Die Anforderungen an finanzielle Entscheidungen privater Haushalte haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Verbraucherinnen und Verbraucher sehen sich zunehmend mit komplexen Finanzprodukten, digitalisierten Finanzmärkten und einer wachsenden Eigenverantwortung bei finanziellen Entscheidungen konfrontiert (OECD, 2017; D’Acunto et al., 2019). Gleichzeitig gewinnt die Eigenverantwortung für die Altersvorsorge vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der damit verbundenen Veränderungen der Alterssicherungssysteme weiter an Bedeutung (Börsch-Supan et al., 2015). Nach Erfahrungen mit der Riester-Rente seit 2001 werden die ab 2027 eingeführten Altersvorsorgedepots Investitionen in staatlich geförderte Vorsorgeverträge, über die in verschiedene Fonds, Anleihen und Aktien investiert werden kann, ermöglichen. Im Kontext der betrieblichen Altersversorgung werden durch die Betriebsrentenstärkungsgesetze (2017 und 2026) reine Beitragszusagen im Sozialpartnermodell gestärkt, die ebenfalls Investitionen in chancenreichere Anlageklassen am Kapitalmarkt eröffnen.
Altersvorsorge erfordert daher ein Mindestmaß an Finanzkompetenz. Haushalte müssen zunächst verstehen, welches Alterseinkommen sie auf Basis ihrer bisherigen Beiträge und Verträge erwarten können. In einem Mehrsäulensystem ist dies besonders anspruchsvoll, da Ansprüche aus allen drei Säulen zusammengeführt und in die Zukunft projiziert werden müssen. Darauf aufbauend müssen Haushalte entscheiden, ob zusätzlicher Vorsorgebedarf besteht, welche Vorsorge- und Anlageformen geeignet sind und wie Risiken und langfristige Renditechancen zu bewerten sind.
Die Digitalisierung erleichtert zwar den Zugang zu Informationen und Finanzprodukten, erhöht jedoch zugleich die Anforderungen an die Fähigkeit, relevante Informationen einzuordnen und langfristige Konsequenzen abzuschätzen (D’Acunto et al., 2019). Digitale Renteninformationen können die Transparenz über künftige Renteneinkommen erhöhen, indem sie Ansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge gebündelt darstellen (Bucher-Koenen et al., 2022). In Deutschland wurde die digitale Rentenübersicht im Juli 2023 gestartet. Seither wird sie stetig weiterentwickelt.1 Auch bei der Nutzung solcher Tools ist ein Mindestmaß an Finanzkompetenz erforderlich, um die dargestellten Informationen einzuordnen und Vorsorgeentscheidungen abzuleiten.
Daher rückte Finanzbildung verstärkt in den Fokus wirtschaftspolitischer Diskussionen. Nationale und internationale Organisationen betonen seit Jahren die Bedeutung finanzieller Kompetenz für die finanzielle Teilhabe und die langfristige finanzielle Absicherung privater Haushalte (OECD, 2016). Auf europäischer Ebene haben zahlreiche Länder nationale Finanzbildungsstrategien entwickelt oder ausgebaut. Die Europäische Kommission sowie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unterstützen diese Entwicklung durch gemeinsame Rahmenwerke und Empfehlungen zur Förderung finanzieller Bildung (EU, 2025). Auch in Deutschland wurde der Bedarf umfangreich dokumentiert (Bucher-Koenen et al., 2023; Aprea & Suna, 2024; OECD, 2024). Derzeit wird vom Bundesministerium für Finanzen in Zusammenarbeit mit der OECD im Rahmen der Initiative „Mit Geld und Verstand“ eine nationale Finanzbildungsstrategie für Deutschland entwickelt.2
Analyse zu Finanzwissen in Deutschland
Das Panel
Die folgenden Analysen basieren auf den Daten des Panels „Private Haushalte und ihre Finanzen“ (PHF) der Deutschen Bundesbank. Die Erhebungswelle stammt aus dem Jahr 2023 (PHF 2023) und stellt die aktuellste verfügbare repräsentative Datengrundlage zu Finanzwissen privater Haushalte in Deutschland dar. Finanzwissen wird durch die sogenannten „Big Three“-Fragen zum Finanzwissen erfasst, die das Verständnis grundlegender finanzieller Konzepte wie Zinsen, Inflation, Risikodiversifikation und Zinseszins testen. Die Fragen werden jeweils von der Person beantwortet, die im Haushalt hauptsächlich für Finanzen zuständig ist („Kompetenzträger Haushaltsfinanzen“). Im Jahr 2023 wurden diese Fragen von insgesamt 3.984 Personen beantwortet.
