Das Niedrigwasser des Jahres 2018 hat gezeigt, dass durch Beeinträchtigungen des Gütertransports spürbare gesamtwirtschaftliche Auswirkungen drohen. Niedrigwasserphasen im Rhein sind besonders kritisch, da der Rhein die mit Abstand wichtigste Binnenwasserstraße Europas ist. Auch für Deutschland ist seine Bedeutung zentral: 86 % des Güterverkehrs der Binnenschifffahrt finden im Rheingebiet einschließlich seiner Nebenflüsse statt. Zwar macht die Binnenschifffahrt nur rund 4 % der gesamten Beförderungsmenge in Deutschland aus. Mit mehr als 80 % entfällt ein Großteil davon jedoch auf Massengüter wie flüssige Mineralölerzeugnisse, Eisenerze, Steine und Erden, Kohle oder chemische Erzeugnisse. Da diese Güter häufig am Anfang von Produktionsketten stehen, können Störungen ihres Transports auch die Produktion auf nachgelagerten Stufen beeinträchtigen.
Die Pegelstände im Rhein beeinflussen die Binnenschifffahrt insbesondere dann, wenn kritische Marken unterschritten werden. Als gängiger Schwellenwert, ab dem die Schifffahrt merklich beeinträchtigt wird, gilt für die Messstation Kaub ein Pegelstand von knapp 80 cm. Zwischen den Jahren 1991 und 2025 wurde dieser Pegelstand an etwa 3 % der Tage unterschritten. Anhand der Anzahl der Niedrigwassertage in einem Monat lassen sich die Auswirkungen auf die monatliche Produktion im Produzierenden Gewerbe für Deutschland abschätzen (Ademmer et al., 2023). Den Schätzungen (basierend auf Daten von 1991 bis 2019) zufolge sinkt die Produktion durch einen Niedrigwassertag um etwa 0,04 %.1 Entsprechend würde die Produktion im Produzierenden Gewerbe bei einem Monat mit 30 Tagen Niedrigwasser um 1,2 % sinken. Sofern die Niedrigwasserphase länger anhält, würde die Produktion ab dem zweiten Monat um 1,5 % gedämpft werden, da die Auswirkungen zum Teil verzögert auftreten. Bei einem Anteil des Produzierenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung von knapp 30 % könnte das Bruttoinlandsprodukt bei ausgeprägten Niedrigwasserphasen ceteris paribus somit um fast 0,5 % gedrückt werden. Freilich haben Niedrigwasserphasen in der Vergangenheit nicht allzu lange angehalten und mit steigenden Pegelständen erholt sich die Produktion wieder, so dass auf Jahressicht größere Effekte auf die Wirtschaftsleistung wenig wahrscheinlich sind.
Die Niedrigwasserphase im Jahr 2018 war besonders prägnant. Damals wurde zwischen August und Dezember Niedrigwasser im Rhein verzeichnet, mit einer vorübergehenden Erholung im September und einer endgültigen Entspannung im Dezember. Der empirischen Analyse zufolge wurde das Produktionsniveau im Produzierenden Gewerbe dadurch im dritten Quartal um 0,7 % und im vierten Quartal um 1 % gedämpft; entsprechend könnte die Wirtschaftsleistung insgesamt im dritten Quartal um 0,2 % und im vierten Quartal um 0,3 % gedrückt worden sein. Trotz dieser sichtbaren kurzfristigen Effekte fiel der gesamtwirtschaftliche Effekt für das gesamte Jahr 2018 mit rund 0,1 % des Bruttoinlandsprodukts moderat aus.
Im laufenden Jahr setzte die Niedrigwasserphase gegen Mitte Juli ein. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hängen maßgeblich von der Dauer und Intensität der Niedrigwasserphase ab. Bei einer Entspannung Ende September (Szenario I) würde sich die Produktion im Produzierenden Gewerbe im dritten Quartal um 1,2 % verringern und im vierten Quartal wieder erholen (Abbildung 1). In einem Szenario einer langanhaltenden Niedrigwasserphase wie im Jahr 2018 (in dem ab Oktober 2026 die gleiche Anzahl an Niedrigwassertagen wie im Jahr 2018 zugrunde gelegt wird), wären die Effekte entsprechend größer: Das Produktionsniveau des Produzierenden Gewerbes würde im dritten Quartal und im vierten Quartal um jeweils 1 % gedämpft werden, bevor es sich 2027 wieder normalisiert (Szenario II).
Abbildung 1
Einfluss des Niedrigwassers auf die Produktion im Produzierenden Gewerbe


