Geoökonomische Restriktionen werden zunehmend eingesetzt, um den Zugang von Rivalen zu Märkten, Technologien und kritischen Inputs zu erschweren. Gleichzeitig verändern solche Maßnahmen aber auch die Anreize in der betroffenen Volkswirtschaft. Sie können neue Märkte für heimische Alternativen schaffen, die Erträge aus Innovationen erhöhen, industriepolitische Unterstützung auslösen und Talente stärker auf strategische Engpässe lenken. Dieser Beitrag entwickelt das Konzept der defensiven Innovation und greift die Ergebnisse von Bao et al. (2025) auf. Die Studie zeigt, dass der Technologie-Konflikt zwischen den USA und China die chinesische Arbeitsnachfrage und die Hochschulzulassung stärker in Richtung F&E-intensiver Tätigkeiten und MINT-Fächer verschoben hat. Die wirtschaftspolitische Lehre daraus ist nicht, dass Restriktionen zwangsläufig scheitern, sondern dass sich ihre langfristige Wirksamkeit nicht allein aus den kurzfristigen Störungen ableiten lässt, die sie verursachen.
Die internationale Wirtschaftsordnung ist zunehmend von geopolitischer Rivalität geprägt. Zölle, handelspolitische Schutzmaßnahmen, Exportkontrollen, Sanktionen, Entity Lists, Investitionsprüfungen, extraterritoriale Regeln und Beschränkungen des Technologietransfers dienen längst nicht mehr nur klassischen handelspolitischen Zielen. Sie sind vielmehr zu Instrumenten wirtschaftlicher Machtpolitik geworden. Während traditioneller Protektionismus vor allem heimische Produzenten vor ausländischer Konkurrenz schützen soll, können geoökonomische Maßnahmen ein weitergehendes Ziel verfolgen: die künftigen wirtschaftlichen und technologischen Fähigkeiten eines anderen Landes zu beeinflussen, indem dessen Zugang zu Märkten, fortschrittlichen Technologien, kritischen Inputs und spezialisierter Ausrüstung eingeschränkt wird. Wir bezeichnen solche Maßnahmen als geoökonomische Restriktionen.
Die Logik dieser Maßnahmen ist zunächst einleuchtend: Wird der Zugang heute begrenzt, soll das Zielland morgen geschwächt werden. Das Zielland reagiert jedoch aktiv auf diesen Druck. Fällt ein etablierter Lieferant aus oder wird die Nutzung des benötigten Inputs riskanter, so steigt der Anreiz, heimische Alternativen zu entwickeln. Kunden im Zielland können gezwungen sein, Produkte zu erproben, die zuvor als zu teuer, technologisch unterlegen oder zu unsicher galten. Gleichzeitig machen Restriktionen bestehende Importabhängigkeiten sichtbar und können technologische Engpässe ins Zentrum der Industriepolitik rücken. Unternehmen richten ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E-Aktivitäten) neu aus, Regierungen konzentrieren ihre Unterstützung stärker auf betroffene Technologien, und Kapital sowie Talente fließen in Bereiche, die plötzlich strategisch an Bedeutung gewinnen. Diese Reaktion bezeichnen wir als defensive Innovation: Innovation und Investitionen in technologische Fähigkeiten, die durch die drohende oder tatsächliche Beschränkung des Zugangs zu strategisch wichtigen Märkten, Technologien oder Inputs ausgelöst werden. Geoökonomische Restriktionen können erhebliche kurzfristige Kosten verursachen und zugleich Anreize schaffen, genau jene Abhängigkeiten zu verringern, auf denen ihre Wirksamkeit beruht. Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet daher nicht, ob Restriktionen grundsätzlich wirken oder grundsätzlich nach hinten losgehen. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen sie bestehende Abhängigkeiten aufrechterhalten – und wann sie stattdessen die Entwicklung eines neuen Wettbewerbers beschleunigen.