Die „Big Three“-Fragen
Die Messung des Finanzwissens basiert auf den international etablierten „Big Three“-Fragen, die seit 2004 in zahlreichen Studien und internationalen Vergleichserhebungen verwendet werden (Lusardi & Mitchell, 2011, für einen Überblick siehe Lusardi & Mitchell, 2023; Kaiser et al., 2026).3 Diese Fragen testen das grundlegende Wissen über Zinsen, Inflation und Risikodiversifikation:4
- Zins: Angenommen, Sie haben 100 € Guthaben auf Ihrem Sparkonto. Dieses Guthaben wird mit 2 Prozent pro Jahr verzinst, und Sie lassen es 5 Jahre auf diesem Konto. Was meinen Sie: Wie hoch wird ihr Guthaben nach 5 Jahren sein? [Höher als 102 €, Genau 102 €, Niedriger als 102 €, Weiß nicht, Keine Angabe]
- Inflation: Angenommen, die Verzinsung Ihres Sparkontos beträgt 1 Prozent pro Jahr und die Inflationsrate beträgt 2 Prozent pro Jahr. Was glauben Sie: Werden Sie nach einem Jahr mit dem Guthaben des Sparkontos genauso viel, mehr oder weniger als heute kaufen können? [Mehr, Genauso viel, Weniger als heute, Weiß nicht, Keine Angabe]
- Diversifikation: Stimmen Sie der folgenden Aussage zu: „Die Anlage in Aktien eines einzelnen Unternehmens ist weniger riskant als die Anlage in einen Fonds mit Aktien ähnlicher Unternehmen“? [Stimme zu, Stimme nicht zu, Weiß nicht, Keine Angabe]
Die Ergebnisse
In Abbildung 1 werden der Anteil der richtigen und der Anteil der „Ich weiß nicht“-Antworten auf die drei Fragen und insgesamt dargestellt. Im Jahr 2023 beantworteten 86,8 % der Befragten die Zinsfrage korrekt. 89,8 % der Befragten können die Inflationsfrage richtig beantworten. Die Frage zur Risikodiversifikation ist anspruchsvoller. Hier geben 75,4 % der Befragten die richtige Antwort.5
Abbildung 1
Finanzwissen in Deutschland

Lesebeispiel: 86,8 % der Befragten beantworteten die Frage zu Zinsen korrekt; 2,1 % antworteten auf diese Frage mit „Ich weiß nicht“.
Quelle: eigene Berechnung auf Basis von PHF-Welle 5 (2023), Daten werden von der Bundesbank gewichtet zur Verfügung gestellt, um eine repräsentative Stichprobe für ganz Deutschland zu erhalten.
66,0 % der Befragten können alle „Big Three“-Fragen richtig beantworten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass rund ein Drittel der Befragten nicht alle drei grundlegenden Finanzwissensfragen richtig beantworten kann. Alle drei Fragen werden von 3,2 % der Befragten falsch beantwortet. Während bei der Frage zu Zins und Inflation der Anteil der Personen, die mit „Ich weiß nicht“ antworteten, bei 2,1 % und 1,7 % liegt, erhöht sich der Anteil bei der Frage zu Risikodiversifikation auf 7,5 %. Insgesamt geben 8,2 % der Befragten mindestens einmal „Ich weiß nicht“ an.
Im Vergleich zu den vorherigen PHF-Erhebungen zeigt sich, dass der Stand des Finanzwissens seit 2011 in etwa gleich geblieben ist (Bucher-Koenen & Knebel, 2021 für PHF 2017; Bucher-Koenen et al., 2023 für PHF 2021).
Unterschiede in der Bevölkerung
Im Folgenden analysieren wir Unterschiede im Finanzwissen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Abbildung 2 stellt die Anteile der Befragten dar, die alle drei Fragen richtig beantworten und die bei mindestens einer Frage mit „Ich weiß nicht“ antworten. Die Antworten werden nach höchstem Schulabschluss, Geschlecht, Alter und nach Region unterschieden. Die schwarzen Balken in der Abbildung verdeutlichen die 95 %-Konfidenzintervalle.