Wert von 100 entspricht dem Produktionsniveau im Produzierenden Gewerbe ohne Niedrigwasser. 2018: Einfluss des Niedrigwassers im Jahr 2018. Szenarien: im Juli 2026 begonnene Niedrigwasserphase dauert bis Ende September (I) bzw. verläuft ab Oktober wie im Jahr 2018 (II).
Quelle: Ademmer et al. (2023); eigene Berechnungen.
Die Schätzungen geben Auskunft über durchschnittliche Effekte von Niedrigwasser auf die Produktion in der Vergangenheit. Die tatsächlichen Auswirkungen können von sich ändernden Rahmenbedingungen abhängen. So haben sich viele Unternehmen nach 2018 stärker auf Niedrigwasserphasen eingestellt. Eine Analyse von Außenhandelsdaten auf Unternehmensebene für den Zeitraum von 2017 bis 2019 zeigt, dass Unternehmen ihre Logistik infolge der Niedrigwasserperiode 2018 anpassten (Meuchelböck, 2025). Unternehmen, die für ihre Importe auf die Binnenschifffahrt angewiesen waren, wichen verstärkt auf andere Verkehrsträger wie Straße oder Schiene aus und nutzten diese auch nach Ende der Niedrigwasserphase häufiger. Besonders ausgeprägt waren diese Anpassungen bei Produkten mit hoher Abhängigkeit von der Binnenschifffahrt sowie bei Importprodukten, die für das jeweilige Unternehmen eine hohe Bedeutung hatten. Freilich lässt sich die Binnenschifffahrt kurzfristig nicht vollständig durch andere Verkehrsträger ersetzen. Im Einklang mit den gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen zeigt sich, dass besonders stark abhängige Unternehmen infolge ausbleibender Importe auch ihre gesamten Exporte reduzierten. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Unternehmen in Reaktion auf die Niedrigwasserphase ihre Abhängigkeit von der Binnenschifffahrt zumindest teilweise reduziert und ihre Transportwege stärker diversifiziert haben. Auch in den aggregierten Verkehrsdaten hat die Bedeutung der Binnenschifffahrt seit dem Niedrigwasser 2018 abgenommen: Ihr Anteil an der gesamten Beförderungsmenge in Deutschland sank von 4,7 % im Jahr 2017 auf 4,1 % im Jahr 2024 (Abbildung 2). Weitere Maßnahmen umfassen Investitionen in niedrigwassergeeignete Schiffe sowie verbesserte Wasserstandsprognosen der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Letztere erhöhen die Planbarkeit und ermöglichen es Unternehmen, Transporte vorzuziehen und ihre Lagerhaltung frühzeitig anzupassen.
Abbildung 2
Anteil der Binnenschifffahrt an der gesamten Beförderungsmenge in Deutschland

Farblich hinterlegt: Jahre mit ausgeprägten Niedrigwasserphasen.
Quelle: Statistisches Bundesamt; eigene Berechnungen.
Für eher geringere Effekte als im historischen Durchschnitt spricht zudem, dass die Auslastung im Verarbeitenden Gewerbe gegenwärtig ausgesprochen niedrig ist. So dürften Transportengpässe bei geringer Auslastung weniger auf die Produktion durchschlagen als in Phasen hoher Auslastung, wie sie im Jahr 2018 zu verzeichnen war. Demgegenüber sprechen die im Vergleich zu früheren Niedrigwasserphasen niedrigen Pegelstände für größere Effekte. So waren die Pegelstände jüngst zum Teil deutlich niedriger als während der Niedrigwasserphase des Jahres 2018 (Abbildung 3). Die wirtschaftlichen Auswirkungen dürften mit niedrigeren Pegelständen zunehmen, da der Schiffsverkehr auch in Niedrigwasserphasen – wenn auch eingeschränkt – noch erfolgt und somit vom Pegel abhängt.
Abbildung 3
Pegelstände in Niedrigwasserphasen


Quelle: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes; eigene Berechnungen.
- 1 Wird für andere mögliche Einflussfaktoren wie die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Luft- und Wassertemperatur sowie Dürrebedingungen kontrolliert, bleiben die Ergebnisse weitgehend unverändert.
Literatur
Ademmer, M., Jannsen, N. & Meuchelböck, S. (2023). Extreme Weather Events and Economic Activity: The Case of Low Water Levels on the Rhine River. German Economic Review, 24(2), 121-144.
Meuchelböck, S. (2025). Navigating Supply Chain Disruptions: How Firms Respond to Low Water Levels [Working Paper]. Rethink-GSC.