Die Backfire Zone
Abbildung 1 veranschaulicht dieses dynamische Problem anhand des technologischen Ausgangsniveaus der betroffenen Branche im Zielland. Die horizontale Achse zeigt das Ausgangsniveau relativ zum technologischen Stand, die vertikale Achse den langfristigen Effekt der Restriktion gegenüber einer Entwicklung ohne Restriktion. Ein negativer Wert bedeutet eine dauerhafte Schwächung, ein positiver Wert zusätzlichen technologischen Fähigkeitsaufbau; ein Wert nahe Null zeigt nur geringe langfristige Veränderungen. Entscheidend sind dabei nicht Produktion oder Investitionen allein, sondern dauerhafte Verbesserungen bei Produktivität, Kosten, Qualität, Zuverlässigkeit, technologischer Eigenständigkeit, geringerer Abhängigkeit vom beschränkten Input und Wettbewerbsfähigkeit auf Drittmärkten.
Abbildung 1
Die Backfire Zone

Quelle: eigene Darstellung.
Ist das technologische Ausgangsniveau des Ziellandes gering, so lässt sich die durch die Restriktion fehlende Komponente nur schwer ersetzen. Es fehlen etwa Wissen, Zulieferer, Produktionserfahrung oder spezialisierte Fachkräfte; für eine erfolgreiche Substitution ist es zu früh und es kommt zum Zusammenbruch oder zu dauerhafter Abhängigkeit der Industrie des Ziellandes. Bei mittlerem Niveau existieren bereits grundsätzlich funktionsfähige Alternativen, die aber teurer, weniger zuverlässig oder noch nicht ausreichend im Markt erprobt sind. Restriktionen können dann Kunden, F&E und politische Unterstützung auf diese Anbieter umlenken und dadurch Lernen, Validierung und technologisches Aufholen beschleunigen. Bei hohem Ausgangsniveau bestehen bereits leistungsfähige Substitute, und die Abhängigkeit ist gering; zusätzliche Restriktionen entfalten daher wenig Wirkung. Für eine wirksame Eindämmung ist es zu spät. Der Zusammenhang ist somit nicht monoton und bedeutet ausdrücklich nicht, dass Restriktionen zwangsläufig nach hinten losgehen. Der Kanal der defensiven Innovation wirkt aber vor allem in der Backfire-Zone und ist der zentrale Mechanismus, der technologisches Aufholen nach der Einführung einer Restriktion erklären kann.
Ein konkretes Beispiel findet sich in der Literatur zu industriellem Lernen und temporärem Schutz heimischer Industrien. Juhász (2018) zeigt, dass stärker vor britischer Konkurrenz geschützte Regionen des französischen Kaiserreichs während der napoleonischen Blockade die mechanisierte Baumwollspinnerei stärker ausbauten und dass Teile dieses Effekts auch nach dem Ende der Blockade fortbestanden. Moderne Exportkontrollen unterscheiden sich zwar von klassischen Schutzmaßnahmen für junge Industrien, doch die wirtschaftliche Logik ist ähnlich: Kunden, Produktionserfahrung und Markterprobung können die langfristige technologische Entwicklung beeinflussen. Bei geoökonomischen Restriktionen kann dieses Marktfenster für einen aufstrebenden Wettbewerber teilweise durch das Ausland selbst entstehen.
Fünf Kanäle defensiver Innovation
Konkret wirkt defensive Innovation durch fünf unterschiedliche Kanäle:
- Renditen, geschaffen durch künstliche Knappheit schaffen Markteintrittsanreize. Ein heimischer Anbieter kann kommerziell tragfähig werden, wenn ein überlegenes ausländisches Produkt nicht mehr verfügbar, teurer oder politisch riskanter ist. Die Restriktion macht das Substitut nicht unmittelbar besser, erhöht aber die Rendite von Markteintritt, Produktion und technologischer Weiterentwicklung. Ob daraus dauerhafte Fähigkeiten entstehen, hängt von den folgenden Kanälen ab.
- Die Umlenkung der Nachfrage ermöglicht Lernen und Validierung. Neue Anbieter müssen Zuverlässigkeit im praktischen Einsatz beweisen, erhalten ohne Erfolgsbilanz jedoch kaum Kunden. Wir nennen dies eine Kundenvalidierungsfalle. Beschränkungen können Kunden dazu zwingen, Alternativen zu testen. Reale Aufträge schaffen Produktionserfahrung, technisches Feedback, Zuverlässigkeitstests und Reputation – Faktoren, die sich durch Subventionen allein nur schwer ersetzen lassen.