Abbildung 2
Verbreitung von Finanzwissen in der Bevölkerung

Lesebeispiel: 76,8 % der Befragten mit Fachabitur oder Abitur beantworteten alle drei „Big Three“-Fragen korrekt; bei den Befragten mit Hauptschulabschluss oder Ähnlichem waren es 53,4 %. Die schwarzen Balken zeigen die 95 %-Konfidenzintervalle.
Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der PHF-Welle 5 (2023), Daten werden von der Bundesbank gewichtet zur Verfügung gestellt, um eine repräsentative Stichprobe für ganz Deutschland zu erhalten.
Die Ergebnisse zeigen Unterschiede nach Bildung, Geschlecht, Alter und Region. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede nach Bildungsniveau (Abbildung 2.1): Während mehr als drei Viertel (76,8 %) der Personen mit Fachabitur oder Abitur alle drei Finanzwissensfragen richtig beantworten, ist dies nur bei gut der Hälfte (53.4 %) der Personen mit Hauptschulabschluss der Fall. Gleichzeitig geben Personen mit niedrigerem Bildungsniveau deutlich häufiger an, die Antworten nicht zu kennen.
Auch zwischen Männern und Frauen bestehen Unterschiede im Finanzwissen (Abbildung 2.2). Männer beantworten die drei Fragen häufiger als Frauen alle richtig (70,4 % gegenüber 60,9 %). Frauen wählen dagegen häufiger die Antwortoption „Ich weiß nicht“.
Nach Altersgruppen zeigt sich ebenfalls ein differenziertes Bild (Abbildung 2.3). Die höchsten Anteile korrekter Antworten finden sich bei den unter 35-Jährigen sowie bei den 51- bis 65-Jährigen. Personen über 65 Jahre weisen hingegen die niedrigsten Werte auf und geben zugleich am häufigsten mindestens einmal „Ich weiß nicht“ an. Die Analyse der einzelnen Fragen zeigt, dass die Jüngeren gut über Zinsen und Risiko informiert sind, die Älteren hingegen häufiger die Frage zur Inflation richtig beantworten. Zudem zeigen sich regionale Unterschiede (Abbildung 2.4): Befragte in Westdeutschland haben im Durchschnitt höheres Finanzwissen als Befragte in Ostdeutschland.
Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass Finanzwissen in Deutschland ungleich verteilt ist. Die Muster zeigen sich auch in multivariaten Regressionen und decken sich mit Befunden aus früheren Untersuchungen für Deutschland (Bucher-Koenen & Knebel, 2021; Bucher-Koenen et al., 2023) und auch mit Ergebnissen internationaler Studien zu Finanzwissen (Lusardi & Mitchell, 2011, 2023).
Bedeutung von Finanzwissen
Finanzwissen verbessert Anlageentscheidungen und erleichtert Vermögensaufbau
Die Literatur zeigt umfassend die Bedeutung von Finanzwissen für finanzielle Entscheidungen. Es steht in engem Zusammenhang mit Aktienmarktbeteiligung, Altersvorsorge, Vermögensaufbau, Schuldenmanagement, finanzieller Resilienz sowie der Akzeptanz wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen. Überblicke über diese Zusammenhänge bieten Lusardi und Mitchell (2014, 2023) sowie van Rooij et al. (2024). Kausale Effekte werden mit Hilfe von statistischen Methoden wie Instrumentenvariablenschätzung und Differences-in-Difference Designs oder Feldexperimenten identifiziert.
Ein zentraler Befund betrifft die Beteiligung am Aktienmarkt und die Qualität von Investitionsentscheidungen. Personen mit höherem Finanzwissen investieren häufiger in Aktien und halten besser diversifizierte Portfolios (van Rooij et al., 2011; Von Gaudecker, 2015; Bucher-Koenen et al., 2023, 2025). Darüber hinaus treffen Anlegerinnen und Anleger mit höherem Finanzwissen bessere Anlageentscheidungen und erzielen höhere Renditen (Clark et al., 2017; Bianchi, 2018). Finanzwissen beeinflusst dabei nicht nur Investitionen am Aktienmarkt: So zeigen Deuflhard et al. (2019), dass Personen mit höherem Finanzwissen auch auf Sparkonten höhere Zinserträge erzielen. Insgesamt steht Finanzwissen in engem Zusammenhang mit Vermögensaufbau. Haushalte mit höherem Finanzwissen sparen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr Vermögen an (Lusardi & Mitchell, 2007; Behrman et al., 2012; van Rooij et al., 2012; Lusardi et al., 2017).
