen wie der COVID-19-Pandemie, der Immobilienkrise und dem Technologie- und Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten in der Lage ist. Dementsprechend betont die chinesische Führung zur Begründung des diesjährigen Wachstumsziels von wiederum „ungefähr 5 Prozent“, dass dieses „im Einklang mit ihren mittel- und langfristigen Entwicklungszielen“ stehe und ihre Entschlossenheit unterstreiche, den aktuellen „Schwierigkeiten frontal entgegenzutreten“ (Li, 2025). Dabei hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping als langfristiges Ziel ausgegeben, die Wirtschaftsleistung bis 2035 gegenüber dem Jahr 2020 zu verdoppeln (Xi, 2020). Dies entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate des realen BIP von knapp 4,75 % zwischen 2020 und 2035 bzw. knapp 4,45 % zwischen 2025 und 2035. Angesichts eines voraussichtlich weiter rückläufigen Wachstumspotentials (Bickenbach & Liu, 2024), scheint das aktuelle Wachstumsziel von ungefähr 5 % für das Jahr 2025 an der Untergrenze dessen, was mit dem mittelfristigen Ziel der Verdoppelung der Wirtschaftsleistung bis 2035 noch vereinbar ist.
Angesichts der Zweifel an der Verlässlichkeit der offiziellen chinesischen Zuwachsraten haben China-Experten und -Beobachter verschiedene alternative Kennzahlen vorgeschlagen, die es ermöglichen sollen, die Dynamik der chinesischen Wirtschaft zuverlässiger abzuschätzen. Das wohl bekannteste Beispiel einer solchen alternativen Metrik ist der nach dem ehemaligen chinesischen Ministerpräsidenten benannte Li-Keqiang-Index (LKI), der Kennzahlen für das Schienengüterverkehrsaufkommen, den Stromverbrauch, und die vergebenen Bankkredite zu einem Index verbindet. Neben verschiedenen Varianten des LKI wurde mittlerweile eine Vielzahl weiterer Kennziffern und Indizes zur Schätzung des chinesischen Wirtschaftswachstums genutzt, wobei teils auch Messgrößen verwendet wurden, die anders als das Bruttoinlandsprodukt oder die in den LKI eingehenden Kennzahlen kaum von chinesischen Behörden manipuliert werden können. Hierzu zählen etwa Daten zum chinesischen Außenhandel – anstelle chinesischer Daten können hier die entsprechenden Daten der Handelspartner (Spiegelstatistiken) herangezogen werden – oder die von Satelliten gemessenen nächtlichen Lichtemissionen Chinas. Diese Größen können entweder selbst als Proxy für die Veränderung des BIP verwendet werden, oder sie können als unabhängiger Benchmark für den Vergleich verschiedener offizieller Indikatoren genutzt werden (Fernald et al., 2021; Clark et al., 2020).
Im Vergleich mit den offiziellen BIP-Zuwachsraten sind die auf Basis dieser Kennzahlen geschätzten Werte in der Regel sehr viel volatiler. Der offiziell ausgewiesene Produktionsanstieg liegt zwar nicht durchgängig über dem alternativ geschätzten Wert. Insbesondere während Krisenzeiten scheint er jedoch die tatsächliche wirtschaftliche Aktivität deutlich zu überzeichnen (Kennedy & Mei, 2023). Einzelne Indizes mit einer geringen Zahl fixer ausgewählter Kennzahlen werden jedoch stets nur einige Segmente der Gesamtwirtschaft adäquat abbilden können. Problematisch ist dies insbesondere in Zeiten eines schnellen Strukturwandels oder im Falle von Schocks, die verschiedene Teile der Wirtschaft sehr unterschiedlich treffen. So hat bespielweise der LKI, der insbesondere mit der Entwicklung der Industrieproduktion korrespondiert, den Einbruch der wirtschaftlichen Dynamik in China im Jahr 2020 massiv unterschätzt, da die Pandemie bzw. die zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen den Dienstleistungssektor insgesamt sehr viel stärker beeinträchtigten als die Industrieproduktion. Ähnliche Probleme sind angesichts der gravierenden Umbrüche und Schocks, die die chinesische Wirtschaft derzeit etwa in Form der Immobilienkrise oder zunehmender Handelskonflikte erfährt, für viele andere alternative Indikatoren zu erwarten. Die Mehrzahl der für Kennedy und Mei (2023) befragten China-Experten sind sich deshalb darin einig, dass es notwendig ist, regelmäßig eine Vielzahl von Datenreihen zu betrachten und daraus eigene Schlussfolgerungen über die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung Chinas zu ziehen.
