Bundeskanzler Merz hat gefordert, dass in Deutschland wegen der demografischen Entwicklung länger gearbeitet werden soll. Sein Appell ist leichter gesagt als getan. Denn die Frage, wie die durchschnittliche Arbeitszeit gesteigert werden soll, ließ er unbeantwortet. Im Prinzip kommen zwei Wege infrage: Entweder eine Verlängerung der Lebens- oder der Wochenarbeitszeit. Lässt man die erste Variante zunächst außer Acht, dann kann man die Arbeitszeit entweder der Voll- oder der Teilzeitbeschäftigten erhöhen oder natürlich auch die beider Gruppen. Selbst unter Status-quo-Bedingungen besteht bei beiden durchaus Spielraum. Das gilt in regulatorischer Hinsicht sowie mit Blick auf die Zeitpräferenzen.
Wie eine Befragung von Betriebsräten aus dem Jahr 2025 zeigt, sind Verlängerungen der Regelarbeitszeit in 38 % der mitbestimmten Betriebe möglich (zur methodischen Beschreibung siehe Brehmer, 2024). Gut die Hälfte dieser Betriebe nutzte die Regelungen und verlängerte die Arbeitszeit für jeden vierten Beschäftigten, weit überwiegend in den höheren und mittleren Qualifikationsgruppen. Als wichtigste Gründe nannten die Betriebsräte angebots- und nachfrageseitige Faktoren: Dazu zählen die Wünsche der Beschäftigten, länger arbeiten zu wollen, die Anpassung des Personaleinsatzes an saisonal veränderte Nachfrage und der Fachkräftemangel. Generell ist jedoch der Anteil der Vollzeitbeschäftigten, der längere Arbeitszeiten präferiert, mit 8 % gering (Kötter & Backhaus, 2025).
Potenzial für längere Arbeitszeiten besteht auch bei Teilzeitbeschäftigten. Wiederholt haben Befragungen aufgezeigt, dass ein Teil von ihnen gerne länger arbeiten möchte: gut 10 % der männlichen und 7 % der weiblichen Teilzeitbeschäftigten (Rengers & Körner, 2026), selbst Mütter mit Kindern (Bujard & Kleinschrot, 2024). Allerdings gelingt es nur einem Teil der Teilzeitbeschäftigten, die gewünschte Arbeitszeit zu realisieren (Kötter & Backhaus, 2025) und häufig nur durch einen Betriebswechsel (Seifert et al., 2016). Es ist dann Sache der Betriebe, den Arbeitszeitwünschen auch nachzukommen.
Weitgehend übersehen in der Debatte über längeres Arbeiten bleiben die Erwerbsminderungsrenten. Ein nicht unerhebliches Potenzial an zusätzlichen, gut ausgebildeten und eingespielten Arbeitskräften ließe sich mobilisieren, wenn es gelänge, die Zugangszahlen zu senken und das Renteneintrittsalter in Erwerbsminderung hinauszuschieben. Gut jeder siebte Rentenzugang erfolgt wegen einer Erwerbsminderung, hauptsächlich aufgrund psychischer und physischer Verschleißerkrankungen, und das bei einem Durchschnittsalter von gut 54 Jahren bei Männern und 53 Jahren bei Frauen (DRV, 2025). Der Schlüssel für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen liegt wesentlich in den Händen der Betriebe. Entsprechende Initiativen vertragen sich jedoch nicht mit Ansätzen, die Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten zu verlängern: Letztere drohen Belastungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen zu steigern und den Zugang zu Erwerbsminderungsrenten zu erhöhen, statt zu senken.
Darüber hinaus bleibt jedoch die generelle Frage, inwieweit die Beschäftigten und die Gesellschaft als Ganzes bereit sind, den Preis für verlängerte Arbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten hinzunehmen. Dieser Preis wäre ein weitgehender Verzicht auf eine egalitärere Verteilung von Care-Arbeit sowie auf mehr Zeit für Familie, auf Ehrenamt, Weiterbildung und andere Aktivitäten. Zudem drohen längere Arbeitszeiten von vollzeitbeschäftigten Männern die Versuche von teilzeitbeschäftigten Frauen, länger zu arbeiten, zu konterkarieren. Das bestehende Anderthalb-Ernährermodell würde zementiert.
Literatur
Brehmer, W. (2024). Methodik der WSI-Betriebs- und Personalrätebefragung. WSI-Mitteilungen, 77(6), 458–466.
Bujard, M. & Kleinschrot, L. (2024). Wie viel sollten Mütter und Väter arbeiten? Idealvorstellungen variieren in und nach der Rushhour des Lebens. Bevölkerungsforschung Aktuell, 45(1), 4–9.
DRV – Deutsche Rentenversicherung. (2025). Rentenversicherung in Zeitreihen (DRV-Schriften, Band 22).
Kötter, J. & Backhaus, N. (2025). Arbeitszeitwünsche in Deutschland: Verbreitung, gesundheitliche Implikationen und Veränderungsdynamiken. baua: Bericht kompakt. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Rengers, M. & Körner, T. (2026). Arbeitszeiten und Arbeitszeitwünsche von Männern (und Frauen) – Anhaltspunkte zu Potenzialen für die Gleichstellung. Wirtschaft und Statistik, 1, 68–86.
Seifert, H., Holst, E., Matiaske, W. & Tobsch, V. (2016). Arbeitszeitwünsche und ihre kurzfristige Realisierung. WSI-Mitteilungen, 69(4), 300–308.