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Dieser Beitrag ist Teil von Zehn Jahre „Wir schaffen das“: Bilanz und Ausblick deutscher Migrationspolitik

Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist auf eine anhaltende und substanzielle Zuwanderung angewiesen. Dennoch gibt es eine zunehmend politische Abwehr- und Abschottungs­rhetorik, insbesondere in Bezug auf Flucht­migration. Ein Forschungs­projekt beleuchtet, wie das Narrativ der Migration als Lösung demo­grafischer Heraus­forderungen in unterschiedlichen Bevölkerungs­gruppen verfängt. Das Projekt entwickelt fünf konkrete Bausteine für eine evidenz­basierte und zukunfts­orientierte Kommunikation über Migration jenseits der Verwertungs­logik. Die Ergebnisse können der Politik helfen, evidenzbasiert und zukunfts­orientiert über das ökonomisch Notwendige zu sprechen.

Entgegen den Eindrücken, die politische Diskussionen und mediale Berichterstattung zuweilen vermitteln, sind die Einstellungen in der Bevölkerung gegenüber Migration differenziert (z. B. Wieland, 2024; Mason-Sucher, 2025). Eine Minderheit der Bevölkerung lehnt eine Integration von Geflüchteten ab. Eine Mehrheit spricht sich für eine schnelle Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt aus. Im Bereich der Arbeitsmigration besteht eine stabile und hohe Zustimmung für diese Migrationsform (Wieland, 2024). Gleichsam ist die Skepsis gegenüber Akteuren der Migrationspolitik auf deutscher und europäischer Ebene ausgeprägt (Mason-Sucher, 2025) und neben einem Wunsch nach Steuerung mit unterschiedlichen Sorgen der Bevölkerung verknüpft, beispielsweise um bezahlbaren Wohnraum, einen fairen Zugang zu Sozialsystemen und als zunehmend ausgeschöpft wahrgenommene Aufnahmekapazitäten (Wieland, 2024).

Unabhängig von unterschiedlichen Formen der Neuzuwanderung stellt allein die demografische Zusammensetzung unserer pluralen und diversen Gesellschaft Anforderungen an eine differenzierte Kommunikation über „Migration“, da es der Realität in aller Regel nicht gerecht wird, pauschalisierend über „Migrant:innen“, „Deutsche“, oder „Geflüchtete“ zu sprechen. Auch ist bekannt, dass es wichtig ist, wie über Migration gesprochen wird (z. B. Dennison, 2022): Im Zusammenhang mit der Fluchtzuwanderung um das Jahr 2015 etwa haben verschiedene Arbeiten gezeigt, dass soziale Medien und die Art der medialen Auseinandersetzung zu gewaltsamen Übergriffen gegenüber Geflüchteten beigetragen haben (Müller & Schwarz, 2021; Dancygier et al., 2022). Andere Autoren haben herausgearbeitet, dass das Ausmaß medialer Berichterstattung über Einwanderung mit stärkeren Sorgen über Zuwanderung einhergeht (Czymara & Dochow, 2018).

Parallel zu einer zunehmenden politischen Abwehr- und Abschottungsrhetorik in Bezug auf Fluchtmigration steht außer Frage, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland auf eine anhaltende und substanzielle Zuwanderung angewiesen ist. In diesem Zusammenhang wurde politisch versucht, durch – wissenschaftlich gesehen eher vorsichtige (Palop-García et al., 2023) – Änderungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes Impulse zu setzen. Dieser Zwiespalt zwischen vermeintlich „gezielter“ Abwehr und Anwerbung verdeutlicht einerseits, wie wenig ganzheitlich Migrationspolitik gegenwärtig ausgestaltet wird und andererseits die Rolle von wahrgenommener „Verdientheit“ (deservingness frames) und wirtschaftlichen Verwertungslogiken. Dabei ist das Konzept einer „menschenrechtskonformen Abschreckungspolitik“, welche die Europäische Union im Zusammenhang mit den Reformen des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems unterstellt, genauso wenig überzeugend, wie die Vorstellung, dass die Debatten um die (Nicht)Erwünschtheit bestimmter Einwanderungsgruppen keine breiteren Signale der Ablehnung ausstrahlen. So gibt es Hinweise darauf, dass insbesondere von rassistischen Stereotypen betroffene Menschen und Menschen mit Migrationsbiografien angesichts solcher Tendenzen hinterfragen, welche Zukunftsperspektiven sie in Deutschland haben (Zajak et al., 2024).