- Knappheit erhöht die Rendite von Innovation. Wird der Import einer Technologie unsicher, steigt der Wert einer heimischen Lösung für den fehlenden Technologiebaustein. Dadurch können F&E-Aktivitäten zunehmen, selbst wenn betroffene Unternehmen zugleich Einbußen bei Verkäufen, Inputs oder ihrer aktuellen Produktivität erleiden.
- Politische Aufmerksamkeit mobilisiert Industriepolitik. Restriktionen machen Abhängigkeiten und Engpässe sichtbar und können steuerliche Unterstützung, Kredite, öffentliche Beschaffung, F&E, Infrastruktur sowie den Aufbau heimischer Zulieferer auslösen. Zugleich zeigen sie, wo Substitution besonders schwierig ist und welche Unternehmen einer Lösung am nächsten sind. Dies kann knappe öffentliche Ressourcen gezielter lenken, garantiert aber keinen Erfolg: Geschützte Kapazitäten können wachsen, ohne dass Produktivität, Qualität oder technologische Autonomie zunehmen.
- Talente verlagern sich zu strategisch wichtigen Technologien. Technologische Fähigkeiten hängen auch von Ingenieuren, Wissenschaftlern und spezialisierten Fachkräften ab. Die Literatur zur Talentallokation betont die Bedeutung der Verteilung von Humankapital für Wachstum (Murphy et al., 1991); Engpass-Komplementaritäten zeigen, dass eine einzelne fehlende Fähigkeit komplexe Produktionssysteme begrenzen kann (Kremer, 1993). Steigen Löhne, offene Stellen und Forschungsmöglichkeiten in betroffenen Branchen, so können Ingenieure und Erfinder dorthin wechseln, Studierende ihre Studienwahl anpassen und Hochschulen Programme ausweiten. Humankapital kann damit zum entscheidenden Faktor für dauerhaften technologischen Fortschritt werden. Da sich Bildung langsamer anpasst als Produktion oder Handel, kann dieser Effekt länger anhalten als die Restriktion selbst.
Daraus ergibt sich in den betroffenen Bereichen folgende dynamische Sequenz: geoökonomische Restriktion → defensive Innovation → erhöhte Arbeitsnachfrage → Anstieg in Löhnen und offenen Stellen → erhöhte Mobilität von Arbeitskräften und Erfindern → Studienentscheidungen und Hochschulkapazitäten → künftige technologische Fähigkeiten.
Was die innovationsökonomische Forschung zeigt
Aktuelle Studien zeigen, dass geoökonomischer Druck sowohl Humankapital als auch Innovation beeinflussen kann. Flynn et al. (2024) dokumentieren im Zuge der Spannungen zwischen den USA und China eine geringere Mobilität von Nachwuchsforschenden, einen schwächeren grenzüberschreitenden Wissensaustausch sowie Produktivitätsverluste von 8 % bis 11 % bei in den USA tätigen Forschenden chinesischer Herkunft. Der eingeschränkte Zugang zu Kooperationspartnern und Wissensnetzwerken kann also erhebliche Kosten verursachen. Andere Arbeiten zeigen zugleich Anpassungsreaktionen in der Industrie. Huang et al. (2024) stellen fest, dass von US-Antidumpingmaßnahmen betroffene chinesische Exporteure ihre Patentaktivität steigerten. Liu et al. (2025) zeigen, dass Sanktionen über die US Entity List die Abwanderung von Erfindern aus betroffenen Unternehmen erhöhten und dadurch Wissen auf nicht sanktionierte Firmen überging. Chen et al. (2026) dokumentieren schließlich, dass staatliches Risikokapital Finanzierungslücken bei zollbelasteten Hightech-Start-ups teilweise ausglich und deren Patentaktivität unterstützte.