Finanzwissen fördert Altersvorsorgeplanung
Auch für die Altersvorsorgeplanung ist Finanzwissen von großer Bedeutung. Personen mit höherem Finanzwissen planen häufiger für das Alter und sparen eher für ihre Altersvorsorge (Lusardi & Mitchell, 2008, 2011; Bucher-Koenen & Lusardi, 2011). Yakoboski et al. (2023) zeigen, dass bei Rentnerinnen und Rentnern ein positiver Zusammenhang zwischen Finanzwissen und der finanziellen Vorbereitung auf den Ruhestand besteht. Personen mit höherem Finanzwissen haben sich während ihres Erwerbslebens häufiger auf den Ruhestand vorbereitet: Sie haben öfter regelmäßig für das Alter gespart, ihren Finanzbedarf im Ruhestand geplant und mehr Wissen darüber aufgebaut, wie sie im Ruhestand Einkommen aus Ersparnissen beziehen können. Zudem deuten internationale Befunde darauf hin, dass finanziell gebildete Personen früher und systematischer für den Ruhestand vorsorgen (Almenberg & Säve-Söderbergh, 2011; Fornero & Monticone, 2011).
Ergänzend zeigt die Literatur, dass Renteninformationen Altersvorsorgewissen sowie Spar- und Anlageverhalten beeinflussen können (Chan & Stevens, 2008; Beshears et al., 2015). Persönliche Renteninformationen verbessern das Vorsorgewissen und können Sparbeiträge erhöhen, etwa in arbeitgeberfinanzierten Plänen oder bei Riester-Renten (Mastrobuoni, 2011; Goda et al., 2014; Dolls et al., 2018). Gleichzeitig zeigen Studien, dass bereitgestellte Renteninformationen nicht automatisch wirksam werden: Jährliche Renteninformationen werden von vielen Personen nicht gelesen oder nicht vollständig verstanden (Haupt, 2014; Elling & Lentz, 2018).
Vor diesem Hintergrund gewinnen digitale Renteninformationen und Planungstools an Bedeutung. Eine wachsende Zahl an Studien untersucht, wie digitale Tools und Apps finanzielle Entscheidungen beeinflussen, etwa im Bereich der Altersvorsorge und Finanzplanung (Kalda et al., 2021; Carlin et al., 2023). Daminato et al. (2024) zeigen, dass die Einführung einer Renten-App die Beiträge zur Altersvorsorge deutlich erhöht, insbesondere bei Männern. Hentzen et al. (2022) verweisen zugleich auf die heterogene Nutzung von Rentenplanungs-Apps. Insgesamt ist die empirische Evidenz zu den Auswirkungen von digitalen Rentenübersichten auf individuelles Planungs- und Sparverhalten bislang jedoch begrenzt. Erste Untersuchungen für Deutschland deuten darauf hin, dass der Zugang zu einer digitalen Rentenübersicht die Unsicherheit über das künftige Renteneinkommen verringert und Ersparnisse sowie Vermögen erhöht. Diese Effekte sind bei Personen mit geringem Finanzwissen besonders ausgeprägt; allerdings wird das Tool überwiegend von Personen mit höherem Finanzwissen genutzt (Bucher-Koenen et al., 2022).
Finanzwissen hilft beim Umgang mit Schulden und fördert finanzielles Wohlergehen
Finanzwissen ist zudem mit finanziellem Wohlergehen verbunden. Dieses wird beispielsweise daran gemessen, wie gut Personen im Alltag mit ihren Finanzen umgehen können, inwieweit Schulden ihre finanziellen Handlungsspielräume einschränken, ob sie unerwartete Ausgaben bewältigen könnten und ob ausreichend Notfallersparnisse vorhanden sind. Yakoboski et al. (2022) zeigen, dass Personen mit niedrigerem Finanzwissen häufiger von finanziellen Schwierigkeiten, Schuldenbelastungen, fehlenden finanziellen Puffern und finanziellen Sorgen berichten.6 Haushalte mit höherer finanzieller Bildung sind seltener finanziell vulnerabel, das heißt, sie geraten bei unerwarteten Ausgaben oder Einkommensausfällen weniger schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Zudem können sie finanzielle Schocks besser bewältigen (Cziriak, 2022; Wiersma et al., 2025).