In dieser Ausgangslage ist gemeinsam mit Kolleg:innen ein Projekt entstanden, bei dem wir uns damit beschäftigt haben, wie unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung – insbesondere Personen mit diversen Migrationsbiografien – das Narrativ aufnehmen, welches Migration als die Lösung des demografischen Wandels präsentiert und was wir daraus für eine evidenzbasierte und zukunftsorientierte Kommunikation zum Thema Migration lernen können. Die nachfolgenden Ergebnisse sind dem Projektreport „Jenseits der Verwertungslogik“ (Christinck et al., 2025) entnommen und in Teilen mit Unterstützung von KI zusammengefasst.1

Die Studie

Der demografische Wandel bringt in Deutschland erhebliche arbeits- und sozialpolitische Probleme mit sich. Zunehmend wird die Zuwanderung von Arbeitskräften als wesentlicher Ansatz gesehen, um sowohl der Alterung der Gesellschaft als auch dem Arbeits- und Fachkräftemangel zu begegnen. Allerdings finden die Perspektiven von Migrant:innen – also jener Gruppe, die als „Lösung“ präsentiert wird – in öffentlichen Diskursen und in der wissenschaftlichen Forschung bisher wenig Beachtung. Genau an dieser Stelle setzt die Studie an.

Migrationsdiskurse in Deutschland und darüber hinaus sind von überspitzten und pauschalisierenden Narrativen geprägt, die dazu dienen, die komplexen Ursachen und Folgen von Migration selektiv und vereinfachend darzustellen und in Wirkzusammenhänge zu bringen, die empirischer Evidenz jedoch nicht standhalten. Narrative werden in der wissenschaftlichen Literatur gleichsam zu wichtigen Indikatoren für die öffentliche Haltung und das Verhalten in Bezug auf Migration gezählt, auch weil sie normative Ansprüche und entsprechende Handlungsansätze oft mittransportieren (Boswell et al., 2011; Dennison, 2021).

Die Forschung identifiziert gegenwärtig vier vorherrschende Migrationsnarrative (de Haas, 2024): 1. Massenmigrationsnarrativ (Migration nimmt stark zu und ist außer Kontrolle geraten), 2. Migration als Bedrohung (Migration als eine Gefahr für Sicherheit, Arbeitsplätze und den Wohlfahrtstaat), 3. humanitäres Narrativ (Migrant:innen als hilflose Opfer ihrer Umstände) und 4.  utilitaristisches Narrativ (Migration als Lösung für Fachkräftemangel, ökonomische Stagnation und Bevölkerungsrückgang). Letzteres Narrativ wird mit dem demografischen Wandel in Verbindung gebracht.

In Deutschland treten dem demografischen Wandel zugeschriebene Arbeitskräfteengpässe vor allem in spezifischen Branchen und Regionen auf. Personen mit Migrationsbiografien nehmen in diesen Bereichen bereits heute – und auch in Zukunft – eine zentrale Funktion ein (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration & Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus, 2025; Schneemann et al., 2025). Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass aktuelle Migrationsbewegungen allein für eine Aufrechterhaltung des Arbeitskräfteangebots bei Weitem nicht ausreichen (Hellwagner et al., 2023), sodass die Erwartungen an ein starkes Abfedern demografischer Trends mindestens deutlich überhöht sind.