Geoökonomischer Druck und die Allokation von Talenten
Bao et al. (2026) untersuchen einen Teil dieser Anpassung, der in Studien auf Unternehmensebene häufig unberücksichtigt bleibt: die Frage, ob technologische Rivalität auch das künftige Angebot an spezialisierten Fachkräften verändert. Dafür nutzen sie Daten aus Chinas zentraler Hochschulaufnahmeprüfung, dem Gaokao. Der Datensatz umfasst die Jahre 2017 bis 2020 und insgesamt 1.266 Hochschulen in allen 31 Provinzen des chinesischen Festlands. Bewerber:innen wählen konkrete Kombinationen aus Hochschule und Studienfach. Die Zulassungspunktzahl eines Studiengangs entspricht dabei der Punktzahl des letzten zugelassenen Studierenden. Ein höherer Grenzwert im Marktgleichgewicht zeigt daher, dass ein Studienfach innerhalb eines Jahres, eines Prüfungstyps und einer Provinz stärker nachgefragt wird und selektiver geworden ist.
Für die Analyse verwenden Bao et al. (2026) zwei Maße dafür, wie stark einzelne Regionen und Studienfächer vom Konflikt zwischen den USA und China betroffen waren. Das erste Maß basiert auf den Veränderungen der US-Zölle. Mithilfe der Exportstrukturen aus der Zeit vor dem Handelskonflikt wird bestimmt, welche Provinzen und Produkte besonders stark betroffen waren. Anschließend werden die Produkte bestimmten Branchen und diese wiederum den Studienfächern zugeordnet, aus denen die Unternehmen typischerweise ihre Absolvent:innen rekrutieren. Auf diese Weise lässt sich vergleichen, welche Regionen und Studienrichtungen stärker oder schwächer dem handelspolitischen Druck ausgesetzt waren. Zusätzlich nutzen Bao et al. (2026) die Aufnahme chinesischer Unternehmen und Institutionen in die US-amerikanische Entity List als direkteres Maß für technologische Beschränkungen.
Bereits die deskriptiven Ergebnisse deuten auf eine Verschiebung der Talentverteilung hin. Nach 2018 wurden naturwissenschaftliche und technologieorientierte ingenieurwissenschaftliche Studiengänge im Vergleich zu den Geistes- und Sozialwissenschaften selektiver. Abbildung 2 zeigt diese Entwicklung anhand der Zulassungsgrenzwerte. Abbildung 3 setzt anschließend die Veränderungen in der Exposition gegenüber dem Handelskonflikt mit den Veränderungen der Zulassungspunktzahlen einzelner Kombinationen aus Hochschule und Studienfach in Beziehung.
Abbildung 2
Die NCEE-Zulassungspunktzahlen nach Studienfach

Anmerkungen: Diese Abbildung zeigt die Entwicklung der Zulassungspunktzahlen über die zweistelligen Fachkategorien der chinesischen zentralen Hochschulaufnahmeprüfung (National College Entrance Examination, NCEE) zwischen 2017 und 2021. Die vertikale Achse gibt standardisierte Zulassungspunktzahlen wieder. Für jede Fachkategorie wird die standardisierte Zulassungspunktzahl als der mit den Studienanfängerzahlen gewichtete Durchschnitt der standardisierten Punktzahlen aller Studienfächer dieser Kategorie gebildet. Die roten Verläufe entsprechen den MINT-Disziplinen, der Medizin und den Agrarwissenschaften. Die grauen Verläufe entsprechen den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern. Zu den Hightech-Ingenieurwissenschaften zählen Fächer wie Maschinenbau, Mikrosystemtechnik (MEMS), Präzisionsmesstechnik, Elektro- und Informationstechnik sowie Künstliche Intelligenz.
Quellen: Bao et al. (2025); Daten zur Studienplatzvergabe der Hochschulen aus den offiziellen Bewerbungsleitfäden der einzelnen Provinzen.
Abbildung 3
Zollexposition und Zulassungspunktzahl

Anmerkungen: Diese Abbildung zeigt ein in Klassen unterteiltes Streudiagramm, das den Zusammenhang zwischen der Veränderung des Handelsengagements und der Veränderung der standardisierten Zulassungsnoten nach Studienfach während des Handelskriegs zwischen den USA und China veranschaulicht. Die horizontale Achse zeigt die Veränderung der Zollexposition und damit der Handelsabhängigkeit auf der Ebene „Provinz × Studienfach“ von 2017 und 2019. Die vertikale Achse zeigt die Veränderung der standardisierten Hochschulzulassungspunktzahl von 2018 und 2020 auf der Ebene „Provinz × Hochschule × Bildungszweig × Studienfach“. Die Sekundarstufe II in China ist in der Regel in einen geisteswissenschaftlichen, einen naturwissenschaftlichen und einen kombinierten Bildungszweig unterteilt.
