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Dieser Beitrag ist Teil von Neubelebung der Industriepolitik

Falsche Rahmenbedingungen haben zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in Europa geführt. Was es jetzt braucht, ist eine systemisch angelegte Industriepolitik, die Wettbewerbsfähigkeit als integrative Gestaltungsaufgabe auf den drei Ebenen von Leitplanken (Makro), Standortattraktivität (Meso) und Wertschöpfung (Mikro) versteht. Zentral ist dabei die mittlere Ebene, also die Verbesserung der Standortqualität. Sie verbindet politische Rahmenbedingungen mit unternehmerischen Investitionsentscheidungen und ist der Raum, in dem Standortfaktoren konkret ausgestaltet werden.

Europas Wettbewerbsstärke beruhte lange auf industrieller Exzellenz, kontinuierlicher Produkt- und Prozessinnovation, modernen Lieferketten, qualifizierten Fachkräften und erschwinglicher Energie. Dieses Zusammenspiel diente als Grundlage von Wertschöpfung und Wachstum für große und mittelständische Unternehmen (KMU) in zahlreichen Branchen (Giordano et al., 2024). Das Fundament dieser strukturellen Stärken, eine wertebasierte Ordnung mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, eine unabhängige Zentralbank, die sich der Preisstabilität verpflichtet fühlt, besteht bis heute weitgehend unangetastet fort.

Jedoch werden deutliche Schwächen auf der politischen Steuerungsebene sichtbar: Fragmentierung, mangelnde Koordination sowie die fehlende Fokussierung und Orchestrierung europäischer Industrie- und Standortpolitik verhindern die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Dies trägt dazu bei, dass Europa im geopolitischen Wettbewerb an Boden verliert: Im Jahr 2023 stagnierte das Wirtschaftswachstum der Eurozone bei 0,4 %, die deutsche Wirtschaft schrumpfte sogar um 0,3 % (European Central Bank, 2025; Rudnicka, 2025; Eurostat, 2025). Auch eine vergleichende Betrachtung der wirtschaftlichen Entwicklungen seit 2007 verdeutlicht diese strukturellen Schwächen: Zwischen 2007 und 2024 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA um 41,7 %, China konnte seine Wirtschaftsleistung verfünffachen, während Europa lediglich ein Wachstum von rund 20 % verzeichnete (FRED, 2025a,b; World Bank Group, o. D.). Nicht zuletzt die energiepolitischen Folgen des Ukraine-Kriegs haben die Produktionskosten europäischer Unternehmen erheblich erhöht und bestehende Wettbewerbsnachteile weiter verschärft (Ferriani et al., 2023; Adolfsen et al., 2022).

Verschiedene Studien – darunter der Future of Growth Report (WEF, 2023, 2024), der Draghi-Report (Draghi, 2024), der Annual Single Market and Competitiveness Report (Europäische Kommission, 2025) und der EU Industrial Policy Report (LUHNIP, 2024) – verdeutlichen, dass Europa in strategischen Technologiefeldern wie Digitalisierung, Hochtechnologie und resilienten Industrien zunehmend zurückfällt. Während die USA seit Beginn der Pandemie und China seit 2021 gezielt auf Technologieführerschaft und wirtschaftliche Resilienz setzen (von Daniels, 2024; Lösch & Niedermark, 2023; Federal Register, 2020; Bickenbach & Lui, 2021), hemmen Überregulierung, Bürokratie und ein unzureichend vernetztes Innovationsökosystem die Entwicklung in Europa. Laut dem Global Innovation Index (Dutta et al., 2023, 2024) liegt Europa zwar in Bereichen wie Grundlagenforschung und Patent­anmeldungen weit vorne, zeigt jedoch Schwächen beim Transfer von Forschungs- und Entwicklungs- (F&E-)Ergebnissen in marktfähige Produkte und bei der Skalierung neuer Technologien. Hinzu kommen kritische Abhängigkeiten in strategischen Lieferketten, etwa bei Halbleitern, Batterien und seltenen Erden, die laut LUHNIP (2024) die wirtschaftliche Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit Europas gefährden.

