Nach über einem Vierteljahrhundert an Verhandlungen haben die EU und die Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) Anfang Januar in Paraguay ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Jedoch hat das Europäische Parlament das Inkrafttreten des Abkommens ausgebremst, indem es mit knapper Mehrheit eine Rechtsprüfung durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) veranlasst hat. Der EuGH wird nun prüfen, ob durch das Abkommen etwa Verbraucherschutz- und Umweltstandards der EU geschwächt werden. Ein Urteil könnte bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Die Europäische Kommission erwägt, das Abkommen vorläufig in Kraft zu setzen. Ein Vorgehen, das sie auch bei dem Freihandelsabkommen der EU mit Kanada angewandt hat.
Durch das Abkommen würden die Zollschranken zwischen den beiden Staatenblöcken für über 90 % der Waren nach und nach entfallen. Das würde einen willkommenen Schub für die gegenseitigen Handelsbeziehungen auslösen. So konnten zwar sowohl die Exporte als auch die Importe der EU in die bzw. aus den Mercosur-Staaten nach dem Einbruch durch die Coronapandemie 2020 kräftig steigen, aber in der längeren Frist haben sich insbesondere die Exporte in die Region kaum verändert. Berücksichtigt man zudem Preiseffekte, gab es sogar einen leichten Rückgang zwischen 2013 und 2024. Die Mercosur-Staaten standen im Jahr 2024 lediglich für rund 2,3 % der gesamten europäischen Exporte und 2,2 % der Importe. Gemessen daran, ist die EU für die Mercosur-Staaten im Handel sehr viel wichtiger. So stand die EU 2024 für rund 14,5 % der Exporte der Region und sogar über 20 % ihrer Importe. Aber insbesondere auf der Exportseite Südamerikas hat die Bedeutung der EU seit Jahren stark abgenommen, während die Chinas rasant steigt.
Diese Entwicklung ist auch ein Spiegel der derzeit noch existierenden gegenseitigen Handelsbarrieren. Für Agrarimporte aus den Mercosur-Staaten etwa verlangt die EU derzeit einen effektiven Durchschnittszollsatz von über 10 %. Im Gegenzug müssen europäische Unternehmen für Industrieexporte in die Mercosur-Staaten hohe Zollschranken überwinden. So liegt der Zollsatz für Autoimporte aus der EU bei bis zu 35 %. Durch das Abkommen würde der Zoll für Verbrenner 15 Jahre nach Inkrafttreten bei 0 % liegen; jedoch bliebe der Zollsatz in den ersten sechs Jahren unverändert und würde erst danach linear abnehmen. Für europäische E-Auto-Exporte in die Mercosur-Staaten erstreckt sich der Zollabbau gar über 18 Jahre; aber nach Inkrafttreten sieht das Abkommen eine unmittelbare Reduktion vor. Somit hätten europäische E-Auto-Exporte auf dem wichtigen brasilianischen Markt gegenüber chinesischen Exporten unmittelbar einen Vorteil von 10 Prozentpunkten beim Importzoll.
Schaut man auf die gesamtwirtschaftlichen Effekte des Abkommens, so schätzt eine Studie für das Europäische Parlament mittels makroökonomischer Simulationen mit einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell für die EU, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Wohlfahrt um jeweils 0,1 % steigen dürften (Hagemejer et al., 2025). Diese Effekte ergeben sich durch den verstärkten Handel. Am stärksten würde demnach der Handel einiger südeuropäischer Staaten, wie Spanien und Portugal, mit den Mercosur-Staaten zunehmen, da sie auch historisch die engsten Verflechtungen mit der Region haben. Für die Mercosur-Staaten zeigen die Modellsimulationen einen leicht höheren Effekt mit einem Anstieg des BIP um 0,3 %. Der stärkere Effekt für die südamerikanischen Staaten ergibt sich aus der Tatsache, dass die EU für die Mercosur-Staaten im Handel eine wichtigere Rolle spielt als umgekehrt. Treiber des gesamtwirtschaftlichen Effekts ist erneut der Handel. So dürfte insbesondere für Brasilien der Handel mit der EU spürbar steigen. Die Modellsimulationen schätzen somit eher geringe gesamtwirtschaftliche Auswirkungen des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens für beide Seiten. Dennoch sind angesichts des eingetrübten wirtschaftlichen Umfelds neue Exportmöglichkeiten ein willkommener Lichtblick. Zumal das Freihandelsabkommen aus geopolitischen Erwägungen enorm wichtig ist. Das zeigt die erwähnte Handelsentwicklung der vergangenen Jahre: Während die EU an Bedeutung für die Mercosur-Staaten verliert, zieht China weiter kräftig davon. Die Hoffnung ist, dass das neue Freihandelsabkommen diese Entwicklung zumindest wieder abbremst und die EU China so nicht tatenlos das Feld überlässt.