Ein weiterer Forschungsstrang befasst sich mit Schulden und finanziellen Belastungen. Personen mit höherem Finanzwissen sind besser in der Lage, Schulden zu bewältigen (Lusardi et al., 2020). Umgekehrt zeigt sich, dass Menschen mit geringerer Finanzkompetenz häufiger von Überschuldung betroffen sind, eher von Inkassounternehmen kontaktiert werden und häufiger medizinische Schulden oder Studiendarlehen zurückzahlen müssen (Lusardi et al., 2026). Lusardi und Tufano (2015) zeigen, dass Personen mit geringerer Schuldenkompetenz („debt literacy“) häufiger kostspielige Finanzierungsformen nutzen, höhere Gebühren zahlen und eher auf teure Kredite zurückgreifen.
Finanzwissen erhöht Reformakzeptanz
Schließlich spielt Finanzwissen auch für die Akzeptanz wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen eine Rolle. Oggero et al. (2023) zeigen, dass Personen mit höherem Finanzwissen und besseren Kenntnissen über die Altersvorsorge eher bereit sind, Rentenreformen zu akzeptieren. Dieser Aspekt wird vor allem für die aktuellen reformpolitischen Diskussionen relevant sein.
Implikationen und Diskussion
Die Ergebnisse zeigen, dass grundlegendes Finanzwissen in Deutschland zwar bei vielen Menschen vorhanden ist, aber gut ein Drittel der Bevölkerung drei grundlegende Fragen zu Zins, Inflation und Risiko nicht beantworten kann. Weiterhin bestehen erhebliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen: Personen mit niedrigem formalem Bildungsstand, Frauen, ältere Menschen sowie Befragte in Ostdeutschland weisen im Durchschnitt geringeres Finanzwissen auf. Diese Unterschiede sind relevant, da Finanzwissen eng mit Altersvorsorge, Vermögensaufbau, Aktienmarktbeteiligung, Schuldenmanagement und finanzieller Resilienz verbunden ist.
Finanzbildung zielgruppenspezifisch ausbauen
Die Ergebnisse sprechen dafür, Finanzbildung in Deutschland weiter zu stärken. Die nationale Finanzbildungsstrategie, die derzeit entwickelt wird, bietet hierfür eine wichtige Grundlage. Entscheidend ist, dass Finanzbildungsangebote nicht nur allgemein verfügbar gemacht werden, sondern gezielt jene Gruppen erreichen, die im Durchschnitt geringes Finanzwissen aufweisen. Angebote sollten niedrigschwellig, verständlich und alltagsnah ausgestaltet sein. Finanzbildung könnte beispielsweise an konkreten Entscheidungssituationen ansetzen. Viele finanzielle Entscheidungen entstehen im Lebensverlauf zu unterschiedlichen Zeitpunkten: beim Berufseinstieg, bei der Familiengründung, beim Immobilienerwerb, bei der Aufnahme eines Kredits, bei der Geldanlage oder beim Übergang in den Ruhestand. Entsprechend sollte Finanzbildung nicht nur im schulischen Kontext sondern lebenslang gedacht werden.
Angebote für Altersvorsorgeplanung und Zugang zu Renteninformationen niedrigschwellig gestalten
Im Lichte der aktuellen rentenpolitischen Diskussionen und Reformen kommt dem Finanzwissen für die Altersvorsorge eine besondere Bedeutung zu. Hier sollten Angebote für verschiedene Bevölkerungsgruppen gezielt ausgebaut werden. Neben Finanzbildung muss der Zugang zu Renteninformationen verbessert werden. Gebündelte Informationen über Ansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge können Haushalten helfen, ihren Vorsorgestatus besser einzuschätzen und mögliche Vorsorgelücken zu erkennen (Bucher-Koenen et al., 2022). Die Digitale Rentenübersicht bildet hier eine gute Voraussetzung. Jedoch reicht die bloße Bereitstellung von Informationen nicht aus, da viele Personen diese nicht lesen oder vollständig verstehen (Haupt, 2014; Elling & Lentz, 2018). Es zeigt sich auch, dass Personen mit niedrigerem Finanzwissen, die besonders von den Angeboten profitieren könnten, solche Tools weniger oft nutzen. Hier gilt es Zugangshürden abzubauen und komplexe Informationen leichter verständlich und zielgruppenspezifisch aufzubereiten. Weitere Forschung sollte untersuchen, welche Darstellungsformen wirksam sind, wie schwer erreichbare Gruppen besser angesprochen werden können und welche Finanzbildungsangebote digitale Renteninformationen sinnvoll ergänzen.