Quelle: Bao et al. (2025). Das Maß für die Ausgangsexposition wird auf Grundlage detaillierter Änderungen der US-Zölle ermittelt. Zolldaten der Allgemeinen Zollverwaltung der Volksrepublik China, des United States Census Bureau, des Büros des Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten (USTR), des WITS-Zolldatensatzes und der United States International Trade Commission (USITC); Beschäftigungsdaten aus der American Community Survey (ACS); Daten zu Hochschulzulassungen aus den offiziellen Zulassungsleitfäden der einzelnen Provinzen.
Das zentrale Ergebnis widerspricht der Erwartung, dass der Handelskonflikt die Attraktivität der betroffenen Studienfächer allein über eine schwächere Exportnachfrage verringert. Ein Anstieg der Zollexposition um einen Prozentpunkt erhöht den standardisierten Zulassungsgrenzwert um etwa 2 % bis 3 % einer Standardabweichung (Abbildung 3). Für eine durchschnittliche Kombination aus Provinz, Bildungszweig und Jahr entspricht dies einem Anstieg des Grenzwertes um rund 393 Plätzen in der Prüfungsrangliste. Das bedeutet, dass eine Student:in 393 Studierende zusätzlich übertreffen muss, um in den gewünschten Studiengang zu kommen. Über diesen aus Abbildung 3 ablesbaren mittleren Effekt hinaus fällt die Reaktion an nationalen Eliteuniversitäten besonders stark aus, an lokalen Elitehochschulen schwächer und besteht praktisch gar nicht an regulären Hochschulen. Auch zwischen den Studienfächern zeigen sich deutliche Unterschiede: Der Effekt konzentriert sich auf Natur- und Ingenieurwissenschaften, während sich für Wirtschaftswissenschaften, Management und Geisteswissenschaften kein vergleichbares Muster findet.
Gleichzeitig reagierten auch die Hochschulen selbst. In stärker betroffenen Studienfächern wurden zusätzliche Studienplätze geschaffen, insbesondere an Eliteuniversitäten. Das Ergebnis bleibt jedoch bestehen, auch wenn nicht die absolute Zahl der Studienplätze betrachtet wird, sondern der Anteil eines Studienfachs an allen Studienplätzen einer Hochschule. Dies ist besonders aufschlussreich, weil eine bloße Ausweitung der Kapazitäten normalerweise zu niedrigeren Zulassungsgrenzwerten führen würde. Stattdessen stiegen sowohl die Zahl der Studienplätze als auch die Selektivität. Zusätzliche Fallstudien zeigen zudem, dass sich die Trends vor Beginn des Handelskonflikts nicht systematisch unterschieden haben und die Ergebnisse außerdem bestehen bleiben, wenn Hochschulen in Pilotstädten von „Made in China 2025“ sowie das Pandemiejahr 2020 aus der Analyse ausgeschlossen werden.
Ein zweites, direkteres Maß für technologische Beschränkungen – die Aufnahme in die US-amerikanische Entity List – stützt diese Interpretation zusätzlich. Bao et al. (2026) identifizieren 437 chinesische Hightech-Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die zwischen 2017 und 2020 in die Liste aufgenommen wurden, und ordnen sie den jeweiligen Provinzen, Branchen und Studienfächern zu. Auch hier zeigt sich dasselbe Muster: Je stärker ein Studienfach von den Beschränkungen der Entity List betroffen ist, desto stärker steigt die Zulassungsselektivität – vor allem in MINT-Fächern an nationalen Eliteuniversitäten. Da die Entity List unmittelbar den Zugang zu Technologien und Vorleistungen beschränkt, spricht dieser Befund dafür, dass die beobachtete Reaktion im Bildungsbereich über eine reine Anpassung an schwächere Exportnachfrage hinausgeht.