Um zum einen die Wahrnehmung dieses utilitaristischen Narrativs zu untersuchen und es zum anderen mit unterschiedlichen Akteuren dialogisch weiterzuentwickeln, wurden in dem Forschungsprojekt zwischen Oktober 2024 und März 2025 elf Stakeholder-Gespräche sowie zehn Fokusgruppen mit über 80 Teilnehmenden und ein Ergebnisworkshop durchgeführt. Die Fokusgruppen, die den Kern der Untersuchung bilden, umfassten Menschen mit und ohne Migrationsbiografie verschiedener Herkünfte und Generationen: Kinder von Angeworbenen, ukrainische und syrische Geflüchtete, internationale Studierende, Afrodeutsche, Erwerbsmigrant:innen sowie ältere Personen und junge Männer ohne Migrationsbiografie.

Zentrale Befunde

Die Stakeholdergespräche mit Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, darunter Gewerkschaften, Verwaltungen, Unternehmen, migrantische Selbstorganisationen und Medienschaffende bestätigen zunächst die Verbreitung der genannten dominanten Migrationsnarrative. Gleichzeitig nehmen die befragten Akteure eine starke negative Verschiebung von Migrationsdiskursen in den vergangenen Jahren wahr. Besonders Interviewte migrantischer Organisationen kritisieren zudem die oft binäre Trennung zwischen einer „deutschen Dominanzgesellschaft“ auf der einen und Menschen mit Migrationsbiografie beziehungsweise als migrantisch wahrgenommenen Personen auf der anderen Seite.

Um in den Fokusgruppen eine Diskussionsgrundlage dafür zu schaffen, das utilitaristische Narrativ zu reflektieren, wurde den Teilnehmenden eine sogenannte „Vignette“ vorgelegt, die das Narrativ verkörperte: Eine Pressemitteilung, dass Deutschland aufgrund der alternden Gesellschaft Arbeitskräfte brauche und das ökonomische Potenzial von Migrant:innen besser ausschöpfen wolle. Die Teilnehmenden diskutierten ihre Reaktionen und entwickelten anschließend alternative Narrative, sofern sie den Bedarf für Anpassungen sahen.

Die Fokusgruppen nahmen das migrationsbejahende Narrativ ambivalent und überwiegend kritisch auf, da es Migrant:innen auf ihren ökonomischen Nutzen reduziert und etwa Personen ausschließt, die weniger zum gesellschaftlichen Wohlstand beitragen können. Insbesondere Teilnehmende, die selbst zu Erwerbs- oder Bildungszwecken nach Deutschland kamen, verknüpfen mit diesem Narrativ jedoch auch Chancen. Insgesamt fordern Teilnehmende eine differenziertere und realistischere Darstellung von Einwanderungsprozessen, um strukturelle Barrieren der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe sichtbarer zu machen. Zudem plädieren sie für die Ergänzung des Narrativs um gemeinsame Werte wie gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass über Migration unterschiedliche gesellschaftliche Themen ausgehandelt werden, was auch bestehende Forschung unterstreicht (Foroutan, 2019). Hierzu zählen etwa die Themen Zugehörigkeit, Identität und soziale Gerechtigkeit.

Kritik an der Verwertungslogik und strukturelle Barrieren

In sämtlichen Fokusgruppen wurde die ökonomische Verwertungslogik kritisch hinterfragt. Für die Kinder und Enkel von Personen, die über Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen, stand etwa im Fokus, dass Migrant:innen dabei auf ihre Arbeitskraft reduziert würden, wodurch sie sich dehumanisiert fühlten. Arbeits- und Bildungsmigrant:innen sowie Menschen ohne Migrationsbiografie lehnten das Narrativ weniger fundamental ab.

Zentrale Kritik galt der realitätsfernen Darstellung einer barrierefreien Ankunft, die sich für die Teilnehmenden aus dem Auslassen entsprechender Barrieren in dem Narrativ ergibt. Teilnehmende verwiesen in diesem Zusammengang auf vielfältige strukturelle Hürden. Beim Arbeitsmarktzugang wurden etwa eine fehlende Arbeitserlaubnis, mangelnde Anerkennung von Qualifikationen und Hie­rarchisierung von Berufen als Hauptbarrieren benannt. Sprachbarrieren werden durch mangelnden Zugang zu Kursen verstärkt, wobei Arbeitgebende oft auf als unnötig wahrgenommene, sehr gute Deutschkenntnisse bereits bei Jobantritt bestehen würden. Auch Diskriminierung wurde in fast allen Gruppen thematisiert, besonders präsent bei Afrodeutschen und Kindern von Angeworbenen. Weitere Barrieren umfassten Wohnungsmarktzugang, Bürokratie und unsichere Aufenthaltstitel.