Finanzbildung ergänzt Verbraucherpolitik
Finanzbildung und Verbraucher- und Anlegerschutz sind komplementär. Finanzmärkte und Finanzprodukte sind häufig komplex, und nicht alle Haushalte verfügen über die gleichen zeitlichen, kognitiven oder finanziellen Ressourcen, um sich umfassend zu informieren. Finanzbildung sollte daher nicht als Ersatz für Verbraucher- und Anlegerschutz verstanden werden, sondern als Ergänzung. Finanzbildung kann die Fähigkeit verbessern, Informationen einzuordnen und Entscheidungen bewusster zu treffen; sie entbindet Politik und Anbieter jedoch nicht von der Verantwortung, faire und verständliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Finanzbildungsmaßnahmen systematisch evaluieren
Kritisch für den Erfolg ist die Entwicklung von qualitätsgesicherten Angeboten. Dies umfasst sowohl deren zielgruppenspezifische, inhaltliche und didaktische Entwicklung als auch deren Unabhängigkeit. Dafür müssen Finanzbildungsangebote systematisch evaluiert werden. Nicht jedes Angebot verbessert automatisch Finanzwissen oder Finanzverhalten. Evidenzbasierte Forschung sollte daher prüfen, welche Formate wirksam sind, welche Zielgruppen erreicht werden und ob sich Finanzentscheidungen tatsächlich verbessern.
- 1 Weitere Informationen unter Deutsche Rentenversicherung – Digitale Rentenübersicht.
- 2 Weitere Informationen finden sich auf der Website der BMF-Initiative „Mit Geld und Verstand“.
- 3 Für einen Überblick über die Messung von Finanzwissen in Deutschland siehe Bucher-Koenen und Knebel (2021).
- 4 Die richtige Antwort ist kursiv gedruckt.
- 5 Die Fragen zu Zins und Inflation wurden allen 3.984 Befragten gestellt. Die Frage zur Risikodiversifikation liegt in zwei Varianten vor, auf die die Stichprobe zufällig aufgeteilt wurde. In der vorliegenden Analyse berücksichtigen wir ausschließlich die Risikodiversifikationsfrage in der Formulierung der „Big Three“ (Lusardi & Mitchell, 2011). Daher reduziert sich die Zahl der Beobachtungen für diese Frage auf 1.981.
- 6 Yakoboski et al. (2022) messen finanzielles Wohlergehen auf Grundlage von sechs Fragen, die Teil des P-Fin Index sind. Sie umfassen u. a., wie leicht oder schwer es fällt, in einem typischen Monat finanziell über die Runden zu kommen und die Fähigkeit, im Falle eines unerwarteten Bedarfs innerhalb des nächsten Monats 2.000 US-$ aufzubringen.
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Wir danken dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) für die finanzielle Unterstützung im Rahmen des Projekts „MetaFin" (Förderkennzeichen: 01BA2401B). Diese Arbeit verwendet Daten des Panels „Private Haushalte und ihre Finanzen“ (PHF) der Deutschen Bundesbank. Die veröffentlichten Ergebnisse sowie die damit verbundenen Beobachtungen und Analysen entsprechen möglicherweise nicht den Ergebnissen oder Analysen der Datenproduzenten.
Title: Financial Literacy among the Population and Challenges for Retirement Planning
Abstract: Financial literacy is becoming increasingly important in light of complex financial products, digitised financial markets, and growing personal responsibility for retirement planning and investing. This article examines the current state of financial literacy in Germany. In 2023, 2 out of 3 respondents correctly answered three basic questions about interest rates, inflation, and risk diversification. At the same time, differences emerge across socio-demographic groups: individuals with lower levels of formal education, women, older adults, and respondents in Eastern Germany exhibit lower financial literacy on average. Financial literacy is important for financial planning and decision-making, such as retirement planning, stock market participation, wealth accumulation, debt management, and financial resilience. The findings suggest that financial education in Germany should be further strengthened, tailored to specific target groups, and supplemented by consumer and investor protection as well as systematic evaluation.