Die Erwartungen der deutschen Unternehmen an das Abkommen hat die Deutsche Industrie und Handelskammer (2025) letztes Jahr unter rund 2.600 auslandsaktiven Unternehmen mit Sitz in Deutschland erfragt. Demzufolge geht knapp ein Drittel von ihnen von positiven Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit aus. Rund zwei Drittel erwarten keine Auswirkungen, 2 % rechnen mit negativen Effekten. Offenbar gibt es noch deutliches Ausbaupotenzial von deutschen Unternehmen beim Handel und der Diversifizierung mit den Mercosur-Staaten. Drei von zehn der optimistisch gestimmten Firmen hoffen auf Kosteneinsparungen aufgrund niedrigerer Zollsätze mit den Mercosur-Staaten; noch mehr setzen darauf, von der Marktöffnung zu profitieren. Vier von zehn deutschen Unternehmen, die mit dem Freihandelsabkommen positive Erwartungen verknüpfen, gehen davon aus, dass es dadurch leichter wird, mit den Mercosur-Staaten ins Geschäft zu kommen. Ein Viertel der Unternehmen, die mit dem Abkommen positive Folgen verknüpfen, plant bei Inkrafttreten sogar den Ausbau oder die Neuaufnahme von Geschäftsaktivitäten in den lateinamerikanischen Ländern.
Auch mit Blick auf den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wäre das Abkommen wichtig für die EU. Sie könnte sich damit einen vorrangigen Zugang sichern. Bereits derzeit können viele Rohstoffe zu geringen Zöllen oder gar zollfrei aus den Mercosur-Staaten in die EU eingeführt werden. Das Abkommen sieht weitere Zollsenkungen vor. Zudem untersagt es Exportbegrenzungen, wie sie Länder häufig in Krisenphasen nutzen. Von diesem Verbot konnte sich zwar Brasilien eine Ausnahmeoption herausverhandeln, auch für einige kritische und strategische Rohstoffe. Im Gegenzug erhielt die EU eine Präferenzregelung, nach der sie sich im Falle brasilianischer Begrenzungen eigene Zuliefermengen absichert. Dadurch ist die EU im Vorteil gegenüber anderen Ländern ohne solch eine Regelung.
Spätestens seit der zweiten Amtsübernahme von Donald Trump als US-Präsident ist klar, dass die EU ihre Handelspartnerschaften dringend diversifizieren muss. Nur so kann sie ihre Abhängigkeiten – sowohl von den USA als auch von China – reduzieren und in künftigen Handelskonflikten aus einer gestärkten Position agieren. Wirtschaftliche Resilienz ergibt sich nicht durch Abschottung und auch nicht dadurch, jegliche Produktion zurück in die EU zu verlagern, sondern durch ein breites Netz an Partnern. Deshalb sind Freihandelsabkommen wie das mit den Mercosur-Staaten oder auch mit Indien oder Indonesien enorm wichtig für die EU – nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem, um in der neuen Weltordnung ihre geostrategische Präsenz zu sichern.
Literatur
Deutsche Industrie und Handelskammer. (2025, 27. März). Umfragen und Zahlen – EU-Mercosur-Abkommen bietet Potenzial – aber nicht ohne Hürden.
Hagemejer, J., Stoll, T., Rudloff, B. & Mensah, K. (2025, Juni). An update on the economic, sustainability and regulatory effects of the trade part of the EU-Mercosur Partnership Agreement. European Parliament.