Aktuelle geopolitische Entwicklungen wie etwa der dominante „America First“-Kurs in der zweiten Amtszeit von Präsident Trump verschieben darüber hinaus den Referenzrahmen europäischer Wettbewerbsfähigkeit: Statt auf gemeinsame Spielregeln stützt sich die globale Ordnung zunehmend auf einseitige Interessen und protektionistische Industriepolitik großer Wirtschaftsmächte (Bohrn & Walkenhorst, 2024). Dies zeigt sich in Zöllen auf Stahl, Aluminium oder Autoteile, Buy-American-Programmen und massiven Subventionen für US-Unternehmen. Gleichzeitig werden die USA nicht mehr als der verlässliche sicherheits- und wirtschaftspolitische Partner für Europa eingeschätzt (Kaim & Kempin, 2024).

Diese neue geopolitische Realität verschärft Europas strategische Herausforderungen zusätzlich und macht ein proaktives industriepolitisches Handeln dringend erforderlich. Zwar sind protektionistische Maßnahmen, Handelskonflikte und die Notwendigkeit zur Anpassung von Lieferketten keine neuen Phänomene, doch steht Europa heute unter veränderten Vorzeichen: Die ursprüngliche Triade aus Europa, USA und Japan mit jeweils klaren industriellen Identitäten (Muhammad et al., 2018) wurde von dominanten Akteuren mit aktiver industriepolitischer Agenda abgelöst. Europas wirtschaftliche Re­silienz ist schwächer, industrielle Wertschöpfungsketten sind fragmentiert oder abgewandert (Arjona et al., 2024; Szczepański, 2021) und politische Heterogenität behindert koordinierte Reaktionen (Bosch, 2014).

Dies offenbart ein industriepolitisches Defizit, das zum strukturellen Standortnachteil geworden ist. Es zeigt sich nicht nur in unzureichenden Investitionen, sondern auch im Fehlen einer strategischen Gesamtlogik, die wirtschaftliche, technologische und geopolitische Prioritäten integriert. Während andere Weltregionen gezielt in Schlüsseltechnologien investieren, fehlt es Europa an einer kohärenten Industriepolitik und an einer zukunftsgerichteten Steuerung, die Innovation, Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit systemisch verbindet.

Dieses Defizit äußert sich besonders deutlich in der technologischen Positionierung vieler europäischer Industrien: Mangels Anreize für disruptive Innovation verharren große Teile der Industrie in der sogenannten Mid-Tech-Falle – mit Fokus auf inkrementelle Verbesserungen etablierter Technologien, etwa im Maschinenbau oder der Automobilbranche (Dietrich et al., 2024). Zwar generieren diese Sektoren noch Umsätze, doch ihr Wachstumspotenzial bleibt begrenzt. Ein klassischer Fall von Pfadabhängigkeiten: Frühere Spezialisierungen wurden über Jahrzehnte durch Investitionen, Infrastruktur und Kompetenzen zementiert. Alternativen wurden vernachlässigt. Verstärkend wirken dabei die hohen „Costs of Failure“ in Europa – also die Gesamtkosten beim Scheitern innovativer Projekte, etwa durch Abfindungen, regulatorische Hürden oder soziale Verpflichtungen. Diese machen risikoreiche Investitionen – vor allem für Startups – unattraktiv (Stelter, 2025; Coatanlem & Coste, 2024).

Um dem Verlust industrieller Gestaltungskraft entgegenzuwirken, braucht es eine eigenständige europäische Antwort. Wettbewerbsfähigkeit erfordert eine „intelligente Industriepolitik“ (Lösch & Niedermark, 2023, S. 16). Aktuelle Initiativen, etwa die Berichte von Letta (2024) und Draghi (2024) sowie der Competitiveness Compass der EU-Kommission (2025), betonen die Notwendigkeit, Innovation zu fördern, Schlüsselbereiche wie Technologie und Verteidigung zu stärken, Bürokratie abzubauen, strategische Abhängigkeiten zu verringern und außenpolitische Resilienz auszubauen. Eine integrierte europäische Industriepolitik muss diese Ziele künftig systematisch verbinden.