Arbeitsnachfrage hilft, die Verschiebung in Richtung MINT zu erklären
Die bisherigen Ergebnisse werfen eine zentrale Frage auf: Warum steigt die Attraktivität von Natur- und Ingenieurwissenschaften, obwohl die betroffenen Branchen gleichzeitig unter dem Druck der Restriktionen stehen? Die Arbeitsmarktdaten deuten auf zwei gegenläufige Effekte hin.
Der erste ist der klassische negative Handelsnachfrageeffekt. Handelspolitischer Protektionismus schwächt die Nachfrage aus dem Ausland, verringert die Produktion und setzt Beschäftigung und Löhne in besonders betroffenen Branchen unter Druck. Bao et al. (2026) zeigen anhand umfangreicher Daten aus Online-Stellenanzeigen, dass die durchschnittlichen Monatslöhne in den meisten der acht betrachteten Studienfelder zwischen 2017 und 2021 zurückgingen (Abbildung 4). Auch MINT-Fächer blieben davon nicht verschont: Die mit Naturwissenschaften verbundenen Löhne sanken, während die Löhne in ingenieurwissenschaftlichen Berufen nur leicht stiegen. Abbildung 4 zeigt somit nicht, dass Absolvent:innen von MINT-Fächern durch den Handelskonflikt durchweg bessergestellt wurden. Gemessen am absoluten Lohnniveau blieb der negative Handelsnachfrageeffekt deutlich spürbar.
Abbildung 4
Veränderung der Durchschnittslöhne nach Studienfach

Anmerkungen: Diese Abbildung zeigt die mittleren Löhne 2021 und 2017 über die Studienfächer hinweg.
Quelle: Bao et al. (2025); Lohndaten der chinesischen Online-Stellenplattform Qian Cheng Wu You 51job.com (http://www.51job.com).
Der zweite Effekt entsteht durch die zuvor beschriebenen Kanäle der defensiven Innovation. Unternehmen, deren Zugang zu ausländischen Märkten, Vorleistungen und Technologien eingeschränkt wird, haben stärkere Anreize, Produktionsengpässe zu überwinden, heimische Alternativen zu entwickeln und technologische Abhängigkeiten zu verringern. Dadurch steigt ihre relative Nachfrage nach Forschenden, Ingenieur:innen sowie anderen technisch qualifizierten Arbeitskräften. Dieser zweite Effekt muss nicht stark genug sein, um den allgemeinen Lohnrückgang umzukehren. Er kann MINT-Fächer dennoch attraktiver machen, wenn Löhne und offene Stellen in technischen Berufen weniger stark zurückgehen oder stärker zunehmen als in alternativen Tätigkeiten. Abbildung 4 steht daher im Einklang mit diesem Mechanismus: Zwar stiegen die MINT-bezogenen Löhne insgesamt nicht, sie entwickelten sich jedoch stabiler als die Löhne in mehreren Nicht-MINT-Bereichen, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften, im Management, in der Medizin, in den Agrar- und in den Sozialwissenschaften.
Nachdem Abbildung 4 die Lohnentwicklung nach Studienfächern betrachtet, prüfen Bao et al. (2026) den Mechanismus der relativen Arbeitsnachfrage noch direkter auf Ebene von Städten und Berufsgruppen. Ein Anstieg der Exposition gegenüber dem Handelskonflikt um einen Prozentpunkt ist mit einer um rund 13,7 % höheren Nachfrage und 2,8 % höheren Löhnen für F&E-Berufe relativ zu Nicht-F&E-Berufen verbunden. Auch Stellen, für die ingenieur- oder naturwissenschaftliche Abschlüsse erforderlich sind, verzeichneten günstigere Lohnentwicklungen als Stellen im Managementbereich. Der klassische negative Handelsnachfrageeffekt verschlechterte somit die Arbeitsmarktergebnisse insgesamt, während der zweite Kanal der defensiven Innovation die Zusammensetzung der Arbeitsnachfrage zugunsten innovationsintensiver Qualifikationen verschob.
