Europa befindet sich an einem Wendepunkt. Die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China hat die strategischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten Europas in kritischen Technologiebereichen deutlich gemacht. Besonders in den Sektoren Cloud-Infrastruktur, Halbleiter, Künstliche Intelligenz (KI) und Datenökosysteme ist Europa stark auf externe Anbieter angewiesen. Diese Abhängigkeiten gefährden nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die strategische Autonomie des Kontinents.
Diese großen Herausforderungen führen zu der Notwendigkeit, die technologischen Interdependenzen und Abhängigkeiten besser zu verstehen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Unser EuroStack-Modell1 bietet einen systemischen Rahmen, um diese Herausforderungen zu analysieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Es betrachtet die technologische Transformation Europas ganzheitlich und hilft, Abhängigkeiten zu identifizieren. Laut unserer Analyse sind über 80 % der kritischen digitalen Technologien in Europa von nicht-europäischen Anbietern abhängig. Besonders deutlich wird dies bei KI- und Cloud-Infrastrukturen, die von US-amerikanischen und chinesischen Unternehmen dominiert werden, sowie bei Halbleitern, deren fortschrittlichste Chips überwiegend aus Taiwan, Südkorea und den USA stammen.
Um diese Abhängigkeiten zu verringern, müssen europäische Akteure an drei zentralen Hebeln ansetzen: Wissen, Investitionen und Ökosysteme.
Der Aufbau von Wissen und Kompetenzen ist dabei der wichtigste Hebel. Europa verfügt über exzellente Forschungseinrichtungen und hochqualifizierte Arbeitskräfte; doch diese Potenziale werden nicht ausreichend genutzt. Ein gezieltes Förderprogramm, etwa ein „Tech-Erasmus-Programm“, könnte den Austausch von Fachkräften zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden fördern. Auch die staatlichen Kapazitäten sollten gestärkt werden, indem technische Expertise in Ministerien und Behörden ausgebaut wird. Offene Standards und europäische Normen sind ein weiterer Schlüssel, um Abhängigkeiten von proprietären Technologien zu reduzieren.
Der zweite Hebel betrifft die strategische Lenkung von Investitionen. Europa investiert jährlich enorme Summen in digitale Infrastrukturen, doch ein Großteil dieser Mittel fließt an nicht-europäische Anbieter. Es ist essenziell, Investitionen gezielt in die verschiedenen Schichten des Technologie-Bereichs zu lenken, um Abhängigkeiten zu verringern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Öffentliche Beschaffung kann als Hebel genutzt werden, indem ein „Buy European Act“ sicherstellt, dass europäische Behörden und Unternehmen bei kritischen Technologien bevorzugt europäische Lösungen einsetzen. Strategische Investitionen in Schlüsseltechnologien wie die geplante EU-Chip-Allianz sind ein Schritt in die richtige Richtung. Ein europäischer Souveränitätsfonds könnte gezielt in Open-Source-Projekte, Cybersicherheit und kritische Hardware investieren. Die französisch-deutsche Initiative für souveräne KI-Infrastrukturen zeigt, wie gezielte Investitionen in europäische Rechenzentren und KI-Modelle Abhängigkeiten verringern können. Gleichzeitig darf man aber bereits existierende regulatorische Hebel in Europa nicht zu sehr verwässern, da sie derzeit die einzigen Mechaniken sind (Digital Services Act und Digital Markets Act), die BigTech in die Schranken weisen können.
Der dritte Hebel ist die Schaffung integrierter Ökosysteme. Europas größtes Hindernis ist nicht der Mangel an Innovation, sondern die Zersplitterung seiner Märkte und Akteure. Unser EuroStack-Modell betont die Bedeutung von Ökosystemen, die über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Eine europäische Datenstrategie sollte den Zugang zu industriellen und öffentlichen Daten erleichtern. Auch eine europäische Tech-Diplomatie, die in internationalen Standardisierungsgremien eine gemeinsame Linie vertritt, ist essenziell.
Fazit: Europa wird nicht über Nacht technologisch selbstbestimmt werden. Es geht vielmehr darum, durch gezielte Investitionen, den Aufbau von Wissen und die Schaffung integrierter Ökosysteme die Abhängigkeiten schrittweise zu verringern. Wenn Brüssel und Berlin jetzt handeln, kann Europa nicht nur seine Abhängigkeiten verringern, sondern auch zum globalen Gestalter einer wertebasierten, souveränen Digitalwirtschaft werden.
- 1 EuroStack ist eine industrie- und technologiepolitische Initiative der Bertelsmann Stiftung (in Kooperation mit dem Centre for European Policy Studies (CEPS) sowie weiteren Partnern) mit dem Ziel, die digitale Souveränität Europas zu stärken (Bria et al., 2025).
Literatur
Bria, F., Timmers, P. & Gernone, F. (2025, 13. Februar). EuroStack – A European Alternative for Digital Sovereignty. Bertelsmann Stiftung.