Speziell Deutschland müsste als größter Industriestandort Europas, als zentrales Standbein der europäischen Wertschöpfung und wirtschaftspolitischer Impulsgeber (Lösch & Niedermark, 2023) eine zentrale Rolle für die Neujustierung einnehmen. Doch wie beispielsweise das World Competitiveness Ranking 2024 des International Institute for Management Development zeigt, bei dem Deutschland Platz 24 von 67 belegt, ist auch hier eine emergente Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit nicht von der Hand zu weisen (IMD, 2024; Rusche, 2025).

Was bezeichnet volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit?

Grundsätzlich wird Wettbewerbsfähigkeit als „vergleichendes Konzept [verstanden], das die Fähigkeit einer wirtschaftlichen Einheit (Volkswirtschaft, Industrie, Unternehmen) in der Erreichung eines erwünschten Ergebnisses den entsprechenden Fähigkeiten anderer Einheiten gegenüberstellt, um daraus Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge und Verbesserungspotentiale für die Erreichung dieser Ziele“ (Reinstaller, 2022, S. 4) abzuleiten. Als Ursprung unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit werden einzelne Unternehmensaspekte (Wettbewerbsvorteile) verstanden: „Sources of competitiveness are those assets and processes within an organisation that provide competitive advantage“ (Arzt, 2019, S. 17; Ambastha & Momaya, 2004, S. 47). Mattmüller (2012, S. 28) bezeichnet diese als Komparative Konkurrenzvorteile (KKV) und definiert deren Aufbau als das Bemühen eines Unternehmens, „bei den aus Kundensicht wichtigen Leistungsbereichen besser zu sein als die relevanten Konkurrenten“. Komparative Konkurrenzvorteile sollten dabei nicht allein auf der statischen Erfüllung bestehender Kundenwünsche basieren, sondern gleichermaßen vorwärtsgerichtet auch originär innovative Aspekte fokussieren, die wiederum „vom Nachfrager als wichtige [relevante und wertstiftende] Leistungsmerkmale [anerkannt und] internalisiert werden müssen“ (Mattmüller, 2012, S. 28). Der Erhalt und die gezielte Weiterentwicklung von Wettbewerbsfähigkeit hängen demnach davon ab, wettbewerbsrelevante Faktoren zu identifizieren und deren Ausprägung kontinuierlich mit relevanten Wettbewerbern zu vergleichen. Speziell in einem hochdynamischen Umfeld mit vielfältigen technologischen Umbrüchen und geopolitischen Verschiebungen ist die zuvor erläuterte Innovationsfähigkeit ein entscheidender Wettbewerbsfaktor zur langfristigen Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit (Hottenrott et al., 2024; BMFTR, 2023; KAS, o. D.)

Volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit bezeichnet auf dieser Basis die Fähigkeit eines Landes, dauerhaft international konkurrenzfähige Wertschöpfung zu generieren und dabei nachhaltige Vorteile in strategisch relevanten Bereichen aufzubauen (OECD, 2025). Sie entsteht durch ein innovationsförderndes Umfeld, das Rahmenbedingungen, Ressourcen und Kompetenzen bereitstellt, um unternehmerische Leistungsfähigkeit systematisch zu ermöglichen und global als überlegen wahrgenommene Lösungen hervorzubringen (Hottenrott et al., 2024; Eichler & Müller, 2008).