Die Koexistenz beider Effekte löst den scheinbaren Widerspruch zwischen Abbildung 4 und den Ergebnissen zur Hochschulzulassung auf. Studierende vergleichen bei ihrer Studienfachwahl die erwarteten Löhne und Beschäftigungsaussichten verschiedener Fächer. MINT-Studiengänge können daher auch dann attraktiver werden, wenn die entsprechenden Löhne absolut sinken – vorausgesetzt, ihre relativen Perspektiven verbessern sich. Studierende wandten sich also nicht deshalb stärker den MINT-Fächern zu, weil die betroffenen Branchen insgesamt florierten. Sie reagierten vielmehr auf einen Arbeitsmarkt, der insgesamt unter dem Handelsschock litt, während die Nachfrage nach technischen Fachkräften durch den Kanal der defensiven Innovation relativ zunahm.
Dies entspricht auch den Ergebnissen des vorherigen Abschnitts: Der Anstieg der Zulassungsgrenzwerte ist an nationalen Eliteuniversitäten am stärksten, an lokalen Elitehochschulen schwächer und an regulären Hochschulen praktisch nicht vorhanden. Bao et al. (2026) zeigen damit nicht, dass die US-Restriktionen China insgesamt bereits technologisch gestärkt haben. Sie weisen vielmehr einen früheren, aber potenziell weitreichenden Zusammenhang nach: Geoökonomischer Druck kann die Erträge bestimmter Qualifikationen, die Nachfrage der Studierenden und die Hochschulkapazitäten so verändern, dass das künftige Angebot an spezialisierten technologischen Fachkräften wächst.
Lehren aus den US-Restriktionen
Die Erfahrungen aus den US-Technologierestriktionen zeigen, dass ihre Wirkung stark vom Zeitpunkt und vom technologischen Ausgangsniveau des Ziellandes abhängt. Restriktionen können Abhängigkeiten besonders dann aufrechterhalten, wenn es keine tragfähige Alternative gibt. Anders kann es aussehen, wenn bereits ein technisch noch unterlegenes, aber grundsätzlich nutzbares Substitut vorhanden ist. Die Halbleiterlithografie verdeutlicht dieses Spannungsfeld. Das über Entwicklungs- und Produktionsstätten in den USA verfügende Unternehmen ASML hat weiterhin einen deutlichen technologischen Vorsprung, insbesondere bei Extreme Ultraviolet (EUV) Systemen, die zentral für die Produktion moderner Chips sind, während chinesische Hersteller bei Durchsatz, Präzision und Zuverlässigkeit noch erhebliche Lücken aufweisen. Reuters (2026) berichtete jedoch, dass China mit der Produktion im Inland entwickelter Immersions-Deep Ultraviolet-Anlagen (einer wichtigen Zwischenstufe im Produktionsprozess) begonnen habe und Auslieferungen an große chinesische Chiphersteller geplant seien. Eine unmittelbare kommerzielle Bedrohung für ASML stellen diese Anlagen bislang nicht dar. Kundentests und Erfahrungen im praktischen Einsatz schaffen jedoch genau jene Möglichkeiten zur Validierung und zum Lernen, die einem aufstrebenden Wettbewerber zuvor gefehlt haben.
Daraus ergibt sich eine weitergehende wirtschaftspolitische Frage: Trägt die Nutzung technologischer Engpassmacht tatsächlich dazu bei, diesen Engpass dauerhaft zu sichern? Die Verweigerung des Zugangs kann einen technologischen Vorsprung schützen, indem Wettbewerbern zentrale Technologien und Werkzeuge vorenthalten werden. Gleichzeitig kann sie dazu führen, dass Kunden, Forschung, Finanzierung und Talente verstärkt in die Entwicklung heimischer Alternativen fließen. Daraus folgt nicht, dass Exportkontrollen grundsätzlich aufgegeben werden sollten. Ziele der nationalen Sicherheit können erhebliche wirtschaftliche Kosten rechtfertigen. Entscheidend ist vielmehr, zwischen der kurzfristigen Wirkung einer Zugangsverweigerung und deren langfristigen Folgen hinsichtlich technologischer Abhängigkeiten zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist besonders relevant, wenn US-Maßnahmen auch europäische Zulieferer betreffen, da mögliche Sicherheitsgewinne und wirtschaftliche oder technologische Kosten nicht zwangsläufig im selben Land entstehen.
