Nicht selten hört und liest man, die EU-Kommission solle „Chinas unfaire Währungspolitik kontern“. Allerdings ist im Euroraum ausschließlich die Europäische Zentralbank für die Währungspolitik zuständig. Die Kommission kann handelspolitisch reagieren, aber keine eigene Währungspolitik betreiben. In der öffentlichen Debatte wird Handelspolitik häufig als Wirkungskanal einer vermeintlichen chinesischen Währungsmanipulation verstanden – eine analytische Vermischung, die zu Fehlinterpretationen führt. Der IWF konstatiert eine „Unterbewertung“ des Yuan und leitet diese aus einem überdurchschnittlich hohen chinesischen Leistungsbilanzüberschuss im Vergleich zu einem „normalen“ Leistungsbilanzniveau ab, gewonnen aus einem Regressionsmodell im Rahmen des „External Balance Assessment“ (EBA) (Rotunno & Ruta, 2024). Doch ein hoher Leistungsbilanzüberschuss ist kein eindeutiger Indikator für eine Unterbewertung des Yuan. Leistungsbilanzsalden spiegeln primär die Differenz zwischen inländischen Ersparnissen und Investitionen wider. Steigen die Ersparnisse – etwa durch ein restriktives Zinsniveau – und sinken die Investitionen, erhöht sich der Überschuss auch ohne jede Wechselkursmanipulation.
Genauere Indikatoren für eine Unterbewertung sind: politische Einflussnahme auf den Wechselkurs, systematische Fremdwährungskäufe durch die Zentralbank und ein anhaltender Aufwärtstrend der Devisenreserven. Die empirische Evidenz zeigt folgendes Bild: Chinas Devisenreserven bewegten sich zwischen Juli 2021 und Juli 2026 in einer engen Bandbreite von 3,24 bis 3,42 Billionen US-$. Der Gesamtanstieg beträgt lediglich 5,56 % über fünf Jahre – im Durchschnitt etwas mehr als 1 % pro Jahr. Die monatlichen Daten der Peoples Bank of China (PBoC) bestätigen diese Stabilität. Aus solchen Zahlen ein strategisches Interventionsmuster abzuleiten, wäre unhaltbar. Der Euro-Anteil der Reserven ist unbekannt, inoffizielle Schätzungen gehen jedoch von mindestens 20 % aus.
Auch der Wechselkurs zeigt keine Manipulationsspur: Zwischen Juli 2021 und Mai 2026 hat der Yuan gegenüber dem US-Dollar nominal um 5,57 % abgewertet – wiederum rund 1 % pro Jahr. Die PBoC hat demnach insgesamt eine moderate Aufwertung des Yuan durch Fremdwährungskäufe verhindert und eine leichte Abwertung zugelassen. Nicht mehr und nicht weniger. Von einer strategischen Wechselkurspolitik kann wohl keine Rede sein.
Die eigentliche Quelle der chinesischen Wettbewerbsfähigkeit liegt woanders: Seit etwa 2020 hat China seine Exportförderungspolitik deutlich intensiviert. Subventionen, steuerliche Exporterstattungen („VAT rebates“) und vergünstigte Faktorpreise erhöhen die internationale Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Exportsektoren systematisch. Besonders wirksam sind Upstream Subventionen, die über Lieferketteneffekte ganze Branchen preislich entlasten. Rotunno und Ruta (2024) sowie Conconi et al. (2026) zeigen, dass diese Maßnahmen die Exportmengen signifikant erhöhen und Handelsumlenkungseffekte erzeugen – zulasten kostengünstigerer Drittstaaten, wie der EU. Die Exportdynamik Chinas beruht nicht auf Währungsmanipulation, sondern auf struktureller Förderung der Exportsektoren. Ein strategisches Zusammenspiel von Währungs- und Handelspolitik gegenüber der EU ist empirisch nicht erkennbar. Was der IWF mit seiner „Unterbewertungsdiagnose“ letztlich meint, ist die systematische Unterbewertung des (der) gesamten chinesischen Exportpreissystems (Volkswirtschaft).
Für die EZB ergibt sich daraus keine Aufgabe: Sie verfolgt kein Wechselkursziel und es gibt keine Interventionen der PBoC, die zu konterkarieren wären. Die EU hingegen muss ihre Beziehungen zu China neu justieren, ohne in ein selbstschädigendes vollständiges „Decoupling“ zu geraten. Europa darf nicht länger passiver Beobachter eines sich verschiebenden globalen (Un)Gleichgewichts sein.
Eine tragfähige europäische China-Strategie sollte erstens die eigene ökonomische und technologische Verwundbarkeit reduzieren, indem kritische Lieferketten, Schlüsseltechnologien und sicherheitsrelevante Kapitalflüsse geschützt werden. Zweitens gilt es, das ökonomische Gleichgewicht mit China wiederherzustellen – China erzielte gegenüber der EU zwischen 2020 und 2025 einen steigenden Leistungsbilanzüberschuss von rund 200 Mrd. US-$ auf über 300 Mrd. US-$. Dies soll durch konsequente Anwendung handelspolitischer Instrumente und durch die Stärkung des europäischen Binnenmarkts erreicht werden. Damit setzt die EU auf europäische Selbstbehauptung, ohne internationale Zusammenarbeit preiszugeben.
Literatur
Conconi, P., Maggi, G., Sapir, A. & Vandenbussche, H. (2026). Subsidies in China: New Evidence from WTO Notifications. CEPR Discussion Paper, Nr. DP18645.
Rotunno, L. & Ruta, M. (2024). China’s Trade Surplus: Drivers and Global Implications. International Monetary Fund. IMF Working Paper, WP/24/25.