Michael E. Porters Konzept des „Competitive Advantage of Nations“ (1990a, b) gilt als wegweisender Bezugsrahmen zur Erklärung volkswirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit jenseits rein makroökonomischer Indikatoren wie Inflation oder Staatsdefizit. Im Zentrum steht die Frage, warum ein Land ein für Unternehmen besonders vorteilhaftes Umfeld für internationale Wettbewerbsfähigkeit bietet (Porter, 1990b, S. 77). Entscheidender Bezugspunkt sind dabei die standortspezifischen Faktoren, die Innovation, Anpassungsfähigkeit und operative Effizienz fördern (Porter, 1990b; Eichler & Müller, 2008). Mit dem „Diamond of National Advantage“ zeigt Porter (1990b, S. 78), dass Wettbewerbsfähigkeit aus einem dynamischen Zusammenspiel komplementärer Standortfaktoren hervorgeht, die die Produktivität und Innovationskraft von Unternehmen steigern. Eine analytische Ergänzung bietet das Konzept der Standortattraktivität: Es beschreibt standort- und situationsspezifische Bedingungen, die Unternehmen bei ihrer Standortwahl berücksichtigen (Mattmüller et al., 2024, S. 17-18). Standortfaktoren fungieren demnach als Komparative Konkurrenzvorteile. In Anlehnung an den kundenbezogenen KKV-Ansatz (Mattmüller, 2012) vergleichen standortnachfragende Akteure potenzielle Standorte hinsichtlich relevanter Leistungsmerkmale, um jene mit dem größten Potenzial zur Generierung nachhaltiger Wettbewerbsvorteile auszuwählen. Abbildung 1 zeigt eine erweiterte Fassung von Porters Modell, das Standortattraktivität und innovationsförderndes Umfeld integriert und verdeutlicht, dass nachhaltige Wettbewerbsvorteile standortabhängig und systemisch bedingt sind.

Abbildung 1
Erweiterung von Porters Diamond Model um Standortattraktivität und innovationsförderndes Umfeld
Erweiterung von Porters Diamond Model um Standortattraktivität und innovationsförderndes Umfeld

Quelle: eigene Darstellung basierend auf Porter (1990a, b).

Eine ergänzende Perspektive auf die Bedeutung der lokalen Rolle im Wettbewerb bietet Paul Krugmans New Economic Geography (1991). Während Porter (1998) Innovationsfähigkeit als strategische Reaktion auf Wettbewerbsdruck begreift und gezielt durch Clusterpolitik förderbar hält, erklärt Krugman Standortmuster als Resultat langfristiger, marktgetriebener Prozesse wie Skalenerträgen, Transportkosten und Pfadabhängigkeiten. Die beiden Ansätze stehen hier jedoch nicht im Widerspruch, sondern sind komplementär und ermöglichen so eine umfassende Sichtweise auf die europäische Wettbewerbsfähigkeit: Wettbewerbsfähigkeit entsteht im Zusammenspiel (politisch) gestaltbarer Standortfaktoren und struktureller Rahmenbedingungen, etwa marktgetriebener Pfadabhängigkeiten (Psofogiorgos & Metaxas, 2015).

Volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wird durch unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit bestimmt – wobei die Standortebene das zentrale Bindeglied zwischen mikroökonomischer Wertschöpfung und makroökonomischer Stärke darstellt. Erst durch die Bündelung einzelner Unternehmenswertschöpfungen in leistungsfähigen Clustern und Agglomerationen entsteht die gesamtwirtschaftliche Stärke eines Standorts (Ketels & Porter, 2021). Dieses Verständnis einer aggregierten volkswirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit vertritt auch Momaya (2001, S. 12): „Competitiveness of a company, an industry or a nation and its prosperity seems to be strongly correlated; the former driving the latter“.

Damit wird deutlich: Standortattraktivität ist kein Nebenaspekt, sondern der zentrale Hebel zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Standortattraktivität als Motor

Während aktuelle Maßnahmen zur „European Competitiveness“ nach Draghi (2024) unter anderem vor allem marktbasierte Rahmenbedingungen auf Makroebene wie Deregulierung, Kapitalmobilität und Binnenwettbewerb adressieren, reichen diese nicht aus, um Europas Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. So fordern Ketels und Porter (2021) in diesem Zusammenhang, über Marktintegration hinauszugehen und allen Regionen die Fähigkeit zu vermitteln, eigenständige Wettbewerbsstrategien zu entwickeln. Eine Fokussierung allein auf makroökonomische Steuerungsinstrumente greift zu kurz. Es braucht den gezielten Aufbau standortbezogener Kompetenzen.