Forderung nach geteilten gesellschaftlichen Werten und Zielen

Im Zusammenhang mit der gemeinsamen Weiterentwicklung des Narrativs war auffällig, dass alle Fokusgruppen alternative Narrative jenseits reiner Wirtschaftlichkeit entwickelten und meist übergeordnete gesellschaftliche Werte und Ziele ergänzten. Zusammenhalt und Gemeinschaft standen für die Teilnehmenden dabei im Fokus, wenngleich diese Themen nicht näher konkretisiert wurden.

In fast allen Fokusgruppen wurde die gesellschaftliche Teilhabe als wesentliche Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft hervorgehoben. Besondere Bedeutung kamen dabei praktischen Maßnahmen wie der Reduzierung bürokratischer Hürden durch digitale Lösungen und einem erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt zu. Auch eine gemeinsame Sprache, ein einfacherer Zugang zu Sprachkursen, Gesundheitsversorgung, Bildungsgerechtigkeit und Unterstützung bei der Wohnungssuche wurden in allen Gruppen, als wichtige Instrumente zur Förderung sozialer Teilhabe angesehen. In diesem Zusammenhang sahen die Teilnehmenden den Staat klar in der Verantwortung, sozialstaatliche Maßnahmen zu ergreifen. Es wurde deutlich, dass diese Anliegen nicht nur Neuzugewanderte oder Menschen mit Migrationsbiografien betreffen, sondern die gesamte Gesellschaft. Gleichsam wurde „Integration“ mehrheitlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden.

Unterschiede zwischen den Fokusgruppen deuteten sich etwa in Bezug auf die Frage an, inwiefern Teilnehmende ausschließlich auf die in Deutschland lebende Bevölkerung fokussieren beziehungsweise wie kritisch sie einer weiteren Neuzuwanderung gegenüberstehen. Einstellungen gegenüber migrationsbedingter Diversität fächerten sich dabei entlang des Spektrums eines „passiven Hinnehmens“ (da wirtschaftlich notwendig) und aktiver Wertschätzung auf. Auch in Bezug auf Mittel und Werkzeuge zur Förderung sozialer Teilhabe zeigten sich unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. So thematisierten migrantische Gruppen vor allem die Rolle von Chancengerechtigkeit und den Abbau von Barrieren während nicht migrantische Teilnehmende eher den wirtschaftlichen Beitrag von Einwanderung betonten. Ungeachtet der unterschiedlichen Reflektionen und vorgenommenen Anpassungen des utilitaristischen Migrationsnarrativs lassen sich einige übergreifende Schlussfolgerungen ziehen im Hinblick auf unterschiedliche Perspektiven und auf zukunftsorientierte Kommunikationsstrategien.

Unterschiedliche Perspektiven nach Migrationserfahrung

Nicht-migrantische Teilnehmende behielten das ursprüngliche Narrativ (demografischer Wandel, wirtschaftlicher Nutzen) größtenteils bei, fügten aber gesellschaftlichen Zusammenhalt hinzu und forderten eine verschärfte Selektion von Neuzuwandernden. Migrantische Gruppen veränderten das Narrativ stärker. Mehrere Gruppen stellten die Selektion von Migrant:innen grundlegend infrage. Vor allem Erwerbsmigrant:innen und internationale Studierende sprachen sich aktiv für die Rekrutierung von Arbeitskräften aus. Alle migrantischen Gruppen forderten in ihren weiterentwickelten Narrativen die Überwindung von Diskriminierung.

Fünf Bausteine für evidenzbasierte und zukunftsorientierte Migrationsnarrative

1. Demografischen Wandel greifbar machen

Im Zusammenhang mit Herausforderungen des demografischen Wandels zeigt sich, dass das Thema zwar bekannt ist, jedoch zu abstrakt bleibt, um die Dringlichkeit des Themas zu erfassen und mit konkreten Lebensrealitäten der Teilnehmenden zu verknüpfen. Das geht sowohl aus den Fokusgruppen als auch aus den Stakeholdergesprächen hervor.