Eine langfristige Beobachtung und eine methodisch flexible Analyse, die sowohl quantitative Daten als auch qualitative Informationen berücksichtigt, scheint derzeit am besten geeignet, um Unstimmigkeiten und Unplausibilitäten in den offiziellen chinesischen Wirtschaftsdaten zu identifizieren und die Entwicklung und Perspektiven der chinesischen Wirtschaft realistisch einzuschätzen. Auf dieser Basis erwarten wir für China für 2025 derzeit einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts von 4,5 %. Zugleich wäre es jedoch auch nicht überraschend, wenn die offizielle Statistik für 2025 am Ende doch wieder einen Zuwachs in Höhe der „magischen“ 5 % oder leicht darüber ausweisen würde und wenn dann auch für 2026 wieder ein Wachstumsziel von „ungefähr 5 Prozent“ ausgegeben würde.
- 1 So schätzten China-Experten der Rhodium Group, eines unabhängigen Forschungsunternehmens mit Fokus auf Chinas Wirtschaft, jeweils zum Ende des betreffenden Jahres einen realen Anstieg von 1,5 % statt offiziell 5,4 % für 2023 und zwischen 2,4 % und 2,8 % statt der offiziellen Prognose von 5,0 % für 2024 (Rosen et al., 2023, 2024).
- 2 Das NBSC verfügt über keinerlei formale Unabhängigkeit und dient in erster Linie der Regierung und der Parteiführung (Holz, 2014). Zudem verfügt das NBSC angesichts der Komplexität und Intransparenz der Berechnung des realen Bruttoinlandsprodukts über zahlreiche Möglichkeiten, diese Statistik auf für Außenstehende kaum nachweisbare Weise zu manipulieren. So vermutet Kerola (2019), dass die geringe Volatilität der offiziellen realen BIP-Entwicklung durch eine geeignete Wahl des nicht explizit ausgewiesenen BIP-Deflators erzielt worden sein könnte.
Literatur
Bickenbach, F. & Liu, W.-H. (2024). Widersprüche in Chinas neuer Wachstumsstrategie. Wirtschaftsdienst, 104(9), 655–656.
Chen, G. (2024, August). China’s Unemployment Conundrum and its Implications for Global Trade [White Paper]. Hinrich Foundation.
Chen, S., Qiao, X. & Zhu, Z. (2021). Chasing or Cheating? Theory and Evidence on China’s GDP Manipulation. Journal of Economic Behavior and Organization, 189, 657–671.
Clark, H., Pinkovskiy, M. & Sala-i-Martin, X. (2020). China’s GDP Growth may be Understated. China Economic Review, 62, 101243.
Fernald, J. G., Hsu, E. & Spiegel, M. M. (2021). Is China Fudging its GDP Figures? Evidence from Trading Partner Date. Journal of International Money and Finance, 110, 102262.
Gern, K-J. & Hauber, P. (2015). Konjunktur in China: Quo vadis? Wirtschaftsdienst, 95(8), 575–576.
Holz, C. (2014). The Quality of China’s GDP Statistics. China Economic Reviews, 30, 309–338.
HPRC – History of the People’s Republic of China. (2025). Annual Report on the Work of the Government 2006-2025.
Kennedy, S. & Mei, Q. M. (2023, 13. September). Measurement Muddle: China’s GDP Growth Data and Potential Proxies. How Do we Know if China is Growing? Big Data China. Center for Strategic and International Studies (CSIS).
Kerola, E. (2019). In Search of Fluctuations: Another Look at China’s Incredibly Stable GDP Growth Rates. Comparative Economic Studies, 61, 359–380.
Lardy, N. R. & Huang, T. (2025, 10. März). China’s Major Economic Data Continue to Improve. Peterson Institute for International Economics (PIIE).
Li, Q. (2025, 5. März). Report on the Work of the Government. Delivered at the Third Session of the 14th National People’s Congress of the People’s Republic of China.
Lyu, C., Wang, K., Zhang, F. & Zhang, X. (2018). GDP Management to Meet or Beat Growth Targets. Journal of Accounting and Economics, 66, 318–338.
NBSC – National Bureau of Statistics China. (2025). Annual Statistics – GDP.
Rosen, D. H., Wright, L., Vest, C. & Quinn, R. (2023, 29. Dezember). Through the Looking Glass: China’s 2023 GDP and the Year Ahead [Note]. Rhodium Group.
Rosen, D. H., Wright, L., Smith, J., Mingey, M. & Quinn, R. (2024, 31. Dezember). After the Fall: China’s Economy in 2025 [Note]. Rhodium Group.
Xi, J. (2020, 3. November). Anmerkung zu den Empfehlungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zur Formulierung des vierzehnten Fünfjahresplans für die nationale wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der Vision und Ziele fürs 2035. Staatsrat der Volksrepublik China.