Ergänzend zur Makroebene bedarf es daher des gezielten Blicks auf die zugehörige Meso- und Mikroebene. Während auf Mikroebene standortnachfragende Einzelakteure (in erster Linie Unternehmen, Forschungseinrichtungen und qualifizierte Fachkräfte) konkrete Wertschöpfungs-, Innovations- und Wettbewerbsentscheidungen treffen, schafft die Mesoebene mit ihren Wertschöpfungsnetzwerken wie z. B. regional geprägte Branchen bzw. Cluster, regional differenzierte Standortbedingungen und damit Standortqualität. Entscheidend ist dabei, zugehörige Standortfaktoren zukunftsgerichtet auszurichten, etwa über F&E, innovationsfördernde Rahmenbedingungen oder strategische Investitionen. Vertrauen in ein stabiles System und das Zukunftspotenzial eines Standorts ist essenziell für standortbezogene Investitionsentscheidungen (Bodenmann, 2005; Hottenrott et al., 2024). Nur so lässt sich die Abwärtsspirale aus sinkender Standort­attraktivität, rückläufigen Investitionen und Abwanderung durchbrechen.

Alle drei Ebenen sind eng verzahnt (Ketels & Porter, 2021; Arzt, 2019; Momaya, 2001): Die Makroebene setzt Leitplanken, die sich auf konkrete Standortfaktoren der Mesoebene auswirken und letztlich auf die Akteursebene durchschlagen und deren Investitionsentscheidungen beeinflussen. Europas Wettbewerbsfähigkeit ist demnach das Ergebnis dieses Zusammenspiels und erfordert ein integratives top-down und bottom-up Verständnis aller drei Ebenen im Sinne einer systemischen Industriepolitik, die Standortattraktivität als mehrdimensionale Aufgabe begreift und koordiniert gestaltet. Abbildung 2 skizziert dieses Zusammenspiel.

Abbildung 2
Gestaltungsebenen der europäischen Wettbewerbsfähigkeit
Gestaltungsebenen der europäischen Wettbewerbsfähigkeit

Quelle: eigene Darstellung unter Einbezug von Ketels und Porter (2021).

Die Mesoebene ist vor diesem Hintergrund sowohl Bindeglied zwischen Makro- und Mikroebene als auch zentraler Kristallisationspunkt einer resilienten europäischen Wettbewerbsfähigkeit: Hier verdichten sich Standortfaktoren zu wahrgenommener Standortattraktivität und bilden den Handlungsrahmen für Entscheidungen auf Mikroebene. Für Europas Wettbewerbsfähigkeit heißt das: Es genügt nicht, rein binnenmarktbasierte Rahmenbedingungen zu schaffen, vielmehr müssen auch Standortfaktoren gezielt so gestaltet werden, dass sie unternehmerisches, innovatives Handeln fördern. Da das Verständnis von Standortattraktivität ebenso wie die spezifischen Anforderungen an Art, Ausgestaltung und Zusammenspiel relevanter Standortfaktoren je nach Wertschöpfungsnetzwerk erheblich variieren, ist ein One-Fits-All-Ansatz zur Gestaltung zukunftsfähiger Standortbedingungen nicht möglich (Eichler & Müller, 2008).

Handlungsperspektiven

Vor dem Hintergrund der zuvor identifizierten Gestaltungsdimensionen lassen sich folgende Empfehlungen zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit ableiten.

Makroebene

Europa braucht eine strategisch ausgerichtete Indus­triepolitik, die flexibel auf geopolitische Veränderungen reagiert und sektorübergreifend agiert. Dazu gehört die stärkere Verknüpfung von Industrie-, Innovations-, Außenhandels- und Sicherheitspolitik sowie zentrale Programme zur Förderung von Schlüsseltechnologien. Ergänzend sollten ambitionierte Innovationsvorhaben gezielt durch steuerliche Anreize und ressortübergreifende Förderprogramme unterstützt werden, um Anwendungsmöglichkeiten für neue Technologien zu beschleunigen. Schlanke, bürokratiearme Prozesse helfen KMU und Startups, die „Costs of Failure“ zu senken und Pfadabhängigkeiten zu durchbrechen. Eine koordinierende Instanz wie etwa ein European Industrial Competitiveness Board sollte zudem die Entwicklung, Umsetzung und das Monitoring standortbezogener Strategien übergeordnet begleiten.