Empfehlung: Die Kommunikation sollte sich nicht auf das abstrakte Konzept des demografischen Wandels beschränken, sondern konkrete erlebbare Herausforderungen benennen, die an die Lebensrealitäten der Adressat:innen anschließen.

2. Vielfalt migrantischer Lebenswelten sichtbar machen

Dominante Narrative homogenisieren Menschen mit Migrationsbiografie. Unsere Analysen verdeutlichen, dass unterschiedliche Gruppen in Bezug auf das grundsätzlich migrationsbejahende utilitaristische Narrativ verschiedene Erfahrungen, Bedürfnisse und Wünsche haben. Ukrainische Geflüchtete beispielsweise betonen andere Barrieren als Kinder von Angeworbenen oder internationale Studierende.

Empfehlung: Statt über „die Migrant:innen“ zu sprechen, sollten spezifische Gruppen und ihre jeweiligen Erfahrungen konkret adressiert werden. Das erfordert die Einbindung und Anerkennung unterschiedlicher migrantischer Perspektiven.

3. Strukturelle Barrieren in der Kommunikation zu Migration thematisieren

Das Bild barrierefreier Teilhabe entspricht nicht der Lebenserfahrung migrantisch besetzter Fokusgruppen und wird als realitätsfern kritisiert.

Empfehlung: Strukturelle Barrieren – wie hier der Arbeitsmarktintegration – sollten klar benannt werden. Dazu gehören beispielsweise Diskriminierung, die erschwerte Anerkennung von Abschlüssen, bürokratische Hürden. Die Benennung von Hürden schafft Klarheit und ist Voraussetzung für deren Abbau.

4. Demografisches Migrationsnarrativ mit positiver, anschlussfähiger Zukunftsvision verknüpfen

Einem Narrativ, das ausschließlich auf die Bewältigung des demografischen Wandels und den Nutzen für die Wirtschaft fokussiert, begegnen alle Fokusgruppen kritisch. Sie formulierten Narrative mit gemeinsamen gesellschaftlichen Zielen und Werten.

Empfehlung: Eine gesellschaftliche Zukunftsvision, die sich auf verbindende Werte und positive Emotionen stützt, hat das Potenzial, Differenzen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu überbrücken. Zukunftsorientierte Kommunikation über Migration erfordert einen Perspektivwechsel: Statt unterschiedliche Formen der Migration nur anhand der wirtschaftlichen Nützlichkeit zu betrachten, sollten sie als normaler Teil einer pluralen Gesellschaft anerkannt werden.

5. Räume des Austauschs und der Reflexion schaffen

In den Fokusgruppen kam es zu einem strukturierten Austausch verschiedener Perspektiven und Erfahrungen. Mechanismen der Ausgrenzung, etwa entlang rassistischer Stereotype, wurden so im Dialog sichtbar und konnten gemeinsam ein Stück weit reflektiert werden, was in Teilen als bereichernd beschrieben wurde.

Empfehlung: Es ist ratsam, gezielt Räume für Austausch und Reflexion zu schaffen, vor allem auf lokaler Ebene – für den Dialog zwischen unterschiedlichen Personen sowie als geschützte Räume für diejenigen, die Diskriminierung erleben. Organisationen, die Antidiskriminierungsarbeit leisten, spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine Kommunikation über Migration, die Diskriminierungssensibilität und Selbstreflexion fördert, kann diesen Prozess unterstützen.

Implikationen für Politik und Praxis

Narrative und Kommunikationsstrategien beeinflussen die Wahrnehmung von Migration sowie politische Entscheidungen und das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Studie verdeutlicht, dass undifferenzierte Narrative, die Migration nur als Problem oder Lösung darstellen und migrantische Perspektiven ausblenden, weder evidenzbasiert noch tragfähig sind. Die Studie bietet konkrete Impulse für eine zukunftsorientierte, evidenzbasierte Kommunikation an der Schnittstelle zwischen Migration und den Herausforderungen des demografischen Wandels.