Auch die europäische Wirtschaftsgeschichte bietet hierfür ein aufschlussreiches Beispiel. Anfang der 1970er Jahre stärkten US-amerikanische Bedingungen für den Start der französisch-deutschen Symphonie-Satelliten in Europa die Forderung nach einer eigenen Trägerrakete. Das daraus hervorgegangene Ariane-Programm musste zunächst technische Zuverlässigkeit unter Beweis stellen und das Vertrauen potenzieller Kunden gewinnen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus nicht nur größere technologische Eigenständigkeit, sondern auch kommerzieller Erfolg: Ariane wurde zu einem führenden Anbieter auf dem internationalen Markt für Satellitenstarts (Luton & Schmitt, 1999; ESA, 2003, ArianeGroup, 2024). Die damaligen Umstände unterscheiden sich deutlich vom heutigen Konflikt um Halbleitertechnologien. Die wirtschaftliche Logik ist jedoch vergleichbar: Wird der Zugang zu einer wichtigen Technologie eingeschränkt, kann dies die Entwicklung und Erprobung einer Alternative beschleunigen, die später selbst zu einem ernsthaften Wettbewerber wird.
Fazit
Die Rückkehr geoökonomischer Restriktionen markiert einen grundlegenden Wandel in der internationalen Wirtschaftspolitik. Während solche Maßnahmen früher vor allem danach beurteilt wurden, wie sie sich auf Handelsströme auswirken, zielen sie heute zunehmend darauf ab, die technologische Entwicklung anderer Länder zu beeinflussen. Doch wirtschaftliche Abhängigkeit ist nicht statisch. Restriktionen können den Zugang zu Märkten, Wissen und kritischen Inputs erschweren. Gleichzeitig können sie heimische Alternativen attraktiver machen, Nachfrage umlenken, Innovationsanreize erhöhen, technologische Engpässe sichtbar machen, industriepolitische Unterstützung auslösen und die Verteilung von Talenten verändern. Welche dieser Wirkungen überwiegt, hängt entscheidend davon ab, welche Fähigkeiten im betroffenen Land bereits vorhanden sind und wie gut es gelingt, den äußeren Druck in Lernen und technologische Weiterentwicklung zu übersetzen.
Bao et al. (2026) zeigen, dass sich solche Anpassungsprozesse nicht auf bestehende Unternehmen beschränken. Der Technologie-Konflikt zwischen den USA und China erhöhte die relative Nachfrage nach Beschäftigten in Forschung und Entwicklung und lenkte sowohl die Nachfrage der Studierenden als auch die Hochschulkapazitäten stärker in Richtung MINT-Fächer, insbesondere an Eliteuniversitäten. Daraus folgt nicht, dass technologische Restriktionen zwangsläufig ihr Ziel verfehlen. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass politische Entscheidungsträger nicht nur berücksichtigen sollten, welche Technologien einem Zielland heute vorenthalten werden. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Anreize dadurch entstehen, eigene Alternativen zu finanzieren, zu erproben und die dafür benötigten Fachkräfte auszubilden. Technologische Abhängigkeit bleibt nur so lange eine Quelle wirtschaftlicher und politischer Macht, wie ihre Nutzung nicht zugleich die Entwicklung von Alternativen beschleunigt.
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Title: How innovation emerges from geoeconomic constraints: Lessons from the US-China conflict
Abstract: Geoeconomic restrictions are increasingly used to constrain rivals‘ access to markets, technologies and critical inputs. Yet restrictions also change the incentives of the targeted economy: they can create markets for substitutes, raise the return to innovation, mobilise industrial policy and redirect talent toward strategic bottlenecks. This article develops the idea of defensive innovation and examines Bao et al. (2025), who show that exposure to the U.S.-China technology conflict shifted Chinese labour demand and university admissions toward R&D-intensive and STEM fields. The policy lesson is not that restrictions necessarily fail, but that their long-run effectiveness cannot be inferred from short-run disruption alone.