Mesoebene

Um eine europäische Wettbewerbsstärke strukturell zu verankern, ist ein differenziertes Verständnis von regionaler Standortqualität vonnöten. Dazu sollten Standortfaktoren entlang der spezifischen Anforderungen von regionalen Branchen beziehungsweise Clustern differenziert gestaltet und kontinuierlich überprüft werden. „Regional“ sollte auch als innereuropäisch verstanden werden und beinhaltet damit zusätzlich die Perspektive von grenzübergreifenden Wirtschaftsökosystemen. Zur Schaffung von Transparenz kann das Aufsetzen eines Competitiveness Dashboards hilfreich sein, das an das übergeordnete Industrial Competitiveness Board angebunden ist. Ein solches Dashboard erfasst regionale Unterschiede systematisch und generiert anknüpfende steuerungsrelevante Impulse. Voraussetzung dafür ist die gezielte Identifikation und Priorisierung strategischer Wertschöpfungsnetzwerke.

Mikroebene

Auf dieser Ebene ist entscheidend, wie standortnachfragende Einzelakteure, speziell Unternehmen, gegebene Standortbedingungen nutzen und in Wertschöpfung überführen können. Dies zeigt, ob und wie stark industriepolitische Impulse und Standortattraktivität tatsächlich ihre Wirkung im Sinne von Produktivität und Wertschöpfung entfalten. Daher bedarf es hier vor allem Maßnahmen zur Förderung technologischer, organisatorischer und geopolitischer Resilienz sowie zur Überwindung der Mid-Tech-Falle. Dazu zählen speziell gezielte Impulse für disruptive Geschäftsmodelle, die Skalierung technologieintensiver KMU und der Aufbau resilienter Lieferketten.

Fazit

Wie dieser Beitrag aufzeigt, haben punktuelle, fragmentierte, fehlende oder auch falsche Akzente in der Setzung von marktorientierten Rahmenbedingungen zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in Europa geführt. Erforderlich ist nun eine systemisch angelegte Industriepolitik, die Wettbewerbsfähigkeit als integrative Gestaltungsaufgabe auf drei Ebenen von Leitplanken (Makro), Standortattraktivität (Meso) und Wertschöpfung (Mikro) versteht.

Im Zentrum steht die Mesoebene mit ihren Wertschöpfungsnetzwerken (regionale Branchen beziehungsweise Cluster): Sie verbindet politische Rahmenbedingungen mit unternehmerischen Investitionsentscheidungen und ist der Raum, in dem Standortfaktoren konkret ausgestaltet werden. Standortattraktivität ist dabei zwar keine hinreichende, jedoch eine in hohem Maße notwendige Bedingung, um Investitionen, Fachkräfte und Wertschöpfung zu halten, zu gewinnen und zu skalieren, und Europa so als zukunftsfähigen Akteur im geopolitischen Wandel zu positionieren. Eine zukunftsgerichtete europäische Wettbewerbsfähigkeit beginnt daher unmittelbar vor Ort – bei der Standortattraktivität und einem daran ausgerichteten politischen Handeln.

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Title:Getting out of the mid-tech trap: an industrial policy for Europe

Abstract:The article discusses the structural decline in Europe’s competitiveness and argues for a strategic reorientation of European industrial policy. It proposes an integrated and systemic understanding of competitiveness across macro, meso, and micro levels, highlighting the meso level with its value creation networks and regional location factors as a key lever for enhancing location attractiveness. The paper outlines actionable policy recommendations and calls for a coordinated, forward-looking industrial strategy that strengthens Europe’s resilience, innovation capacity, and geopolitical agency by actively shaping the conditions for strong regional value creation.

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DOI: 10.2478/wd-2025-0148