  • 1 Für alle nachfolgenden Ergebnisse ist daher auf Christinck et al. (2025) zu verweisen.

Literatur

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Inte­gration & Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus (Hrsg.). (2025). 14. Integrationsbericht – Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft – Ein wissenschaftsbasierter und indikatorengestützter Lagebericht zum Stand der Integration in Deutschland (2. Auflage). Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) e. V.

Boswell, C., Geddes, A. & Scholten, P. (2011). The Role of Narratives in Migration Policy-Making: A Research Framework. The British Journal of Politics and International Relations, 13(1), 1–11.

Christinck, L., Diekmann, M., Engler, M., Palop-García, P., Rischke, R. & Yanaşmayan, Z. (2025). Jenseits der Verwertungslogik? Narrative zu Fachkräftemigration und demografischem Wandel. DeZIM Policy Papers, 03/25.

Czymara, C. S. & Dochow, S. (2018). Mass Media and Concerns about Immigration in Germany in the 21st Century: Individual-Level Evidence over 15 Years. European Sociological Review, 34(4), 381–401.

Dancygier, R., Egami, N., Jamal, A. & Rischke, R. (2022). Hate Crimes and Gender Imbalances: Fears over Mate Competition and Violence against Refugees. American Journal of Political Science, 66(2), 501–515.

de Haas, H. (2024). Changing the Migration Narrative: On the power of Discourse, Propaganda and Truth Distortion. PACES project Working Paper, 3.

Dennison, J. (2021). Narratives: a review of concepts, determinants, effects, and uses in migration research. Comparative Migration Studies, 9(50).

Dennison, J. (2022). A review of experimental evidence of how communication affects attitudes to immigration. Comparative Migration Studies, 10(35).

Foroutan, N. (2019). Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. transcript Verlag.

Hellwagner, T., Söhnlein, D. & Weber, E. (2023). Modeling migration dynamics in stochastic labor supply forecasting. IAB-Discussion Paper, 5. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Mason-Sucher, B. (2025). Konstruktiv darüber reden: Fünf Fragen für zukunftsfähige Einwanderungsdebatten. More in Common.

Müller, K. & Schwarz, C. (2021). Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime. Journal of the European Economic Association, 19(4), 2131–2167.

Palop-García, P., Yanaşmayan, Z., Engler, M. & Rischke, R. (2023). Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung des Deutschen Bundestages zum Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung. Ausschussdrucksache 20(4)219J. Deutscher Bundestag.

Schneemann, C., Bernardt, F., Kalinowski, M., Maier, T., Zika, G. & Wolter, M. I. (2025). Auswirkungen des Strukturwandels auf die Arbeitsmarktregionen und Bundesländer in der langen Frist – Qualifikations- und Berufsprojektion bis 2040 (Forschungsbericht 3). Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Wieland, U. (2024). Willkommenskultur in Krisenzeiten: Wahrnehmungen und Einstellungen der Bevölkerung zu Migration und Integration in Deutschland.

Zajak, S., Best, F., Pickel, G., Quent, M., Römer, F., Steinhilper, E. & Zick, A. (2024). Ablehnung, Angst und Abwanderungspläne. Die gesellschaftlichen Folgen des Aufstiegs der AfD. DeZIM Data.insights, Nr. 14.

Title:Germany as a business location needs migration narratives that go beyond the logic of exploitation

Abstract:This article presents a study that examines the reaction of various social groups to the utilitarian migration narrative, which views migration as the solution to problems of demographic change. Based on 10 focus groups with over 80 participants, the study shows that the narrative is received with ambivalence, as it reduces migrants to their economic utility and ignores structural barriers, such as those hindering their labour market access. People are calling for more nuanced narratives and a connection to shared values. The study develops five concrete building blocks for an evidence-based and future-oriented communication that takes migrant perspectives into account.

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© Der/die Autor:in 2025

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Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.

DOI: 10.2478/wd-2025-0164